Du gehörst mir – Tatort 975 / Crimetime 243 // #Tatort #LU #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #Stern #Dugehoerstmir #Du #gehoeren #gehören #SWR #Tatort975

Crimetime 243 - Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Lena schaltet ab

Im 64. Fall von Lena Odenthal geht es um Vergewaltigung und ihre Folgen. Aber wer glaubt, der Film schärft nach „Köln“ und ähnlichen Ereignissen den Blick für soziokulturelle Entwicklungen, sieht sich getäuscht. Was nicht daran liegt, dass der Tatort 975 schon im Jahr 2015 gedreht wurde.

„Ernst sein und demgemäß ernst mit einem Thema umgehen, dass kan Lena Odenthal, deshalb sind Sexualstraftaten als Fälle bei ihr gut aufgehoben – wenn man das so nennen kann. Wie wird der Film auf uns wirken, sechs Wochen nach den Ereignissen von Köln und anderswo?“ – so die Eingangsfrage in der Vorschau.

„Unter den Tatortguckern, die meist von Geburt an in Deutschland leben gibt es genug Kandidaten, deren Kommentare im Netz darauf hindeuten, dass sie trotz ihrer Sozialisierung in diesem Land der Freiheit und Gleichberechtigung Frauen respektieren immer noch nicht gelernt haben. Und die trotzdem das, was im Film gezeigt wird, garantiert nicht auf sich beziehen werden.“

Damit genau das eintritt, ist das Tätermilieu fürs Ausgangsdelikt eine Muckibude. Ob man dem Thema damit gerecht wurde und ob einige weitere Elemente des Films dem Thema angemessen sind, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

In einem Ludwigshafener Parkhaus wird Bodybuilder Tarim Kosic ermordet. Bei der Untersuchung seiner DNS stellt sich heraus, dass Kosic der mutmaßliche Täter in einem einige Wochen zurückliegenden Vergewaltigungsfall war. Die junge Tänzerin Marie Rainers wurde dabei so schwer verletzt, dass sie seitdem im Koma liegt. Tag und Nacht sitzt ihre Mutter Birte verzweifelt am Krankenbett – ist es denkbar, dass sie in ihrem Schmerz zur Mörderin aus Rache wurde? Lena Odenthal, Mario Kopper und Johanna Stern kommen aber auch auf die Spur des jungen Rappers Yago Torres. Er behauptet, in Marie verliebt zu sein, hatte aber keinen Erfolg, wie ihre Freundin Evelyn berichtet. Kommt er als Täter in Frage, weil er seine Liebe beweisen wollte? Als Lena Odenthal und ihr Team herausfinden, dass auch Kosics Kumpel Daniel Peters an der Vergewaltigung beteiligt war, hoffen sie mit seiner Hilfe weiterzukommen. Doch als Kopper und Johanna Stern Peters verhören, bricht er zusammen und stirbt. 

Rezension

Wer gehört wem in diesem Tatort (Rezension enthält Angaben zur Auflösung)? Zu allererst gehört der Zuschauer dem Drehbuchautor. Zumindest wenn er Tatorte nicht nur guckt, sondern auch Kritiken darüber schreibt. Der Zuschauer ist der Gefangene des Autors und wird von dessen Dialogen vergewaltigt, ohne sich wehren zu können. Der Zuschauer fällt aber nicht ins Koma, sondern rafft sich trotzdem zum Schreiben über auf, weil er diese Art von Vergewaltigungen nach über 400 Tatortrezensionen gewöhnt ist. Man wird zum wiederholten Opfer von Rape-Writern.

Gott, war’s denn so schlimm? Der liebe Gott hat damit überhaupt nichts zu tun. Nur Menschen können einander so behandeln. Ich habe vor allem die Schauspieler bemitleidet. Dass Ulrike Folkerts nach über 60 Tatorten noch agieren muss wie eine Anfängern am Tatort und als Leitende Ermittlerin, ist einfach nur schlimm. Dadurch bekommt sie auch nicht die Gelegenheit, alters- und erfahrungsgemäße Souveränität zeigen zu  können, sondern lässt sich provozieren und wird auf eine Stufe mit der etwas mehr als halb so alten Neu-Ermittlerin gestellt, die psychologisch dermaßen schräg gezeichnet ist, dass ich nach wenigen Minuten zum Fernseher gehen und ihn schütteln wollte, damit die Glaubwürdigeit der Figuren wieder ins Lot kommt.

Aber ist Streit nicht die neue Harmonie? Aber doch nicht so. Muss man versuchen, Dortmund im Zoffmodus zu überholen, mit einem Team, das so anders ist? Da stimmt kein einziger Satz, in diesen Streits, das kommt noch hinzu. Ganz selten hatte ich so sehr den Eindruck, dass rücksichtslos über jede psychologische Grundlage hinweggeschrieben wurde wie in diesem Film.

