Level X – Tatort 1024 / Crimetime 221 // #Tatort #TatortDresden #Dresden #Sachsen #Gorniak #Sieland #LevelX #Tatort1024

Crimetime 221 - Titelfoto © MDR, Gordon Muehle

Sensation Media Living

„Level X“ war der dritte von mittlerweile sechs Tatorten mit dem neuen Dresden-Team Sieland, Gorniak, Schnabel und es sah vor diesem Film so aus, als ob es dem MDR mit dem ersten überwiegend weiblichen Tatort-Team nicht gelingen würde, besser abzuschneiden als mit den während ihrer acht Jahre Dienstzeit nie unumstrittenen Vorgängerdoppel Saalfeld / Keppler. Mittlerweile ist es den Dresdnern gelungen, mit „Déjà-vu (unsere Rezension findet man hier)“ einen Film zu bringen, der große Anerkennung bei den Fans gefunden hat und den auch wir hoch bewertet haben. War dies eine Ausnahme oder war „Level X“ schon ein Stück auf dem Weg ins bessere Jetzt? Darüber klären wir auf in der -> Rezension.

Handlung

Der 17-jährige Simson ist ein erfolgreicher „Prankster“ – er spielt anderen Menschen Streiche, filmt sich dabei und überträgt es live im Internet. Damit lässt sich neben dem Ruhm als Internetstar auch eine Menge Geld verdienen. Als Simson sich bei einem dreisten „Prank“ mit einer Rockergruppe anlegt, wird er von einem Unbekannten erschossen. Und obwohl viele Menschen die Tat vor Ort und live im Internet verfolgen konnten, fehlt eine verlässliche Täterbeschreibung. Die beiden Dresdner Kommissarinnen Henni Sieland und Karin Gorniak suchen in den Aufnahmen von Simson nach Hinweisen auf den Mord und werden bei ihren Ermittlungen mit den dubiosen Geschäftsstrukturen hinter dem Teenager-Idol konfrontiert.

Ins Visier gerät neben Simsons überspanntem Manager Magnus Cord und seinem gewissenlosen Konkurrenten Scoopy auch ein Mediziner, dessen illegaler Handel mit rezeptpflichtigen Medikamenten von Simson gefilmt wurde. Die Kommissarinnen fragen sich auch, welche Rolle die junge Emilia spielt, von der sie wertvolle Hinweise erhalten und die Simsons Tod kaum zu verkraften scheint. Henni Sieland und Karin Gorniak machen sich Sorgen um die intelligente junge Frau – doch waren Emilia und Simson wirklich beste Freunde oder lügt ihre wichtigste Zeugin?

Anni und Tom über „Level X“, beginnend mit freiem Assoziieren.

Anni: Tastatur hinschmeißen, Internat abschalten, Leben leben.

Tom: 
Bringster, versteckte Kamera, Charlie Chaplin, Bauernschwank.

Anni: Prankster. Aber sonst gute Assoziationskette. Ich hab nur den Eindruck, so ist der Film nicht gedacht. Sonder als Anklage gegen die Mediensucht.

Tom: Die Vereinzelung durch das ständige Starren aufs Handy ist aber nicht zentral für den Film, sondern die Sensationgier, das Sinnfreie, der derbe Unsinn also. Und der ist so alt wie die Welt, okay, wie die Menschheit; die Social Media sind nur die aktuelle Verbreitungsform. Eigentlich klar, denn wir reagieren doch nicht auf ganz andere Reize als unsere Vorfahren. Wie wenig wir vorangekommen sind, das kann man sich höchstens fragen. Dazu brauchen wir aber nicht das Medium Youtube, dazu reicht ein Blick auf die Politik.

