Einmal wirklich sterben – Tatort 965 / Crimetime 208 // #Tatort #TatortMünchen #München #BR #Batic #Leitmayr #Tatort965

Crimetime 208 - Titelfoto © BR, Bernd Schuller

Wessen Trauma?

Ein Mann erschießt seine Frau. Seinen Sohn. Versucht, sich selbst zu töten, bemerkt dann aber, dass er die Tochter vergessen hat umzubringen. Sie erscheint und er sagt: Lauf, Schneeflöckchen! So läuft oder schleicht sie 14 Jahre lang mit einem schweren Trauma durch die Welt. Und wieder fallen Schüsse, und wieder entsteht ein Trauma.

Bereits der Titel hat uns aufmerksam gemacht: „Einmal richtig sterben“. Klingt doch irgendwie nach „Nie wieder frei sein“, oder? In der Tat, das Drehbuch wurde von Dinah Marte Golch mitverfasst,“Nie wieder frei sei geschrieben hat, der als einer der Höhepunkte der Tatort-Reihe gilt und mehrfach preisgekrönt wurde. Die damalige Anwältin Regina Zimmer heißt nun Christine Lerch und ist als Polizeipsychologin tätig. Ein verdienter Aufstieg für eine taffe Person, die mittlerweile auch dem Ivo und dem Franz mal auf die Finger hauen darf, um ihre wohlverdiente Allein-Pizza vor den Kollegen zu bewahren. Polizisten müssen eben zugreifen, das haben sie so gelernt, aber man kann auch an durch hartes Training eingeübten Mustern arbeiten und sie ausdifferenzieren. Wie das geht, steht leider nicht in der -> Rezension, dafür aber einiges über den Tatort „Einmal wirklich sterben“.

Handlung

In einem Einfamilienhaus in München finden die Kommissare Batic und Leitmayr die Leiche von Michaela Danzer und den lebensgefährlich angeschossenen Daniel Ruppert. Der sechsjährige Sohn der Toten ist verschwunden und wird noch in der Tatnacht völlig verstört vor einem Krankenhaus aufgefunden. Der Junge ist anscheinend ein wichtiger Zeuge, doch er spricht kein Wort. Hat er den Täter gesehen? Bevor die Kommissare auf diese Frage eine Antwort erhalten, verschwindet Quirin aus der Klinik. Der Verdacht, ihn entführt zu haben, fällt zunächst auf seinen leiblichen Vater.

Während der Notoperation an dem überlebenden Opfer Daniel Ruppert entdecken die Ärzte die Narbe einer alten Schussverletzung. Die Narbe führt Batic und Leitmayr auf die Spur eines Verbrechens, dem vor 15 Jahren in Augsburg fast eine ganze Familie zum Opfer fiel. Was dort geschah, scheint sich heute auf tragische Weise wiederholt zu haben. Damals gab es eine Überlebende: Ella, die siebenjährige Tochter von Daniel Ruppert. Dass der Täter von damals das Opfer von heute ist, bereitet Batic und Leitmayr einiges Kopfzerbrechen, zumal sich Ellas Spur einige Jahre nach der Tragödie in Augsburg im Nichts verliert. Hat sie sich 15 Jahre später an ihrem Vater gerächt? Oder ist das Verbrechen doch eine Eifersuchtstat des Noch-Ehemanns der Toten, der um das Sorgerecht für Quirin kämpft?

Die Suche nach Ella führt die Ermittler in den Münchner Zoo, wo sie als Tierpflegerin bei den Elefanten arbeitet. Es sieht so aus, als habe Ella (die sich jetzt Emma nennt) den Jungen bei sich, doch aus dem Arbeitscontainer, wo sie sich offenbar mit ihm versteckt hielt, ist sie verschwunden. Auch die Trainerin Lissy, die Ella aus ihren Selbstverteidigungskursen kennt, hilft den Ermittlern nicht weiter. Was hat die junge Frau, die immer noch mit dem Trauma ihrer Kindheit kämpft, mit Quirin vor? Fallanalytikerin Christine Lerch befürchtet, dass Ella unter Tablettenentzug immer weiter in ihr altes Trauma zurückgleitet und zwischen dem Heute und dem Gestern gar nicht mehr unterscheiden kann. Welche Gefahr droht dem Jungen?

Als Batic und Leitmayr über Lissy schließlich doch herausfinden, wo die beiden sind, sehen sie nur ein leeres Ruderboot auf dem See. Am Steg dümpelt der Stoffelefant von Quirin im Wasser. Hat Ella die Rache weiter getrieben, nachdem ihr Vater überlebt hat? Oder ist sie am Ende gar nicht die Täterin? Wer hat geschossen? Wo liegt die Schuld? Und kann das Leben von Ella und Quirin gerettet werden? 

