Gelbwesten! Überall #Gelbwesten! Sozialer Protest eventuell? Quatsch! Alles Nazis! #NazisRaus // #GiletsJaunes #GelbeWesten #YellowVests #YellowJackets #acte9 #acte8 #acteIX #12Janvier #Résistance #GJ #11à22janvier2019 #Revendications #nonàla #répression #mutilés #blessés #victimes #violencesdEtat #violencespolicières #violencesjudiciaires #Français

Es geht in der deutschen Gesellschaftslinken das Gerücht um, die Gelbwesten in Frankreich seien alle Nazis.

Dieses Gerücht wird von interessierten Kreisen hemmungslos weiterverbreitet. Draus entstand bei anderen Linken der Verdacht, dies geschehe, um #unten zu spalten und den sozialen Protest in unserem westlichen Nachbarland gegen die neoliberale Regierung Macron zu diskreditieren. In Deutschland ist es aus naheliegenden Gründen besonders leicht, mit der Nazikeule zu spalten Vielleicht ist aber die Verbreitung des Gerüchts ja auch nur ein Gerücht? Oder, schlimmer: Handelt es sich wirklich bei den Gelbwesten um Nazis? Gelb ist das neue Braun?

Wir berichteten bereits hier über die Gelbwesten, zum Einstieg gerne nochmal reinschauen.

Aber es ergeben sich stets neue Aspekte und derjenige ist ein dummer Mensch, der neue Erkenntnisse nicht in sein Weltbild einbauen kann. Wir wollten der Sache jedenfalls nachgehen und haben uns heute ein wenig danach umgeschaut, was im Netz so an Beiträgen lanciert wurde, denn auf den Straße Frankreichs gab es heute wieder Proteste. Oder Naziaufmärsche. Wir werden sehen, was wir am Ende für realistischer halten.

Bordeaux, Schweigeminute für die vielen Verletzten und die Toten der bisherigen Proteste.

Natürlich könnte es sein, dass die Nazis hier schon wieder ihre Märtyrer für die heiligen Hallen des Gelbfaschismus aufbauen, die erbaut werden werden, wenn ebenjener gesiegt haben wird. Man kennt das ja aus gewissen anderen Ländern.

Bourges. Gelbwesten mitten in der Stadt, obwohl’s die Polizei verboten hat.

Erster Mai 1929. Kommunisten demonstrieren in Berlin trotz polizeilichem Verbot. Keine Nazis. 33 Tote durch Polizeieinsatz. Blutsonntag. Wissen wir alles, weil wir  uns gerade mit „Babylon Berlin“ befassen. Aber diese Gelben, bei denen weiß man nie, wer darunter steckt und gerne mit der Macht aneckt.

Den letzten Satz im Tweet wollen wir natürlich nicht unterstützen und Macrons „En Marche“ ist im Europaparlament nicht in derselben Parteiengruppe wie Kurz‘ ÖVP, die mit der CDU zusammenarbeitet (EVP), sondern in der „ALDE“, in der liberale Parteien wie die FDP sich zusammengeschlossen haben, um dem Kapital so dienlich wie möglich zu sein. Alors, messieurs?

Da der Tweet mit einem SPIEGEL-Beitrag verlinkt ist, tun wir das hier auch noch einmal.

Darin ist die Rede davon, wie Emmanuel Macron zum wiederholten Mal die einfachen Menschen mit seiner Rhetorik beleidigt, die aus der Schröder-Ära stammen könnte: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, sagte ein SPD-Politiker einmal. Damals gab es in Deutschland 5 Millionen Arbeitslose. Alles Nazis, übrigens. Bis heute. Solche demütigenden Prägungen und permanentes Bashing führen unweigerlich zu mehr Rechtsextremismus. Zum Glück für die Spalter: nicht. Bisher nicht. Die meisten hier sind erstaunlich geduldig geblieben, typisch deutsch halt. Bis sie wieder Arbeit hatten, von der sie kaum leben können. Ein paar von ihnen und denen, denen der Anschluss ganz verwehrt blieb, wagten es, die etablierte Politik mit AfD wählen zu ärgern. Alles Nazis natürlich. So einfach kann Politik von oben sein.

Paris. Stadt unserer Träume!

Nazis in gelben Westen, wohin man schaut. Und wie diese Leute alle schon ausschauen Typische Nazifressen. Nazis Raus! Paris ist auch nicht mehr das, was es mal war – als es dort deutsche Nazis gab. Man sieht sogar die eine oder andere Nationalflagge Frankreichs. Nazis! Das ist der Beweis. Dass die Mehrheit der Franzosen zu ihrem Land ein anderes Verhältnis hat als wir zu unserem, solche Feinheiten lassen wir dabei mal weg.

Lyon. Pazifistischer Marsch, heißt es im Tweet.

Quatsch. Alles Nazis. Sieht man doch auf den ersten Blick. Die Nazis in Frankreich haben fast so ein Gepräge wie die Grünen in Deutschland, schon gemerkt? Aber andere Länder, anderes politisches Layout. Und alle maskiert und behelmt sind sie auch fast alle. Wie kommen wir denn jetzt auf sowas?

