Amour fou – Tatort 1023 / Crimetime 206 // #Tatort #TatortBerlin #Berlin #Amourfou #Karow #Rubin #Tatort1023 #RBB

Crimetime 206 - Titelfoto © RBB, Andrea Hansen

Vive la mèr!

Alles, was am Meer spielt und Assoziationen wachruft, die etwas mit Charles Trenet zu tun haben, ist gut. Bei den Berliner Tatorten muss man allerdings doch etwas genauer hinschauen, ob das auch stimm. Das haben wir in der recht assoziativ angelegten -> Rezension getan.

Handlung

Eine bizarre schwarze Masse, zusammengeschmolzen mit einem Plastikliegestuhl in einem Laubengarten – mehr ist nicht übrig von Enno Schopper. Die Berliner Kommissare Nina Rubin und Robert Karow müssen in ihrem fünften Fall herausfinden, was hinter dem grausamen Tod des Lehrers steckt. Die ersten Ermittlungen führen Rubin und Karow an die Gesamtschule im Neuköllner Rollbergkiez, in der Enno Schopper unterrichtete, bevor er offenbar erschlagen, mit Benzin übergossen und verbrannt wurde. Aber warum? „Fragen Sie mal die Kids im Kiez, was man am besten mit Schwulen macht“, sagt Ennos Mann Armin zu den Ermittlern. Enno hat seine Schwulenehe demonstrativ offen gelebt – fast provokativ, jedenfalls hier.

Ein Zeuge will gesehen haben, wie sich Enno dem Schüler Duran Bolic im Umkleideraum sexuell genähert hat. Seit Jahren kümmert sich der Lehrer um den Jungen aus schwierigen Verhältnissen. Er und Armin haben ihm ein Zuhause gegeben und ihn gefördert. Aber das Gerücht bestreiten Enno und Duran vehement. Enno wird beurlaubt, bis zur Klärung … Nun ist Enno Schopper tot. Rubin und Karow wollen Duran befragen. Aber der ist verschwunden, angeblich mit seinem Vater nach Kroatien. Stimmt das? Durans Freundin Jasna schwört: „Niemals! Duran hat seinen Vater gehasst“. Und Duran hätte Enno nie ein Haar gekrümmt, er habe ihn vergöttert. Das beteuert auch Armin, dessen ironisch-charmante Art bei Karow gleichermaßen Interesse und Misstrauen weckt. Rubin und Karow müssen sich anstrengen, um nicht im Morast aus Gerüchten und Vorurteilen zu versinken. 

Rezension: Anni und Tom über „Amour Fou“

Anni: Wir lernen es vermutlich nie. Wie kann man bei einer verkohlten Leiche am Anfang nicht sofort wissen, dass hier ein Identitätstausch vorliegt? Es wird zwar immer komplizierter, das so darzustellen, dass die KT nicht doch dahinterkommt, aber verkohlte Leiche = anderes Opfer als angenommen. Klar?

Tom: Wird uns nie wieder passieren, es sei denn, es gibt ein nächstes Mal. Ich hab mich am Ende auch geärgert, trotzdem fand ich die Wendung mit dem Mann am Meer wunderbar. Sehr poetisch. La Mèr!

Anni: Und sie haben es so toll angedeutet, mit diesen traumschönen Lied. Was lernen wir auch, und das doch etwas neuer als die versuchte Täuschung über die Identität einer Leiche? Dass jemand, der Charles Trenets Originalversion von „La Mér“ aus 1946 hört, nienicht ein Mörder sein kann. Geht gar nicht War ja auch nicht so. Notweher als gemeinschaftlicher Mord, haha. Okay, irgendwie muss man Verdächtigen ja unter Druck setzen können.

Tom: Eine Notwehrlage ist doch nicht so einfach nachzuweisen. Auch nicht mit der heutigen Technik, wenn es keine Zeugen oder eindeutige Spuren gibt.

Anni: Aber diese Ermittler! Die Rubin kann nicht mal richtig Zähne putzen, alles läuft am Kinn runter – und sowas wird dann noch im Fernsehen dargestellt.

