Bienzle und der Traum vom Glück – Tatort 342 / Crimetime 234 // #Tatort #Stuttgart #Bienzle #TatortStuttgart #Glück #Traum #TraumvomGlück #Tatort342 #SWR

Crimetime 234 - Titelfoto © SWR / Schröder

Eine typisch schwäbische Unternehmergeschichte?

Wenn man so ein bestimmtes Gefühl von solide und ein wenig dröge hat, wenn man an Bienzle-Tatorte denkt: Auf „Bienzle und der Traum vom Glück“ trifft beides nicht zu. Teilweise für die Verhältnisse von 1996 furios gefilmt, mit sehr prägnanten Leistungen einiger Darsteller_innen, aber auch mit ein paar auffälligen Plotschwächen. Dass Mitte der 1990er so viele Engländer in Deutschland arbeiteten, war uns nicht bekannt, lief doch die Konjunktur im UK seit den 1980ern tendenziell eher besser als bei uns und hatte es doch hierzulande nach dem Wendeboom bereits den 1993er Rückschlag gegeben und stiegen die Arbeitslosenzahlen in jenen Jahren rapide. Gibt es eine plausible Erklärung? Wir versuchen mal was in der -> Rezension.

Handlung

Zanker ist ein schwäbischer Unternehmer vom alten Schlag. Mit der Kelle in der Hand hat er sein Unternehmen aufgebaut und in Geschäftsdingen läßt er sich von niemandem etwas sagen. Schon gar nicht von seinem Schwiegersohn und Juniorchef Schweikardt. Der hat jedoch eigene Pläne.

Im Steinbruch der Baufirma Zanker lagert er illegal den hochgiftigen Müll eines Recycling-Unternehmers. Ein lukratives Nebengeschäft. Als aber bei einer Sprengung ein englischer Arbeiter tödlich verunglückt, beginnt Bienzle im Steinbruch zu recherchieren. Er vermutet, daß es sich nicht um einen Unfall handelt, sondern um Mord. Der blutige Höhepunkt eines Konfliktes zwischen deutschen Arbeitern und der Billiglohn-Konkurenz aus England.

Dieser Verdacht erweist sich zwar als falsch, führt aber zu einer überraschenden Entdeckung. Bei der Obduktion der Leiche erweist sich, daß der Verunglückte mit hochgiftigen Substanzen in Berührung gekommen sein muß. Doch bevor die Polizei den Steinbruch absuchen kann, hat Schweikardt schon den Abtransport der Giftfässer veranlaßt. Die Verhöre der Arbeiter bringen Bienzles Ermittlungen nicht weiter. Auch Klara, die Wirtin der Baustellen-Kantine, schweigt zunächst. Ihr Verlobter, der am Transport der Fässer beteiligt war, wird mit schweren Vergiftungen ins Krankenhaus gebracht.

Als er schließlich an den Folgen stirbt, hat Klara nichts mehr zu verlieren. Sie teilt Bienzle mit, was sie über Schweikardts Machenschaften weiß. Doch auch Zanker ist inzwischen über die kriminellen Geschäfte seines Schwiegersohns informiert. In einem Rohbau, in schwindelnder Höhe, kommt es zur letzten Auseinandersetzung.

Rezension

Während Hannelore ihrem Ernscht die lädierte Schulter massiert, erklärt dieser dem Zuschauer in aller Ruhe den Unterschied zwischen illegaler Beschätigung (liegt bei den Engländern nicht vor) und Scheinselbstständigkeit (liegt vor). Diese Variante der Verdingung hätte man aber auch mit inländischen Arbeitnehmern vornehmen können, wenn wir uns nicht sehr täuschen – aber dann der halbe Preise.

Wurde in England damals wirklich so wenig verdient, dass die Bauarbeiter ein Motiv hatten, nach Deutschland zu kommen, anstatt in der Heimat auf bessere Zeiten zu warten, falls sie arbeitslos waren? Wir haben jetzt mal bei Eurostat nachgeschaut, die Erinnerung an frühere Statistikauswertungen trog nicht – die Arbeitslosigkeit war Mitte der 1990er im Vereinigten Königreich geringer als in Deutschland und, anders als hierzulande, weiter rückläufig. Whatever, wir müssen es nehmen, wie es ist, die Engländer verdingen sich in Stuttgart auf Baustellen. Ob sie von deutschen Akteuren gut dargestellt sind, hängt ein bisschen davon ab, welchen Zeitpunkt innerhalb des Films man herausgreift. Anfangs, als sie kaum Anbindung haben und angeblich kaum Deutsch können, wirken sie authentischer als später. Trotzdem ist die Verbrüderungszene in Klaras Pinte ein Highlight des Films. Leck mich am Arsch, kann Ernst Bienzle nur noch sagen, als er mittenrein platzt.

