Fähre nach Hongkong (Ferry to Hong Kong, GB 1959) #Filmfest 17

Filmfest 17

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

 Wir haben, um den französischen Autorenfilm erst einmal zu verlassen, „Katja, die ungekrönte Kaiserin“ aus 1959 gewählt, weil hier neben Romy Schneider, die wir zuvor mit Claude Sautet besprochen haben, die zweite Hauptrolle von Curd Jürgens gespielt wird. Manchmal ist der Filmreigen nicht so einfach, der immer Filme aufeinander folgen lassen soll, die etwas Wichtiges verbindet.

Aber von „Katja“ zu „Ferry to Hong Kong“ war nur ein kurzer Schritt, weil der Film im selben Jahr entstand und zeigt, dass Curd Jürgens damals tatsächlich ein internationaler Star war. Der französischen Prodkuktion folgt eine englische und – Jürgens hat mit Orson Welles gespielt, ein Jahr nach Welles‘ berühmten Auftritt in „The Touch of Evil“. Aber ist wegen dieser Starbesetzung „Fähre nach Hongkong“ auch ein bemerkenswerter Film?

Orson Welles macht Faxen und Curd Jürgens treibt umher

„Dass die Sender der ARD, sogar der Hauptkanal, diesen Film so häufig ausstrahlen, gehört zu den Geheimnissen des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens, die wir nicht verstehen müssen, gibt es doch eine Menge Sehenswertes, das der Gebühren wert ist.“ So leiteten wir im Januar 2013 die Rezension ein, auf der wir hier aufbauen. Mittlerweile schauen wir speziell nach den Regisseuren und Lewis Gilbert ist uns bekannt wegen „The Admirable Crichton“, den wir vor vielen Jahren sehr lustig fanden, aber seitdem nicht mehr gesehen haben – und wegen seiner James-Bond-Arbeiten. „Man lebt nur zweimal“, „Der Spion, der mich liebte“ und „Moonraker“ wurden von ihm inszeniert. Ersterer zählt zu unseren Lieblings-Bonds, die beiden halten wir immerhin für annehmbar.  

Handlung (Wikipedia)

Der Deutsche Mark Conrad treibt sich in einer Bar in Hongkong herum und verwickelt sich in eine Schlägerei. Daraufhin wird er ausgewiesen und muss mit einer Fähre nach Macau fahren. Der Kapitän, Captain Hart, nimmt ihn nur widerwillig auf, da Conrads äußeres Erscheinungsbild nicht seinen Wünschen entspricht. Obwohl Hart ihn unter Deck verbannt, freundet Conrad sich spontan mit einer Gruppe chinesischer Kinder sowie mit dem Maschinisten Joe Skinner an. In Macao wird ihm trotz gültigen Visums die Einreise verweigert, er muss wieder zurück nach Hongkong fahren. Nachdem er auch dort nicht mehr an Land gehen darf, ist er dazu verdammt, für unbestimmte Zeit auf der Fähre zu pendeln. Der Kapitän ist darüber erbost und fordert Conrad zu einem entscheidenden Kartenspiel auf. Conrad gewinnt, weil Hart versucht hat zu betrügen, und so darf er an Deck bleiben. (…)

Rezension

Wer den großen Orson Welles  als affektierten Kapitän einer uralten Fähre sehen möchte, die zwischen Hongkong und Macao verkehrt, ist hier richtig. Irgendwie erinnert der Raddampfer, der am Ende den Geist aufgibt, fatal an Welles selbst. Pompös steuert der Kinogigant dieses kleine Schiff, als sei es ein Ozeandampfer, der ums Blaue Band kämpft. Ende der 50er nahm er solche Rollen an, um Geld für seine eigenen Filmprojekte aufzutreiben, die dann selten zur Ausführung kamen. Immerhin, sein letztes Meisterwerk „Touch of Evil“, in dem er auf beeindruckende Weise eine manipulative und korrupte Polizistenfigur an der amerikanisch-mexikanischen Grenze spielt, lag gerade ein Jahr zurück.

