Verfolgt – Tatort 915 / Crimetime 217 // #Tatort #TatortLuzern #Schweiz #Flückiger #Ritschard #Verfolgt #Tatort915

Crimetime 217 - Foto © SRF, Daniel Winkler

Die Schweiz ist auch als Schaltstation noch gut zu verwenden

Im siebten Fall geht Reto Flückiger in die Offensive und schließlich in die Resignation. Die Welt der Polizei ist  zu klein für die wirklichen Verbrechen dieser Zeit und dieses Finanzsystems und weil sich kantige Realität und Surreales zum Expressiven verdichten, haben Häuser auch keine Treppen mehr, sondern Rampen. Wie uns das gefiel, erklären wir in der -> Rezension

Handlung

Eine Frau wird tot in einer Luzerner Wohnung gefunden. Für Reto Flückiger und seine Kollegin Liz Ritschard sieht zunächst alles nach einem Eifersuchtsdrama aus. Gefahndet wird nach dem Liebhaber der Toten: Thomas Behrens, der als IT-Experte für eine Luzerner Privatbank arbeitet. Unerwartet stellt sich Behrens den Behörden und beteuert, seine Geliebte nicht umgebracht zu haben. Er behauptet, im Besitz brisanter Kontodaten zu sein, und sagt, er werde verfolgt und man wolle ihn umbringen. Flückiger und Ritschard wissen nicht so recht, ob sie Behrens wilde Geschichte oder Michael Straub, dem Ehemann der Geliebten, glauben sollen. Dieser sagt aus, er habe Behrens unmittelbar nach der Tat in der Wohnung gesehen.

Im siebten SRF-«Tatort» geht es um Betrug, Eifersucht und Bankgeheimnisse. Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln in einem komplexen Beziehungsgeflecht. Im Wettlauf gegen die Zeit gelangen die Ermittler bis in die höchsten Kreise der Finanz- und Politelite.

Alexander Beyer («Good Bye Lenin!») als IT-Experte Thomas Behrens und Karina Plachetka («Whisky mit Wodka») als seine sich verfolgt fühlende Ehefrau Ilka Behrens, Georg Scharegg («Grounding») als eifersüchtiger Ehemann der Getöteten und Pierre Siegenthaler («Stärke 6») als Bankdirektor Sonderer sowie Kenneth Huber («Das Fräulein») als Reichlin spielen die Episoden-Hauptrollen in diesem «Tatort». In weiteren Nebenrollen sind Markus Scheumann («Kehrtwende»), Urs Bosshardt («Fertig Lustig») und Margot Gödrös («Katzendiebe») zu sehen.

Regisseur Tobias Ineichen dreht nach «Skalpell» und «Geburtstagskind» bereits den dritten «Tatort» aus Luzern. Hinter der Kamera steht erneut Michael Saxer («Snow White»). Den Film produzieren Schweizer Radio und Fernsehen sowie die Produktionsfirma C-Films AG. Das Drehbuch stammt von Martin Maurer. Gedreht wird in Luzern und Umgebung.

Rezension (mit Auflösung)

Die Schweiz mit ihrer Bankenlastigkeit ist nur ein Symbol für dies alles. Ernsthaft, im Film sagt ausgerechnet ein Deutscher, mehr als zehn Prozent des Schweizer BIP werden durch die Banken erwirtschaftet. Wir hätten gedacht, es seien 50 % und der Rest kommt von den Uhren und der Pharmaindustrie.

Die Spuren aus Deutschland führen nach Deutschland zurück, die Mächtigen sitzen in der Politik und die Banken, wenn sie schon nicht mehr die Gelder der steuerflüchtigen und Schwarzgeld anlegenden Kunden ohne Probleme im Land verstecken dürfen, so tun sie’s, indem sie das Geld dorthin verlagern, wo niemals niemand oder jemand herankommen wird, nämlich auf diese verfluchten Inseln.

Die Botschaft ist klar: Wenn es doch noch ein richtiges Transferabkommen mit der Schweiz geben sollte, das ja derzeit auf Eis liegt, weil es einigen bei uns nicht weit genug ging, dann hat das lediglich eine Verschiebung der Aktivitäten zur Folge, aber nicht das Ende der Steuerflucht, des Geld waschens etc. Zumindest nicht bei den großen Fischen. Wir haben es mehrfach in unseren Beiträgen zu Wirtschaftsthemen geschrieben: Solange das Finanzsystem im Ganzen ist, wie es ist und bleibt, wie es ist, wird es vagabundierendes Kapital einsammeln und an sichere Orte bringen. Der Normalbürger hingegen wird mit den Spekulationsverlusten der Banken konfrontiert und darf die Zeche eines aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus zahlen.

