Der irre Iwan – Tatort 929 / Crimetime 199 // #Tatort #TatortWeimar #Dorn #Lessing #DerirreIwan #MDR #Tatort929

Titelfoto © MDR/Wiedemann & Berg Television, Anke Neugebauer

Der Tatort fährt Geisterbahn

Nachdem wir gestern den neuesten Fall von Dorn und Lessing rezensiert haben („Der höllische Heinz„), kommen wir aus der Westernstadt direkt auf den Rummel. Seit „Der irrre Iwan“ steht übrigens die Masche mit den Dreiwort-Titeln: Artikel, dann Adjekt und Substantiv mit gleichem Anfangsbuchstaben. Saukomisch, uahaha. Sorry. Mit „Der irre Iwan“, nicht mit dem ersten Lessing-Dorn-Fall „Die fette Hoppe“ begann unser Verhältnis zu diesem Team schwierig zu werden.

In ihrem zweiten Fall haben die Kommissare Dorn (NoraTschirner) und Lessing (Christian Ulmen) einen kuriosen Mord in der Stadtkämmerei (die bei einer Stadt von der Größe Weimars im Rathaus angesiedelt sein sollte) aufzuklären. Schnell entwickelt sich die zentrale Frage: Wer wann mit wem und was kann daraus an kriminellen Handlungen erwachsen?

Handlung

Die Weimarer Kriminalkommissare Kira Dorn und Lessing werden zum Tatort im Rathaus gerufen. Bei einem Raubüberfall auf die Stadtkämmerei wurde die Sekretärin Sylvia Kleinert von einem maskierten Täter erschossen. Bald finden sie Hinweise dafür, dass es sich um gezielten Mord handelte. Als sich herausstellt, dass Sylvia ein Verhältnis mit dem Stadtkämmerer Iwan Windisch hatte, rückt dieser ins Visier der Kommissare. Hat er den Überfall und den Mord an Sylvia in Auftrag gegeben, um zu verhindern, dass seine extrem eifersüchtige Frau Nicole von der Liebschaft erfährt?

Kira Dorn und Lessing stoßen bei ihren Nachforschungen auf Rita Eisenheim, die mit ihrem Ehemann Josef eine Geisterbahn betreibt und zum Rummel nach Rudolstadt in die Nähe Weimars gekommen ist. Der angeblich verschwundene Josef Eisenheim weist auf einem Foto eine unglaubliche Ähnlichkeit mit Iwan Windisch auf – könnte es sich um denselben Mann handeln?

Die Kommissare beschleicht der Verdacht, dass der Stadtkämmerer ein bizarres Doppelleben führt. Möglicherweise musste seine Sekretärin sterben, weil sie ihn deswegen erpresst hat. Gesucht wird auch das bei dem Überfall erbeutete Geld. Die Kommissare vermuten es bei dem eben aus dem Gefängnis entlassenen Caspar Bogdanski, der auf der Geisterbahn von Rita Eisenheim als Kettensägeclown anheuert. Bei ihren Ermittlungen tauchen Kira und Lessing erneut tief in den Weimarer Wahnsinn ein und Lessing muss Kira auf schmerzhafte Art beweisen, dass er ein ganzer Kerl ist. 

Rezension

Letztes Jahr, ebenfalls um die Weihnachtszeit herum, hat der MDR den ersten Weimar-Tatort mit dem flippigen Paar Lessing / Dorn abgeliefert und der Start war nicht so schlecht. Aber gestern hat sich wieder gezeigt, dass der MDR Probleme mit dem Format hat. Sie haben es nicht geschafft, Saalfeld und Keppler zu einem beliebten Team zu entwickeln, sie haben ein aktuelles Problem mit Erfurt, weil das Team noch nicht gleichmäßig wirkt, und nun Weimar. Grundlage vieler schlechter Tatorte sind die Drehbücher, das trifft auch auf „Der irre Iwan“ zu, aber das ist nicht der einzige Mangel. Nach unserer Ansicht hat der MDR nicht die Kapazität für drei Tatortschienen und wird,  zusammengerechnet und wenn es schlecht läuft, als der Sender hervortreten, der nichts mehr im Griff hat. Andere haben sich vergaloppiert, wie Saarbrücken, Hamburg I, aber hier hat man wirklich den Eindruck, sie stemmen es nicht und das sorgt dafür, dass selbst die Grundlagen teilweise abhanden kommen.