Anni: Nee, heute mal nicht. Und klar kannst du die Click-Economy als total nihilistisch einordnen. Das gilt für den Fernsehkonsum von Sensationen auch. Und fürs Gaffen. Und für die früheren öffentlichen Hinrichtungen. Die Guillotine, die war ein Hype, da spritzte das Blut wie bei Tarantino! Die Frage stellt sich wirklich, ob hier nicht alter Wein in neuen Schläuchen präsentiert werden soll. Wobei das Design der Medienagentur ja teilweise schon Retro ist, aber so 2017-Hipster-Retro. Ich gehe da auf dünnem Eis, aber ich hab den Eindruck, die Ost-Tatorte mühen sich dermaßen, hip zu sein, dass es schon wieder Old School wirkt, es hapert an der Delivery im Sinn der Erfassung heutiger Jugendlicher. Sicher hat das einen karikaturistischen Ansatz, aber es ist immer einen Tick zu viel. Deutscher Humor bleibt schwierig.

Tom: Ich greife das mal auf. Letzte Woche haben wir ja auch in Berlin dieses Bemühen gesehen, voll den Zeitgeist zu erfassen. Ich gebe dir Recht, alles, was vom MDR kommt und seit Ritter und Stark auch vom RBB, wirkt da verkrampft. Weimar tendiert ja ähnlich. Vielleicht ist es wie mit den uralten Demokratien, die schon viel ausgehalten haben und den neueren – Souveränität entsteht erst mir der Zeit. In England oder Frankreich würden sie nie die Parlamentsordnung ändern, nur, damit nicht ein Politiker von der falschen Partei Alterspräsident wird und die Eröffnungsrede halten darf. Das ist eben Souveränität, die wir noch nicht haben. Und so ist das mit dem Humor und dem Zeitgeist: Wenn man sieht, wie extrem die Tatorte der 1970er den Zeitgeist einfangen wollten, eigentlich alle Tatorte der ersten Jahrzehnte, dann kann man verstehen, dass die Sender, die da noch nicht so lange dabei sind, wie der MDR, immer vorne dabei sein wollen. Dass das oft schiefgeht, liegt auf der Hand. Im Westen kann man sich mittlerweile in aller Ruhe in Sozialtatorte vertiefen – und der MDR ist auch verunsichert, weil die Vorgänger des heutigen Dresden-Teams, Keppler und Saalfeld, so bieder gefilmt wurden. Und weil man heute die Ostalgie von Ehrlicher und Kain natürlich nicht mehr ausspielen kann, die nach der Wende den Zeitgeist auch bis zum Abwinken thematisiert haben. Eigentlich dürfte das alles keine Rolle spielen, die Regisseure, die Drehbuchautoren kommen von überall her, aber der MDR hat wirklich so etwas wie einen eigene Stil, der bezeugt, dass das Aufholen und Überholen noch ganz schön in den Köpfen drin ist, die in der DDR geschult wurden. Hat aber schon damals nicht geklappt.

Anni: Das ist natürlich hart, die immer etwas zu kantigen Humorversuche jetzt so aufzuschlüsseln, denk mal an die humormäßig haarsträubenden Stellbrink-Saar-Tatorte. Oder haben die da auch was aufzuholen, weil noch nicht so lange dabei wie einige andere Bundesländer? Kannst du besser beurteilen als ich. Ich will diesen Regionalgegensatz nicht so hochjubeln. Das Gewollte sehe ich natürlich auch, aber das hängt für mich viel vom einzelnen Film ab. Und jetzt denke ich ans Kernthema soziale Medien. Etwa ums Jahr 2000 herum hattest du deinen ersten privaten Internet-Account, nachdem du mit dem Uni-Zugang ja nicht allzu viel anzufangen wusstest. Okay, für die Recherche. Alles gut. Ein Jahr später die erste Mailgroup. Und dann ein Verharren auf diesem Niveau für lange Zeit. 2011 das erste Weblog und dienstlich, nicht privat, das erste Smartphone. So, und jetzt explodiert alles. Unser Blog ist voll … genau, Old School, das wissen wir auch. Er hat aber schon einen Youtube-Kanal, wird mit Facebook, Twitter, Google+ verknüpft, nur Instagram und sowas fehlt noch. Jetzt sind wir auch privat voll mobil internetfähig und du filmst bei jeder Gelegenheit irgendwas. Nächstes Jahr kaufst du vielleicht eine Drohne und machst Parteitag von oben. Live natürlich, bisher hast du das ja nicht, weil es dir zu spontan ist. Einige von deinen Leute posten Fotos sofort auf Facebook, du schaust zuhause nochmal drüber und hast dadurch einen Aktualitätsnachteil, weil du alles auswählen und evtl. nochmal bissl aufhübschen willst. Aber auf Facebook bist du in jeder Hinsicht vernetzt und wenn bestimmte Leute oder deine Partei etwas live bringen, gehst du rein und kannst ohne jede Zensur durch die manipulativen Zusammenfassungen, die die Mainstream-Medien liefern, stundenlang gucken, als wärst du dabei. Das ist doch Demokratie, oder? Nein, es ist Beiwohnen, nicht mitmachen, aber du weißt, was ich meine. Und ständig schreiben während dieser Veranstaltungen Leute Kommentare, da rollt und rollt es im Eiltempo. Alles ganz wie in diesem Film. Nur Suizidversuch live und Mord live, okay. Aber nimm mal an, bei einer Veranstaltung gibt es einen schweren Zwischenfall – auch den kriegst du dann live mit. So, und du bist, mit Verlaub, kein Teenie mehr.

