Babylon Berlin – Die Serie, Folge 3 / Crimetime 200/3 // #Babylon #Berlin #BabylonBerlin #Crimetime #ARD #Sky

Crimetime 200/3 - Titelfoto und weitere Bilder: ARD Degeto / X-Filme / Beta Film/Sky Deutschland / Frédéric Batier

Vorbemerkung

Wir sind nun also bei Folge drei angelangt. Hier noch einmal das Ende von Folge 2. Bitte ans Ende des Beitrags gehen. Fast, denn dahinter kommt ja noch eine Passage zu den Trotzkisten. Wir kommentieren ein wenig in die Inhaltsangabe hinein, stellen dieses Mal aber keine Erklärung zu einem besonderen Sachverhalt an den Schluss.

Folge 3

Kardakow, nicht Kasatschok! Die Folge beginnt damit, dass der trotzkistische Retter der Revolution oder Konterrevolutionär, je nach Sichtweise, Alexej Kardakow aus dem Landwehrkanal auftaucht. Wieso ist er jetzt nackt? Vielleicht, weil mit Kleidern schwimmen eben doch schwerer ist und so richtig warm halten sie im Wasser auch nicht, es sei denn, es sind beheizbare Neopren-Anzüge.

Obwohl Kommunist, ist er sich nicht zu schade, einem Obdachlosen den Mantel wegnehmen zu wollen, doch der ist wehrhaft und verletzt Kardakow mit einem Messer. Ein Auftrieb entsteht, Karakow begibt sich auf eine Brücke und entwischt der herannahenden Polizeistreife, indem er – nein, nicht, wieder ins Wasser, sondern auf einen Kohlenkahn springt. In der Urversion dieser Beschreibung, die ins Telefon gesprochen war, stand dort „coolen Kahn“. Ist ja auch cool, wie der Kardakow sich ein ums andere Mal rettet. Wir werden noch mehr darüber lesen, wie unverwüstlich dieser Mensch ist.

Der Zug aus Russland ist nun in Berlin eingetroffen. Die Gräfin Sorokina alias Nikoros, was fast ein komplettes Anagramm darstellt – eigentlich ist es komplett, denn die Familie heißt ja Sorokin – begibt sich auf den Bahnhof, öffnet den Wagen AB 3221 und darin lagert und glänzt Gold. Wir erinnern uns, dieser Wagen wurde,  zusammen mit einem Wechel des  Zugführungspersonals, vor der deutschen Grenze an den restlichen Zug angehängt. An der Grenze sorgte dann die Reichswehr in Person von Generalmajor Seegers für reibungsloses Passieren, nicht wissend, dass ein Wagen mehr vorhanden ist als geplant.

2019-06-08 babylon berlin 008 folge 3 dei gräfin sorokina am bahnhof - paris und nicht istanbul - versuchte einwirkung auf den jungen revolutionär
Die Gräfin auf dem Anhalter Güterbahnhof: Konflikt mit dem Zugführer wegen des Bestimmungsortes von  Waggon AB 3221.

Am Bahnhof kommt es zu einem Zwischenfall. Der Zugführer-Revolutionär bemerkt, dass der letzte Wagen nicht nach Istanbul, wie von ihm und seinen trotzkistischen Genossen geplant, weitergefahren werden soll, sondern nach Paris, wie es die Gräfin Sorokina gerne hätte. Die Gräfin bedroht den Mann mit einer Waffe, wird jedoch von anwesenden Bahnbeamten von hinten angegriffen und überwältigt. Sie wird in einen vergitterten Raum auf dem Bahnhof geführt und eingesperrt.

Nun die erste Szene mit unserem Kommissar Gereon Rath in Folge 3, es hat etwas gedauert. Diese Szene hat es gleich in sich. Er ist nämlich dem Film auf der Spur und muss dazu Mutti besuchen. Mutti ist nicht Angela Merkel, sondern eine der Frauen auf dem Bild aus dem Film, mit dem ein bekannter Politiker kompromittiert werden soll. Es ist der Kölner Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer. Wir haben uns zur Sache bereits in 200/2 geäußert. Warum aber hat es diese Szene in sich? Weil sie ziemlich ekelig ist, vom Hofschlachter, der möglicherweise Hunde verarbeitet, so genau wollten wir’s gar nicht wissen bis zu Mutti, die sich in Anwesenheit von Rath mit dem Waschlappen zwischen die kräftigen Schenkel fährt.

2019-06-08 babylon berlin 007 folge 3 rath geht zu mutti übern hof mit dem schlachter
Rath begibt sich zu einer Prostituierten, um mehr über den ominösen Film herauszufinden. Im Hof des Hauses findet eine Hausschlachtung statt – in Käfigen sind viele Hunde zu sehen.