Der dritte Flückiger-Tatort unter der Regie von Tobias Ineichen ist wieder einer, der das größere Rad dreht, wie wir’s aus Deutschland ja auch kennen. Es kommt immer mehr in Mode, die OK in ihren verschiedenen Formen einzubringen und den ganz normalen Mord nicht mehr so interessant zu finden. Früher haben sich Fälle, die sich in Richtung Wirtschaftskrimi entwickeln können, meist als stinknormale Eifersuchsdramen etc. herausgestellt. Vermutlich auch deshalb, weil sich die Drehbuchschreiber unwohl in der Wirtschaftswelt gefühlt haben. Oft gab es da ein Glaubwürdigkeitsdefizit und man merkte, dass die Wirtschaft mehr so gezeigt wurde, wie ehemalige FIlmstudenten sie sich vorstellen also so, wie Menschen sie kennen, die wirklich in ihr arbeiten.

Aber man hat in den letzten Jahren erheblich zugelegt. Wenn man eine Metatendenz benennen soll, neben dem und einhergehend mit dem angespannt-düsteren der neuesten Tatorte, dann ist es diese: Die Wirtschaft ist böse und sie ist zu mächtig. Egal, ob es die legale oder die Schattenwirtschaft ist, ob es Clans von Migranten oder Clans von Bankern und Politikern sind.

Wir finden es richtig, dass die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird, dass im System etwas faul ist und die Polizei eben nicht mehr wie früher dadurch die Ordnung herstellen kann, dass sie den Mörder benennt und hinter Gitter bringt. In „Verfolgt“ stirbt der Verfolgte, der als Whistleblower anerkannt sein will und es stirbt der Verfolger durch eine dumme Situation und eigenes Verschulden. Niemand kann man einen Vorwurf machen, nicht Reto Flückiger, nicht Liz Ritschard, nicht einmal deren Chef, der sich gerne im Kreis der Großen sehen lässt und denkt, er sei ein richtiger Fisch, und ist doch nur ein wenig Plankton im Meer der Finanzhaie.

Wenn der deutsche Staatssekretär Demandt sagt, der mag die Schweiz so, weil sie etwas anders ist, dann meint man fast, er würde die Schweiz missbrauchen, aber es riecht doch eher nach Kollaboration. Etwas wie damals bei den Nazis, mit dem Unterschied, dass kein Vermögen von Ermordeten gewaschen wird, zumindest nicht auf so direkte Art wie damals. Vielmehr wird dem Fiskus der Nationen das Geld entzogen, das dringend gebraucht würde, um die Gesellschaft funktionsfähig zu erhalten, und das ist natürlich auch en Verbrechen, das böse Folgen haben kann. So verschiedene, so zahlreiche Folgen, dass wir sie nicht hier besprechen können und wieder auf unsere Anthologie der Systemkrise mit ihren bisher 15 Beiträgen in 2014 verweisen.

Für uns ist es keine Frage, dass der SRF mit diesem siebten Flückiger-Fall nicht nur einen mutigen, sondern auch den bisher konsequentesten Tatort gemacht hat. Etwas ruhiger war der Film schon, als manche anderen der letzten Jahre, aber das hat uns deshalb nicht gestört, weil die ganz großen Verbrechen mit einer solchen Ruhe abgewickelt werden, dass es genau so gespenstisch wirkt wie in diesem Tatort. Ein paar Unschuldige sterben, kleine Leute weinen, aber hinter den mächtigen, holzvertäfelten Wänden der diskreten Bankhäuser wird dem Tod des Glaubens an die Gerechtigkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt gedealt.

Die sehr sachliche und dezent desillusionierte Art, mit der Flückiger und Ritschard agieren, wirkt am Anfang noch etwas trist, aber sie nimmt das vorweg, was am Ende steht: Die Ohnmacht. So hätte der Film auch  heißen können, aber den Titel gab’s schon zwei Mal, in den letzten beiden Jahren. Ein wenig müssen wir uns auch korrigieren: Der simple Titel „Verfolgt“ passt in dieses karge Szenario, in dem die Macht sich in Form einer sinnentleerten Geldmaschine zeigt. Würden wir mit einem der Banker tauschen wollen, auch wenn sie das X-fache verdienen? Eher nicht. Gesichter der Macht haben in diesem Film schon  zu Lebzeiten etwas Gruseliges und etwas Totes und wer will schon so ein Gesicht haben?

