Der höllische Heinz – Tatort 1078 / Crimetime 197 // #Tatort #TatortWeimar #Weimar #Lessing #Dorn #DerhöllischeHeinz #Tatort1078

Crimetime 197 - Titelfoto © MDR / Wiedeman & Berg, Anke Neugebauer

The Boys in the Backroom

2018 sanken die Zuschauerzahlen des „letzten Lagerfeuers im deutschen Fernsehen“ auf durchschnittlich 8,65 Millionen bei Premieren. Kein Wunder, bei Ermittler_innen wie Dorn und Lessing. Quatsch!

Als wir 2011 mit den Rezensionen  zur Reihe begannen, waren die Zuschauerzahlen ähnlich, und damals gab es noch keinen Frontalangriff von Sky, Netlfix & Co. aufs „klassische Fernsehen“. Zwischenzeitlich erlebte der Tatort einen regelrechten Hype mit Zuschauerzahlen wie seit der Etablierung des Privatfernsehens nicht mehr. Und 2018 gab es die unglückliche Idee, Erstausstrahlungen in den Juli und August zu legen, normalerweise findet in dem  Zeitraum zu Recht die Premieren-Sommerpause statt. Die beiden Tatorte, die davon betroffen waren, hatten legendär niedrige Quoten. Außerdem gab es 2018 nur einen Münster-Tatort und Münster hebt bekanntlich die Quote. Wenn man diese Sondertatbestände berücksichtigt, ist ein Rükgang um 0,26 Millionen oder ca.3 Prozent kein Drama. Und Lessing und Dorn sind nicht schuld, auch wenn ihre Zuschauerzahlen mit durchschnittlich 8,44 Millionen leicht unter dem Gesamtschnitt lagen.

Und 2019 so? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein toter Indianer wird aus der Ilm gefischt. Es handelt sich um Wolfgang Weber, dem die Westernstadt El Doroda gehörte. Von seinem Geschäftsführer Heinz Knapps erfahren die Weimarer Kommissare Kira Dorn und Lessing, dass Weber den Pächtern der Westernstadt kündigen wollte. Haben die Hobbyisten in ihrer Verzweiflung eine Lynchparty gefeiert?

Während Kira in El Doroda undercover ermittelt und beweist, dass ein echtes Cowgirl in ihr schlummert, stößt Lessing auf die eiskalte Tiefbauunternehmerin Ellen Kircher. Die lässt von ihrem verkommenen Sohn Nick Angst und Schrecken in der Westernstadt verbreiten, seit sie dort eine geothermische Bohrung in den Sand gesetzt hat, für die Weber nicht zahlen wollte.

Doch der gewaltsame Tod eines Jungbisons und ein Anschlag auf Heinz Knapps deuten darauf hin, dass hinter dem Mord am Indianer ein tieferes Geheimnis steckt.

Rezension

Dass Nora Tschirner „The Boys in the Back Room“ aus „Destry Rides Again“ („Der große Bluff“, 1939) nicht so vortragen kann wie Marlene Dietrich, wusste sie selbstverständlich und hat ihre viel zurückhaltendere Darbietung auch nett ironisiert, mit dem angedeuteten Knicks und anghobenem Rocksaum am Ende. Trotzdem hat sie uns als Cowgirl besser gefallen als in jedem Weimar-Tatort zuvor. Wir mussten sehr intensiv darüber nachdenken, ob es nicht wieder eine krasse PoC-Verletzung ist, sowas zu schreiben, zumal, wenn es darauf hinausläuft, dass eine Frau wegen ihrer Weiblichkeit punkten kann – uns dann aber doch ausnahmsweise für die Wahrheit entschieden. Es macht einen Unterschied, ob jemand nur doofe Sprüche ablässt oder doofe Sprüche ablässt, dies aber mit hübscher Optik halbwegs ausgleichen kann. Daran wird sich wohl für alle Zeiten nichts ändern, es kommt lediglich für den Rezensenten darauf an, ob es noch zugegeben werden darf.

Außerdem kamen die Sprüche dieses Mal nicht so dicht wie in den vorherigen Filmen, wenn auch zielsicher zum falschen Zeitpunkt, etwa in dem Moment, als Tom versucht, sich an Kira ranzumachen, was sie ja relativ leicht abwehren kann. Auch in Westernstädten geht es heute nicht mehr so übergriffig zu wie in den Zeiten, in denen die Westernfilme spielen, sofern es sich nicht um Neo-Western wie „No Country for Old Men“ handelt. Dass die Drehbuchautoren ihre Wortspiele gut finden und sie absichtlich in Situationen einsetzen, in denen niemand so reden würde, ist schon klar und weist darauf hin, dass im Film ohnehin eine Wisecrackerei herrscht, die Menschen in angespannten Lagen im wirklichen Leben nicht in dieser Form drauf haben, außer sie sind Berliner_innen und häufig auf dem Trip, die Lage möglichst zu eskalieren oder zum Bashen geboren.