Schon daran merkt man, dass nicht unsere Mutti im Bild ist. Auch nicht allegorisch. Offensichtlich wurde der Film aber in Muttis Wohnung gedreht, denn dort hängt das Bild mit dem Trakehner-Hengst mit der Gasmaske. Der Film soll wirklich dort entstanden sein? Wie hätte man denn da heimlich filmen wollen? Das Bild ist wohl eine Kopie oder ein Symboldbild, das jedes Mal auftaucht, wenn Rath ein Stück mehr von der Wahrheit erfährt. Die im Ersten Weltkrieg zu suchen ist, nur damals war die Gasmasken-Mode bei Menschen und Tieren in größerem Umfang en Vogue. Leider weiß Mutti nur noch den Namen der anderen Frau im Bild, die sei aber irgendwie ausgewandert. Außer ein paar wirklich unappetitlichen Bildern, das setzt sich auf dem Rückweg von Rath durchaus Haus bzw. durch den Hof natürlich fort, war in dieser Sequenz nicht viel zu holen und da haben wir uns etwas geärgert drüber.

Nun aber wieder was viel Ästhetischeres. Polizeipräsidium. Die Innenaufnahmen der Hallen sind übrigens im Eingangsbereich unseres heimatbezirklichen Rathauses Schöneberg gedreht, neben dem Roten Rathaus wohl das bekannteste von Berlin und Regierungssitz von Berlin, bis dieser nach der Wende wieder – sic! – ins Rote Rathaus verlegt wurde. Die zeitweiligen Außenszenen vom Polizeipräsidium stammen nicht von dort, denn dieses Rathaus ließe sich unmöglich als rote Burg verkaufen.

Hier erleben wir, wie unter großem Fingerschnipsen die Polizei von ihrem Präsidenten, dem beliebten Dr. Zirngiebel, eingenordet wird für den bevorstehenden Einsatz am 1. Mai 1929, an dem eigentlich Demoverbot gilt, aber man weiß, dass die Kommunisten sich nicht daran halten wollen. Einer der Einsatzleiter ist Bruno Wolter, der sich in der Waffenkammer ein brandneues MP-Modell aushändigen lässt. Der Waffenmeister übergibt Wolter eine Art Logo und grummelt etwas von „Der General ist in der Stadt“. Damit wird erstmals eine Verbindung zwischen Wolter und gewissen Kreisen angedeutet. Kreise? Welche Kreise? Wir werden es bald erfahren.

Derweil gibt Charlotte Ritter ihr Debüt als Kleinkapitalistin. Sie hat keine Lust mehr auf die mühselige und – sic! – etwas ekelige Karteiarbeit mit den Karteileichen und schwatzt einer Freundin diese Arbeit auf – und kriegt von dieser einen Teil des Lohns dafür, dass sie ihr den Job verschafft. Es werden noch Momente kommen, in denen uns Charlotte unsympathischer sein wird als in diesem, aber mit der Idee, eine kleine Leiharbeitsfirma zu gründen und damit die Vorlage für den Sozialkahlschlag der Regierung Schröder zu liefern, hat sie auf jeden Fall keine Punkte gut gemacht. Wer an der Quelle sitzt, ist immer im Vorteil, das lernen wir daraus, selbst wenn die Quelle nur einsfuffzig pro Stunde sprudeln lässt.

Gibt es ja heute auch, solche Jobs, die werden schlauerweise aber nicht als Jobs bezeichnet. Währenddessen ist ihre Mutter bei einer Ärztin, die auch kommunistische Aktivistin ist und erfährt, dass sie einen harten Schanker hat, was wir hier nicht näher erläutern wollen, offenbar ist die Sache jedenfalls zumindest 1929 nicht heilbar gewesen. Nun trifft auch Charlotte zuhause ein  und es gibt Zoff, weil die faulen Männer in diesem Haushalt Charlotte wegen ihres nächtlichen Zweitjobs beleidigen. Ob sie wissen, wie weit Lotte da wirklich geht? Das wissen ja zu dem Zeitpunkt die Zuschauer auch noch nicht. Der Streit wird handgreiflich und wir bekommen eine Szene serviert, in der Charlotte dem lumpigen Sausack ordentlich ein paar mitgibt. Wir notieren wieder einen Femi-Bonuspunkt.

