Sternschnuppe – Tatort 974 / Crimetime 225 // #Tatort #TatortWien #Wien #Eisner #Fellner #Sternschnuppe #Tatort974

Crimetime 225 - Titelfoto © ORF, Petro Domenigg

Dieter, der Waisenknabe und Bibi, die Halbzarte

Jetzt hat’s den Wiener Tatort also ins Castingshowbusiness verschlagen. Ob Dieter Bohlen, der im Film erwähnt wird, sich diesen angeschaut hat? Aber er ist ja nicht so böse wie der Produzent Hausberger, weil, der ist Wiener und die sind einfach schräger.

Die Sehnsüchte junger Menschen nach schnellem Ruhm und Erfolg werden von so vielen ausgenutzt, dass die Castingshow-Szene zwar prototypisch dafür sein mag, aber sie ist nur ein für alle sichtbarer Auswuchs eines Systems, in dem Entpersönlichung aus ökonomischen Gründen grundsätzlich angelegt ist. Das gibt es auf so vielen Ebenen und in so vielen Erscheinungsformen, dass man sich über diese Branche nicht mehr aufregen muss als über Strukturvertriebe, Banken, die Plattformökonomie und alle Freelancer, die sich prostituieren, um an Aufträge zu kommen. Was bleibt, ist eine Story um Personen mit Ambitionen, den Oberstleutnant Eisner eingeschlossen. Wie sich das ausgeht, verraten wir in der -> Rezension

Handlung 

Der erfolgreiche Musikmanager Udo Hausberger (Peter Karolyi) wird kurz vor der Finalrunde einer Castingshow stranguliert in seinem luxuriösen Anwesen aufgefunden. Auf der Suche nach dem perfekten Orgasmus scheint er sich selbst erwürgt zu haben. Seine Frau Angelika (Aglaia Szyszkowitz) nimmt dies jedoch eher gefasst auf, hat sie ihn doch immer wieder vor den Gefahren seiner ausgefallenen Sexpraktiken gewarnt. Die ohnehin schon irritierten Ermittler Fellner (Adele Neuhauser) und Eisner (Harald Krassnitzer) werden dann auch noch mit Angelikas Beziehung zu dem weitaus jüngeren Benny Raggl (Michael Steinocher) konfrontiert und müssen diese sexuelle Offenheit erst einmal verarbeiten. Als bei der Obduktion ein zerknülltes Stück Papier im Rachen des Opfers gefunden wird, kann von einem Unfall keine Rede mehr sein. Hausberger hatte die österreichische Musikszene dominiert und zugleich gespalten, weshalb jeder aus seinem Umfeld ein Motiv zu haben scheint.

Auf dem Zettel finden die Ermittler jedoch einen Liedtext und für sie ist klar, dass damit jemand ein Zeichen setzen wollte. Die Spur führt sie zu dem Nachwuchstalent Aris Graf (Rafael Haider), dem als Finalisten die größten Chancen auf den Sieg eingeräumt werden. 

Zusatzinformation / Werbung des Senders

Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser glänzen in ihrem 14. Fall als humoriges Ermittlerduo. Das Team aus Österreich sieht sich diesmal mit dem Spiel um die Träume und Wünsche von talentierten Künstlern konfrontiert. Der Krimi-erfahrene Regisseur Michi Riebl konnte dabei für seinen zweiten „Tatort“ gewonnen werden.

Drehbuchautor Uli Brée wirft in dieser Folge einen bitterbösen Blick auf das Castinggewerbe und die österreichische Musikszene. Schauspieler und Sänger Rafael Haider hat zusammen mit seinem Vater an der Filmmusik mitgearbeitet und einen eigenen Song für die fiktive Castingshow komponiert. Ebenfalls wieder mit dabei ist Thomas Stipsits als lernbegieriger Kriminalassistent Manfred Schimpf. In weiteren Rollen sind Sabrina Rupp, Aglaia Szyszkowitz, Michael Steinocher, Ruth Brauer-Kvam, Susi Stach, Claudia Kottal und Michou Friesz zu sehen. 