Tom: Neben dem Oberkörper ihres Mannes. Ich finde, der Gleichberechtigung wegen, dass man das bei ihr auch hätte so machen müssen.

Anni: Schon klar. Ich werde mit diesen Cops nicht warm. Klar, die sind nicht auf Identifikation ausgerichtet, damit die neuen Berlin-Tatorte nicht kuschelig werden können, aber – ich meine, Faber, der alte Psycho, ist wenigstens noch Big Fun, aber Rubins angeblicher Großstadthumor und diese extrem auf hip ausgerichtete Lebensform, ick weeß nich. Und Karow zu beurteilen, fällt mir erst richtig schwer. Vielleicht stehe ich nicht so auf Arschlöcher. Naja.

Tom: Dafür gibt es dieses Mal eine in sich geschlossene Geschichte. Endlich ist dieses Ziehen von Storys über vier Tatorte, wirklich, es waren vier, vorbei. Erst einmal. Man konnte sich ganz auf den Fall und dessen ruhige Darstellung konzentrieren. Und er ist der ruhigste Berliner Tatort sein Langem gewesen, die letzten Ritter-und-Stark- oder Stark-Alleine-Filme eingeschlossen.

Anni: Und es gab keinen Sex zu beobachten. Dafür viel schwule Zärtlichkeit. Trotzdem bin ich mir nicht so klar, ob ich den Film nicht doch homophob finden soll. Klar, er ist ganz aufs Gegenteil ausgerichtet, die Klischees werden überdeutlich als solche herausgestellt,  und wie man dadurch auch in doppelte Bedrängnis geraten kann. Zum einen physisch durch unterbelichtete Jugendliche, zum anderen durch eben diese Klischees. Dann haben sich die beiden homosexuellen Intellektuellen aber genau das zunutze gemacht. Also, ich bin mir da nicht sicher. Außerdem nehme ich die meisten homosexuellen Männer nicht also so extrem soft wahr, auch nicht mit dieser ewig leisen, ewig monotonen Stimme. Das hat der Thalia-Schauspieler Jens Harzer zwar toll gemacht, die Figur wirkt sehr konsistent und faszinierend, aber irgendwie dann doch überzogen.

Tom: Wir gehen immer von den Leuten aus, die wir kennen, egal in welchen Milieus sie verortet sind. Ich hatte zu Beginn meiner Berliner Zeit mal einen schwulen Kollegen, einen Architekten, der war zwar nicht so sanft, aber unglaublich zickig. Auch mir gegenüber, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was in Telefonaten mit seinem Partner ablief, die er ganz offen vom Büro aus geführt hat. Natürlich ist es auch ein Klischee, dass es einen Frauentyp gibt, der so ist, aber er hat diese Rolle in der Partnerschaft ähnlich angenommen wie Armin das hier auf seine Weise getan hat. Aber das sind eben Individuen, genau wie die Jungs und das Mädchen mit Migrationshintergrund Balkan. Eigentlich sollte man das so sehen, aber natürlich wird auch da das Klischee gespielt, und das ist weniger freundlich gebrochen. Das Mädchen ist extrem eifersüchtig und einer der Jungs ist psychisch nicht gesund und hochgradig aggressiv. Menschen aus Verhältnissen, in denen es nicht diese Sorgsamkeit gibt wie im Dreieck zwischen den beiden Homosexuellen und Duran.

Anni: Für mich ist das auch der Hauptbonus des Films. Du kannst das Ganze locker so interpretieren, dass bestimmte Migrantengruppen mit ihrer nicht vorhandenen Toleranz alles kaputtmachen, was wir an Inklusion und gegenseitigem Verständnis für alle aufzubauen versuchen. Gut, dass man keine muslimischen Jugendlichen genommen hat. Das hätte einen Aufstand gegeben. Aber die Kroaten, die haben nicht so eine Lobby. Ja, klar, von hinten durchs Knie geschossen, wir sind ja selbst schuld, dass alle zu uns kommen, weil wir helfen, den Terror und die Fluchtbewegungen zu fördern, aber trotzdem war ich wütend und entsetzt, als es zu diesem Akt der Gewalt gegen Armin kam. Das sind eben ganz verschiedene Bewusstseins- oder Kognitionsebenen.