Was wurde eigentlich aus Kardakow? Ist der mittlerweile über verschiedene Kanäle an der See gelandet? Nein, er weilt in Berlin, hat jetzt Klamotten, vermutlich die Zweitgarnitur des Kohlenkahnschiffers, aber der hatte wohl kein zweites Paar Schuhe oder sie haben so gedrückt, dass Kardakow lieber barfuß in das gute Viertel läuft, in dem die Sorokina ihre Wohnung hat und dort checkt er ein und ist allein. Vorerst.

Nun erhalten wir einen Eindruck davon, wie man Figuren gut aufbaut. Wolter ließ sich von seinem Assistenten dorthin fahren, wo das Logo – Waffenmeister! – an einer Markise prangt, denn es handelt sich um ein Café. Dort trifft Wolter einen Mann, den wir schon kennen. Es ist Generalmajor Seegers. Und damit erklären sich auch die oben angesprochenen Kreise. Es sind militärische. Mit der gut aufgebauten Figur meinen wir aber nicht Wolter oder Seegers, obwohl Ersterer eigentlich mit der interessanteste Charkater im ganzen Film bzw. der gesamten Serie ist. Weil Peter Kurth ihn super spielt, aber auch, weil er sehr vielschichtig ist, wir werden das im weiteren Verlauf noch so richtig genießen können.

Wir meinen in diesem Fall Stefan, den Assistent, der sich ein Fernglas geschnappt hat und Wolter  und den anderen von den Lippen abliest. Da fällt, wenn wir uns richtig erinnern, erstmals das Wort Prangertag und etwas wie eine Verschwörung wird ruchbar. Man sieht, was mehrsprachliches Aufwachsen für Vorteile hat – in dem Fall die Sozialisierung bei taubstummen Eltern. Nur, warum macht der Assistent sowas? Ja, schlechtes Gedächtnis, hm? Er hat doch auch schon Wolters Schreibtisch gefilzt und dabei ein Tintenfass umgeschmissen, in der oberen rechten Schubade stand es.  Gut, vielleicht sind wir darauf nicht genug eingegangen, holen das hier aber nach. Jedenfalls wirkt es, als ob der Assistent richtiggehend seinen Chef ausspioniert. Wenn wir der Wolter gewesen wären, hätten wir uns zu einem konspirativen Treffen aber nicht von einem Mitarbeiter fahren lassen, sonder hätten uns selbst hinters Steuer gesetzt. Je weniger Mitwisser, desto besser, oder etwa nicht? Denn immerhin fällt das Wort Stresemann. Gustav Stresemann war damals der deutsche Außenminister und zusammen mit seinem französischen Kollegen Aristide Briand der erste Friedensnobelpreisträger.

Wir begleiten aber nun den Kommissar Wolter erstmals in seine Wohnung, in der seine depressive Frau im Sessel sitzt und in der Küche derweil der Braten anbrennt. Zu ihr ist er sehr nett und das macht diese Wolter-Figur so besonders. Da wir bestimmte Seiten an ihm hier, mitten in Folge 3,  noch gar nicht kennen, ist das allerdings ein Vorgriff.

Charlotte hat zuhause weiter Stress, da geht es anders zu als bei den Wolters. Dieses Mal geht sie ihre Schwester an, die sich ein Kind hat machen lassen und nicht mehr aus dem Haus kommt. Die beiden leben in verschiedenen Welten, trotz gemeinsamer furchtbarer Familienbude, aber sie sehen auch sehr unterschiedlich aus und da kommt für uns am Ende leider nur folgende Erktenntnis heraus: Weil die Schwester eh optisch nicht geeignet ist, um in einem Nobelclub zu tanzen und im Sexgeschäft so richtig abzusahnen, bleibt ihr nur der doofe Typ, der nichts arbeitet, sie ist auch selbst doof, weil sie, im Gegensatz zu Charlotte, beim Sex nicht aufgepasst hat – und ihr Leben ist quasi zu Ende. So richtig überzeugend ist dieses Sozialpanorama nicht, dafür aber schön knallig. Und natürlich schreiben wir wieder einen Feministinnen-Bonuspunkt für Charlotte auf.

Rath ist bei den Wolters zum Abendessen eingeladen, währenddessen der Lokführer-Revolutionär bei Rath eingestiegen, weil der ja in der Ex-Wohnung von Kardakow logiert, was der Trotzkist aber nicht weiß. Der hat nur mitbekommen, dass am Zug eben nicht Kardakow auftauchte, sondern die Sorokina und denkt, da ist was faul und sucht jetzt seinen Chef oder Anführer. Schnitt. Wolter fordert Rath auf, das zu erzählen, was Benda mit ihm unter vier Augen besprochen hat. Wir erinnern uns: Nach dem leider etwas aus dem Ruder gelaufenen König-Verhör. Wolter sagt, er will in der Sache nicht der Trottel sein. Verstehen wir irgendwie sogar, wer will schon der Trottel sein? Aber Rath gibt nichts preis, das verstehen wir auch wieder, denn wer will schon eine Plaudertasche sein?

