Am Ende geht man nackt – Tatort 1018 / Crimetime 215 // #Tatort #TatortNürnberg #Nürnberg #Voss #Ringelhahn #BR #Tatort1018 #nackt #AmEndegehtmannackt

Crimetime 215 - Titelfoto © BR / Ratpack Filmproduktion GmbH, Bernd Schuller

Am Ende geht man nackt und das macht uns doch zu Brüdern (und Schwestern). Fragezeichen.

Nach einiger Zeit, in der das deutsche Premium-Krimiformat sich anderen Themen wie der Cyberkriminalität gewidmet hat, geht es wieder um Geflüchtete. Doch können diejenigen, auf die Brandanschläge verübt werden, der Brennstoff einer zunehmend gewalttätigen Zeit sein? Das klären wir in der -> Rezension.

Wie es uns ergangen ist, beschreiben wir in der -> Rezension.

Handlung 

Während Paula Ringelhahn mit Wanda Goldwasser und Sebastian Fleischer nach einem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Bamberg die Ermittlungen aufnimmt, ist Felix Voss noch auf dem Rückflug aus dem Kaukasus. Dass ihn am Tatort niemand kennt, bringt ihn auf die Idee, dort verdeckt zu ermitteln. Als tschetschenischer Flüchtling versucht er, in der Unterkunft Verbindungen aufzubauen.

Es besteht der Verdacht, dass jemand das Opfer Neyla Mafany an der Flucht aus der brennenden Küche gehindert hat. Vorsichtig nähert sich Voss Said Gashi, der unter den Flüchtlingen das Sagen hat. Mit dem jungen Syrer Basem verbindet ihn bald mehr: Basem vertraut ihm und weiß nicht, dass Felix nicht der ist, der er vorgibt zu sein. Ein Fall über das Fremdsein und den tiefen Wunsch nach Sicherheit im Leben.  

Rezension / Anni und Tom diskutieren über „Am Ende geht man nackt“ 

Anni: Zumindest am Ende dieses Tatorts war niemand nackt. Aber es gab noch einen erschütternden Tod. Nach dem Tod der Journalistin aus Afrika, der ja die ungewollte Todesfolge einer Brandstiftung war.

Tom: Ich weiß nicht, ob die physikalischen Erklärungen so stimmen, zum Beispiel bezüglich von Türriegeln, die sich ab einer bestimmten, nicht sehr hohen Umgebungshitze nicht mehr öffnen lassen, aber auf die Ermittlungen kam es trotz des häufigen Einsatzes von KT-ler Schatz kaum an. Und am Ende wird auch klar, warum. Es ist egal, solange Paula Ringelhahn behaupten kann, sie kriegt den Drahtzieher, der ihr aber ungeniert sagt, das kann sie knicken und muss eher aufpassen, dass sie nicht versetzt wird. Dem Fan des klassischen Krimis, in dem am Ende die Ordnung wiederhergestellt sein muss, wird übel.

Anni: Zumindest am Ende dieses Tatorts war niemand nackt. Aber es gab noch einen erschütternden Tod. Nach dem Tod der Journalistin aus Afrika, der ja die ungewollte Todesfolge einer Brandstiftung war.

Tom: Ich weiß nicht, ob die physikalischen Erklärungen so stimmen, zum Beispiel bezüglich von Türriegeln, die sich ab einer bestimmten, nicht sehr hohen Umgebungshitze nicht mehr öffnen lassen, aber auf die Ermittlungen kam es trotz des häufigen Einsatzes von KT-ler Schatz kaum an. Und am Ende wird auch klar, warum. Es ist egal, solange Paula Ringelhahn behaupten kann, sie kriegt den Drahtzieher, der ihr aber ungeniert sagt, das kann sie knicken und muss eher aufpassen, dass sie nicht versetzt wird. Dem Fan des klassischen Krimis, in dem am Ende die Ordnung wiederhergestellt sein muss, wird übel.