Dann lieber ein ehrliches wie Reto Flückiger, der die Stimmung dieses Krimis sehr gut auffängt. Grandios finden wir die Szenen an und im Haus von Thomas Behrendt, das für sich ja schon ein Schaustück ist, in seiner düsteren Betonarchitektur, die den Bauhausgedanken ins Surreale dreht und alles, was die Moderne einmal hell und geradlinig gestalten wollte, in eine Welt erdrückender Monotonie verwandelt. Kein Wunder, dass es in einem solchen Gebäude auch Metapherngegenstände wie die Rampe gibt. Ohne Geländer und für ein Kind im Grunde ungeeignet, für eine Frau in High Heels übrigens auch. Ob man für den Film die Treppe umbaut hat, um dieses Symbol einer glitschigen, haltlosen Welt zu kreiren, in der nicht alles Sinn und Funktion hat, was auf den ersten Blick so aussieht? Auf so etwas muss man jedenfalls erst einmal kommen. Im Bauwesen kennen wir uns ja einigermaßen aus und können uns nicht vorstellen, dass ein Wohnhaus wirklich eine solche Rampe hat, auch wenn sie im selben Verhältnis geneigt ist wie die üblichen Treppfenstufen in Höhe und Tiefe.

Einsam und klein stehen oder sitzen also die Menschen in Räumen, die sie sich gebaut haben wie Gefängnisse, nicht wie Orte des Wohlfühlens. Da kann es in der Bank auch keinen Schalterbetrieb geben, der Normalität suggeriert, warum auch, wenn alles über Ländergrenzen hinweg bargeldlos läuft. Das Sichtbare ist in seiner Funktion reduziert und nur noch Fassade oder man muss die Funktion hinterfragen, das Unsichtbare dominiert alles, ohne dass wir Normalbürger davon nur das Geringste mitbekommen.

Fazit

Ein Whistleblower wird gehetzt, ein Kommissar hetzt dem Geschehen hinterher, aber der Kampf ist aussichtslos und gegenüber den sekundenschnellen Geldströmen, die sich in Datenströmen manifestieren, wirkt jede physische Aktion lächerlich langsam.

Irgenwoher kommt uns das alles bekannt vor und ob es im vorliegenden Fall spekulativ ist, darauf kommt es nicht an. Es entspricht unserem Zeitgefühl, in dem wir selbst immer durchsichtiger werden, diejenigen aber, die etwas zu verbergen haben, die Methoden, mit denen sie es verbergen, immer einen Schritt voraus sind. Vielleicht wird es eines Tages die Totalkontrolle aller Geldströme als technische Möglichkeit geben. Aber diejenigen, die ein Interesse daran haben, werden dafür sorgen, dass diese Kontrolle manipuliert wird und sie werden auch dafür sorgen, dass ausnahmsweise das technisch Machbare nicht so ganz, nicht so sehr ausgereizt wird wie beim Ausspionieren des allgemeinen, gläsernen Menschen. Geld findet immer Wege, weil es die Welt beherrscht. Und wer herrscht, der bestimmt seine Wege.

Für uns bleibt ein klaustrophisches Gefühl, das der Film mit sehr guten Bildern eingefangen hat, aber eine Adresse an die ARD: Wenn das beim Öffentlichrechtlichen Rundfunk jetzt auch anfängt, dass mitten im Bild Hinweise auf andere Sendungen gegeben werden, werden wir mal unsere nächste Gebührenzahlung stornieren und ein ernsthaftes Gespräch zwischen Zwangskunde und Mediendienstleister führen.

So nicht, in HD und mit millionenteuren Eigenproduktionen, auch wenn sie vom SRF kommen. Heute hat es uns besonders genervt, weil es so plump aus dem Thema heraus war und die Wirkung der Bilder beeinträchtigte.

Nichtsdestotrotz ist „Verfolgt“ der erste Schweiz-Tatort, der es in die Riege der sehr Guten schafft. Wir honorieren das Thema ebenso wie den Stil mit 8,5/10.

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Alexander Beyer («Good Bye Lenin!») als IT-Experte Thomas Behrens und Karina Plachetka («Whisky mit Wodka») als seine sich verfolgt fühlende Ehefrau Ilka Behrens, Georg Scharegg («Grounding») als eifersüchtiger Ehemann der Getöteten und Pierre Siegenthaler («Stärke 6») als Bankdirektor Sonderer sowie Kenneth Huber («Das Fräulein») als Reichlin spielen die Episoden-Hauptrollen in diesem «Tatort». In weiteren Nebenrollen sind Markus Scheumann («Kehrtwende»), Urs Bosshardt («Fertig Lustig») und Margot Gödrös («Katzendiebe») zu sehen.

Regisseur Tobias Ineichen dreht nach «Skalpell» und «Geburtstagskind» bereits den dritten «Tatort» aus Luzern. Hinter der Kamera steht erneut Michael Saxer («Snow White»). Den Film produzieren Schweizer Radio und Fernsehen sowie die Produktionsfirma C-Films AG. Das Drehbuch stammt von Martin Maurer. Gedreht wird in Luzern und Umgebung.

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