Rezension

Trotz einiger Darsteller, die in beiden Filmen mitmachen, ist „Einmal wirklich sterben“ recht viel anders als „Nie wieder frei sein“. Psychodrama, Schuldfragen, ja. Aber eine viel intimere Herangehensweise, der Film schlüpft im Verlauf immer mehr in die Perspektive der traumatisierten Emma Meyer und – dann ist sie doch nicht die Täterin. Ab hier also Infos zur Auflösung. Es ist eben nicht ihr Trauma, das sie dazu zwingt, innerhalb der Familie das zu wiederholen, was sie bei ihrem Vater einst, als Sechsjährige, erlebt hat. Der Knaller des Films ist das Ende. Vielleicht hätten wir ahnen können, wer geschossen hat, wenn wir scharf nachgedacht hätten, doch wir ließen uns von einem trägen Handlungsstrom dahintreiben, ohne gewollte Distanz, bis zum überraschenden Ende ohne wirkliche Teilnahme. Und immer ruft etwas in uns: Es ist in uns! Es hat nicht mit dem Film zu tun, nur mit uns, uns! Dass wir so unbeteiligt blieben, bis endlich die wehrhafte Katze aus dem Sack gelassen wurde. Außerdem hatten wir gestern „M“ gesehen und rezensiert, und die emotionale Fallhöhe von einem Film wie diesen zu einem Tatort ist eben riesig. Immer diese Rechtfertigungen. Nein, es liegt doch am 965. Tatort selbst. Basta.

Bewusst um Zurückaltung bemüht, lässt der Film die Intensität vermissen, die einige Tatorte des 2. Halbjahres 2015 auszeichnete, außerdem zwingt er uns kaum zur Stellungnahme, anders als die politisch orientierten Fälle, die uns in den Herbst begleitet haben. Dafür ist Vieles nebulös und bleibt es bis zum Schluss. Mit den Zebras geht’s schon los. Bis zum Ende wird aber auch gar nichts angedeutet, warum die Zebras so wichtig sind. Da sie auch in den Szenen, die real im Zoo Hellabrunn spielen, nicht vorkommen – im Gegensatz zu den Elefanten – kann es nur eine Erklärung geben. Sie sind Träume und in Träumen treten sie auf als schamanische Krafttiere, die für Polarität, Dualität in uns stehen, für schroffe Gegensätze und deren mögliche Auflösung und Harmonisierung. Sicher sind Zebras, wenn diese Deutungen denn ernst zu  nehmen sind, häufig in den Träumen von Menschen mit posttraumatischen Störungen zugange. Man beachte auch, wann die Zebras zuletzt vorkommen: Als sich, was wir alle glauben müssen, wendet, auflöst, uns eine neue Sichtweise aufgezwungen wird. Die von Emma als einem Opfer der besonderen Art.

Anfällig für Manipulationen durch ihr Trauma. Schutzsuchend bei einer starken Frau. Einer vermeintlich starken Frau, die ihrerseits leider in ein Klischee gesteckt wird. Selbstverteidigungs-Trainerin, Lesbierin, also mit einem eigenen Trauma belastet, das sie dazu zwingt, am Ende zu schießen. Nicht nur auf den Mann, der das Trauma von Emma, ihrer Geliebten verursacht hat, sondern sogar auf dessen unbeteiligte Frau. Reflexartig, mag sein. Aber sie tötet. Und das Kraftpaket, das wir im Trainingszentrum kennenlernen, wirkt im weißgrellen Licht des Verhörraums und vor Ivo und Franz wie ein Häuflein Mensch, das sich aufzulösen beginnt – oder, farblich, wie eine Made, die sich windet, und doch weiß, dass sie aufgespießt wird von der Wahrheit. Da gibt es wahrlich keine Entrinnen vor dem Trauma.

