Wahre Lügen – Tatort 1080 / Crimetime 205 // #Tatort #TatortWien #Wien #Eisner #Fellner #WahreLügen #Tatort1080

Crimetime 205 - Titelfoto © ORF, Petro Domenigg

„Im Bild: Der Mord an einer Journalistin, die zuletzt an einer Geschichte über illegale Waffengeschäfte gearbeitet hat, bringt die beiden Wiener Sonderermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) nicht nur an seine Grenzen, sondern auch zu einem nicht restlos aufgeklärten Todesfall aus der Vergangenheit.“  (ARD) 

Einen Vorteil gegenüber österreichischen Tatorten haben die deutschen ja schon: Schwache Drehbücher fallen eher auf, weil die Schauspieler es nicht mit Schmäh herausreißen. Politik, Eifersucht, Flug gebucht. Und vielleicht ein Ticket für eine Fortsetzung? Darüber sprechen wir in der -> Rezension.

Handlung

Die beiden Wiener Sonderermittler Moritz Eisner und Bibi Fellner werden zu einem rätselhaften Mordfall ins Salzkammergut gerufen. Im Wolfgangsee wurde eine weibliche Leiche gefunden. Erschossen und in einem Auto versenkt. Die Tote stellt sich als vermisst gemeldete, deutsche Journalistin heraus, die zuletzt an einer Geschichte über illegale Waffengeschäfte gearbeitet hat. Eisners und Fellners Recherchen führen die beiden zur verzweifelten Lebensgefährtin der Toten, zu ihrem Informanten, zu ihrem Chefredakteur und zu einem mysteriösen und auch nach Jahrzehnten noch immer nicht restlos aufgeklärten Todesfall eines ehemaligen österreichischen Ministers.

Schnell fühlt sich nun die Generaldirektion für Innere Sicherheit auf den Plan gerufen, die offenbar an einer Aufarbeitung dieses alten, politisch unbequemen Falles ganz und gar nicht interessiert ist, und übt Druck auf die beiden Kommissare und deren Vorgesetzten Ernst Rauter aus. Eisner und Fellner ermitteln dennoch unbeirrt weiter und stellen rasch fest, dass der historische Kriminalfall und der Mord an der Journalistin tatsächlich etwas miteinander zu tun haben müssen. Als es im Zuge der weiteren Ermittlungen zu einem nächsten, rätselhaften Todesfall kommt, sehen sich Eisner und Fellner vor die schier unlösbare Aufgabe gestellt, den alten, mysteriösen Fall lösen zu müssen, um den Mord an der Journalistin aufklären zu können. Dabei stoßen sie allerdings auf immer größeren Widerstand und schließlich auch an ihre beruflichen und persönlichen Grenzen. 

Am 13. Januar 2018 wird der Wiener Tatort „Wahre Lügen“ erstmals im Fernsehen ausgestrahlt – es ist der 20. Einsatz von Majorin Bibi Fellner, seit 2011 dargestellt von der gebürtigen Griechin Adele Neuhauser. Passenderweise feiert auch die Darstellerin nur wenige Tage später, am 17. Januar nämlich, ein rundes Jubiläum in eigener Sache: Neuhauser wird 60 Jahre alt“. (Tatort Fans) 

Rezension

Wir suchen in Filmen mittlerweile unsere persönlichen Momente. Wenn es einen oder zwei davon gibt, ist das einfach super. Es dürfen auch mehr davon sein. Nicht im Dutzend, sonst kommt man ja emotional nicht mehr zur Ruhe. In „Wahre Lügen“ war es genau einer:  Bibi und Moritz auf der Brücke. So süß. Und vermutlich war das gemeinsame Lachen dann auch echt, nicht gespielt. Die beiden passen einfach wunderbar zusammen.

Doch wie mit dem übrigen Film? Dass sich politische Plots in Eifersuchtsdramen auflösen, ist ja nicht so selten und hat einen gewissen Mimimi-Effekt. Es kommt aber auch immer häufiger vor, dass da sehr wohl was nicht gerade durch den politischen Raum läuft und man am Ende so schlau ist wie zuvor. Oder nur wenig schlauer. Das alles haben wir in „Wahre Lügen“. Erstaunlich, dass ein Fall, in dem das Privatleben der Ermittler kaum eine Rolle spielt, wenn man von Bibis Alkoholismus-Rückfall und ihrer wieder mal ausgeübten Stellung als „Mutter Theresa der Halbwelt“ absieht, ja, verwunderlich, dass die Ermittlungen trotzdem vor allem darauf beruhen, dass immer zur echten Zeit Informanten auftreten oder etwas passiert, das den Fall schon irgendwie voranbringt, ohne dass viel recherchiert oder technisch ausgefuchst wird. Okay, die Flugdaten. Also wirklich. Dass die Sybille nach Wien geflogen war, diese Möglichkeit checkt man doch zuerst, routinemäßig. Und was für ein Glück, dass es den alten Herrn in St. Gilgen am Wolfgangsee gibt, der den beiden Cops aus Wien alles erklärt, was man wissen muss, und genau zur richtigen Zeit. Dann gibt es noch den Chefredakteuer von „Aktuell“, der immer genau so viel preisgibt, wie er muss, bis fast zum Schuss. Da räumt er sich innerlich auf, nachdem die Sache mit den Waffengeschäften eh eine Story zu werden scheint.