Tom: Du hast ganz Recht, und vor fünf, noch vor zwei Jahren, hätte ich mir vieles von dem gar nicht vorstellen können. Nicht für mich jedenfalls. Und du hast nicht mal den Mediencluster erwähnt, den wir versuchen für eine politische Gruppe umzusetzen, um sie – sic! – modern wirken zu lassen. Ja, aber what’s the Beef? Du sagst selbst, es hapert am Liefern des Zeitgeistes, in diesem Film.

Anni: Ja, weil alles so überzogen und nicht karikaturistisch, sondern klischeehaft wirkt. Der Grat ist ja schmal, aber man muss ihn mutig überschreiten. Hier weiß man nicht, ob sie Drama oder Satire wollten. Dadurch ist die Satire zu halbherzig und immer ein Satz im Dialog zu viel, vor allem, wenn sich die Polizist_innen unterhalten, weil … naja, ist es diese Unsicherheit? Immer ein Satz zu viel, weil man doch befürchtet, man sei nicht verständlich genug? Du hast Recht, da haben sie im Westen weniger Probleme, da wird mit einer ziemliche Chuzpe Krypto-Flachsinn auf den Bildschirm gebracht. Von den Sozialtatorten natürlich abgesehen, God save the Kölner Dom!

Tom: Ich fand Martin Brambach trotzdem gut und ich gewöhne mich langsam an Sieland und Gorniak. Die eine finde ich von der Art sympathisch, die andere irgendwie – naja, du kannst nicht alles in einer Person haben.

Anni: Wohl wahr, wohl wahr. Ich will trotzdem mal einen echt besonderen Kommentar aus dem Tatort-Fundus einflechten, weil er sich auf ein Randthema bezieht, das hier nach meiner Meinung irgendwie versemmelt und doch gut rübergebracht wurde. Ich weiß, das geht eigentlich nicht, aber einserseits war es mir zu knapp abgehandelt, andererseits mag ich solche allzu psychologisch agierenden Menschen nicht – aber dann halt ein Kommentar, der mich wirklich mal überrascht hat

“ (…) Warum lief die Folge im Rahmen der Themenwoche „Glauben“? Nur wegen der Pfarrerin und ihrer Tochter? Also zu ihr: sie wird als Karikatur gezeigt. Leider als eine zutreffende, es gibt tatsächlich viele Pfarrer, die Seelsorge mit Psychologie verwechseln. Die kann im Einzelfall hilfreich sein, aber wichtiger ist eine Voraussetzung beim Pfarrer, für die mir nur das altertümliche Wort „Herzensbildung“ einfällt. Bei der großen Zahl benötigter Pfarrer kann die nicht jeder haben, diejenigen denen sie fehlt sollten aber statt Freud oder Jung besser Curt Goetz lesen.“

Tom: Ja, das wirft ein Schlaglicht nicht nur auf die Pfarrer_innen, sondern auch auf die Art, wie Kinder heute generell „gemanagt“ werden, nämlich als Objekte psychologischer Betrachtung. Und das ist schon wieder so typisch deutsch, dass man verzweifeln könnte. Wir kriegen einfach keinen natürlichen Umgang zustande, in dem Kinder einfach Kinder sind. Das macht Gorniak mit ihrem Sohn daher eigentlich ganz gut, ebenso wie letzte Woche in Berlin Rubin mit ihrem Sohn. Da wird versucht, etwas wie Normalität ins Alltagsleben zu bringen, und in Dresden hat zumindest der Part auch nicht diesen Hipster-Anstrich.

