Dunkelfeld – Tatort 1003 / Crimetime 223 // #Tatort #TatortBerlin #Berlin #Dunkelfeld #Karow #Rubin #Tatort1003 #RBB

Crimetime 223 - Titelfoto © RBB, Oliver Vaccaro

Es ist vollbracht

Als das neue Berlin-Tatort-Team Karow / Rubin am 22.03.2015 mit „Das Muli“ erstmalig auf Sendung ging, begann ein Dunkelfeld voller Geheimnisse um Karow, während Mama Rubin ganz offen Sex auf der Mülltonne hatte. Nach vier Filmen und zwanzig Monaten wissen wir Bescheid. Endlich. Und jetzt zur Arbeit. Wie empfanden wir des Rätsels Lösung? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung, Besetzung, Stab

„Dunkelfeld“ führt das Geheimnis der bisherigen drei rbb-„Tatorte“ mit Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) zum finalen Höhepunkt. Das Rätsel um Karows Vergangenheit und den Tod seines Partners Gregor Maihack, der vor zwei Jahren bei einem verdeckten Einsatz erschossen wurde, wird gelöst. Die genauen Todesumstände liegen noch immer im Dunkeln. Hatte Karow selber die Hand im Spiel? Jetzt will der Kronzeuge Andi Berger (Robert Gallinowski) die entscheidende Aussage machen. Doch auf dem Weg zu Staatsanwalt Hemrich (Holger Handtke) geraten Karow und Berger in einen Hinterhalt. Berger stirbt, bevor er Karow sagen kann, wo das Handyvideo versteckt ist, das Maihacks Tod zeigt.

Wenig später wird Gregor Maihacks Witwe Christine (Ursina Lardi) entführt, mit der Karow vor Jahren ein Verhältnis hatte. Und kurz darauf ist Karow selbst verschwunden. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Nina Rubin sich freigenommen hat, um die Bar Mitzwa ihres Sohnes Kaleb (Louie Betton) zu feiern, muss sie gemeinsam mit Anna Feil (Carolyn Genzkow) herausfinden, wo Karow ist und ob er überhaupt noch lebt. Die Suche wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit. „Dunkelfeld“ führt Robert Karow und Nina Rubin tief in einen tödlichen Dschungel aus Drogen und Korruption. Und zu der Frage: Was ist auf dem geheimnisvollen Handyvideo zu sehen? Hat Robert Karow tatsächlich etwas mit dem Tod seines Partners zu tun?

Wiederholung der drei ersten „Tatorte“ mit Rubin und Karow Um den Zuschauerinnen und Zuschauern den Anschluss zu erleichtern, werden alle drei vorausgegangenen Berliner „Tatorte“ wiederholt: Der rbb sendet am Montag, 5. Dezember 2016, „Das Muli“ (20.15 Uhr) und „Ätzend“ (22.15 Uhr). Der dritte „Tatort: Wir – Ihr – Sie“ läuft am Freitag, 9. Dezember (22.00 Uhr) im Ersten.   

Rezension

War die Auflösung von Karows dunklen Schatten dem über insgesamt vier Tatorte hingezogenen Weitererzählen angemessen?

Wir haben die ARD-Angabe zu den Wiederholungen der drei voraugehenden Rubin-Karot-Tatorte hier drin gelassen, weil wir memorieren wollten, dass man sich erst drei weitere Filme anschauen muss, um den vierten zu verstehen. Das ist in der bisherigen Tatortgeschichte einmalig.

Ich finde es perfekt, dass „postfaktisch“ gerade zum Wort des Jahres gekürt wurde. Wenn man von Hamburgs neuem Tschillerismus absieht, sind wir in Berlin jetzt am meisten postfaktisch. Eigentlich ärgere ich mich etwas, dass wir die Hamburger nicht gleich überholt haben. Berlin ist doch immerhin die Hauptstadt. Aber so ruchlos verschroben und einseitig wie der NDR mit seiner neuen Macho-Schiene ist Berlin dann doch nicht, denn hier gibt es ja noch das weibliche Element, und nicht nur als Garnitur, sondern gleich in dreifacher, attraktiver Ausführung und handlungstreibend: Als verhuschte, vernuschelte und emotionalisierte Polizistin zwischen den Welten, als unerschrockene Assistentin und als sexy Femme fatale. Und, was soll ich sagen? Genauso ist das, hier in Berlin. Das Faktische, ja Realistische verbirgt sich also hinter einem postfaktisch wirkenden Handlungsablauf. Mehr noch: Es wird durch ihn erst kenntlich. Hätte der Film einen realistischen Plot, hätte man nicht so schön auf den Putz hauen können. Und auch das ist doch wieder sehr berlinerisch. Vergesst Ritter, Stark und alle vor ihnen, die waren viel künstlicher als Karow, Rubin & Co.

Ironie reloaded?