Welles ist nun einmal kein Komiker und macht sich höchstens selbst zur komischen Figur, mit seinem Overacting in „Ferry to Hong Kong“. Dieser aufgedunsene Typ verletzt sich im Lauf des Films und kommt ähnlich daher wie das Wrack, das sein Schiff wenig später darstellt. Dass er am Ende doch seine Ängste überwindet und tatkräftig hilft, das Schicksal der Passagiere und der Besatzung in die Hand zu nehmen, als die nach einem Sturm dahintreibende Fähre Opfer von Piraten im südchinesischen Meer wird, hat auch schon wieder Symbolcharakter – wie ramponiert er auch immer ausschaut und wohl auch innerlich ist, er ist ein Stehaufmännchen.

Seine Rolle aber hätte z. B. einem Robert Morley wesentlich besser gestanden. Dieser hatte das Augenrollen auch drauf, hatte auch die passende, mächtige Statur, aber er war ein Erzkommödiant und hätte diesem Captain Hart genau den humorigen Touch von cooler und arroganter Britishness verliehen, den der Amerikaner und im wuchtigen Drama verortete Orson Welles nicht hinbekommt.

Dieser große Künstler steht zudem nur an zweiter Stelle der Besetzungsliste von „Ferry to Hong Kong“, der Star ist ein Herumtreiber, der weder in Hongkong noch in Macau erwünscht ist. Es kommt dazu, dass er an Bord der „Fa Tsan“, der „fetten Annie“, zwischen den beiden Städten hin- und herfährt, weil die Obrigkeit ihn auf beiden Seiten nicht von Bord gehen lässt. Als er sich im Sturm und gegen die Piraten bewährt, nimmt die Sache ein landseitiges Ende. Es lässt sich denken, dass der Schiffskapitän und der Vagabund einander nicht mögen.

Der Drifter wird gespielt von niemand Geringerem als Curd Jürgens und der macht das Beste aus seiner Rolle. Er kann Orson Welles‘ massige und kuriose Präsenz nicht ausstechen, aber er nimmt diese wirklich dreckige Rolle an mit dem professionellen Gleichmut eines Schauspielers, der zu den meistgebuchten seiner Zeit gehörte und dabei in Filmen ganz unterschiedlicher Qualität mitwirkte. „Fähre nach Hongkong“ gehört eindeutig nicht zu den herausragenden Werken mit Curd Jürgens, der unter anderem „Des Teufels General“ oder der böse „Karl Stromberg“ in „Der Spion, der mich liebte“ war (jetzt wissen wir auch wo das namentliche Vorbild der fiesen Büro-Serienfigur „Stromberg“ zu finden ist). Beim Dreh dieses Films trafen Regisseur Lewis Gilbert und Curd Jürgens wieder zusammen.

Auch Regisseur Lewis Gilbert hat bessere Sachen hinbekommen als „Fähre nach Hong Kong“ – unter anderem den oben erwähnten James Bond-Film mit Roger Moore in der Titelrolle und zwei weitere (den Nachfolger „Moonraker“ und „You Only Live Twice“ mit Sean Connery.  

Die Spannung zwischen den beiden Stars wirkt nicht so flirrend, wie es möglich gewesen wäre, hätte die Regie mehr Sinn dafür gehabt, das Dramatische (alternativ: das Komische) auszuspielen, anstatt im Genre-Niemandsland zu verharren. Für einen Abenteuerfilm passiert zu wenig, für eine Charakterstudie sind die Charaktere zu einseitig gezeichnet. So haben Kapitän Hart und Mark Conrad (Jürgens) jeweils eine dunkle Vergangenheit, die es wert gewesen wäre, mehr ausgeleuchtet zu werden. Man erfährt lediglich, dass Hart selbst mal Pirat war, das zeigt sich in der Konfrontation mit den Seeräubern – und dass Conrad Deutscher mit Briten in der Ahnenreihe ist und irgendwann aus irgendwelchen Gründen den Boden unter den Füßen verloren hat. Man darf annehmen, es hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, ist aber doch zu sehr interpretationsfähig. Ein Deutscher als eine so lässig-verlotterte Figur, das war 1959 wohl ungewöhnlich genug.  