Da wir gerade „Babylon Berlin“ anschauen und rezensieren, ist uns der höllische Heinz alias Bruno Wolter alias Peter Kurth recht vertraut. Allerdings ist er auch in der Reihe Tatort nicht gerade ein Anfänger: „Der höllische Heinz“ ist sein zehnter Einsatz, vier Filme hat er allein mit Steier und Mey in Frankfurt als Kommissar Seidel gedreht. In „Babylon Berlin“ hat er eine prägende Rolle und seine Präsenz ist auch in „Der höllische Heinz“ sehr gut. Er passt in diese Westernstadt namens El Doroda (El Dorado) als deren Manager und als treibende Kraft hinter allem. Hinter allem, was selbstredend maßlos übertrieben dargestellt wird. Der Bürotrakt, an dessen Ende das Zimmer von Ellen Kircher liegt, soll wohl eine Anspielung auf Hitlers Reichskanzlei sein, der diese so hat bauen lassen, dass Besucher möglichst schon beeindruckt oder auch eingeschüchtert sein sollten, wenn sie schließlich zu ihm vorgedrungen waren Ob dieser Effekt funktioniert hat, wissen wir nicht, aber Menschen, die einen wichtigen Termin haben, warten zu lassen, bis sie nervös werden, erreicht mit weniger Aufwand den Zweck, Asymmetrie herzustellen.

Viele Anspielungen sind Westernfilmen gewidmet, was sonst. Von Bud Spencer und Terence Hill bis zum ersten Film der Dollar-Trilogie von Sergio Leone und mit Clint Eastwood wird einiges durchzitiert. Eine Westernstadt namens Pullman City gibt es in Thüringen auch und in Templin in unserer brandenburgischen Nachbarschaft heißt ein ähnliches Ensemble von Bretterbuden tatsächlich El Dorado. Nun weiß man, dass El Dorado für den Traum vom Gold steht und das Gold liegt in El Doroda, wie es sich gehört, in der Tiefe vergraben  und muss gefördert werden. Am Ende jedoch geschieht das nicht, die seltenen Erden bleiben in Loch-Bohrtiefe und die Stadt darf weiterhin als Touristenattraktion genutzt werden. Ein ganz nettes Statement, das den Film sympathisch macht, weil Lessing und Dorn ihr Wissen natürlich nicht ausplaudern werden, hier wir der kapitalistische Raubbau also nicht siegen. Dass von diesem Raubbau auch einiges in dem Gerät, an dem wir gerade schreiben, in unserem Mobiltelefon etc. verbaut ist, wollen wir mal nicht vertieft betrachten, denn ohne sich aufspalten zu können, würde der Mensch sich nicht aushalten können.

Was wir hingegen noch nie toll fanden, sind Szenen, in denen Menschen in irgendwelche Flüssigkeiten fallen. Zumal, wenn klar ist, dass der Teer, in dem Lessing landet, kein Teer sein kann, sondern eine Art Sirup darstellen dürfte. Vielleicht hat’s wenigstens geschmeckt, bevor der viele Schaum beim Duschen entstand. Wir sind auch keine Fans von Tortenschlachten, aus mehreren Gründen, was aber nicht bedeutet, dass Slapstick unsere intellektuellen Ansprüche nicht vollauf befriedigen könnte. Slapstick gibt es, siehe oben, in diesem Film ja im wörtlichen Sinn und er deutet darauf hin, wie der Begriff entstanden ist, nämlich, indem es eine Figur gibt, welche die Ohrfeigen abbekommt. Lessing muss dieses Mal einiges aushalten, während Dorns Undercover-Einsatz sachlich nicht so richtig viel einbringt und Ermittlungsarbeit im Grunde eine Art Reise mit Ziel, aber ohne Plan darstellt. Eine Reise, die zu skurrilen Typen führt, die man nicht extrem albern lassen wirken wollte, das immerhin kann man den Autoren Clausen & Pflüger zugute halten. Die meisten davon werden aber nur kurz angerissen und wenn man den Titel als Hinweisgeber versteht, ist sowieso klar, wer den einsamen Wolf aus seiner Einsamkeit befreit und in die solidarische Gemeinschaft der Harfenspieler_innen befördert hat. Man könnte nun einwenden, dass  nicht alle Weimar-Titel, in denen Figurennamen vorkommen, auf den Täter gemünzt sind, aber in diesem Fall liegt von Beginn an sehr nah, dass es so ist.