Es ist wirklich so zwiespältig. Die Hintergründe von Karows Vergangenheit sind so konstruiert, dass man nicht weiß, ob man sich mit Christine Mayhack übergeben, mit Karow dem Drehbuchautor ein Ohr abbeißen oder mit Rubin um die zu 75 Prozent verpasste Bar Mizwa weinen soll. Aber wer, verdammt, würde nicht gerne einen der hiesigen Bentley fahrenden Drogen-Baubosse in seinem Dachschwimmbecken versenkt sehen und davon ein Erinnerungsfoto machen? Im Überzogenen liegt eine Pointierung, der man sich nicht so leicht entziehen kann, wenn man die Berliner Verhältnisse kennt. Womit ich nicht andeuten will, dass der Bausenator und die Staatsanwälte tatsächlich mit den arabischen Gangbossen auf die gezeigte Art kungeln, weil sie alle einmal gemeinsam die Ruderholme beim Havel-Ruderverein geschwungen haben – und wie Rubin auf diesen Zusammenhang kam, einfach irre! So philosophisch geht es in der Realität wohl auch nicht zu, Dialoge müssen eben filmisch sein, um uns zu beeindrucken. Die in vielen Actionfilmen zu beobachtende Idee, dass Menschen immer wieder aus den verrücktesten Situationen rauskommen, um in die nächste verrückte Situation zu stolpern, die hat man sich, wie schon in HH, Eins zu Eineinhalb aus dem US-Kino abgeschaut. Eins zu Eins ist es nicht, denn wenn man genau hinschaut, wirken die Leute in den amerikanischen Filmen doch nicht ganz so dämlich, wenn sie mit Fails aller Art immer wieder für den Fortgang der Dinge sorgen. Aber eines weiß ich, wenn ich mal einen Thriller schreibe, ich hab jetzt den Plan, denn die Menschen als Zuschauer, als Leser gewiss ebenso, kaufen das alles immer wieder gerne.

Aber wenn schon alle vier bisherigen Tatorte des Teams Rubin & Karow zusammengehören, wie steht denn der neueste und letzte des Quartetts im Vergleich?

Beim Wahlberliner haben wir, wie immer bisher, wenn ein neues Team startete, einen Anfängerbonus vergeben, trotzdem sind die Bewertungen von 7, 6,5 und 6, die bisher entstanden sind (für „Das Muli“; „Ätzend“ und „Wir, ihr, sie“) unterdurchschnittlich und zudem abfallend. Aber jetzt, im vierten Anlauf, habe ich erstmalig etwas wie eine emotionale Beziehung zu den beiden Ermittlern aufbauen können. Rubin ist einfach zu originell und Karow zu sehr Daniel Craigs Interpretation von James Bond nachgebildet, als dass man gar nichts an diesen Leuten finden könnte. Und ich musste viel lachen, während Karows Baustellen-Horrortrip. Die Action war wirklich funny, und so sollte man den Film auch sehen. Als unterhaltsame Räuberpistole. Die ganz andere Atmosphäre bei der jüdischen Familienfeier mit ihrer besinnlichen Langsamkeit und den feinen, kleinen Konflikten, Zeichen und Relationen hat damit zu stark kontrastiert, aber der Film sollte ja nicht harmonisch wirken oder konsistent im hollywoodschen Sinn, sondern eben knallig durch seine Kontraste, daher auch die häufigen Umschnitte von einem Strang zum anderen.

Btw: Alles, was wir hier sehen, hat sich wirklich innerhalb eines Tages abgespielt, man soll’s kaum glauben. Wir wissen es aber, weil es zwischen den Vorbereitungen und dam Abschluss der rubinschen Familien-Initiationsfeier angesiedelt ist.

Und auf der gibt es ein Happy End.

Das ist der eine Aspekt, warum ein positives Grundgefühl zurückbleibt. Der andere ist wirklich die Auflösung. Es drängt uns nun einmal danach, Situationen aufzulösen. Warum wir deshalb auch so gierig nach Serien sind? Das scheint dem zu widersprechen, aber ich erkläre es mir so: Etwa bei Daily Soaps ist dieser nahe Zeitzusammenhang zwischen den Folgen wichtig und die sehr einfache Handlung, dazu die Nähe zu unserem eigenen Leben mit seinen Ups und Downs. Aber diese über 18 Monate hingezogene, zu Anfang sehr komplex wirkende und sich jetzt so simpel auflösende Backgroundstory von Karow, die hat mich genervt, und ich glaube, das ging vielen Zuschauern so. Die anfänglichen Einblendungen „was bisher geschah“ waren zu knapp und um jedes Mal alle bisherigen Tatorte, die zum nunmehr abgeschlossenen Zyklus gehören, nochmal vor der nächsten Premiere zu schauen, dafür hatte ich denn doch die Zeit nicht. Eine höchst unbefriedigende Situation, zumal vor dem Wochenstart, wo auch schon wieder zyklische und nicht abgeschlossene Dinge auf mich lauern und nach allen bisherigen Erfahrungen neue hinzukommen werden. Nein, da brauche ich nicht noch eine Karow-Hintergrundgeschichte, die sich ähnlich lange hinzieht wie mancher Prozess. Apropos Prozess: Die Juristen mal wieder. Drehbuchautoren haben gegenüber Juristen einen Komplex, das zeigt sich in Tatorten immer wieder, deshalb werden sie immer in den Top geworfen, in dem die ganz Schlechten drin sind.