Beim Ehrlicher, diesem alten, in der Tat ehrlichen Knochen, hat man das noch nicht so gemerkt, weil so authentisch wirkte, auch politisch. So etwas übt immer einen Reiz au. Auch wenn die Handlungen damals schon oft bausatzmäßig wirkten und die Filme mit ihm fast ausnahmslos grundkonservativ gefilmt waren, man konnte sich die Ehrlichers anschauen.

Doch das Gegenteil von konservativ, altbacken sollte nicht schlampig sein. Wir sind gerade dabei, unser Bewertungsschema  zu überdenken, denn technische Mängel hatten wir als Abwertungspunkte bisher nicht eingeplant. Aber wie die allgemeine Tendenz zum schnoddrig sprechen und dann auch noch den Ton leise drehen oder, wie in den frühen 30ern, irgendwo im Saal ein Mikrofon aufhängen und sich am Hall ergötzen, wobei jedoch die Schauspieler, wenn sie sich vom Mikrofon entfernen, nicht mehr zu verstehen sind, das geht uns jetzt langsam auf den Zeiger. Klar, wer keine klassische Schauspielausbildung hat, hat vielleicht auch kein Gefühl dafür, wann der Zuschauer dieses Genuschel nicht mehr versteht, aber dann müsste die Regie eingreifen. Tat sie aber bei „Der irre Iwan“ nicht. Wirklich irre, dass wir besonders in der Anfangsphase den Fernseher schon ungebührlich laut stellen mussten und dennoch bei fast jeder Szene hätten zurückspulen, nochmal hören, zurückspulen, nochmal hören müssen, um alles zu verstehen. Aber so wichtig nimmt man offensichtlich die Dialoge nicht mehr, dass man sie tontechnisch und sprachlich vernünftig ausführt. Blöd, dass dann auch die kleineren unter den Gags verloren gehen.

Wir hatten nach einer halben Stunde fast aufgegeben, aber dann war die Handlung so etwas wie selbsterklärend. Selbsterklärend und unlogisch. Der erste Mord in der Stadtkämmerei ist eine der lächerlichsten Verbrechensausführungen, die wir bisher in einem Tatort gesehen haben. Man markiere im Erdgeschoss eine Stelle auf dem Boden, der Täter stelle sich darauf, schieße senkrecht nach oben und trifft die Person, die dort an ihrem Arbeitsplatz sitzt. Wer’s glaubt. Dass hier als sicher angenommen wird, dass genau der Körper getroffen wird, nicht etwa die Beine, da jemand am Arbeitsplatz immer leicht die Stellung wechselt, oder der Schuss deshalb ganz vorbei geht, dass außerdem vorausgesetzt wird, dass die im Internet Reizwäsche buchende Sekretärin vielleicht nicht gerade für kleine Mädchen ist oder sonstwas tut und nicht am Platz verharrt, ist so albern, dass es sich auch nicht mit skurril entschuldigen lässt.

Die Münsteraner, die Referenz fürs Skurrile, erlauben sich genau das nämlich nicht, die Handlungen dermaßen absteigen zu lassen, dass nur noch die Blödelei bleibt. Wenn die Tendenz doch in diese Richtung geht, bewerten wir auch ihre Filme nicht mehr allzu wohlwollend.

Offensichtlich hat man aber in Weimar geglaubt, Thiel und Boerne damit toppen zu können, dass man die Gagdichte noch höher ausfallen lässt als in Münster und dass gar nicht mehr auffällt, wie grob viele Handlungselemente an der Wahrscheinlichkeit, und, siehe, oben beinahe and er Möglichkeit vorbei konstruiert sind. Eine gute Krimikomödie will nicht die Zuschauer hopp nehmen, sondern ihnen eine vernünftige Handlung darbieten, mit dem Ernst, den man seinem Publikum gerade bei der Komödie entgegenbringen sollte.

Ganz sicher, wir haben stellenweise gelacht, wenn wir die Sätze komplett verstanden haben, und Tschirner und Ulmer sind solche Hipster, die schon sympathisch rüberkommen, auf so eine flauschige Weise, die man heutzutage in fast allen Rollen bringen kann, weil der Zeitgeist so ist, und Hintergründiges oder gar Tiefgründiges dürfen wir nicht erwarten. Haben wir auch nicht getan, sondern uns auf nette Unterhaltung gefreut, wie im ersten Film der beiden („Die fette Hoppe“).