Tom: Du hast das mitbekommen, dass die Eltern der Jungs durch den Jugoslawienkrieg herhergespült wurden, um es so auszudrücken. Und das sind die Gewalterfahrungen, die tradiert werden, die emotionale Kapazitäten nicht zur Entfaltung kommen lassen. Und es gibt genug von uns, die solche Erfahrungen nicht haben und trotzdem zu rechter Gewalt tendieren.

Anni: Ich glaube, ich weiß, was jetzt kommt. Das System ist schuld.

Tom: Ist es das nicht? Gewalt kommt nicht von nichts.

Anni: Seit du dich politisch betätigst, kann man mit dir nicht mehr konkret reden, du ziehst alles hoch ins Höchste und Abstrakte. Klartext: Egal, welche Geschichte jemand hat, es geht nicht, dass er dafür andere zusammentritt und schwer verletzt. Dann muss eben mit diesen Leuten mal konsequent gearbeitet werden. Du glaubst doch, dass man das kann.

Tom: Grundsätzlich ja. Aber darauf wird eben viel zu wenig geachtet. Stehen zu wenig Mittel bereit. Wir machen uns eine bunte Welt, sind aber nicht bereit, Verantwortung für deren Gelingen zu übernehmen, viele von uns tun so, als ob sich alles von selbst bestens einrichten wird. Das ist zu einfach, da gebe ich dir Recht.

Anni: Siehst du. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass Leute, die Baudelaire lesen, vielleicht sogar im Original, immer weniger und diese rudimentären Typen, die nicht mal ihre Impulse halbwegs unter Kontrolle haben, immer mehr werden. Denk mal an diese komische Sache in der U-Bahn gestern Abend, als der Fahrer aussteigen musste ,weil ein paar … sich gezofft haben. Ich fand die Situation nicht prickelnd, zumal er die Türen hat offenstehen lassen, und verstehen tu ich eh nicht, was da gesprochen bzw. geschrieen wird und kann mich daher überhaupt nicht orientieren. Nicht umsonst sind Armin und Enno ja Typen der mittleren Generation, und da sie keine Nachkommen haben, können sie ihre Kultiviertheit nicht weitergeben. Civilization over.

Tom: Und sie tragen nichts bei. Okay, einer von ihnen, der andere ist ja Lehrer und geht sozusagen dorthin, wo’s weh tut. Das ist beachtlich.

Anni: Und Armin hat geerbt, und zwar so viel, dass er  nach eurer Lesart das gar nicht behalten und sich ein elitäres Leben machen dürfte, sondern am Bau schuften dürfte, wo er garantiert vor die Hunde gehen würde.

Tom: Jetzt aber mal.

Anni: Was ist mit der Selbstbestimmung? Mit dem Recht auf Arbeit müsste ja auch das Recht verbunden sein, nicht zu arbeiten, und zwar, ohne dass der Staat dafür Transferleistungen erbringen muss und dir vorschreibt, auf welchem Niveau du zu leben hast. Zum Beispiel so, dass du dein Interesse an Kunst vergessen kannst, weil kein Geld mehr dafür übrig ist.

Tom: Gedacht ist es so: Wenn jemand so viel erbt wie Armin, muss er, sagen wir mal, ein Drittel abgeben, dann bleibt ihm zum Leben locker genug. Sogar, um so zu leben, wie er es tut. Mit dem abgegebenen Drittel kannst du aber drei oder vier Menschen die Existenz sichern. So wird ein Schuh draus. Vielleicht hätte Armin dann Enno immer noch ein Peugeot 504 Cabriolet aus 1974 von Pininfarina schenken können.