Auf dem Nachhauseweg schreibt Rath in Gedanken an Helga in Köln und erstmals hat er die Idee, dass sie zu ihm nach Berlin kommen könnte, die Frau seines seit mehr als zehn Jahren verschollenen Bruders. Dann wirft er den Brief ein und als er nach  Hause kommt, wen findet er da? Den Zugführer-Revolutionär, der war nämlich müde und schlief in Raths Bett, das ja mal Kardakows Bett war, bevor es frisch überzogen wurde, ein. Natürlich wird er jetzt wach. Rath versucht, ihn zu überwältigen, scheitet jedoch, der Mann springt vom Balkon (erster Stock), landet vor – einem Auto. Drin sitzen Menschen, die wir unterschlagen haben. Es sind die Schergen von der russischen Botschaft, die warten auf Kardakow und nun erhalten sie stattdessen einen seiner Männer. Den letzten, der noch nicht tot ist, nach dem Druckerei-Massaker von Köpenick.

Ja, dort war’s, auch wenn es nach unserer Ansicht erst später in der Serie erwähnt wird. Rath versucht, den Mann auf eine wirklich komplett untaugliche Weise zu ergattern, also, er läuft auf der Straße neben dem Auto her, aus dem die Hand des Mannes ragt, aber das Auto kann schneller und höher beschleunigen als ein Polizist zu Fuß. Bisher hat Rath zwar als Typ und intellektuell ganz gut überzeugt, aber in Situationen mit physischer Aktion wirkt er immer stark unterdurchschnittlich. Er hat sich ja auch innerhalb der beiden ersten Folgen einmal die Dienstwaffe abnehmen lassen und sie einmal verloren. Ein Action-Fail pro Folge, das scheint die Rath-Ration zu sein. Aber – psst! Es wird nicht so bleiben!

Was wir nicht erwähnt haben: Vermieterin Behnke wurde von dem Lokführer-Revolutionär überwältigt, als sie die Polizei rufen wollte, nachdem die beiden einander begegneten. Sie wird von Rath aus der Besenkammer befreit und in einer kleinen Rückblende erläutert sie dann bildlich, wie sich die Revolutionäre um Kardakow in der Wohnung getroffen haben. Wobei ihr nicht der genaue Hintergrund der Menschen klar war. Wir fragen uns indes, warum das nötig war, wo es doch die Druckerei in Köpenick gab, die für solche Treffen viel besser geeignet war als eine Wohnung, in der solche Versammlungen nicht nur der Vermieterin, sondern auch den Nachbarn verdächtig vorkommen mussten. Schwamm drüber.

Danach die zweite Szene nach derjenigen mit Stefan und seinen taubstummen Eltern, die uns berührt hat: Die Witwe und Rath erzählen einander vom im Krieg verlorenen Mann, vom im Krieg verlorenen Bruder und Rath zeigt sich und spricht darüber, dass seine Mutter das Ganze nicht verkraftet habe und der Ansicht gewesen sei, der falsche Sohn habe überlebt.

Schnitt. Charlotte sitzt im Kino, allein, schaut „Menschen am Sonntag“. Wir werden in einer kommenden Folge noch sehen, dass auch die Macher von „Babylon Berlin“ sich von dem Film das eine oder andere abgeschaut haben, nur etwas mondäner

Dieses Werk, das von später so berühmt gewordenen Fimemachern wie Robert Siodmak und Billy Wilder erschaffen wurde, lief Ende April 1929 noch gar nicht, sondern wurde am 4. Februar 1930 uraufgeführt. Aber für „Babylon Berlin“ wurde ja auch das Alexanderhaus am Alexanderplatz schneller bzw. früher gebaut als in Wirklichkeit (Fertigstellung 1932). Was ist ein historisierender Film wert, wenn er nicht seiner Zeit etwas voraus ist und einfach nur zeigt, was war, in der Zeit, in welcher er spielt? Das ist doch keine Kunst, sondern nur akribische Demut gegenüber der Wirklichkeit.

Vielleicht kann Charlotte deshalb über den Film nicht lachen, obwohl er viele Schmunzelszenen beinhaltet. Vor allem zu Beginn, aber was wir hier zu sehen bekommen, ist ein Schnipsel vom Wannsee-Ausflug, dem langen Höhepunkt von „Menschen am Sonntag“.