Und hätte man Maries Statements in den Handyfilmen nicht etwas origineller schreiben können? Auch so ein Girlie darf mal etwas von sich geben, das nicht komplett stereotyp wirkt.

Eines Tages, wenn die heutigen Tatorte retrospektiv betrachtet werden, dann wird dieser Film etwa so analysiert werden: Ja, das war jene Zeit, als die Menschen hierzulande den Überblick verloren. Das sieht man ganz eindeutig daran, wie idiotisch sie sich in Filmen benehmen. Da fehlt vollkommen eine Art Weltwahrnehmung, die über den rudimentär ausgestalteten Moment hinausgeht. Niemand stellt sich mehr in irgendeinen Zusammenhang und hat eine Auffassung über sich selbst als Person und wofür er steht. Dann wird auch die Frage aufkommen, ob nich Absicht hinter dieser Inszenierung steckt. Dann wird der vorletzte Analyst sich mit dem letzten Kritiker unterhalten und sich rückversichern: Nein. Nein. Die Diaoge sind einfach nur furchtbar.

Außerdem zerstört dieses Gefühl, ständig behumpst zu werden, das Gefühl des  Zuschauers fürs Thema.

Wie war denn das Thema aufbereitet? Ich habe schon verstanden, dass die einzigen Szenen in Normalfarben diejenigen sind, in denen Marie Reinders noch nicht im Koma lag, da war das Leben noch bunt, lachend, optimistisch. Und dann kommen diese ausgewaschenen Farben im Metallic-Look, zu denen natürlich die Silberklammern über den Rapper-Zähnen besonders gut passen. Sehr stylisch. Aber die Farbwahl und die überscharfen Konturen in HD passen wirklich zum dialogweisen Umgang mit den Schauspielern: Unvorteilhafter kann man Menschen kaum abfilmen. Auch da wird keinerlei Rücksicht auf Ulrike Folkerts mit ihrem sehr drahtigen Äußeren genommen, während Menschen mit eher rundlichen Formen wie Quallen wirken. Anti-Ästhetik ist die neue visuelle Magie. Aber man kann das noch weiter treiben, ich bin gespannt, ob dann auch bald digitale Nachbearbeitung dafür sorgen wird, dass die Leute künstliche Falten verpasst bekommen, wenn die realen immer noch nicht ausreichen. Vielleicht ist das hier schon der Fall.

Soweit die Optik – und inhaltlich? Diese bescheuerten Streitereien im Ermittlerteam haben bei mir komplett den Zugang zum Thema Vergewaltigung oder besser: zum Schicksal von Marie zerstört. Ich ahnte Schlimmes, als Mario gegen die Wand auf dem Parkdeck pisste. Wer sowas ins Bild setzt, hat keine guten Absichten. Nicht einmal dem eigenen Renommee als Tatortmacher gegenüber. Es ist … äh, überflüssig.

Das ganze Angeraunze zwischen den Cops nimmt fast ein Drittel der Spielzeit in Anspruch, und es wird sehr deutlich, dass der Fall recht dünn gestrickt ist und damit aufgmotzt werden soll. Anstatt, dass man sich für das Drama Zeit nimmt, wird es aus den Angeln gehoben durch dieses unendlich nervige und unpassende Umgangsweise im Kommissariat. Wenn es wenigstens noch fetzig wäre, zum Ausgleich. Aber, siehe oben: Dialogqualität.

Ein wirklich zeitgeistiges Ding sind hochdramatische Schlussszenen. Oder Kurz-vor-dem-Schluss-Szenen. In diesem Fall schaltet Lena Odenthal der Marie das Leben ab. Und muss extra nochmal den Arzt fragen, wie es geht, nachdem dieser es bereits der Mutter in Lenas Anwesenheit erklärt hat – zumindest den ersten Schritt des Vorgangs. Im Grunde eine erschütternde Szene, aber ich musste mich anstrengen, um berührt zu sein, weil ich schon vorher voll gegen die emotionale Seite des Themas und des Schicksals gebürstet war, durch das Ertragen von Wortkaskaden, die jedweden Sinns entbehren und Figuren, die dadurch ins emotionale Abseits gestellt werden.

An einer Stelle wird sogar Marie unsympathisch, weil sie ihren Rapper-Freund wegen einer Hauptrolle in einer Ballett-Inszenierung einfach fallen lassen will. Einer von vielen sinnfreien Sätzen in diesem Film.

Der nunmehr als „dünn“ apostrophierte Fall an sich, war er wenigtens gut konstruiert?

Glücklicherweise haben sie nicht auch noch versucht, es kompliziert zu machen. Allerdings hatte ich selten so schnell die Täterperson auf dem Schirm wie dieses Mal. Die letzte Bestätigung war der Moment auf der Dienststelle, wo die Ermittler dem Zuschauer nochmal die beiden möglichen Verdächtigen für den Racheakt aufzählen: Die Mutter von Marie und den Rapper von Marie. Und die Groupie-Freundin lassen sie einfach aus. Das kommt davon, wenn man den Kopf zu sehr voller Honig hat oder damit, dass man beinahe die gesamte Hirnkapazität zum Nachdenken darüber benötigt, wie man den nächsten Krach im Revier inszenieren kann.

Die Täterperson ist also eben so klar wir unrealistisch. Welches Syndrom man haben muss, um als junge Frau auf diese höchst unterschiedliche Weise zwei Menschen umzubringen, wie Evelyn das tut, weiß ich nicht. Das ist selbst dann kaum denkbar, wenn die Opfer nur Bodybuilder sind und durchs Fenster ihres Studios junge Frauen belästigen, dass die Scheiben beschlagen. Wie schön, dass man heute alles filmen kann, um sich daran hochzuziehen.

Ach ja, das Milieu. Eh klar. Als Fitnessstudio-Abonnent weiß ich, was es macht, wenn Leute mit dickeren Armen zugange sind als diejenigen, die man selbst hat, weil man keine anabolen Steroide nimmt und auch nicht so konsequent bei der Trainingsgestaltung ist. Dieses Leben unterhalb des Optimums an Muskeldefinition ist so frustrierend, dass ich mein erstes Tatort-Drehbuch garantiert mit vergewaltigenden und brotdummen Bodybuildern vollpacken werde. Das Fitnessstudio ist eh ein Schlachtfeld der Geschlechter. Ständig macht irgendwer irgendwen auf die blödest denkbare Weise an. Und immer Oneway. Es ist gruselig. Ich persönlich habe es mir längst zur Angewohnheit gemacht, immer betont zur Decke, zum Boden oder zur Seite zu schauen – oder die Augen gleich ganz zu schließen, wenn weibliche Besucher zugange sind. Deswegen bin ich schon manches Mal gegen einen Vollpfosten gerannt. Dank aufrechten Gangs blieb eine Einwirkung aufs Gehirn allerdings bisher aus. So, genug gelästert:

Trotz dieses Lebens in Panik davor, mir für einen zu direkten Blick gleich die Verewigung in einem Handy-Video einzuheimsen, werde ich in diesem fiktionalen Derhbuch nicht auf die Idee kommen, das Dealen mit unerlaubtem Doping zum Anlass für eine Brandstiftung im Parkhaus zu verwenden und dann zu zeigen, wie wenig Muskelmasse nach Verkohlung übrig ist. Es gibt Grenzen für Geschmacklosigkeiten gegenüber Typen, die auch nur stramm tätowierte Sucher nach einer kleinen, persönlichen Insel im Meer der allgemeinen Respekt- und Anerkennungslosigkeit unserer Zeit sind.

Dadurch, dass die Vergewaltiger so klischeehaft sind, fehlt dem Film ein Überraschungsmoment. Gegen den Strom zu inszenieren, wenigstens in einem Punkt, kann so cool sein. Leider Chance verpasst.

Finale

Ich beteilige mich nicht am Odenthal-Bashing, das seit einiger Zeit unter den Tatort-Fans zu beobachten ist. Ich habe bei Lenas letzten beiden Filmen („LU“ und „Room Service“)  überdurchschnittlich gewertet und ich würde nie ein Team abschreiben oder niederschreiben, wenn es das nicht verdient hat (es gibt unter derzeit 20 Standorten nur einen, mit dem ich mittlerweile ein prinzipielles Problem habe, wegen der Zeichnung der Ermittlerperson: Hannover).

Wenn ich nur wenige Punkte vergebe, muss der einzelne Film wirklich schlecht sein. „Du gehörst mir“ trägt das Beste schon im Titel, nämlich den schön im Imperativ gestalteten Titel selbst. Fehlt nur das Ausrufezeichen.

Nach dem Vorspann aber kommt viel Ärgernis auf denjenigen zu, der sich als Zuschauer bei einem ernsten Thema ernst genommen fühlen möchte. Möglicherweise haben die Macher verkannt, dass im Publikum nicht nur Menschen zu finden sind, die alle ihre Körner für den Muskelaufbau verwenden.

Meine Meinung: 5/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Ulrike Folkerts (Lena Odenthal), Andreas Hoppe (Mario Kopper), Lisa Bitter (Johanna Stern), Annalena Schmidt (Edith Keller), Peter Espelover (Peter Becker), Sandra Nedeleff (Birte Rainders), Vladimir Burlakov (Daniel Peters), Elisa Afie Agbaglah (Marie Rainders), Luca Riemenschneider (Tarim Kosic), Matthias Wiedenhöfer (Yago Torres), Evelyn Zoller (Lilli Fichtner).

Regie: Roland Suso Richter
Drehbuch: Jürgen Werner

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