Anni: Das die Schwulenhasser dann abgefackeln. Aber das war ja eine Zeitlang üblich, dass hier jede Nacht vierrädrige Statussymbole brannten. Nun ist dies allerdings kein sinnloser Hass und Vandalismus, das ist Notwehr gegen die grassierende Gentrifizierung.

Tom: Ich hatte wegen meines Dienstwagens damals auch ein mulmiges Gefühl. Aber sie wollten ja keinen Tiefgaragenplatz bezahlen, obwohl ich auf das Problem hingewiesen hatte, ich hätte ihn von meinem Gehalt bezahlen müssen, und das hab ich nicht eingesehen. Also dachte ich, wenn’s passiert, passiert’s.

Anni: Dann kriegst du wieder einen krachneuen Mercedes, schon klar. Aber immer schön aufpassen, dass du keine persönlichen Sachen drin liegen lässt, die wir was wert sind. So, das war das. Dieses Mal sind wir wirklich weit gegangen mit dem freien Assoziieren.

Tom: Aber zum Anregen solcher Diskussionen sind Tatorte doch da. Wir sind im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, und das hat einen Bildungsauftrag. Und wir haben schon häufig festgestellt, dass es in Deutschland kein anderes Format bringt, das gesellschaftliche Themen so vielen Menschen nahebringen kann wie der Tatort.

Anni: Die Schauspieler sind trotzdem überzeugender als der Plot. Und die Dialoge von sehr unterschiedlicher Qualität. Manche Witze sollen so hip sein, dass sie schon wieder lächerlich wirken, dafür sind viele reflexive Passagen gut gestaltet. Schrecklich aber die Titelzuweisung. Du denkst die ganze Zeit, es geht um Armin, Enno, Duran, und dann wird die eifersüchtige Jasna als Trägerin der Amour fou ausgepackt. Das ist Verarsche. Und total unpassend, denn eine Amour fou ist nicht, wenn jemand verrückt vor Eifersucht ist, sondern, wenn eine Liebe gegen alle Konventionen verstößt – oder?

Tom: Ich hab jetzt vorsichtshalber nachgeschaut. Nee, tatsächlich, „rasende, obsessive Liebe“. Stimmt also in diesem Sinn schon. Trotzdem gebe ich dir auch Recht. So obsessiv kam mir das Vehrältnis von Jasna zu Duran bis dahin nicht vor. Das haben sie am Schluss mal schnell hochgezogen und irgendwie verschrägt, um es als „Amour fou“ stempeln zu können. Das ist das Problem mit den Whodunits, wirklich exzessive Charaktere kannst du nicht bringen, sonst ist der Hinweis auf den Täter oder die Täterin zu klar. Ich gebe 8/10. Schon wegen des Tempelhofer Feldes, das mit einem Meer verglichen wird. Und mit dem echten Meer in Bezug gesetzt wird, bei dem Enno geparkt ist. So stylisch!

Anni: Du hast es gehört, das Tempelhofer Feld wird dem Baudruck nicht standhalten. Volksentscheid hin oder her. Kommen Tausende von Gentrifizierern fast vor unsere Haustür. Wirst sehen.

Tom: Dann werden wir vielleicht nachts nicht mehr nur Autos anzünden. Die Tatausführung in „Amour fou“ macht vor, wie man das Problem lösen könnte. Ups, das hab ich jetzt nicht gesagt.

Anni: Spinner. Wenn du mal bei Rot über die Straße gehst, dann nur wg. farbenblindem Versehen. Von mir 7/10. Mit einem halben Punkt für eine der Grandes Dames des Neuen Deutschen Films, Angela Winkler, in einer kurzen Gastrolle.

7,5/10

© 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Nina Rubin Meret Becker Robert Karow Mark Waschke Armin Berlow Jens Harzer Jasna Nemec Lisa Vicari Stipe Rajic Aaron Hilmer Duran Bolic Justus Johanssen Ann-Marie Angela Winkler

Musik: Loy Wesselburg
Kamera: Judith Kaufmann
Buch: Christoph Darnstädt
Regie: Vanessa Jopp

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