Nun kommt die Szene mit dem jungen Assistenten Stefan, die uns über 16 Folgen hinweg mit am meisten emotionalisiert hat – wie er sich vom lauten Radio in der Küche seiner Eltern gestört fühlt und es leiser stellt. Sie können doch die Nachrichten gar nicht hören, weil sie beide taubstumm sind und vielleicht ist es nur eine alte Gewohnheit, das Radio anzustellen. Es wirkt, als hätten die beiden gemeinsam irgendwann ihr Hörvermögen verloren, dann wären sie allerdings nicht stumm, sondern könnten weiterhin sprechen. Rätselhaft, aber schön gefilmt. Dann kommt eine Musiksendung und der Sohn dirigiert ein wenig. So erfahren wir, warum Stefan Lippen lesen kann, was er bei seinen Eltern aber nicht tut, sondern er kommuniziert in Gebärdensprache mit ihnen. Die Nachrichten, die schon den bevorstehenden 1. Mai thematisieren, gehen also in Musik über und es ist eines von Gustav Mahlers Rückert-Liedern: „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“ Wir kannten das Lied zuvor nicht und mit das Beste an „Babylon Berlin“ sind die Schlusssequenzen mancher Folgen, in denen eine Musik von der Szene, in der sie „entsteht“, über weitere hinweggezogen wird und eine – in diesem Fall sehr elegische oder melancholische – Stimmung von Einstellung zu  Einstellung transportiert.

Hier wechselt das Bild nun zu Rath, wie er zuhause sitzt und in Abgeschiedenheit, so wirkt es durch die musikalische Untermalung, Kardakows Koffer durchsucht, der natürlich verblieben ist, weil der ja nicht ausziehen wollte, sondern weil sein Dasein durch die Herren aus der russischen Botschaft eine für ihn unerwartete Wendung genommen hat. Die Kamera wandert in die Nacht und zu Charlotte, die mit ihrer jüngeren Schwester in einem kleinen Zimmer zusammen schläft und schließlich zur Gräfin Sorokina, die immer noch im vergitterten Raum am Bahnhof verweilt und hinaus in die Nacht schaut. Wer immer sich diese Sequenz ausgedacht und sie gefilmt hat, das ist richtig schön gemacht, obwohl nicht so spektakulär wie einige andere Momente der ersten drei Folgen.

Allerdings hat das Ganze einen Schönheitsfehler. Die Folge endet damit nicht, was perfekt gewesen wäre, sondern damit, dass der Revolutionär Eisenbahner im Keller der Botschaft der Sowjetunion brutal verhört wird. Da steht ein Auto, von dem er überfahren werden soll, wenn er nicht singt oder wenigstens spricht. Auch der Mann, den wir schon am Schreibtisch gesehen haben, an der Wand dahinter ein großes Stalin-Porträt, ist dabei. Er leitet offenbar die Berliner Sektion des NKWD, falls der sowjetische Auslands-Geheimdienst damals schon so  hieß. Da der junge Mann den roten Stern eintätowiert hat – am Handgelenk – wissen die Geheimpolizisten auch, dass er zur „Roten Festung“ gehört und sie nicht irgendjemanden foltern, der nur zufällig vom Balkon vor Kardakows, jetzt Raths Behausung gesprungen ist. In der Druckerei wurde ein Frachtbrief sichergetellt, mit Blut verschmiert, den zeigen die Geheimen nun dem jungen Mann und unter größtem Druck verrät er, dass es den Zusatzwagen mit dem Gold der Sorokins gibt. Wirklich eine Menge Gold, für eine einzelne Familie.

Dieser Zarismus, der 1918 endete, hatte auch ein ziemliches #Ungleichland hervorgebracht und wurde daher zu Recht beseitigt. Die Ermordung der Romanows war eine ruchlose Tat, aber damit wollten die Bolschewiki den noch im Land agierenden Weißarmisten und den bürgerlich-adeligen Kreisen signalisieren: Es wird kein Zurück geben und eine richtig gute Revolution ist eh kein Ponyhof.

Wie die Sache mit dem jungen Revolutionär, der ja dann doch verraten hat, was Sache ist, weitergeht bzw. ob ihm das Verraten des Geheimnisses ums Gold etwas nützte, sehen wir in Folge vier. Aber nun ehrlich: Ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Angehörige des alten, ständischen Systems dem Trotzki ihr ganzes Vermögen zur Verfügung stellen will? Männer können einfach nicht mehr logisch denken, wenn es um Frauen geht. Und, Achtung: Paris, nicht Istanbul!

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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