Die Spur des Fremden (The Stranger, USA 1946) – Filmfest B 3

2018-09-14 Filmfest B

Filmfest B 3

Dass wir einmal einen Beitrag von „Neue Debatte“, bekannt für kurze und prägnante politisch-philosophische Texte, ins Filmfest B* aufnehmen würden, war nicht ohne Weiteres vorauszusehen.  

Nun aber hat sich Ulrich Behrens zum Schreiben von Kritiken dort niedergelassen und wir kennen ihn als einen der profiliertesten, vor allem – sic! – die sozialen, politischen Aspekte von Filmen hervorragend analysierenden Kritiker hierzulande. Filme auf ihre gesellschaftlichen Aspekte abzuklopfen, ist auch wesentlich für unseren Ansatz, außerdem liegen US-Kinostücke aus der Epoche des klassischen Film noir im Zentrum unseres Interesses. Weiterhin ist mit dieser Rezension ein Kriterium erfüllt, das bereits für die ersten beiden Artikel des „Filmfest B“ galt: Wir kennen den besprochenen Film.

Es ist schon länger her, dass wir „Der Fremde“ gesehen haben. Dass es zu ihm keine Rezension von uns gibt, lässt darauf schließen, dass dies (zuletzt) vor 2011 geschehen ist.

Bei „The Stranger“ handelt es sich um eines der weniger bekannten Werke von Orson Welles. In der IMDb erhält er derzeit 7,4/10, das liegt in der Mitte dessen, was für vergleichbare Streifen ausgewiesen wird (ca. 6,5 bis 8,3), wenn sie zu den besseren des Genres zählen, aber als Hauptwerk der „Schwarzen Serie“ wird er nicht angesehen.

Ganz sicher macht Edward G. Robinson, nachdem er einmal und für immer vom Gangster zum Guten mutiert war, dies geschah in den späten 1930ern, wieder einen guten Job als investigativer, aber dezent auftretender, sympathischer Vertreter der Gerechtigkeit; ob Welles gewaltig aufspielt, wie es seiner Art entspricht oder ob Loretta Young übertreibt – leider zu lange her, das Anschauen, als dass wir darüber jetzt noch eine bestätigende oder abweichende Meinung abgeben könnten.

„Die Spur des Fremden“ ist auf Youtube in voller Länge vorhanden und wer wissen will, wie man in den USA kurz nach Kriegsende mit dem Thema geflüchteter und und untergetauchter Nazis umging, der sollte sich die 91 Minuten gönnen, die „The Stranger“ dauert.

Er ist, wie Behrens in anderen Worten schreibt, ein Howcatchem und erfüllt damit ein Hauptmerkmal des Film noir, wobei meist der zu Fangende auch der Sympathieträger, der schattige Held oder Antiheld ist – seltener derjenige, der ihn zu stellen hat, denn der Film noir ist meist kein Polizei- oder gar Agentenfilm. Insofern sehen wir bei „Die Spur des Fremden“ in der Perspektive, aus welcher er erzählt wird, einen Unterschied zum üblichen Muster angelegt, denn diese dürfte im Wesentlichen die von Ermittler Wilson sein und er soll gewiss als Identifikationsfigur dienen.

Ein weiteres Merkmal fasziniert uns an den Films noirs und an US-Filmen generell: Der Aspekt des amerikanischen Traums, in diesem Land untertauchen und als ein anderer an einem anderen Ort wieder an die Oberfläche gelangen zu können. Wenn man nicht gerade wegen eines Schwerverbrechens gesucht wurde, war das offenbar zumindest früher legal und darin erkennen wir die Melodie des der Freiheit in Form des immer möglichen Neuerfindens der eigenen Person, das in einem engen Land wie Deutschland nicht in dieser radikalen Form möglich ist, die symbolisch und faktisch auch einen Namenswechsel einschließt.

Es geht dabei um eine zweite, sogar dritte Chance, die jeder, der kein Schurke ist, verdient hat. Aber Rankin alias Kindler ist ja ein Schurke und hinzu kommt ein weiteres typisches Noir-Merkmal: Dass das Schicksal im Film noir eben doch keinen Spaß kennt.

Die Schatten der Vergangenheit sind meist so lang, dass sie den mit neuer Identität Lebenden wieder einholen. Das ist besonders dann, wenn er kein böser Mensch ist, eine  negative, fatalistische, unamerikanische Sichtweise, die damals aber in Mode war – hervorragend ausgespielt im Noir-Klassiker „Out of the Past“ mit Robert Mitchum als dem, der von seinem Gestern eingeholt wird und Kirk Douglas als seinem Gegenspieler. Beide waren damals aufstrebende Jungstars.

Dieser handlungsseitig und psychologisch sehr komplexe Noir von Jacques Tourneur entstand ein Jahr nach „The Stranger“.

Die Rezension von Ulrich Behrens zu „The Stranger“ fanden wir spannend und wir möchten immer wieder dazu ermuntern, ältere Filme nicht zu vergessen, denn sie sind mindestens interessante Zeitdokumente – und oft mehr als das, nämlich überraschend überzeitlich. Außerdem bietet „Die Spur des Fremden“ mit Welles und Robinson zwei großartige Darsteller und Persönlichkeiten auf.

TH

*Filmfest B ist unsere noch leicht unterentwickelte Schiene für empfohlene Kritiken von anderen Autor_innen.

Bisherige Beiträge:

Tod auf dem Nil (UK 1978) (Filmfest B 2)
Blue Velvet (USA 1986) (Filmfest B 1)

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