Dein Name sei Harbinger – Tatort 1038 / Crimetime 229 // #Tatort #TatortBerlin #Berlin #Karow #Rubin #Tatort1038 #RBB #Harbinger

Crimetime 229 - Titelfoto © RBB, Gordon Muehle

Sternstunden der Reproduktionsmedizin und der Manipulation psychisch Kranker

Auch das neue Berliner Team Karow / Rubin wird langsam zu einem vertrauten Anblick am Tatort – aber ob man ihm Vertrauen schenken kann? Ich habe selten zwei so unsinnige und lächerliche Szenen in einem Tatort gesehen wie Karow, der auf Rubin schießt, um – sic! – das Vertrauen von Werner Lothar zu erlangen und wie er ihn dann tatsächlich bei Stange halten kann, obwohl er irgendwann verraten muss, dass er ein Cop ist. Und sonst so? Das steht in der -> Rezension.

Handlung

Am Stadtrand wird ein ausgebrannter Transporter mit einer männlichen Leiche gefunden. Schnell ermitteln Nina Rubin und Robert Karow, dass drei weitere, ältere Fälle mit ähnlichem Tathergang nie aufgeklärt wurden. Der Verdacht auf einen Serienmörder liegt nahe. Eine weitere Gemeinsamkeit der Fälle besteht darin, dass alle Opfer mithilfe einer In-vitro-Fertilisation in einer Kinderwunsch-Klinik in Berlin-Wannsee gezeugt wurden. Deren Geschäftsführerin Dr. Irene Wohlleben und ihre Laborchefin und Lebenspartnerin Hanneke Tietzsche führen die Klinik allerdings schon länger nicht mehr – das hat stattdessen Irenes Sohn Dr. Stefan Wohlleben übernommen, der in den 80er Jahren als eines der ersten Retortenbabys Deutschlands zur Welt kam.

Bei ihren Ermittlungen stoßen die Kommissare auf einen Mann namens Harbinger, der vor Jahren einen Anschlag auf Irene Wohlleben verübte und nun einen Schlüsseldienst in einer Berliner U-Bahn Station betreibt. Harbinger hieß früher Werner Lothar und leidet nach Aussage seines Psychiaters an einem Borderline-Syndrom. Robert Karow versucht mit ungewöhnlichen Methoden das Vertrauen des verschrobenen Mannes zu gewinnen und ihn aus der Reserve zu locken. Anna Feil, mittlerweile Kommissarsanwärterin, macht derweil bei diesem Fall eine unglaubliche Entdeckung in eigener Sache. Und Nina Rubin beschäftigt neben den Ermittlungen eine handfeste Auseinandersetzung mit ihrem älteren Sohn Tolja.

Rezension (mit Angaben zur Auflösung)

Aber „Harbinger“ lässt sich ja gut fremdsteuern. Missbrauch psychisch Kranker als Freaks liegt in der Luft. Eine Zeitlang dachte ich, jetzt haben sie „Der stille Gast“ nach Berlin verlegt, aber der hatte keinen Legaten. Wer der Legat ist, das wusste ich recht früh, muss ich leider klugscheißerisch festhalten, denn es kam niemand infrage als der künstlich erzeugte Arzt.

Was mich irritiert hat – er hatte doch gar kein Motiv. Nach menschlichem Ermessen hat er am Ende auch keines, aber die Drehbücher orientieren sich nicht mehr am menschlichen Ermessen sondern loten aus, was die Zuschauer so alles schlucken, solange die Kumpanei mit den Regisseuren klappt und die sich dazu bereitfinden, den Mumpitz mit einer flotten Inszenierung so zu hieven, dass Abstrusität zu edler Abstraktion transzendiert wird. Wenn man die langweilige Berliner U-Bahn so filmen kann, wie es der Kameramann hier getan hat, nämlich aus einer scharf angeschnittenen Seitenperspektive heraus, sodass sie wirklich Drama ausstrahlt, mit ihren hutzelhaften alten Wägelchen – und den noch nicht renovierte U-Bahnhof am Alex hat man ja auch als Heimstätte von Harbinger verwendet und ein wenig „Subway“ nachgedreht, wobei sich herausstellt, dass die Pariser Metro offensichtlich schon in den 1980ern cooler war als die heutige Berliner U-Bahn – also, wenn man das kann, dann klappt es auch mit der Story selbst. Und mit dem armen Harbinger, der, da haben sie gerade noch die PoC-Kurve gekriegt, nicht der Mörder, sondern nur der  Zulieferer ist, der gar nicht daran denkt, der Legat könnte morden. Ob jemand, der eine bipolare Störung aufweist, tatsächlich in eine solche Richtung manipuliert werden kann, ist mehr als zweifelhaft, aber für eine billige Show reicht es allemal.

Wie auch beim Hauptthema, der Fortpflanzungsmedizin. Ich frage mich wirklich, wer welche Drehbücher durchlässt. So furchtbar an den Haaren herbeigezogen die Motive der Figuren schließlich auch waren, so unlogisch deren Verhalten wie auch die Handlungsabläufe, man hat sich meist bemüht, bei der Darstellung von Sachthemen für ein breites Publikum eine gewisse Seriosität beizubehalten. Nicht mehr aber im Berlin des Jahres 2017. Natürlich, hier ist Seriosität ohnehin kein Kardinaltugend, daher eignet sich ein RBB-Tatort auch besonders gut, um die Fortpflanzungsmedizin auf eine wirklich krude Weise zu verunglimpfen. Nicht nur, dass der Retorten-Arzt mit seinem Verhalten Bedenken über die psychische Entwicklung künstlich erzeugter Babys aufkommen lässt, das gesamte Szenario, das insbesondere fürs Jahr 1982 entwurfen wurde, ist lächerlich. Insofern fast schon wieder immanent stimmig, dass der Arzt aus vollkommen sachfremden Erwägungen heraus über ein Dutzend Halbgeschwister umbringen und durch Harbinger zuführen lassen will. Wobei er sich unendlich viel Zeit damit lässt und damit die Gefahr der Entdeckung der Manipulation seiner Eizellenmutter und seiner Austragungsmutter gegen unendlich treibt, komischerweise fliegt aber nie etwas auf.

Solche gloriosen Sätze wie „Solche alten Lieferwagen gibt es doch immer weniger“ weisen aber schon darauf hin, dass die Autoren nichts vom Kreislauf des Lebens verstanden haben. Ich weiß nicht, welchen frühen Nachkriegstyp von Transporter als eine Art statischen Definitionsträger von „alt“ sie da im Kopf hatten, aber Wagen, die heute noch neu sind, sind in einigen Jahren alt und können dann durchaus als alte Lieferwagen gelten. Falls damit gemeint ist, dass das mit dem GPS und so blöd ist, das heute immer weitere Verbreitung findet, dann muss es auch so gesagt werden. Und erst die vier Stunden Zeit. Als ob die Zuführung und der eigentliche Mord so weit auseinanderliegen müssten, dass sich daraus wirklich ableiten lässt, dass der arme Harbinger nur ein Zuträger ist und ein weiterer Täter im Spiel sein muss, der Harbinger als das gute, alte Werkzeug benutzt (der Sirius-Fall lässt grüßen, geht also doch, die Manipulation pychisch Kranker, gnihihihi). Harbinger heißt auf Deutsch übrigens Vorbote im Sinne von Unheilsbote. Der Vorbote späht die Opfer aus, leitet sie zu, wie auch immer er das anstellte, es wird ja nie gezeigt, und sein Kommen kündigt den Feuertod an. Freilich nicht dem Opfer, das ahnt ja nichts.

Mir hat als einzige Person die Anwärterin Anna Feil etwas wie einen emotionalen Zugang verschafft, weil sie herhalten musste, als R18, eines der in vitro gezeugten Babys, selbst in Gefahr zu sein. Obwohl Rubin den Zusammenhang schon kennt und klar ist, dass jemand Fremdes in ihrer Wohnung war, schickt sie sie einfach nach Hause, anstatt ihr Polizeischutz zu geben. Das ist natürlich nichts gegen Arschloch Karow, der nicht nur gedankenlos, sondern auch noch ständig im Provokationsmodus herumläuft. Immerhin, als Polizist ist er damit besser vorstellbar als sein eigentlich viel empathischerer Kollege Faber aus Dortmund.

Finale

Ich kann mich noch erinnern, dass Berlins neue Tatorte cool, großstädtisch, modern sein sollten, als man beim RBB beschlossen hatte, Ritter und Stark in die Wüste zu schicken. Deren Tatorte habe ich als oft zu gelackt bemängelt, das änderte sich aber zum Schluss hin, vor allem mit einem Krimi, der auch die Berliner U-Bahn als zentralen Schauplatz auswies: „Gegen den Kopf“. Ob Karow und Rubin so, wie sie als Figuren angelegt werden, den Dreh zu solchermaßen harten, großstädtischen, aber auch halbwegs realistischen Filmen finden können, lässt sich aktuell natürlich nicht einschätzen. Man kann ja an allem drehen. Nachdem anfangs das Familienleben sehr im Mittelpunkt von Nina Rubin gestanden hat, konnte man immerhin schon zeigen, wie man dies rasch verschwinden lässt. Erst geht der Mann wegen beruflich nach Bayern, einen oder zwei Tatorte später wird der Sohn, der unbandige, hinterhergeschickt. Damit ist auch die dezidiert jüdische Herkunft der Familie erstmal kein Thema mehr.

Anfangs dachte ich, sie wollen Anna Fiel loswerden, weil dieses Team eindeutig Ballast abwerfen muss, aber dann hat es doch Tolja getroffen, und man kann ihn ja immer wieder bei Bedarf auspacken, ausgerissen, durchgebrannt, zurück zur Mama gerannt. Arme Anna hingegen, hat keinen Vater mehr, der gar nicht ihr echter war, die Mutter, die eh nicht die echte ist, die ist weit weg und man weiß sowieso nicht, wer im Fall der Leihmutterschaft nun wirklich als echt angesehen werden sollte – und bei der Mordkommission Anna sie der einzige Mensch, der authentisch rüberkommt. Also bringt die Reproduktionsmedizin doch nicht nur verrückte Mediziner, sondern auch hübsche und sogar zart besaitete Kommissarinnen-Anwärterinnen hervor. Geht doch. Vielleicht geht ja auch mal ein richtiger Film zum Thema.

5,5/10

© 2017 Rote Sonne 17, Thomas Hocke 

Hauptkommissarin Nina Rubin – Meret Becker
Hauptkommissar Robert Karow – Mark Waschke
Assistent Mark Steinke – Tim Kalkhof
Kommissaranwärterin Anna Feil – Carolyn Genzkow
Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza – Maryam Zaree
Werner Lothar alias Harbinger – Christoph Bach
Blumenverkäuferin Romy – Luise Aschenbrenner
Dr. Irene Wohlleben – Almut Zilcher
Hanneke Tietzsche – Eleonore Weisgerber
Dr. Stefan Wohlleben Trystan Pütter
Ernst Schiffel – Ecki Hoffmann
Dr. Ulbricht – Urs Jucker
Tolja Rubin – Jonas Hämmerle
u.a.

Drehbuch – Michael Comtesse, Matthias Tuchmann
Regie – Florian Baxmeyer
Kamera – Eva Katharina Bühler
Schnitt – Friederike Weymar
Szenenbild – Tom Hornig
Ton – Marcus Bock
Musik – Jakob Grunert

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