Deswegen. Hier spricht die Welt zu uns.  Nein, nicht die Welt der Nazis. Die WELT! Die Welt vom Springer-Konzern. Die sieht überall schwer bewaffnete Gelbwesten, gegen die sich die Polzei tapferst zu Wehr setzt. Komischerweise lässt sich das nicht einmal anhand ihres eigenen Titelbildes belegen. Schwache Manipulation, auch das mit den „Gelbwesten“ in Anführungszeichen. Wir erinnern uns. Wen oder was hatte die große, dreckige Schwester der WELT immer in Anführungszeichen gesetzt? Dieses Blatt, das überhaupt nie Nazijargon verwendet? Ach ja.

Toulouse. Bis zum Horizont.

Armes Frankreich. Wilde Nazihorden marodieren durch altehrwürdige Altstädte. Und tragen dabei gelbe Westen. Pfui Teufel. Schnell ein Kreuz schlagen, auf dass es nicht überspringe auf altehrwürdige deutsche Altstädte, das Gelbnazi-Virus.

Wie konnte es bloß passieren, dass ein Land wie Frankreich, das von den Nazis besetzt war, so viele Nazis entwickelt hat? Was ging schief mit der Demokratie, mit dem Kapitalismus?

Brest. Brückenüberquerung.

Hier sieht man einen ziemlich rigiden Zug besonders entschlossener Nazis, die offenbar ein Ziel haben. Ist es das Reichsparteitagsfeld in Nürnberg? Vielleicht bisschen weit, zu Fuß. Aber bei solchen Hafenstädtern weiß man nie, welche Verkehrsmittel die benutzen, um ihr Naziding weltweit zu verbreiten, also missionarisch tätig zu werden. Und trägt der dunkle Typ rechts vorne nicht eine Maske? Nein. Es ist ein Bart. Alle Bartträger: Nazis. Nazis raus.

Paris nun wieder. Hier sieht man mehr.

Hier sieht man, wie brave und tapfere Polizist_innen sich gegen voranstürmende Nazihorden mit gepanzerten Wasserwerfer-Tränengasfahrzeugen gerade noch vor dem sicheren Tod durch Lynchen retten können. Das war das Bild, das die WELT uns vermitteln wollte. Wir sind höchst erschüttert, besonders, weil da – haben Sie’s bemerkt? – an einer Stelle tatsächlich so ein flatterndes Leuchtfeuerchen in die Gegenrichtung flog. Aber die Polizei macht das schon. Gebt’s den Gelbwesten-Nazis. Nazis raus aus Paris! Nie wieder Nazis in Paris! Welch ein Massaker. Durch die Nazis natürlich. Nie wieder, dachten wir. Dachten wir 1918. Dachten wir 1945. Dachten wir nach 1968, als Studenten erschossen wurden. Doch dann kamen die Gelbwesten!

In Zahlen: Der Staat hat 80.000 Polizeikräfte zuammengezogen, mehr, als angeblich am letzten Dezemberwochenende Gelbwesten unterwegs waren. Und das Demonstrationsrecht soll erheblich verschärft = abgebaut werden. Ja, was soll man auch sonst tun, um der Gelbwesten-Naziplage Herr zu werden? Da muss endlich wieder Ordnung rein, und wenn wieder der Ausnahmezustand, so ein halbes Kriegsrecht, verhängt werden muss! Und wenn der Ausnahmezustand der Normalzustand werden muss!

Dämmert langsam was, liebe Salonlinke? Nein? Tja. Manchmal haben wir auch keinen Bock mehr darauf, immer wieder alles von Adam und Eva an zu erklären.

Bleiben wir doch lieber in Paris.

Das ist nicht Trafalgar Square sondern der Platz der Bastille. Obwohl wir schon gehört haben, in London sollen auch heute Gelbwesten unterwegs sein. Nazis in Großbritannien, kaum zu fassen, isn’t it? Dabei war dieses Land immer so – fast – immun gegen sowas, weil der Imperialismus dort immer so gut funktioniert hat. Aber seit die Nazis sich gelbe Westen übergezogen haben, kann man für nichts mehr garantieren. Schon der Brexit hätte uns sagen müssen, dass die Zahl der Nazis im UK erheblich zugenommen haben muss. Vote again please, and remain. Aber Einreiseverbot für eure Nazis!

Ach ja: „Acte“ heißt im Prinzip „Aktionstag“. Heute ist der neunte Protestsamstag der Gelben Westen. Acte8. Klingt das nicht fast wie „88“? Oh, oh. Aber nur auf Deutsch, dummerweise. Und damit beweist es gar nichts, weil es ja in Frankreich Act’Huit ausgesprochen wird. Und es gab niemals einen „Huit“, auf den man sich als strammer Nazi beziehen könnte.

Nîmes. Sonnentag. Ist ja auch  Südfrankreich.