Anni: Das Bad ist ja nicht weit. Ich hab lange gebraucht, um mich mit Paula anzufreunden. Die kann man als sachlich bezeichnen, aber auch als äußerst spröde. Ja, dadurch liegt mehr Gewicht auf dem Thema, es gibt keinen privaten Fez seitens der Ermittler und auch die Ermittlungen selbst, da hast du Recht, nehmen nicht einen allzu großen Raum ein. Praktischerweise hat der Brandstifter ja keinerlei Problem damit, seine Tat zuzugeben, ex Absicht Tötung von irgendwem. Aber er verpfeift seinen Auftraggeber nicht. Klar. Diese gemütliche fränkische …

Tom: Scht, nicht verraten.

Anni: … Dingsbums-Sau. Sorry.

Tom: Der Kollege Voss ist dafür doch sehr nett, wie man sich einen jungen, engagierten Polizisten vorstellt, der noch nicht von zu viel Alltag – sorry – verbrannt ist. Aber der Gag mit der Möglicherweise-Eselssalami ist auch mal irgendwann aufgebraucht und dem prototypischen Biodeutschen einen Backgrund als Achtel-Tschetschene zu geben, ist krass. Armer Fabian Hinrichs, aber er hat das, wenn schon nicht überzeugend, so eben doch – sic! – sympathisch rübergebracht. Aber ich fand den Film anfangs auch sehr trocken, nicht nur wegen Paulas Art. Und wieso liegt von Deutschland aus Tschetschenien links und Syrien rechts? Grundkurs Geografie? Oder ist Rechts in manchen Kulturen das bessere Links? Dann müsste das aber mal dem Publikum erklärt werden,

Anni: Du hast schon gemerkt, dass das einer der wenigen Gags war, weil die beiden, die sich da unterhielten, einander gegenüber gestanden haben?

Tom: Ach was? Aber ein Thesen-Tatort, wie oft in Köln, aber nicht wie am Rhein zwischen den Ermittlern dialektisch ausdiskutiert, sondern anhand verschiedener Menschen gezeigt. Der gute Geflüchtete, der unbegleitete Minderjährige, der von der Verwaltung schlicht vergessene Dauergeduldete, der Zapzarapp-Scheinflüchtling, der gute deutsche Heimleiter, der böse deutsche Maurerpolier, und erst die Dingsbums-Sau, dafür der adoptionsbereite Voss und Ringelhahn beinahe im Inga-Lürsen-Dozentenstil pro PoC.

Anni: Im Vergleich zu Ringelhahn ist Lürsen Agitprop. Aber die Szene mit dem Polier im Verhör war wirklich strange. Damit tun wir uns als diejenigen, die sich für die Guten halten, keinen Gefallen. Ich meine, wie kannst du jemandem sagen, der ernsthaft glaubt, er sei durch die Flüchtlinge um seinen Job gebracht worden, wie kannst du dem sagen, das glauben Sie doch selbst nicht? Wenn man die Leute auf die Weise behandelt, radikalisieren sie sich doch immer mehr.

Tom: Vielleicht sollte man bei Beamten einführen, dass sie bei allzu viel hohlem Geschwätz von oben herab ihren ansonsten mega-sicheren Job doch verlieren könnten. Das ist aber auch die Gefahr, wenn Drehbuchautoren meinen, sie könnten sie soziale Wirklichkeit kategorisieren. Dabei ist der Ansatz doch dieses Mal sehr vollständig. Ich hab bisher keinen Tatort über Geflüchtete gesehen, der so vollständig war.

Da wurde kaum ein Aspekt vergessen. Weder die Neonazis, Achtung, Hintergrund Sozialfrust, noch die Araber, die in einem Geviert in der Sammelunterkunft keine Christen und Juden haben wollen, noch die Menschen mit ihren Kriegserfahrungen und diesen schrecklichen Traumata und wie sie hier fremd sind – obwohl ich das nicht so zentral fand, wie es die ARD-Inhaltsangabe im letzten Satz andeutet.

Anni: Aber dafür, wie sie ausgenutzt werden, unter Vermittlung von den eigenen Leuten, wenn man das so nennen kann, als Putzkolonnen unter Mindestlohn. Also vielleicht auch am Bau.