Dass die Charaktere nicht besser gezeichnet sind, ist umso weniger verständlich, als genug Zeit dazu vorhanden gewesen wäre. In der ersten Hälfte des Films passiert im Wesentlichen nichts anderes, als dass Conrad und Hart auf der Fähre miteinander kabbeln, dass Conrad die hübsche Lehrerin Liz (Sylvia Sims) kennenlernt und einige alte Männer mit einem Sarg an Bord kommen. Behördenprobleme gibt es auch noch, aber wer in Berlin wohnt, findet diese etwas bornierten, pflichtsturen und nicht an menschlichen Schicksalen interessierten Polizisten in Hong Kong und Macau harmlos. Den vorausgehenden Satz haben wir mal aus 2013 unverändert übernommen, obwohl er uns erstmal einen Überraschungslacher abgenötigt hat. Vermutlich hatten wir da gerade wieder eine Strafanzeige aufgegeben, die keine Ermittlungen nach sich zog.

Erst als die „Fa Tsan“ in einen Sturm gerät, bricht dieser plötzlich auch plotseitig los, nachdem die Handlung zuvor in ebenso ruhiger See gedümpelt ist wie dieses betagte Schiff. Eine ordnende Hand, welche dafür sorgt, dass die Spannung langsam ansteigt, vermisst man hingegen, alles wirkt ein wenig roh hintereinander weg gefilmt.

Die schönste Figur im Film ist übrigens der Schiffsingenieur Joe Skinner, gespielt von Noel Purcell – dieser rüstige Mann, den man mindestens dem Rentnerdasein nah vermutet, hat nicht nur eine Familien in Hong Kong und eine in Macau (mit je fünf Kindern), er sorgt auch für die besseren Sprüche in diesem dialogseitig nicht furchtbaren, aber auch nicht herausragenden Film.

Die Einzelelemente finden nicht zu einem gelungenen Ganzen zusammen, die Chemie stimmt nicht. Das ist wirklich schade, denn mit Jürgens und Welles oder Jürgens und einem anderen Kapitänsdarsteller hätte ein Topregisseur sicher einen formidablen Abenteuerfilm hinbekommen. Wenigstens so etwas wie „Michael Strogoff“, den Jürgens drei Jahre vorher unter der Regie von Carmine Gallone gedreht hat (2). Die Blendungsszene in „Michail Strogoff“ gehört zu den prägenden Fernseherlebnissen unserer Jugend.

Ein Jahr nach der Begebenheit in Hongkong hat Lewis Gilbert „Sink the Bismarck!“ gedreht, der andere Töne anschlägt – um Gut und Böse klar unterscheiden zu können, negiert der Film historische Fakten bzw. nimmt sie nicht zur Kenntnis. Es gleicht sich nicht alles, aber doch Vieles aus, im Lauf von langen Karrieren. 

Fazit:

Man muss sich „Fähre nach Hong Kong“ nicht anschauen, wenn man nicht ein Sammler von allem sind, was Orson Welles oder Curd Jürgens gemacht haben oder mal ein paar schöne Bilder von Hong Kong sehen wollen, wie es Ende der 50er war (gefilmt wurde immerhin komplett on location und es gibt tatsächlich gute Aufnahmen von der Stadt). Wir haben uns als Filmscouts aufs Sofa gesetzt und empfehlen den Film für Leute mit knapp bemessenem Zeitbudget nicht. Interessant ist, dass – auf schmaler Datenbasis, aber doch auffällig – Frauen auf der IMDb den Film wesentlich höher bewertet haben als Männer. Man darf unter anderem vermuten, dass Männer sich mit den männlichen Hauptdarstellern nicht bestens identifizieren können.

Technisch ist der Film in der gesehenen Version gut in Form, mit 2,35:1-Cinemascope, satten Farben im Stil der Zeit und einem schon recht klaren Ton – bei allerdings hörbarem Knacken und Knistern der Spur.

55/100

„Fähre nach Hongkong“ in der Wikipedia und der IMDb.

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Lewis Gilbert
Drehbuch Lewis Gilbert,
Vernon Harris,
John Mortimer
Produktion George Maynard
Musik Kenneth V. Jones,
Paddy Roberts,
Robert Sharples
Kamera Otto Heller
Schnitt Peter R. Hunt
Besetzung

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