Dass es sich bei „El Doroda“ nicht um eine echte nachgemachte Westernstadt handelt, wird schnell klar, wenn man sich die Gebäude anschaut, die keine Kulissen sind, sondern moderne Fenster und sogar geblümte Gardinen haben. Durchaus möglich, dass das eine Form von Ironie sein soll, aber die dürfte ebenso nur einer Minderheit unter den Zuschauern auffallen wie die erwähnte Reichskanzlei-Anspielung.

Fazit

Die Spannung hält sich in Grenzen, aber die Schauwerte des Films sind nicht von der Hand zu weisen und, ob es flach und unoriginell wirkt, ist uns dabei gleichgültig, wir halten fest, dass der Tatort Weimar etwas für Fans ist, die es gerade mögen, dass es vor schlimmem und auch übergriffigem Humor wimmelt und sich Charaktere und Darsteller an ihrer eigenen Witzigkeit ergötzen, weil das Skript es so will, die Polizeiarbeit hingegen bescheiden daherkommt, weil die Ersteller des Skripts sich davon nicht so viel versprechen. Es ist ja auch ein Hype, wenn man eigentlich nur für einen einzigen Event-Tatort gebucht wird und dann eine reguläre Schiene daraus wird. Da wird etwas, was einmal gut funktioniert hat, schnell mit einem Erfolgsrezept verwechselt. Aber so schlecht ist „Der höllische Heinz“ nicht. Peter Kurth und Marie-Lou Sellem, deren Rolle zum Stark-überzogen-Cluster gehört ziehen einige Aufmerksamkeit auf sich und vor allem kommt dem Film zugut, dass Lessing und Dorn zeitweise getrennt werden und  dadurch nicht permanent  nervig aufgekratzte Dialoge sprechen dürfen oder müssen.

6,5/10

The Boys in the Back Room (Originalversion)

Aus der Vorschau

„Die fette Hoppe“ lautete der Titel des ersten Weimar-Tatorts mit „Dorn“ und „Lessing“ und wir haben nachgeschaut: Wir waren damals recht positiv gestimmt und niemand kann nun behaupten, wir hätten Vorurteile gegen das Team oder die Machart von dessen Filmen gehabt.  Aber nach bisher sieben Werken dieser immer gleichen Art sind wir nicht mehr begeistert. Man kann auch sagen, von Einzelkämpferin Lindholm abgesehen (die ja nun eine Partnerin bekommen wird) nerven uns keine Ermittler_innen so sehr und so grundsätzlich. Das hat wohl mit der unglaublichen Flachheit des Humors zu tun, der sich hier den Weg auf den Bildschirm bahnt. Bei 22 Teams muss es sowas auch geben: Für jüngere Zuschauer, so heißt es wenigstens, die zudem aus einer Schicht stammen, die perfekt dafür geeignet ist, dass man für sie ypisch deutschen  Humor dem heutigen Zeitgeist anpasst. Sowas gab es eigentlich immer schon – dass man das versucht hat. Manchmal kam es wenigstens etwas charmant rüber.

Haben wir schon erwähnt, dass 2018 ein gutes Tatort-Jahr war, in dem wir mehrmals 9/10 für neue Filme der Reihe vergeben haben? Außerdem scheint es sich bei „Der höllische Heinz“ um einen Verdrängungsfall zu handeln, was ihm unsere gesteigerte Aufmerksamkeit sichert.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Kira Dorn – Nora Tschirner
Hauptkommissar Lessing – Christian Ulmen
Kommissariatsleiter Kurt Stich – Thorsten Merten
Polizist Ludwig Maria Pohl „Lupo“ – Arndt Schwering-Sohnrey
Rechtsmedizinerin Dr. Seelenbinder – Ute Wieckhorst
Heinz Knapps – Peter Kurth
Ellen Kircher, Chefin des Tiefbauunternehmens Kircher – Marie-Lou Sellem
ihr Sohn Nick Kircher, Anführer der „Bones“ – Martin Baden
Judith Wörtche, Chefin des Saloons – Lina Wendel
ihr Sohn Tom Wörtche, Chef der Reitshow – Christoph Letkowski
Odi, emeritierter Professor für Geologie – Hans-Uwe Bauer
Totengräber – Oliver Marlo
Reverend – Steffen C. Jürgens
Kind – Konrad Neidhardt
Miriam – Claudia Korneev
Thilo – Tillmann Eckhard
u.a.

Drehbuch – Murmel Clausen, Andreas Pflüger
Regie – Dustin Loose
Kamera – Clemens Baumeister
Schnitt – Daniela Hoelzgen
Szenenbild – Jürgen Schäfer
Musik – Dürbeck & Dohmen

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