Oh ja, im Staatsarchiv forschen Bibi und Moritz auch, aber so richtig viel kommt dabei nicht raus. Hingegen: Wieso legt die anfangs ermordete Sylvie über ihren neuen Lover eine Art Akte an, sodass es wirkt, als sei er in die Waffenschiebereien verstrickt? In Österreich haben sie nur einen Tatort, aber auch für den die super schmissigen und überzeugenden Drehbücher zu schreiben, scheint nicht immer so leicht zu sein. Allerdings könnte es doch zu einer Fortsetzung kommen und die geht dann wirklich tief in den politischen Sumpf hinein. Der ORF ist ja im Andeuten recht offensiv, und die Kurz-Karikatur des Sekretärs Kragl hat schon gepasst, obwohl der bis auf die Frisur anders aussieht und seine etwas seltsame Figur mit dem überlangen und im Verhältnis zum  Kopf überbreiten Hals und den hängenden Schultern dadurch betont wird, dass ihm – sic! – der Kragen vom Hemd nicht richtig sitzt.

Neben vielen Klischees und Manierismen, die sich in diesem Tatort zeigen, stößt vor allem die immer gerne genommen, aber unglaubwürdige Geschichte auf, dass motivisch eh schon überambitionierte Mörderin sich nach der Tat nicht etwa bedeckt hält, sondern sich als Nebenermittlerin betätigt und damit den Polizisten ständig vor die Füße läuft – und einen zweiten Mord begehen will. Am Ende wurde es ein Totschlag, vielleicht auch eine Notwehrsituation, jedenfalls geht es ziemlich drunter und drüber, damit doch eigentlich wenig dabei herauskommt. Durch Netflix-Star Emily Cox wird die eifersüchtige Sybille zwar sehr ansprechend verkörpert, aber dadurch wird ihr Handeln nicht glaubwürdig. Eifersucht gibt es zwar bei allen Formen von Liebesverhältnissen, aber die Gelegenheit, den Wechsel einer bisexuellen Frau von einem lesbischen zu einem Verhältnis mit einem Mann etwas mehr zu thematisieren, hat man ausgelassen.

Klar hätte uns interessiert, wie man eine solche Frau „dreht“, denn jeder Mann hat eine Mission. Scherz, muss auch mal sein. Wir glauben eh, dass es ziemlich viele Menschen gibt, die offen in beide oder mehrere Richtungen sind und das mittlerweile offener leben – können – als früher.

Trotzdem haben sie die 90 Minuten einigermaßen gefüllt, aber es ist eben doch so: Wenn ein Ermittlerduo dermaßen gefällt wie Eisner und Fellner, schaut man schon ihretwegen gerne zu und lässt sich auch mal einen Plot gefallen, der a.) wir schon sehr oft ähnlich gesehen, b.) etwas gedehnt und c.) nicht sehr schlüssig daherkommt. Auch die Waffenschiebereien werden ja nicht wirklich aufgedröselt, man erfährt nur, gemäß mittlerweile etablierter ORF-Tradition, dass die Politik nicht sauber ist. Und dann wechselt jemand vom Staatsschutz / Inland in eine Bank. Ja, alles sehr hintergründig, auch wegen der Kompetenz, die man nicht haben muss, wenn man erst mal zum Klüngel gehört.

Fazit

Wir finden, es sollte eine Fortsetzung geben, in der dann richtig auf den Putz gehauen wird. Wenn man nämlich die Großkopferten so aufmischt, wie Moritz Eisner es sich wünscht, werden sich Ähnlichkeiten mit realen Personen kaum vermeiden lassen, zumal es den Fall Karl Lütgendorf – Mord oder Selbstmord? – wirklich gab und auch der Todeszeitpunkt wird im Film richtig angegeben. Damit gibt es auch in 2018 noch ein Echo auf die größte öterreichische Nachkriegs-Affäre, den „Fall Lucona“, der sich 1977 ereignete und außerdem:

„Wegen des Verdachts, in illegale Waffengeschäfte verwickelt zu sein, bot der Minister am 31. Mai 1977 dem damaligen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger seinen Rücktritt an.“ (Wikipedia)

Schade, dass man daraus in „Wahre Lügen“ so wenig gemacht hat. Aber da am Ende ja noch ein Todesfall, der dritte in „Wahre Lügen“, übrig ist, der unbedingt aufgeklärt werden sollte – Butter bei die Fisch und eine Fortsetzung gedreht! Die Österreicher_innen unter den Tatortzusehern haben sicher nochmal einen anderen Bezug zur Handlung, zumindest die älteren unter ihnen, ähnlich wie wir in dem Kiel-Tatort, der die Barschel-Affäre noch einmal aufgerufen hat.

Schön war übrigens die Musikauswahl. Auch eine Tatort-Tendenz, trotz –  zumindest in Deutschland – eingefrorener Budgets, dass man bereit ist, da etwas mehr zu investieren, zum Beispiel in Lizenzgebühren. Stimmung ersetzt Action, die mittlerweile kaum noch bezahlbar ist.

6,5/10

Aus der Vorschau

Für Moritz Eisner und Harald Krassnitzer ist es aber schon der 44. Fall, das heißt, er hat immer noch mehr allein-Tatort als solche mit Fellner / Neuhauser gedreht. Nach den Kölnern nun also die Wiener. Wieso vergessen wir die immer, wenn es um die „Unersetzlichen“ geht? Vielleicht, weil wir für wirklich unersetzlich nur Schenk und Ballauf halten. Das ist sicher eine Marotte, aber was kann man dagegen tun? So schlimm ist sie wieder nicht, dass wir sie für behandlungsbedürftig halten. Aber gleich nach den Köllnern, unter denen, die wir ganz ungern verlieren würden, finden sich neben den Münchenern Batic und Leitmayr und dem Kieler Kommissar Borowski auch Bibi und Moritz. Vielleicht trauen wir den Österreichern auch eher zu, sie adäquat  zu ersetzen, deutsche Schauspieler ersten Ranges findet man kaum, um 20 Tatortstädte zu besetzen, wofür ja heute etwa 80 Personen notwendig sind, die wichtige Rollen haben. Der ORF aber hat nur einen Tatort und es gibt so viele gute Darsteller in Österreich.

Jetzt noch etwas in eigener Sache: Mit der Rezension zu diesem Tatort, die in den Tagen nach der Ausstrahlung folgen wird, ändert sich etwas in unserer Beitragskategorie „Crimetime“. Um den Schnitt von einer Rezension pro Tag zu  halten, hat es bisher ausgereicht, alle Tatorte, die Premiere feiern und alle, die wiederholt haben, hier mit einem Artikel zu besprechen. Da aber immer häufiger nun Wiederholungen von Filmen kommen, die wir bereits hier vorgestellt haben, verhindern wir das dadurch bedingte Nachlassen des Veröffentlichungstempos in einem ersten Schritt so: Wir stellen jeder Rezension zu einer Premiere eine Rezension zu einem älteren Film des Teams bei, der aber nicht zwangsläufig in den nächsten Tagen wiederholt wird. Im zweiten Schritt werden wir dann zu Standorten und Sendern übergehen, die übereinstimmen sollten, weil wir sonst nicht in den Bereich der alten Tatorte mit nicht mehr aktiven Teams kommen.

Playlist

Titel Komponist Interpret
So What Miles Davis Miles Davis
16th Street Blues Karl Ratzer Karl Ratzer
Züri Tosca Tosca
Piano Sonate No.3 K281 W.A.Mozart Alfred Brendel
The Astounding Eyes of Rita Anouar Brahem Anouar Brahem

Besetzung und Stab

Oberstleutnant Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Majorin Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Oberst Ernst Rauter – Hubert Kramar
Gerichtsmediziner Werner Kreindl – Günter Franzmeier
Dr. Maria Digruber, Generaldirektion – Franziska Hackl
ihr Sekretär Lukas Kragl – Sebastian Wendelin
Journalistin Sylvie Wolter – Susanne Gschwendtner
ihre Freundin Sybille Wildering – Emily Cox
Arbeitgeber von Wolter, Chefredakteur – Alexander Absenger
David Weimann, Geschäftsführer – Robert Hunger-Bühler
Politiker Lütgendorf – Peter Appiano
Hans-Werner Kirchweger – Peter Matić
Ausbilderin in der Polizei-Schussstätte – Madallena Hirschal
u.a.

Regie – Thomas Roth
Kamera – Arthur Ahrweiler
Schnitt – Cordula Werner
Szenenbild – Florian Reichmann
Musik – Lothar Scherpe

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