Tom: Mein Eindruck von den Billigjobs an Menschen, die noch gar nicht arbeiten dürfen, weil ihr Status noch nicht geklärt ist: Das ist nicht sehr realistisch. Ich will das nicht im Detail ausführen, aber dadurch wird eine Sozial- und Jobkonkurrenz gezeigt, die leider nur Klischees bestätigt. Dein Maurerpolier mit dem neckischen Nasenpflaster kriegt garantiert keine Konkurrenz von Flüchtlingen, so weit kenne ich mich am Bau dann doch aus. EU-interne Konkurrenz schon eher.

Anni: Das ist nicht mein Maurerpolier! Meiner ist Kommunist. Schon gut, schau nicht so. Aber Ringelhahn mit dem Satz „Wenn Ihnen ein Flüchtling den Job wegnehmen kann, müssen Sie mal über sich nachdenken“. Wie diskriminierend nach wirklich allen Seiten ist denn dieser bescheuerte Satz? Ich weiß, dass ihn ein Drehbuchautor, der eben nicht nachgedacht hat, einer Beamtin unterlegt, dafür kann Paula nichts, aber sie spricht ihn und ich finde ihn zum … jetzt geht’s mir wie dir eben. Wenn auch aus einem anderen Grund.

Du weißt, dass ich hier keine Partei für Rechte ergreife, aber mich wundert nicht, wenn solchermaßen geistig-semantischer Dünnschiss produziert wird, dass eben nicht die traditionellen Rassisten, sondern alle, die Angst vor allem und jedem haben, von sowas richtig angefixt sind. Natürlich wird durch unsere D-Sau auch angedeutet, woher der Fisch stinkt, nämlich vom kapitalistischen Kopf her, aber welcher Zuschauer geht diesen Spagat mit, von diesem Typ und seiner Politiker-Freundin aus die Systemkritik als Ursache der Riesenscheiße auszumachen, die gerade überall läuft.

Tom: Unsere Diskussionen waren bezüglich ihrer Diktion schon mal hochwertiger als die heutige.

Anni: Da waren die Themen auch abstrakter. Ich wundere mich, dass jetzt, wo wieder Fake-Giftgas-Angriffe in Syrien laufen und dieser Irre namens Trump hinterherbombt, nicht viel mehr Flüchtlinge zu uns kommen. Aber Cerberus Erdogan steht ja noch auf Wacht. Es ist so schrecklich, und wenn du das alles siehst, bist du besonders fertig, wenn der Basem dann von einem steinalten und nahezu tauben Jäger, der sein altdeutsches Silberzeug mit maximalem Einsatz verteidigt, regelrecht erlegt wird, Fangschuss von hinten.

Es war ja nicht einmal eine Bedrohungslage für den Alten gegeben. Nix Notwehr. Aber der Junge, der aus seiner Heimat geflohen ist, der seinen Bruder, seine Familie so vermisst, dessen Vertrauen sogar von Voss missbraucht wird, wird hier auf der Flucht bei einem illegalen Einbruchs-Job, der ihm aufgezwungen wird, von hinten niedergestreckt.

Naja, du weißt, wie wir gestern nach dem Film drauf waren. Ich will hier nicht auf die Tränendrüse drücken. Sie haben wieder den Tatort für Anne Will missbraucht aber dieses Mal war es gut, das auch noch zu gucken, weil sich dann die Trauer angesichts dieser verschissenen Kriegstreiber-Politik gleich wieder in Wut wandelt. Gehen wir am 15. April zum Ostermarsch? Klar gehen wir.

Tom: Da ist ja schon wieder fast der ganze Tag weg …

Anni: Und du kannst nicht vor dich hinschreiben oder schöne Konzepte für eine bessere Welt machen, die eh niemanden interessieren, während ringsum alle durchdrehen. Wie schade. Wie überaus bedauerlich. Du hast nie drei Monate auf einen Antrag warten müssen, der klärt ob du überhaupt hier sein darfst, ob du ein Leben haben darfst und dann sind sogar fünf Jahre daraus geworden. Fünf Jahre!