Blöd nur, dass die Person aber so gar keinen Hintergrund erhält. Einen Hint auf ihre Involvierung gibt es früh: Die Szene, in der sie von Franz in ihrer Aggression gestoppt wird und wie sie blitzschnell so tun kann, als simuliere sie nur den Unterschied zwischen der normalen Selbstverteidigung einer ihrerseits angegriffenen Person und der Passivität von Emma. Das ist alles ganz schön tricky, aber es verpufft weitgehend. Das tut es, weil die Dramaturgie des Films uns nicht einstimmt auf die wichtigen Szenen und Personen. Nur in Moll zu filmen, reicht nicht, um das Drama für uns spürbar, uns näher an die Figuren treten zu lassen. Da muss etwas an den Figuren sein, das unser Mitgefühl weckt. Mag sein, dass es Zuschauer gibt, die über einen Umweg der Abstraktion ins Geschehen finden können oder die sich einfach vorstellen, dies alles ereignete sich in ihrer eigenen Familie. Die wirklichen Familientrauma sind aber meist etwas subtiler, und zwischen den zu simplen Motiven und den fehlenden Differenzierungen verfängt sich dieser Tatort. Der Sinn ist klar, nämlich das, was uns am Ende erwartet, als Aha-Erlebnis zu präsentieren. Das war es auch, und das halten wir dem Film zugute. Deswegen ist es aber noch kein guter Film.

Kinder ziehen normalerweise immer, wieso hier nicht? Einige Probleme resultieren sicher aus der arg zurückgenommenen Spielweise aller Beteiligten. Dass dies so gewollt war, glauben wir gern, aber dadurch wirkt vieles hölzern. Die Dialoge sind mit die schlechtesten, die wir bisher in einem Münchener Tatort präsentiert bekamen. Manchmal gibt es Höhen und Tiefen, manchmal wirken aufeinanderfolgende Sätze sinnfrei oder verschoben, aber hier wird zu wenig gezeigt, und dies korrespondiert mit der erwähnten Langsamkeit des Films auf eine Weise, durch die nicht das Familiendrama an die Nieren geht, sondern die Nerven strapaziert werden.

Fazit

Wie sich posttraumatische Belastungsstörungen auswirken, das ist ein interessantes Forschungsfeld, auch für die Tatort-Reihe. Warum sollten daraus nicht Verhaltensweisen erwachsen, die in die nächste Katastrophe führen? Dazu hätten wir uns aber ausnahmsweise mehr Instruktion gewünscht. Ansatzweise gibt es die „talking Heads“ in Person der Krankenhauspsychologin und von Frau Lerch, aber am Ende geht ohnehin alles ins Leere, weil die Täterin gar nicht analysiert wird. Dass der kleine Quirin in seinem zurückgezogenen Modus verbleibt, wo doch Trauma-Therapie normalerweise auf Jahre angelegt ist, fanden wir okay.

Nicht aber, dass er so locker aus dem Krankenhaus entführt werden kann. Wo war der Personenschutz? Dieses Mal hat man ihn gar nicht erst gezeigt. Und Franz und Ivo verpassen fast sämtliche modernen Möglichkeiten der Ermittlung – besonders, als es um Emma geht. Auch wenn das zu ihrer zeitweiligen Schnarchigkeit, die sie dieses Mal an den Tag legen, passt. Und leider ist es nun doch so, dass Banalitäten wie die gefühlt hundertste, dieses Mal besonders nonchalant gezeigte Entführung eines Menschen aus dem Krankenhaus trotz Personenschutz nervt. Auf einer ganz spießigen, banalen, an vernünftigen Krimiplots orientierten Ebene nervt. Mit jedem solchen Fall wird’s nerviger. Und das belegen wir jetzt endlich mal mit Sonder-Abzug. Basta.

Unsere Wertung: 6/10

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Assistent Kalli Hammermann – Ferdinand Hofer
Christine Lerch – Lisa Wagner
Emma Meyer – Anna Drexler
Bernhard Helmbrecht – Simon Schwarz
Quirin – Florian Mathis
Lissy – Andrea Wenzl
Gruber, Zoodirektor – Adnan Maral
Daniel Ruppert – Harald Windisch
Clara Ruppert – Nikola Norgauer
Johanna Wallner – Ulrike Arnold
Xaver Busch – Klaus-Dieter Pohl
Dennis Dworak – Martin Laue
Dr. Steinbrecher – Robert Joseph Bartl
Dr. Strasser – Sarah-Lavinia Schmidbauer
Pförtner – Christian Buse

Drehbuch – Claus Cornelius Fischer, Dinah Marte Golch
Regie – Markus Imboden
Kamera – Martin Farkas
Musik – Martin Probst

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

Gentrification Blog

Nachrichten zur Stärkung von Stadtteilmobilisierungen und Mieter/innenkämpfen

- Sascha Iwanows Welt -

Wir können die Gegenwart nur verstehen, wenn wir die Vergangenheit studiert haben, die in einer Klassengesellschaft vorhandenen Gesetzmäßigkeiten kennen und unser Handeln darauf ausrichten. Um die Zukunft gestalten zu können, muss man also die Vergangenheit und die Gegenwart kennen!

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

%d Bloggern gefällt das: