Kleine Diebe – Tatort 453 / Crimetime 226 // #Tatort #TatortMünchen #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #KleineDiebe #Tatort453

Crimetime 226 - Titelfoto © BR

Bedrückendes Thema mit Bayern-Fan Lena

Das Thema ist bedrückend, Lena Odenthal hat einen Gastauftritt, Vivian Naefe hat Regie geführt und Michael Fitz ist bei diesem etwas älteren Münchener Krimi auch noch dabei.

Was will man mehr? Keine Frage, dass dieser Tatort einer der gelungenen und wichtigen aus der Reihe ist. Wir sind ein paar Jahre weiter, Rumänien ist in der EU angekommen, die Lebensverhältnisse dort haben sich gebessert. Aber ein Gefälle bleibt und ohne Transferunion wird es dieses auch auf lange Sicht geben; es lassen sich auch andere Herkunftsländer für kleine Diebe denken, welche, die noch ein Stück weiter weg von Deutschland liegen.

Damit ist der Nährboden für Kinderhandel, wie er hier gezeigt wird, weiterhin vorhanden. Frappierend ist die Genauigkeit, mit der die Qualen der Kinder dargestellt werden. Da wird nicht zurückgezuckt, wenn es ums Ausspielen brutaler Szenen geht. Perfekt ist der Tatort „Kleine Diebe“ nicht, darauf werden wir in der Rezension genauso eingehen wie auf seine vielen Vorzüge.

Aber wir freuen uns immer, wenn ein so schwieriges Thema so gut umgesetzt wird, demgemäß wird die Bewertung weit überdurchschnittlich ausfallen, das verraten wir an dieser Stelle bereits und wer genauer wissen will, warum, der lese bitte die -> Rezension.

Handlung

Auf einer Müllkippe im Norden der Stadt finden die Münchner Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic zwischen dem Unrat einen toten Jungen mit blond gefärbten Haaren. Ein Punker? Keiner scheint das Kind zu vermissen. Einige Anzeichen lassen vermuten, dass es sich um ein ausländisches Kind handelt. Nachfragen in Asylantenheimen und Auffanglagern verlaufen ergebnislos.

Der 13-jährige Mitru gehört zu einer raffinierten Diebesbande, die sich aus einer Gruppe rumänischer Straßenkinder rekrutiert. Von ihren erwachsenen Aufpassern in anonymen Hochhauswohnungen gehalten, werden die Kids zielsicher auf lohnende Objekte in der Großstadt München angesetzt.

Unerwartete Hilfe bekommen die Münchner Kommissare von ihrer Ludwigshafener Kollegin Lena Odenthal. Lena Odenthal ist privat als Fan des Fußballclubs FC Freiburg in München. Vor dem Olympiastadion wird sie von einem blonden Jungen beklaut und kann ihn festhalten. Auch er hat blond gefärbte Haare.

Bei Franz Leitmayr und Ivo Batic, die sich an dem Fall des toten Jungen die Zähne ausbeißen, läuten die Alarmglocken. Doch bei den Vernehmungen Mitrus stehen die Männer vor einer Mauer des Schweigens. Eines allerdings können sie dem Jungen entlocken: Mitru hofft, seine Schwester in Südfrankreich zu finden, und Ivo Batic verspricht dem Jungen, ihm bei der Suche nach ihrer Adresse zu helfen. Denn Mitrus Traum ist, dort mit ihr zu leben.

Doch schon am nächsten Tag – kaum brachten die Kommissare Mitru beim Jugendnotdienst unter – ist der Junge verschwunden. Aber Batic lässt das Schicksal Mitrus keine Ruhe. Die Kommissare entdecken die Drahtzieher hinter der Kinderbande. Sie stellen fest, dass Mitru und seine Freunde in der Diebesbande Opfer von „Unternehmern“ mit internationalen Verbindungen sind. 

Rezension

Oliver Twist kommt nach München. Eine Geschichte von Armut, Ausbeutung – und Tod. Partiell im Stil eines Realdramas gezeigt, so dass man den Eindruck hat, „Kleine Diebe“ ist ein Dokumentarfilm, in den sich zufällig ein paar Ermittler verirrt haben, sogar auswärtige sind dabei.

Die Geschichte ist schon sehr alt und wurde von Charles Dickens erstmalig geschrieben, der Spielort waren die Slums von London im 19. Jahrhundert. Und was gab es nicht für tolle Verfilmungen von „Oliver Twist“. Wir halten die atmosphärisch unglaublich dichte Variante von 1948 für die beste, eine der schönsten frühen Arbeiten von Regisseur David Lean, in der das Multitalent Alec Guiness den Fagin spielt. Das ist, funktional gesehen, in etwa die Figur des erwachsenen Bandenchefs Popescu (Albert Kitzl) in „Kleine Diebe“, aber um einiges vielschichtiger dargestellt.

„Kleine Diebe“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass die ganz großen, überzeitlichen Themen sich in jedes Land und in jede Zeit transferieren lassen. Kinder in Rumänien werden verschleppt oder verkauft, illegal über die deutsche Grenze geschafft, in München werden sie von einer zerfallenden Mietwohnunge in die nächste geschleppt und zu Dieben ausgebildet, in Polen, und blondiert, um vertrauenswürdiger rüberzukommen. Es gibt Leute, die die Kinder weiterverkaufen, es gibt den brutalen „Onkel“, der sie alle unter der Knute hat und dem sie ihre Einnahmen abliefern müssen. Die Hauptfigur Mitru (Pablo Ben-Yakov) tut das übrigens nicht vollständig, weil der Junge spart, um seine Schwester in Südfrankreich zu finden, und hält sich ein Schließfach. Eine hoch riskante Verhaltensweise.

Wenn Regiseuere Tatorte machen, die nicht nur Tatorte machen. Vivian Naefe gehört zu den Regisseruinnen, die man kennt, die sich aber nur selten ins Tatort-Universum verirren, „Die wilden Hühner“, „Zaubergirl“ und andere Filme, damit bringt man sie eher in Verbindung. Wir haben schon erlebt, wie große Regisseure große Tatorte schufen (Wolfgang Petersen: „Reifeprüfung„) oder den Krimi dem unterordnen, was ihr Anliegen ist (Margarethe von Trotta: „Unter uns„).

Insgesamt hat Vivian Naefe hier überzeugend gearbeitet, vor allem mit den Kinderdarstellern. Das ist auch die große Stärke des Films, dass sie deren Milieu und diese Figuren dem Zuschauer nache gebracht hat. Dramaturgisch ist „Kleine Diebe“ auch kein schlechter Tatort, aber – es gibt den gewissen Unterschied zu großen Filmen, und der liegt vor allem in einigen Elementen der Handlung begründet.

Der gewisse Unterschied. Eines haben wir nämlich nicht verstanden und halten es auch nicht für zwingend; auffälligerweise weicht der Film an der Stelle auch deutlich von den Motiven des Romans ab – ihn als Vorlage zu bezeichnen, wäre zu eng. Um das Morsche der deutschen Gesellschaft besonders schön zu dokumentieren, wird ein gewisser Rechtsanwalt namens Wessmann (Marim Pamukow) in die Geschichte eingebaut. Jeder, der mehr als zehn Tatorte gesehen hat, weiß: Vorsicht, Anwalt. Rechtsanwälte sind allesamt Rechtsverdreher. Ärzte  haben auch meist Dreck am Stecken und sind überhaupt sinistere Figuren voller hintergründiger charakterlicher Verwerfungen. Manchmal gehen uns diese wirklichkeitsfernen Rituale in Tatorten tierisch auf den Zeiger. Dazu hat Wessmann noch einen Konflikt mit seinem Sohn, der zu sehr am Rand bleibt, so etwas zeigt man richtig, oder man lässt es weg. Wir dachten, der Sohn verpfeift seinen Vater oder dergleichen, wir warteten also auf die dramaturgische Notwendigkeit dieses Konfliktes. Aber die Sache verpufft oder verkohlt in Form einer Zeitung, die der Sohn verbrennt und die den Vater auf der Titelseite als Verdächtigen zeigt.

Was wir nicht verstanden haben ist, warum eine solche Figur überaupt eingebaut sein muss. Klar, es ist sehr plakativ, da macht der Mann Wind mit einer Benefizveranstaltung für hungernde Kinder und bereichert sich gleichzeitig an hungernden Kindern, die zum Stehlen gezwungen werden. Das ist uns deshalb zu dick, weil in der Regel diese osteuropäischen Banden ganz gewiss keine Leute wie Wessmann zum Teilen der Beute brauchen. Im Gegenteil, solche Typen wären Risiken, weil sie ein geschlossenes System durchlöchern. Man sieht das ja auch daran, dass er an einer Stelle anweisen will, dass Mitru, der auch ein Risiko geworden ist, weil er mit der Polizei in Kontakt kam, wenigstens nicht umgebracht wird, wie der Junge auf der Müllkippe, der den Fall ausgelöst hat. Warum dieser genau umgebracht wird, bleibt im Dunkeln, das aber ist okay, weil wir dem Repressionssystem, in dem er gelebt hat, glauben, dass es für Tötungshandlungen keine ganz besonderen, schwerwiegenden Gründe benötigt.

Ein weiterer Flaw ist die Drogengeschichte. Okay, auch in die ist Wessmann verstrickt, nebst einem windigen rumänischen Konsul (Victor Schumacher). Ist der schmierige Drogenpolizist Kruzcky (Jan-Gregor Kemp) nun korrupt und in die Sache irgendwie verwickelt – oder nicht? Man tendiert eher zu: ja, wegen der Endszene in der Lagerhalle. Oder ist er das gar nicht, der da am LKW herumbastelt? Jedenfalls wirkt dieser Part nicht zu Ende gedacht, überflüssig ist er außerdem. Nimmt man die beiden Teile „Wessmann“ und „Drogenpolizei“ heraus, bleiben 70 Minuten Film übrig, die man hätte wunderbar mit noch mehr Dichte und Dramatik der Ermittlung füllen können. Und damit zu den Ermittlern.

Batic bringt sich ein, Leitmayr denkt ganzheitlich und zwei weitere Ermittler treten auf. In noch keinem Müchener Tatort haben wir Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) so kontrovers gesehen wie in „Kleine Diebe“, wo sie im Büro miteinander hitzig diskutieren. Leitmayr eher am Großen und Ganzen des Falles interessiert, Batic bereits voll ins Schicksal von Mitru involviert.

Einmal besäuft er sich sogar und Kollege Leitmayr fährt ihn im Einkaufswagen davon. Ein wenig over the top, aber eines kann man wohl sagen: Umgekehrt hätte das nicht funktioniert. Batic ist der von den beiden mit der osteuropäischen, der etwas empfindsameren Seele, Leitmayr, der Urbayer, zwar kein grober Typ, aber durchaus einen Tick robuster der Wirklichkeit gegenüber und immer eine spur zynischer als der andere des kongenialen Duos. Daher erscheint es logisch, dass es eher Batic ist, der sich persönlich verwickelt oder auch schöne persönliche Erlebnisse hat. Wir haben auch schon gesehen, dass Verdächtige, Frauen, Kinder, eher auf Leitmayr abheben, aber wir meinen, wenn überhaupt, dann funktioniert es nur so, dass Batic hier seinen eigenen Fokus auf das Einzelschicksal Mitru verengt und dafür am liebsten den Erfolg im Ganzen riskieren würde, obwohl ja dadurch viele weitere Kinder aus den Klauen ihrer Peiniger befreit werden können. Da hat er also Vatergefühle entwickelt, der Ermittler – ersatzweise, denn, soweit uns bekannt ist, haben beide Münchener Polizisten keine Kinder.

Nett fanden wir den Gastauftritt von Lena Odenthal, der immerhin dafür sorgt, dass die Münchener auf die richtige Spur kommen, indem sie Mitru stellt, der sie beklauen will, als sie auf dem Weg ins Olympiastadion ist, um sich ein Bayernspiel anzuschauen. Kleiner Nostalgiefaktor inklusive, als die strömenden Zuschauermassen gezeigt werden, denn die Fußballzeiten im Olympiastadion sind vorbei.

Außerdem ist in diesem Film noch Michael Fitz in der Rolle von Carlo Menzinger als lockerer Dritter im Bunde dabei; das ist schon beinahe ein Overkill an guten Polizeifiguren. Kurze Zeit später endete ja sein Engagement bei der Münchener Mordkommission – aber man hört, dass die mittlerweile altgedienten Batic und Leitmayr eine Polizistin zugeordnet bekommen sollen. Sogar in München also eine Frau, langsam wird’s unheimlich. Natürlich wäre es ein Beweis guter Planung, Kontinuität reinzubringen in der Form, dass, wie im realen Leben, eine Nachfolgerin aufgebaut wird, falls Leitmayr oder Batic oder beide mal keine Lust mehr haben, sich aufzuregen oder anschießen zu lassen, beides passiert Batic in „Kleine Diebe“.

Das Ende. Man weiß es nicht, ob Mitru überleben wird. Das ist nervenzerfetzend, wir epmfanden es wirklich als schlimm, dass sein Schicksal offen bleibt. Es wirkte sogar so, als ob man möglicherweise noch ein Ende gedreht hätte und sich dann für die offene Variante entschied, vielleicht nach Ergebnissen von Preview-Auswertungen. Auf eine Weise wirkte die Szene, abgebrochen, nicht zu Ende gespielt, nicht etwa nur in der Sache ungeklärt. Sogar der Verdacht kam auf, dass man das für Wiederholungen abgeschnitten hat, dass das Ende vielleicht ursprünglich negativ war. Spekulation. Aber nicht unrealistisch, dass dies nicht mehr ins Format passt. Und dass Ermittlungserfolge nicht immer bedeuten, dass die Dinge in Ordnung kommen. Jedenfalls gibt’s für dieses Ende, im Gegensatz zu den oben angesprochenen Fragwürdigkeiten im Plot, keine Abzüge.

Fazit

Wir haben doch einige Aspekte kritisiert, dadurch wirkt die Rezension möglicherweise etwas negativer, als wir den Film gesehen haben. Insgesamt überwiegen die positiven Elemente bei weitem, wir haben uns ihnen aber nicht in der Ausführlichkeit gewidmet, weil sie nicht in großen Szenenentwürfen, sondern in vielen Details wirken, wir sind aber schon der Meinung, dass man einen Film, der ohnehin kein Whodunnit ist, sondern ein Howcatchem, von Ballast in Form von Nebenhandlungen hätte befreien können. Denn die Spannung liegt ja hier nicht in der Ermittlung, so dass viele Verdächtige so ein richtiges Karussell bilden, das Fahrt aufnimmt, sondern darin, wie die Ermittler dieser Bande habhaft werden können – und da hätten wir uns noch ein paar Ideen und dramatische Momente vorstellen können, die man weglassen musste, weil ein Tatort nur 90 Minuten hat und weil man Raum für weniger durchleuchtete Figuren wie Wessmann oder Kruzcy verwendet hat.

Aber „Kleine Diebe“ ist ein bewegender und intensiver Tatort: 8,0/10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Ivo Batic: Miroslav Nemec
Franz Leitmayr: Udo Wachtveitl
Carlo Menzinger: Michael Fitz
Attaché: Victor Schuhmacher
Mitru: Pablo Ben-Yakov
Dan: Marco-Oliver Bretscher
Franz Leitmayr: Udo Wachtveitl
Frau Wessmann: Caroline Schreiber
Herr Wessmann: Marin Pamukow
Kruzcky: Jan-Gregor Kremp
Leana: Stephanie Charlotta Koetz
Lena Odenthal: Ulrike Folkerts
Popescu: Albert Kitzl
Veta: Oana Solomon
Wessmann: Siegfried Terpoorten

Regie: Vivian Naefe
Buch: Harald Göckericke
Kamera: Peter Döttling
Musik: Dieter Schleip

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