Preis des Lebens – Tatort 959 / Crimetime 227 // #Tatort #TatortStuttgart #Stuttgart #Stuttgart #Lannert #Bootz #PreisdesLebens #Tatort959

Crimetime 227 - Titelfoto © SWR, Stephanhie Schweigert

Leben gegen Leben

Wie ist es, wenn der gewaltsame Tod eines Kindes die Eltern so stark traumatisiert, dass sie nicht nur depressiv dahindämmern, sondern über sich hinauswachsen, um einen Rachefeldzug zu starten, und wie ist es, wenn einer der ermittelnden Polizisten selbst in die Entscheidung Leben gegen Leben hineingezogen wird?

Letzte Woche haben wir anlässlich des 958. Tatortes „Kollaps“ noch gegen die Instrumentalisierung von toten Kindern protestiert, die als Opfer im weiteren Verlauf des Films kaum noch eine Rolle spielen, die als emotionaler Anreißer für einen ganz anderen Themenschwerpunkt dienen.

Dieses Mal ist alles ganz anders. Das 17jährige Opfer einer 15 Jahre zurückliegenden Tat wird auch im aktuellen Tatort nicht wieder lebendig und wir erfahren nichts über ihre Person und ihr Leben, jedoch viel über die gleichermaßen traumatisierten wie entschlossenen Eltern, denen jedes Mittel recht ist, um Rache zu nehmen. Dabei wird der ermittelnde Kommissar Seastian Bootz auf eine Weise involviert, die sich niemand wünschen kann – darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

Kaum hat Jörg Albrecht seine Strafe wegen Missbrauchs und Mordes abgesessen, wird seine Leiche in einer Mülltonne gefunden. Er wurde vor dem Gefängnistor abgefangen, entführt und kurz darauf ermordet. Den Stuttgarter Kommissaren Thorsten Lannert und Sebastian Bootz ist klar, wer die beiden Hauptverdächtigen sind: Frank und Simone Mendt, die Eltern der vor mehr als 15 Jahren von Albrecht ermordeten Mareike.

Die Mendts streiten die Tat ab. Doch es ist überdeutlich, wie sehr der Verlust ihrer Tochter ihr Leben weiterhin überschattet. Und wie sie darunter leiden, dass Albrecht den zweiten an der Tat beteiligten Mann immer geheim hielt. Sollten sie Albrecht dazu gebracht haben, den Namen dieses Mannes zu verraten, müssen die Kommissare ihn vor seinen Verfolgern schützen. Tatsächlich finden Lannert und Bootz Hinweise auf dessen Identität. Doch gerade als sich das Netz zuziehen soll, stellt Sebastian Bootz fest, dass seine Tochter Maja verschwunden ist. 

Rezension

Felix Klare als KHK Sebastian Bootz muss in „Preis des Lebens“ durch die Hölle und so viel zeigen wie in keinem seiner Tatorte zuvor. In einem Fall, der so dramatisiert wie kaum einer in dieser mittlerweile fast 1000 Filme umfassenden Reihe zuvor. Die Emotionen werde nicht mehr gedämpft, gewissermaßen verniedlicht, sondern erreichen den Zuschauer so unmittelbar, dass er Stellung beziehen muss. Das tun wir zunächst, indem wir den schauspielerischen Leistungen in diesem Film applaudieren. Dieses Mal haben wir den Tatort nicht alleine geschaut, und es war zu bemerken, dass der eine oder die andere im Publikum an Stellen gelacht hat, die ganz und gar nicht witzig gemeint waren – absichtlichen Humor gibt es in diesem Film, wie schon in den vorangegangenen Premieren nach der Sommerpause ohnehin kaum. Wir können diese abweichenden Reaktionen nachvollziehen, aber persönlich haben wir uns auf die Angst und das Hyperventilieren von Bootz eingelassen.

Als seine Tochter entführt wird, waren wir der Ansicht, er hätte es seinem immerhin seit sieben Jahren Dienstkumpel Lannert sofort mitteilen müssen – doch seine Befürchtung, dass dieser sich nicht an die vorsichtige Ermittlungsweise halten will, die Bootz unbedingt zum Schutz seiner Tochter anwenden möchte, bestätigt sich – mehr, Lannert informiert sofort die Staatsanwältin Alvarez. Das Verhältnis der beiden sympathischen Polizisten wird sich wieder einrenken, aber auch wir waren schockiert über diesen unangekündigten Bruch des Vertrauens. In gewisser Weise ist das auch eine süddeutsche Sache, in Stuttgart also gut angesiedelt: Diskretion wird dort generell höher bewertet als etwa in unserer Wahlstadt Berlin. Was nicht heißt dass man die verzweifelte Reaktion von Bootz hier nicht nachvollziehen könnte.

Um die Emotionen noch einmal zu steigern, hat man sogar Maja Schöne reaktivieren können, die aus der Reihe aussteigen wollte, weshalb Bootz sich auch von ihr als Filmpartnerin – und Filmmutter der nunmehr entführten gemeinsamen Tochter – trennen musste. Damit gewinnt das Szenario, dass ein Verbrecher gegen ein unschuldiges 13jähriges Mädchen getauscht werden kann, noch mehr Druck. Nach unserer Ansicht wäre das nicht notwendig gewesen, einige Telefonate mit der Mutter hätten ausgereicht, möglicherweise hätte das sogar noch beklemmender gewirkt, zumal sie am Ende doch nicht zur vorgeblichen Übergabe des Täters Freund mitfahren darf.

Während also das Team, nicht nur Klare, trotz des Vertrauensbruchs glaubwürdig scheint, hatten wir mit dem Elternpaar Schwierigkeiten. Auch diese Figuren sind gut interpretiert, aber sind sie deshalb glaubwürdig? Wir alle kennen jene Eskalationen, wenn es im Gerichtssaal zu Selbstjustiz kommt, und interessanterweise sind Frauen dabei regelmäßig die treibenden Kräfte. Doch der gefasste der beiden Täter wird nicht mit einem zu geringen Urteil bedacht, das sofortige Rachegedanken auslösen könnte, sondern mit der maximalen Freiheitsstrafe, auch, weil er seinen Mittäter – warum auch immer, wir erfahren es nicht – nicht verraten wollte. Dass dieser ihn dann umbringen würde, wie Alrecht gegenüber den Mendts behauptet, halten wir angesichts der Haftunterbringung zu diesem Zeitpunkt nicht für relevant. Aber wir sind eben 15 Jahre weiter. Und da hat sich die Trauer eines Elternpaares um die vergewaltigte und dabei zu Tode gekommene Tochter in einen Racheplan transzendiert, der so ausgefuchst ist, dass er Profiverbrechern alle Ehre macht. Eine durch den Verlust ausgelöste Identitätskrise hat zu einer neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit geführt, die das wahre, schöne Leben im Jahr 2000 enden lässt und sich seitdem zu einer Fokussierung auf späte, sehr späte Rache verengt. Schön wird das anhand des Interieurs des Hauses der Mendts dargestellt, das wirkt, als sei alles im Zustand der späten 1990er erstarrt, als sei seit dem Tod von Mareike die Zeit beinahe stehen geblieben.

Ein Akademikerpaar, mindestens der Mann in einem Helferberuf tätig. Hätte man ihn Rechtsanwalt sein lassen, oder sogar Strafrichter, wir hätten es eher gekauft, bei nichtakademischen Typen, die nich selten eine geradezu brutal wirkende Lebensschläue haben, ebenfalls. Wenn man schon die Eltern im akademischen Milieu ansiedeln will, bieten sich Juristen an, weil durch die ständige Handhabe von illegalen Lebenstatbeständen ein Sinn für komplex ausgeführte Rechtsbrüche entsteht, sondern auch, weil bei diesen Berufen die Konfrontation zum Alltag gehört. Aber ein Mann, der in den hippokratischen Eid geschworen hat, eine Frau, die so niedergeschlagen und angegriffen wirkt, und dann immer so die Nerven behält, wenn’s drauf ankommt und z. B. der Vergewaltiger ihrer Tochter auf dem Rücksitz ihres VW platz genommen hat?

Nach unseren Erfahrungen sind gerade diese Menschen nicht so drauf, dass sie, was immer ihnen auch widerfahren ist, anfangen, andere so zu kapern, dass ein Heist-Movie mit Menschen als Beute entsteht. Wenn man genauer hinschaut, funktioniert das auch nicht besonders gut, lediglich verschiedene Pannen und ihrerseits begangene Fehler der Ermittler lassen überhaupt 90 Minuten Plot zu. Der wäre noch spannender gewesen ohne die vielen Löcher und Fehler darin.