Zur guten Unterhaltung gehören gute Gags. Die Komik, die bis zum Slapstick ging („Die Leiche ist flüchtig“), war von höchst unterschiedlicher Qualität. In der Tat, über den wegrennenden Leichnam konnten wir lachen, auch über die Schaustellertypen und die Kleingangster, da kam dieses trocken-lockere rüber, das die deutsche Komödie seit ca. 30 Jahren penetrant zu entwickeln versucht. Abgeschlossen ist der Prozess keineswegs. Denn voll mitgehen und sich fremdschämen liegen oft dicht beieinander. Alle Gags um den armen VW Passat der ersten Generation, der eigentlich ein Oldtimer-Kennzeichen haben müsste, sind nur peinlich. So stellen sich die Bubis und Mädels der Generation Golf das Fahren mit einem dieser Autos vor und wie lustig es ist, dass plötzlich alle Teile abfallen, die beim Besitzer das Wagens problemlos gehalten haben, über viele Jahre. „Das Auto stirbt.“ Schon klar, Dorn, das war jetzt ein cooler Spruch. Wie man betagte Passats witzig und skurril, aber nicht komplett stillos  sterben lässt, hätten sich die Weimarer man bei Borowski in Kiel abschauen sollen, wenn schon Standard-Komik wie solch ein Auto eingebaut werden muss.

Fazit

Nach allem, was an Kost aus der Premiumküche des deutschen Krimis in den letzten Monaten auf uns zukam, viel Durchschnitt, aber auch einige echte Höhepunkte, muss man nun nicht fragen: Quo vadis, Tatort? Es ist eher ein wenig wie beim ersten Erfurt-Tatort: Viele professionelle Kritiker lobten vorab die frische Jugendlichkeit des Teams. Die meisten Tatortseher, die etwas vom Format verstehen, waren nach dem Anschauen genervt über dieses aufgesetzte Getue und die Flachheit des Films, die damit nicht übertüncht werden konnte.

Die Unverständlichkeit vieler Dialogteile und einige wirklich zu banale Sprüche wie „Nicht so kindisch, Herr Windisch“ lassen befürchten, die Generation Passat-Vernichter wird nie über die Pubertät hinauskommen wird und eben genau das ist kindisch, nicht witzig, nicht für ein Publikum Ü20 geeignet, es sei denn, dieses ist solche Fälle wollen wir nicht ausschließen, ebenfalls in der Kindphase verblieben. Der gröbste Fehler an der Szene war, dass die Ermittler zu dem Zeitpunkt schon wussten, dass es sich beim Angesprochenen gar nicht um Herrn Windisch handelt.

Die Nebendarsteller, nicht nur Sophie Rois, wirken deutlich kapabler, haben auch die besseren Gags oder machen sie besser, und man merkt, dass sie u. a. als gelernte Schauspieler, die auch am Theater tätig sind, keine Mühe haben, sehr variabel, aber immer verständlich zu reden. Offenbar sind Tschirner und Ulmer in ihrem ersten Tatort sehr gut geführt worden, denn damals hatten wir diesen Kombinationsmangel aus schlechtem Ton und undeutlicher Aussprache nicht empfunden.

Der Prozess in uns, die Bewertungen auch unter die 5/10 sinken zu lassen, wenn es fundamentale Schwächen in Tatorten gibt, ist ebenfalls noch im Gang, daher kann es keine Totalverweigerung von Punkten geben, aber sehr wohl 4/10, ein ganzer Punkt Abzug für die technisch-sprachliche Katastrophe. Wir könnten uns auch selbst den einen oder anderen Minuspunkt geben, weil wir so ausschnittsweie kommentiert haben. Aber würde mehr Gesamtschau zu anderem Ergebnis kommen? Nein. Und wie lang wäre sie?

Nachträgliche Anmerkung: Aufgrund der überraschenden Wendung mit dem doppelten Iwan, glaubwürdig oder nicht, haben wir uns doch entschlossen, einen Punkt höher zu gehen: 5/10.

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Hauptkommissar Lessing – Christian Ulmen
Hauptkommissarin Kira Dorn – Nora Tschirner
Kurt Stich – Thorsten Merten
Hans Bangen – Wolfgang Maria Bauer
Caspar Bogdanski – Dominique Horwitz
Frau Dr. Seelenbinder – Ute Wieckhorst
Iwan Windisch/Josef Eisenheim – Jörg Witte
Rita Eisenheim – Sophie Rois
Nicole Windisch – Therese Hämer
Kongo – Pit Bukowski
Peggy Schuhschnabel – Michelle Monballijn
Sylvia Kleinert – Nora Quest
Ingrid Berger – Hedi Kriegeskotte
Lupo – Arndt Schwering-Sohnrey
Jumbo – André Hoffmann
u.a.

Stab
Drehbuch – Murmel Clausen, Andreas Pflüger
Regie – Richard Huber
Kamera – Robert Berghoff
Musik – Dürbeck & Dohmen

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