Tom: Aber da hätte sich der Mann aus dem Iran doch mal erkundigen können …

Anni: Es soll Menschen geben, die haben einfach Angst, aufzufallen oder sind so schwer durch ihre Erfahrungen geschädigt, dass sie nicht gegen die Behörden vorgehen wie du alter Streithansel, wenn du ausführst, du bist zu Unrecht geblitzt worden. Was natürlich nicht stimmt, aber immer mal aus Prinzip Widerspruch einlegen. Oder per Einspruch widersprechen. So bist du, Kind von Trotzbürgern und in maximaler Sicherheit aufgewachsen, so sind aber viele Geflüchtete nicht, die nur Kopfkino von Bomben und Terror und zerfetzten Mitmenschen haben. Aber ich würde einem Maurer auch nicht seine Erzählung oder seine Gefühle doof reden. Ich würde mit ihm mal ein ernsthaftes Gespräch führen.

Tom: Sicher nicht an einem Wahlkampf-Infostand. Und der Tatort und dessen Ermittler gehören zu den mächtigsten und wirksamsten Wahlkämpfern für den Anstand und die Menschlichkeit in diesem Land. Niemand hat die Gelegenheit für Vertiefung, wenn er nicht gerade als Sozialarbeiter am Einzelfall tätig ist. Oder als Sprachlehrer_in ehrenamtlich mit Geflüchteten arbeitet und feststellt, wie die drei deutschen Artikel zum Symbol für die Fremdheit einer Welt werden können.

Anni: Dann soll der große Vereinfacher die große Klappe halten. Sorry schon wieder! Ich kann diesen ganzen Klischee-Mist über alle möglichen Menschen nicht mehr sehen und hören. Wir werden doch nur von oben gegeneinander ausgespielt. Wenn wir das endlich verstehen, dann geht’s mal wieder voran.

Tom: Sicher, Drehbücher, die auf jedem Klischee herumreiten, helfen nicht, die Gräben zu schließen, die sich längst in unserer Gesellschaft aufgetan haben. Aber fanden wir nicht einige Szenen mit Basem berührend und man hat es sich nicht so leicht gemacht, eine Seite ganz einseitig darzustellen. Ob man überhaupt so viel kommentiert, ist eine andere Sache. Ich mag Filme auch mehr, die uns Interpretationsspielraum geben. Aber wir leben nicht in solch ruhigen Zeiten, in denen man sich dies und das denken soll oder auch nicht und in ein paar Jahren mal zu einem Ergebnis kommt. Es geht um zu viel, mittlerweile.

Anni: Genau. Und deswegen gehen wir auch. Auf die Straße. Und, ja, es ist mir egal, ob die Leute dort auch ein wenig einseitig ticken und die Guten und die Bösen allzu sehr nach ihren eigenen politischen Narrativen abschichten. Denn eines ist sicher. Die Bösen sitzen da oben. Du weißt schon, wo die gemütliche fränkische … jetzt können wir’s ja sagen …

Tom: Immobilien-Drecksau, die das Heim abfackeln lässt, um die Versicherungssumme zu kassieren und hinterher was Wertvolles auf dem Grundstück bauen zu lassen und einen simplen Neonazi als Molotow-Cocktail-Werkzeug benutzt …

Anni: So ist das! Der Anstifter ist der Kapitalist, der aus allem Gewinn schlägt und dem alle anderen ein Dreck sind. Ich gebe 8/10. Der Film ist nicht perfekt und mich nervt Paula und sowas alles, aber die Tendenz stimmt.

Tom: Nach deiner Klischee-Kritik überrascht mich das. Ich glaub aber, ich verstehe die Idee dahinter.

Anni: Soso.

Tom: Von mir 7/10.

7,5/10

© 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Paula Ringelhahn Dagmar Manzel Hauptkommissar Felix Voss Fabian Hinrichs Kommissarin Wanda Goldwasser Eli Wasserscheid Kommissar Sebastian Fleischer Andreas Leopold Schadt Leiter Spurensicherung Michael Schatz Matthias Egersdörfer Polizeipräsident Dr. Mirko Kaiser Stefan Merki Basem Hemidi Mohamed Issa Said Gashi Yasin el Harrouk Michaela Busch Jule Gartzke FunktionsbereichName des Stabmitglieds Musik: Verena Marisa Kamera: Jürgen Jürgens Buch: Holger Karsten Schmidt Regie: Markus Imboden

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