Mann, Mann. Gibt es auch gelbwestenfreie französische Städte? Wie soll man da bloß die Anti-Nazi-Gegendemos richtig organisieren, wenn überall die Nazis marschieren?

Frankreich ist eindeutig das NaziZentrum das Epizentrum des Nazi-Bebens in Europa geworden. Da können wir nicht mit, so streberhaft wir sonst auch sind und so sehr wir uns bemühen, jeden, der nicht unserer Ansicht ist, als Nazi zu diffamieren, um die Zahl der Nazis so weit wie möglich zu steigern. An uns liegt’s nicht, habe wir jetzt beschlossen, wir sind bereit, jeden, der nicht exakt denkt wie wir, künftig einen Nazi zu nennen.

Und jetzt kommt es ganz dicke: 70 bis 80 Prozent der Franzosen und Französinnen stehen hinter den Protesten der gelben Westen.

Das sind auch alles Nazis. Mitläufer- und Supporter-Nazis. Denen war es nur heute zu kalt oder sie hatten noch ein gutes altes Landservideo zu Hause, schwarz aus Deutschland importiert, das unbedingt angeschaut werden muss. Es gibt auch Nazi-Theoretiker, aber die wählen dann furchtbare Parteien, ohne sich vorher gelbe Weste angezogen zu haben. Das sind eigentlich die ganz Gefährlichen. So wie bei uns die, die ohne jedes persönliche Verlustrisiko in den sozialen Medien rumbashen und dabei ungerührt den Rechtsdrall provozieren. Haben wir jetzt was verwechselt? Klar, nicht alle Typen mit faschistoidem Charakter sind auch Nazis. Es gibt Faschisten und Autoritäre, die andere gerne niedermachen, in allen politischen Lagern.

Die Mieterbewegung in Deutschland muss echt aufpassen, dass sich bei ihren Aktionen nicht mal die eine oder andere gelbe Weste einfindet, sonst hat sie in den Nazi-Stempel weg, da warten einige Oberschlaue schon drauf.

Und dann ist alles futsch. Der ganze super wichtige Protest ethisch komplett im Arsch. Weil: Nazis!

Lieber zurück nach Paris.

Hier sieht man nun einige Polizisten in Freizeitkleidung, wie sie sich unauffällig unter die mächtige Demonstrantenmasse mischen, von der sie permanent eingeschüchtert werden. Könnte es sich umgekehrt verhalten? Hat es einen Grund, dass die Polizei ausschaut, als wolle sie in den vorderasiatischen Häuserkampf einrücken? Nix da. Wir lassen uns doch hier unser Narrativ nicht kaputtmachen.

Nazis raus.

Hilfe! Ein Polizist hat sich nach uns umgedreht! Wir meinen nicht euch! Die Polizei ist doch sowas von weit weg von allem Nazigedöns! Schon der friedliche Auftritt. Sorry. Wir geh’n ja schon. Aber passt auf, wir kommen wieder. Wenn ihr nicht damit rechnet. Puh. Das ging nochmal gut. Nasenbein nicht gebrochen. Wie empfinliche manche Polizisten auch sind. Wie kommen die bloß darauf, dass man mit Nazis sie gemeint haben könnte. Absurd! Muss Missverständnis gewesen sein.

Strasbourg. Schock.

Da trampeln Gelbwesten auf der EU-Flagge herum. Nein. Nein! NEIN!

Jetzt ist alles aus. Der endgültige, sichere, unumstößliche Beweis ist erbracht. Gelbwesten = Nazis.

Alle, die nicht vollkommen kritiklos hinter der neoliberalen EU-Politik sehen: Nazis. Nazis raus. Alle raus aus der EU. Europa nur noch dem Kapital!

Kleine Erinnerung für die, die nicht erlebt haben, wie die linke deutsche Apo mal unterwegs war: US-Flaggen verbrennen. Unser bester Verbündeter ever! Abgefackelt! Pfui Teufel. Konsequenz klar: Apo = Nazis. Nazis raus. Hat man leider damals nicht konsequent genug umgesetzt und jetzt sitzen sie alle irgendwo auf sicheren Staatsstellen und bashen alle, die nicht dort sitzen und Existenzsorgen haben und nennen sie Nazis. So kann’s gehen, wenn man den Anfängen nicht wehrt.

Apropos USA.

Dieser Mann war der letzte in Deutschland (West) einigermaßen beliebte US-Politiker. Und was hat er gesagt? Aber prügelt – verbal, zu mehr reicht’s eh nicht – nur schön weiter auf die Gelbwesten ein und nennt sie Nazis. Die nächste Bewegung wird dann vielleicht wirklich von rechts kommen und wessen Schuld wird das sein?

Nein, eben nicht. Eben nicht, Stupid! Zu blöd, um John F. Kennedy zu verstehen, dabei hat er sich immer um bildhafte, einfache, mitnehmende Sprache bemüht, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Hat in Deutschland nicht viel bewirkt, dass er so war, wie er war. Was soll man bei so wenig Erkenntnisfähigkeit also noch schreiben? Bei vielen: Typischer Nazi-IQ?

Nazis raus!

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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