Rezension

Also, der Film wäre bitterböser und viel sarkastischer, wenn diese Tendenz nicht ständig durch das sexuelle Befindlichkeitsgequatsche der Ermittler sabotiert würde. Selten haben wir in einem Wiener Tatort so schwache Dialoge konstatieren müssen wie im 37. Fall von Moritz und Bibi. Kann man Schauspieler wie die beiden, die so perfekt miteinander sind, sich kaputtspielen lassen, indem man sie kaputt schreibt? Nicht ganz. Aber dieses Mal war’s nah dran. Das Wienerische verstellt den Blick dafür ein wenig, wie schlecht die Sprache wirklich ist. Aber wenn der Film sicher bald wiederholt wird, sollen sich die deutschen Zuschauer mal den Spaß machen, alles, was Moritz und Bibi hier miteinander verhackstücken, ins Hochdeutsche zu übersetzen und sich den sämigen Wiener Akzent wegzudenken. Dann werden sie feststellen, dass es banaler kaum noch geht. In deutschen Tatorten wäre das mehr aufgefallen, weil sich der Flachsinn dort nicht hinter einem für sich schon schauspielerischen, auf uns komödiantisch wirkenden Dialekt verstecken kann.

Das Wienerische an sich rettet noch einiges, und es ist so schade, dass diese viel zu ausufernden Sexgespräche zwischen Bibi und Moritz das krude Sexgebaren des Ermordeten marginalisiert. Nicht nur, dass er Extremsex machen muss, um überhaupt noch etwas zu spüren, er macht die jungen Menschen, die ja eigentlich seine Schützlinge sind, abhängig. Das alles kann in vielen Konstellationen passieren, auch außerhalb der Branche.

Und jetzt kommt was Blödes. Der Wahlberliner äußert sich in Relation zu seinem Personalbestand zu recht vielen Themen, das muss man ihm wirklich lassen. Aber Castingshows sind uns fremd. Wir hatten ab und zu mal in die erste Staffel von „Big Brother“ reingeschaut, als das noch der Hype war, die 24h-Reality-Show in Deutschland und in anderen Ländern, aber Formate wie „Voice of Germany“ oder „Germany’s next Topmodel“, also das Gleiche, nur ohne Gesangstalent und mit noch wichtigerem Aussehen, die gehen uns schlicht am Allerwertesten vorbei. Wir sind auch keine Fans von irgendwelchen Promis, finden höchsten einige wirklich gute Schauspieler wirklich gut und drücken das in unseren Film- und Tatortrezensionen aus.

Wir können also nicht wirklich beurteilen, wie realistisch das Gezeigte ist, zumindest nicht, wenn man das, was im Film passiert, als typisch für die Branche ansieht. Dass ein Musikverlag Rechte an Liedern erwerben kann, ist klar, und dass Menschen andere Menschen manipulieren, kommt absolut vor. Hingegen können wir nicht  ermitteln, was die Szene in Österreich zum Beispiel von der deutschen unterscheidet. Aber wir könnten uns vorstellen, dass Österreicher es in deutschen Shows versuchen, des größeren Absatzmarktes wegen. Da wir nicht in jeder Hinsicht aufs Allgemeinmenschliche abheben wollten, tat etwas Recherche not.

Die wohl bekannteste österreichische Castingshow ist oder war „Starmania“ vom ORF und es wird im zugehörigen Wikipedia-Artikel ausdrücklich betont, dass einige der Sieger oder gut Platzierten nachhaltige Erfolge verbuchen konnten. Vielleicht wird auch deshalb so auf die Zuschreibung „Privatfernsehen“ abgehoben, die dialogweise vorgenommen wird, damit der ORF, der ja auch den Tatort produziert, nicht auch als Castingshow-Veranstalter sichtbar wird. Die wohl international bekannteste Künstlerin / der wohl international bekannteste Künstler, der sich durch österreichische Castingshows gekämpft hat, ist Conchita Wurst / Tom Neuwirth, die / der 2014 den Eurovision Song Contest gewonnen hat und eine der prägnantesten Figuren in über 60 Jahren ESC darstellt. Eine der Shows, in denen Wurst / Neuwirth aufgetreten ist, war die „Starmania“ vom ORF (dritte Staffel, 2008-2009).