Da es die Bandenkriminalität ja wirklich gibt, wie wurde sie hier dargebracht?

Die OK wurde mehr oder weniger benutzt, um in „Dunkelfeld“ einen simplen Thriller-Plot anzulegen, in dem es um den Kampf gegen die Zeit und die Hilfe zur rechten Zeit und von der rechten Person geht. Mit Nebenstory, um die Spannung weiter ansteigen zu lassen. In der Ruhe liegt also die Spannungssteigerung. Die Szenen mit Ursina Lardi fand ich eindeutig am besten, denn ihre Figur war die einzig unkalkulierbare, während bei allen anderen in etwa vorhersehbar war, wie sie sich verhalten. Und sie hat am besten gespielt, knapp vor Meret Becker und Mark Waschke. Sicher Geschmacksache und Typfrage, das geht übers rein Darstellerische hinaus, aber man kann nicht sagen, dass die Schauspieler in „Dunkelfeld“ nichts hätten zeigen dürfen. Es war oft knapp vor dem unfreiwillig Komischen, aber, siehe oben, richtig lachen musste ich wegen der Action, nicht wegen der Darstellungen.

Fazit?

Ich kenne viele der Orte, an denen gefilmt wurde. Auch diesen wundersamen, vor sich hin rottenden Vergnügungspark im Plänterwald mit den armen, alten Dinos; da hatte ich ein richtig melancholisches Gefühl, weil alles irgendwie Vergangenheit ist und bisher nicht mal jemand kam, der das Gelände für gentrifizierende Zwecke nutzen konnte. Muss nicht endgültig sein, aber nach zehn Jahren gibt es in Berlin für mich auch schon die vergangenen, abgeschlossenen Dinge. Immerhin, morgen muss ich wieder in den Bezirk, in dem auch der Plänterwald liegt. Ich sollte mal vom Treptower Park aus dort hinein wandern. Bei schönem Wetter. Die vielen Baustellen, wie jene, in der Karow so schön malträtiert wird und dann gleich wieder läuft wie ein Hause, gibt es natürlich auch, denn Berlin braucht Wohnraum, Wohnraum, Wohnraum.

Kein Wunder, dass der Bauunternehmer sich am liebsten direkt seine Arbeiter aus den Flüchtlingsunterkünften nehmen würde. Aber, psssst: Es gibt haufenweise Schwarzarbeiter an Berliner Bauten und es sollte mich wundern, wenn nicht der X-te Subunternehmer sie auch bei öffentlich ausgeschriebenen Werken beschäftigen würde. Natürlich wissen die Auftraggeber, die sich immer am günstigsten Angebot zu orientieren haben, davon gar nichts. Und vielleicht gibt es sie ja doch, die Ruder- oder Pizza-Connection, denn wie soll eine Stadt dieser Art sonst funktionabel gehalten werden? Sicher nicht nur, in dem der riesige Wirtschaftsstrom, das nie zu überblickende Wachsen, Gedeihen, Vergehen durch die engen Kanäle der offiziellen Bürokratie gesteuert wird.

Dazwischen sind dann irgendwo auch ein paar Polizisten. Sie sind nicht wie Rubin oder Karow, denn bei allem, was im Hintergrund brodelt: Die beiden wirken, als könnten sie wirklich ins Herz des Verbrechens vorstoßen. Und wenn etwas an diesem Tatort postfaktisch ist, ohne dass dahinter die Realität besonders kenntlich wird, dann ist es diese Suggestion.

7/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Meret Becker: Nina Rubin
Mark Waschke: Robert Karow
Ursina Lardi: Christine Maihack
Tim Seyfi: Ahmed Kermal
Gerdy Zint: Frank
Holger Handtke: Harald Hemrich
Carolyn Genzkow: Anna Feil
Aleksandar Tesla: Viktor Rubin
Louie Betton: Kaleb Rubin
Jonas Hämmerle: Tolja Rubin
Marc Bischoff: Sabin
Nora Huetz: Claudia Erdem
Robert Gallinowski: Andi Berger
Roberto Thoenelt: Gregor Maihack
Walter Rothschild: Rabbiner
Liam Gremm: Fahrer

Regie    Christian von Castelberg
Drehbuch           Stefan Kolditz

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