Wir erfahren auch, dass die Jungs von der Insel sich nebenbei was verdienen, indem sie beim Giftmüll-Geschäft zur Hand gehen. Dioxin war damals ein großes Thema. Dass dabei Krankheitsfälle auftreten, würde darauf schließen lassen, dass die Giftmüllfässer nicht in Ordnung sind – und außerdem, wieso trifft es nur einen der Engländer und den in einem atemberaubenden Tempo? Die einzige Lösung für diese fragwürdige Plotgestaltung wäre, dass ausgerechnet er mit einem lecken Fass in Berührung kam. Aber der Tote, der Bienzle erst auf den Plan ruft, war ebenfalls kontaminiert. Ein nicht gelöstes Rätsel des Tatorts 342, konsequenterweise erleben wir auch nicht, wie der clevere Müllunternehmer Gertzen dingfest gemacht wird. Es muss reichen, dass Fässer aus dem Neckar gezogen werden – welch uncoole Idee letztlich doch, sie da zu versenken, vor allem, weil niemand sich dazu äußert, warum sie dort gesucht wurden.

Die Wirtin Klara, die sich ein Leben in Cornwall mit einem der Engländer erträumt – welcher anglophile Mensch, vor allem diejenigen, die früh durch Enid Blyton mit der Insel vertraut gemacht wurden, würde das nicht; die Frau, die am Schluss beinahe einen Mord begeht, wird von Veronika Fitz sehr schön gespielt, wechselweise an Christiane Hörbiger und Irm Herrmann angelehnt.

Wesentlich stimmiger als die Implementierung der Briten ins schwäbische Bauwesen wirkt die Verortung des schwäbischen Bauunternehmers Zanker ins schwäbische Bauwesen, auch wenn er wohl kein Schwabe ist, dem Akzent nach. Das Familiendrama ist wohl auch die Grundsubstanz des Films, aber Felix Huby, der Bienzle-Erfinder und Dauer-Drehbuchautor hat hier den nicht vollends gelungenen Versuch gestartet, das Traditionelle mit dem Aktuellen bzw. Konjunkturellen zu verbinden und damit doppelte Sozialkritik in den Raum zu stellen. Zum einen gerichtet auf die  zunehmende Neoliberalisierung des Arbeitsmarktes, zum anderen auf den Umgang der älteren Generation mit der jüngeren. Vor allem hat uns Tatjana Blacher als Regine Schweighardt überzeugt, die in der Besetzungsliste nicht einmal genannt wird – ihre Stellung zwischen den Fronten und dieses zeitweise sehr natürliche, leicht verhuschte Spiel fanden wir sehr realitätsnah. Karoline Eichhorn in ihrer ersten Rolle innerhalb der Reihe hat weniger Spielzeit und wird als fieses Hingucker-Früchtchen verwendet, das etwas überambitioniert wirkt und sich samt ihrem Spießgesellen von Gertzen doch ziemlich leicht in die Tasche stecken lässt.

Vater-Sohn-Konflikte sind immer spannend, selbst wenn es sich hier nur um Schwiegervater und Schwiegersohn handelt. Allerdings sind wir nicht sicher, ob es die Absicht der Regie war, dass wir kaum anders können als uns mit dem alten Knochen Zanker zu identifizieren, dargestellt von Dieter Eppler, dem früheren Saarbrücker Tatortkommissar Liersdahl, weil sein Schwiegersohn wirklich ein gräßlicher Typ ist. Zumindest spielt Friedrich-Karl Praetorius ihn so, dass es kaum möglich ist, Mitleid mit ihm zu haben, obwohl er doch von dem Alten so unterdrückt wird. Der Verdacht ist nicht auszuräumen, dass nicht der Seniorchef den Juniorchef so gemacht hat, wie er ist, sondern dass dieser immer schon so war und der Ältere deshalb nichts mit ihm anfangen kann.

Aber seine Frau liebt ihn und dies auch dann noch, als sie bemerkt, dass ihr Mann mit der Frau Eichhorn flirtet und dann der Verdacht aufkommt, dass er was mit ihr gehabt haben könnte. Das ist ja auch eine Schicksalsgemeinschaft: Eine Frau entscheidet sich gegen den Willen ihres Vaters für einen Mann und hält an dieser Entscheidung bis zuletzt fest, bis zum Absturz, in diesem Fall. Da wird der arme Kerl dann noch mutig und stürzt sich hochsymbolisch von einem Hochhaus im Bau, für dessen termingerechte Fertigstellung die Firma Zanker als Generalunternehmerin veranwortlich ist, in den Tod. Als sich die Ehefrau gramvoll über den Gefallenen beugt, hat die Regie für einen Moment die Statisten nicht im Griff, einer der umherstehenden Bauarbeiter grinst. Es ist auch stellenweise ein ziemlich pathetischer Film. Aber auch ein sehr humorvoller.

Nicht nur die erwähnte Kneipenszene ist ein Brüller, auch das Verhältnis Bienzle-Gächter und wie Gerichtsmediziner und offenbar auch KTU-Chef Dr. Koch einbezogen wird, haben wir noch nie als solche Sketchparade erlebt. Und wenn man erstmal drin ist im Grienen und es geht immer weiter mit den Witzen, steigert sich diese Stimmung allzumeist. Die Büroszenen sind klasse ausgedacht und gespielt, das konnten die Münchener als Dreiergespann Batic-Leitmayr-Menzinger nicht besser. Gelb ist die Liebe, daran führt zumindest krawattenseitig nichts vorbei. Insgesamt verdichtet sich ohnehin der Eindruck, dass die Regie aus den Darstellern eine Menge herausgeholt hat und damit Schwächen des Drehbuchs – wieder einmal – in den Hintergrund treten lassen konnte.

Fazit

Für uns ist „Bienzle und der Traum vom Glück“ einer der besten Fälle mit dem Schwaben-Kommissar. Wir kenne noch nicht alle Tatorte mit dem Ernscht, aber die meisten, die wir schon gesehen haben, wirken ruhig, im Vergleich zu diesem Schaustück.  Die Verknüpfung des Mittelstands-Settings mit einem Arbeiterdrama sorgt dafür, dass der Film ziemlich gepackt ist, zumal man unbedingt noch die illegale Mülldeponierung und die Abschichtung illegaler Arbeitnehmertätigkeit mit legaler Scheinselbstständigkeit einbauen musste. Da wollte Felix Huby wohl zeigen, was man alles in 90 Minuten packen kann – am besten sind ihm dabei die Dialoge zwischen den Polizisten und einige zwischen den Familienmitgliedern der Zankers gelungen, die nun eine Generation überspringt muss. Der Alte wird weiterarbeiten müssen, bis sein kleiner Enkel alt genug ist, um zu übernehmen. Oder wird die Tochter in eine Führungsrolle hineinwachsen? Bei dem Vater? Nun ja. Der Traum vom kleinen Glück in Cornwall ist ebenso futsch wie der von einer Unternehmer-Dynastie.

Aus der Vorschau

Nachdem wir gestern bereits festgestellt hatten, dass wir den Tatort 341 aus München noch nicht kennen, konnten wir das heute für den direkten Nachfolger aus Stuttgart ebenfalls konstatieren. Der Münchener Film, wir haben ihn gestern Abend angeschaut, ist für seine Zeit sehr modern gemacht, auch technisch – von Bienzle erwarten wir nun eher schwäbische Hausmannskost. Das Herumwühlen im schwäbischen Unternehmertum ist ja in den frühen Bienzle-Jahren sehr ausgeprägt gewesen, wie wir zuletzt beim Starter „Bienzle und der Biedermann“ feststellen konnten, den der SWR auch mal wieder ausgekramt hatte. Aufgrund des gestrigen Münchner Tatorts wissen wir schon, dass „Bienzle und der schöne Traum“ im Jahr 1996 entstanden ist.

Wenn man immer denkt, Bienzle-Filme seien so bieder, wie der so gesehen prototypische Name seines ersten Falles vermuten lässt, täuscht sich nicht, die Machart betreffend. Aber das Innenleben der Charaktere ist manchmal schräger als in stilistisch hochgezüchteten, jedoch bezüglich der Figuren nicht sehr aussagekräftigen Tatorten aus einigen anderen Städten. Die Bienzle-Tatorte sind eher Jedermann- als Biedermann-Filme: Sie zeigen Vorgänge und Menschen, an die der Normalbürger gut anknüpfen kann. Da man den Normalbürger als mehr oder weniger ausgestorben ansieht, gibt es heute keine Schiene mehr, die ihn gleichermaßen anspricht. Womit wir protokollieren, dass wir an dieser Milieuexitus-Theorie zweifeln. Wir werden natürlich auch diesen Tatort gleich einprogrammieren, in den nächsten Tagen anschauen und über unsere Eindrücke berichten.

TH

Hauptkommissar Ernst Bienzle – Dietz-Werner Steck
Günter Gächter – Rüdiger Wandel
Wilhelm Zanker – Dieter Eppler
Hermann Schweikardt – Friedrich-Karl Praetorius
Dr. Kocher – Klaus Spürtzel
Edward – Matthias Ponnier
Roland Kästle – Bernd Grann
Wieland Schorf – Hubertus Gertzen
Inka Brahms – Karoline Eichhorn
Klara – Veronika Fitz
Hannelore Schmidinger – Rita Russek

Drehbuch – Felix Huby
Regie – Dieter Schlotterbeck
Kamera – Heribert Schuster

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s