Anni: Das Internet und der Krimi verlangen eine ganz neue Form von Synthese, die ist nicht leicht zu finden. Das Netz erschwert ja das klassische Ermitteln enorm, weil alles überall aufgezeichnet wird. Überwachungskameras haben sie dieses Mal übrigens ganz rausgelassen, damit die nicht der Handyfilmerei noch in die Quere kommen. Wäre ja blöd, wenn Überwachungskameras genau die Aufklärung liefern würden, die diese Filme dann doch nicht können, weil leider, leider, die Kameraperspektive es nicht erlaubt, den Täter zu zeigen. Der sich dann als klassischer Eifersuchtsbolzen darstellt. Vielleicht ist das auch ganz hintergründig: Nicht nur die Verarschung anderer zur Erbauung des schadenfrohen Publikums, sondern auch die Mordmotive kannst du immer wieder auf dieselben uralten Muster zurückführen. Wie zu beweisen war. Und das ist in Tatorten so oft zu sehen. Selbst, wenn es der Media-Talents-Manager gewesen wäre, dann eben Konkurrenzdenken oder Angst vor Erpressbarkeit beim Arzt usw. Hinter all dem Hype steckt ein äußerst konventionelles Plotschema. Natürlich, man muss die übertriebene Modernität so reinpacken, dass sie …

Tom: Nicht übertrieben und verzerrt wirkt, sonst weiß man nicht, ob man Mediensatire oder Teenager-Drama guckt. Ich musste trotzdem immer mal wieder lachen, Brambach ist auf seine Art einfach klasse, und das unfreiwillig Komische ist auch nicht unfreiwillig. Du weißt, was ich meine. Ich finde den Tatort schon okay. 7/10.

Anni: Ich geb 7,5/10. Ich war nie gelangweilt und die drei Cops tragen den Film ganz gut. Ich finde das macht sich. Gorniak wirkt nicht mehr ganz so eckig und der Sprech nicht mehr so an die nervige Weimar-Schiene angelehnt, weil man Sieland etwas weicher rüberkommen lässt, was ja auch ihrem Typ entspricht. Und Brambach ist wirklich Dresdner, ich hab das gerade nachgelesen, und Halbbruder von JJL. Nicht Stiefbruder, wie in der Wikipedia steht. Da gibt es ein sehr sympathisches Interview mit ihm im Tagesspiegel, das nach dem zweiten Dresden-Krimi entstanden ist. Hab ich mir so vorgestellt, dass er seine Art von  Humor hier einbringt, dass das nicht immer einfach ist mit vielen humorfreien Leuten, dass er den Ruhrpott mag und überhaupt. Ich bin schon kurz vor der 8, deswegen höre ich jetzt auf. In gewisser Weise bestätigt er aber auch das, was du oben sagtest, in dem Interview: Dass der MDR Schwierigkeiten hat, sich richtig zu platzieren und unter Druck steht, bei den extrem vielen Tatorten heutzutage eine eigene Linie zu finden. Natürlich erwähnt Brambach nicht die Vorgänger, aber deren eher moderate Rezeption macht es fürs aktuelle Team nicht einfacher. Hoffentlich bleibt er als Schnabel noch lange dabei, auch wenn er durchblicken lässt, dass es schauspielerisch angenehmere oder anspruchsvollere Aufgaben gibt. So, Cut.

Tom: Gerne. Und tschüss bis zum nächsten Tatort-Couching.

Anni: Und wieso heißt der Film „Level X“?

7,5/10

(c) 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

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