In einem Fachpresse-Artikel aus März 2015 wird Österreich gar als Land der Castingshows bezeichnet. Die erste Starmania-Staffel kam auf Zuschauer-Marktanteile von etwa 40 Prozent und beim Finale wurden 6 Millionen Televotings abgegeben. Das Land hatte damals etwa 8 Millionen Einwohner. Das sind Zahlen, die sogar über den Hype hinausgehen, den „DSDS“ („Deutschland sucht den Superstar“) beim Start auslöste, das Format kam etwa gleichzeitig mit dem österreichischen Pendant heraus.

Sinn all dieser Shows ist, dass meist junge Künstler ihre Darbietungen einer Jury vorführen, die aus Fachleuten bestehen und die besten Beiträge auswählen soll, oft wird dies verbunden mit einem Zuschauervoting, das ebenfalls Einfluss auf den Sieger hat. Oder haben soll.

Denn da liegt schon wichtiger Kritikpunkt, den der „Tatort“ aufmacht: Es wird getrickst und manipuliert und nach persönlichem Gusto entschieden bis zum Geht-nicht-mehr. Wer dem Produzenten nicht willig ist, der landet im Abseits und am Ende kann es sogar zu Suiziden kommen, wie bei der jungen Vera, die ein Star werden wollte und sollte und dann Stress mit dem Produzenten bekam.

Jetzt wieder der Sprung ins Allgemeine: Überall wird getrickst, so es um etwas geht, warum nicht bei Castingshows? Sicher nicht überall so rüde, aber wer zum Beispiel weiß, wie Ausschreibungen für  Bauaufträge laufen, den können Absprachen, bei welchen Sieger schon im Vorhinein festgelegt werden, nicht überraschen. Die sexuelle Komponente ist sicher etwas speziell und wird wohl auch speziell bei Dingen, die mit Kunst zu tun haben, besonders ausgespielt, weil offenbar das Emotionale gut anzusprechen ist, aber auch hier: Manche(r) hat sich auch in der Wirtschaft nach oben geschlafen oder ist sonst mit Methoden vorwärts gekommen, die nicht das reine Leistungsprinzip spiegeln.

Dieses existiert als reine Lehre ohnehin nicht. Je individueller eine Tätigkeit ist, desto weniger klar gibt es objektive Messmaßstäbe, und was kann und sollte individueller sein als ein künstlerischer Vortrag oder ein Kunstwerk?

Fazit

Der Film schafft es nicht, das Exorbitante, das Besondere an diesem Metier, das Monströse der Einflussnahme auf andere rüberzubringen, auch wenn die Figuren teilweise gut gezeichnet sind und der Tod von Vera berührt.

Es könnte auch die Modebranche dargestellt sein oder ein ähnlich überzüchtetes Berufsfeld, und es gibt ja über all diese Karriere-Durchlauferhitzer-Branchen auch Filme. Es kommt immer darauf an, wie man’s dann eben zeigt: Wir hätten uns mehr Performance-Action gewünscht, mehr Atmosphäre, und dafür hätte man vom ambitionierten Talk der Ermittler einiges weglassen können. Manchmal hatten wir das Gefühl, die beiden haben sich nicht perfekt wohl mit den Sätzen gefühlt, die sie sagen müssen. Sie sehen sich wohl selbst nicht als Paar im Film, und darauf drängt dieser Tatort ja, ohne dass es freilich zum Sex kommt. Irgendwie ist das alles etwas krampfig und abtörnend. Daher hängt unsere Wertung für einen Wiener ausnahmsweise etwas durch: 6/10.

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Harald Krassnitzer (Moritz Eisner), Adele Neuhauser (Bibi Fellner), Thomas Stipsits (Manfred Schimpf), Michou Friesz (Dr. Susi Freud), Rafael Haider (Aris Graf), Aglaia Szyszkowitz (Angelika Hausberger), Ruth Brauer-Kvam (Samy Graf), Michael Steinocher (Benny Raggl), Sabrina Rupp (Vera Sailer), Susi Stach (Helga Sailer), Claudia Kottal (Vanessa Gross), Peter Karolyi (Udo Hausberger), Gerhard Greiner (Bibis Wolfi), Rainer Wöss (Dr. Peter Paulo dos Santos), Rita Hatzmann (Ärztin)

Regie: Michi Riebl
Drehbuch: Uli Brée

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