Neben den Fragen an die psychologische Glaubwürdigkeit gibt es nämlich leider auch viele sachliche Probleme. Und da wir immer noch der Meinung sind, dass der Tatort auch eine Krimireihe ist, können wir diese Probleme nicht einfach übergehen. Für uns tragen sie zum Gesamtbild eines Films bei. Wir sind der festen Überzeugung, dass man einen packenden Psychothriller auch ohne allzu grobe Handlungsschnitzer hinbekommt und verweisen beispielhaft auf die Filme, die Sascha Arango für die Kiel-Schiene mit Kommissar Borowski als leitendem Ermittler geschrieben hat.

Wir greifen aber nur einige Momente heraus, die uns besonders gestört haben: Wieso wurde der Film, in dem die Hand des zweiten Täters sich in einem Ascher spiegelt, nicht schon vor fünfzehn Jahren ausgewertet. Weil es damals technisch nicht möglich war? Doch, war es im Jahr 2000 sicher schon. Mit der Frage, warum man das ausgelassen hat, bekommt der Plot schon zu einem frühen Zeitpunkt eine mächtige Delle. Ein weiteres Negativ-Highlight war die Brückenszene, in der ein falscher Freund an den rachsüchtigen Arzt übergeben werden soll – von dem Risiko, dass der dafür verwendete Polizist doch tödlich getroffen wird, aus großer Nähe, bis hin zu der Tatsache, dass der Arzt im Anschluss nicht (ausnahmsweise ernsthaft) observiert wird, ist die gesamte Sequenz der Tiefpunkt des Films. Außerdem hätte man sich in dem Moment, in dem Bootz in einem solchen Gefühlschaos steckt und tatsächlich diese Übergabe durchführen darf, damit rechnen müssen, dass er den Selbstmord des Arztes zulässt, denn auch auf diese Weise wäre die Gefahr für die Tochter wohl gebannt gewesen. Kleinere Fehler, wie derjenige, dass das Wohnmobil am Ende doch wieder sein echtes Kennzeichen trägt, fallen weniger ins Gewicht, sind aber so offensichtlich, dass wir uns auch bei diesem Tatort wieder fragen, ob denn niemand beim Sender sich die Filme vor der Freigabe nochmal anschaut. Dadurch entsteht der Eindruck des Gegenteils von schwäbischer Gründlichkeit und die Handlungsfehler schaden der Wucht des Dramas und der Tragödie um das Elternpaar Mendt.

Fazit

Die Darstellung verzweifelter Menschen und des Konfliktes, den Bootz aushalten muss, sind überzeugend. Dass die Ermittler in ihre Fälle emotional eingebunden sind, kommt sehr häufig vor, damit wird den Zuschauern ein Mehr an Identifikationsansätzen zur Verfügung gestellt – dies hat man in „Preis des Lebens“ auf eine nicht unvorhersehbare Art konsequent zu Ende gedacht. Die offensichtliche Vernachlässigung sachlicher Aspekte können wir jedoch nicht ausblenden, daher wird „Preis des Lebens“ nur eine nach unseren Maßstäben durchschnittliche Wertung erhalten können. Wir bedauern das gerade bei diesem Film sehr, weil eine gültige Darstellung dessen, was Angehörige von Mordopfern durchleben, uns sehr am Herzen gelegen hätte, wo doch in den meisten Filmen der Täter, betrachtet aus der Sicht der Ermittler, im Vordergrund steht. Diese Aufgabe bleibt nun einem Tatort vorbehalten,  der noch kommen wird – und den wir mit Begeisterung rezensieren werden.

7/10

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Staatsanwältin Emilìa Àlvarez – Carolina Vera
Kriminaltechnikerin Nikita Banovic – Mimi Fiedler
Milena Lotha – Anne-Marie Lux
Herr Teufel – Ralf Wegner
Stefan Freund – Christian Kerepeszki
Jörg Albrecht – David Bredin
Simone Mendt – Michaela Casper
Frank Mendt – Robert Hunger-Bühler
Maja Bootz – Miriam Joy Jung

Drehbuch – Holger Karsten Schmidt
Regie – Roland Suso Richter
Kamera – Jürgen Carle
Musik – Johannes Kobilke

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