Pears Global oder weiche Birne? Das ist die Frage, beim Syndikat in Neukölln / @Syndikat44 @derjochen @HeimatNeue @nina_kugler @morgenpost @KiezinAktion // #Syndikatbleibt #wirbleibenalle #Neukoelln #Mietenwahnsinn

Hier gibt es bereits ein Update, TH, 13.03., 14:00 Uhr.

So, wir haben uns jetzt nochmal mit einer Initiative abgestimmt, die sich in Neukölln auskennt, ob wir wirklich schon mit dem Beitrag rausgehen. Wer wissen will, was sie geantwortet haben, soll uns auf Twitter oder wo auch immer antworten.

Um von Beginn an keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen an einer wichtigen Sache:

Syndikat bleibt!  

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11. März 2019 – Schillerkiez-Spaziergang mit Syndikat, Foto © Der Wahlberliner

Gestern war ich mit einem befreundeten Journalisten vor Ort und wir haben uns über den Schillerkiez unterhalten, der seine geliebte Heimat ist und über den er nebenamtlich schreibt.

Selbstverständlich war das Gespräch überwiegend politisch und ebenso selbstverständlich kam die Kiezkneipe Syndikat darin vor. War schön und sehr informativ, zumal wir uns längere Zeit nicht mehr gesehen hatten. Ins Syndikat konnten wir nicht gehen, weil wir beide nur am Morgen mal zwei Stunden gemeinsame Zeit fanden. Also sind wir wenigstens daran vorbei gelaufen.

Wir haben auch über diese Webseite von „Pears Global Real Estate Four Germany“ gesprochen, die ja vor ein paar Tagen schon einmal auftauchte – und damals überhaupt keine mediale Reaktion verursacht hatte. Auch die Initiative „Syndiakt bleibt“ hatte nicht darauf angesprochen.

Wir hatten uns dann beim Wahlberliner ebenfalls entschlossen, nicht darüber zu schreiben – obwohl es doch ein Knaller gewesen wäre, als erste entdeckt zu haben, dass das Syndikat es geschafft hat, den Giganten Pears Global umzustimmen und bleiben zu können, ganz offiziell. Waffenstillstand – Frieden? Aber schon damals fanden wir diese Präsenz von „Pears Four Real Estate“ etwas seltsam.

Nun aber schaltet sich auch die Hauptstadtpresse ein und nicht nur das – sie rechnet sich auch zu, Pears Global besiegt zu haben. Hier der Tweet, der das belegt:

Falls es mit dem Syndikat abgesprochen ist, dass man so tut, als ob man die Webseite für echt hielte, also eine Art Gemeinschafts-Satire produzieren will, war genau das einen Tick zu viel, weil wir meinen, wenn jemand siegt, dann das Syndikat selbst, mit seinen coolen Aktionen, die es schon gezeigt hat und mit denen es die Stadtgesellschaft elektrisiert, stärkt und auch Menschen wie uns inspiriert – und nicht etwa umgekehrt.

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11. März 2019, Foto © Der Wahlberliner

Die Presse hingegen kann bestenfalls ein wenig unterstützen.

Nicht nur bei der Morgenpost, sondern auch beim Tagesspiegel ist allerdings feststellbar, dass es journalistisch down-top etwas konservativer wird und auch viel gegen die Mieter_innen geschrieben wird – oder besser: für die Immobilienlobby.

Vielleicht war auch diese Erkenntnis ein Grund für das Syndikat, sich die Presse ironisch zur Brust zu nehmen, weil sie im Sinn der Meinungsfreiheit ganz schön zwiespältig daherkommt und nicht voll auf der Seite der Bedrängten steht.

Wir halten es nicht für ausgeschlossen, dass eine Lokalredakteurin deshalb absichtlich mitmacht, obwohl sie gemerkt hat, dass mit der Webseite etwas nicht stimmt. Falls das aber so ist und falls wir jetzt nicht komplett schief liegen und doch alles echt ist: Das ist  der Knackpunkt. Was das Syndikat tut, um auf sich aufmerksam zu machen, ist eine Sache, aber die Presse muss versuchen, Klarsicht zu schaffen, nicht Nebelkerzen werfen.

Natürlich, die Seite mit der halben Birne ist nicht so gemacht, dass man nach einer Sekunde mit der Nase darauf stößt, dass alles Quatsch ist, sonst hätte sie keinen Kann-oder-kann-nicht-sein-Effekt und dann würden sich derzeit nicht so viele interessierte Menschen fragen, ob Sein oder Schein vorliegt.

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11. März 2019, Foto © Der Wahlberliner

Wir trauen den Aktivist_innen vom Syndikat mit ihren vielen Einfällen zu, dass sie sie Webseite selbst gebaut haben bzw. sie sich von Freunden haben gestalten lassen. Das wäre eine Form von Guerilla-Marketing.

Auch die Abfolge der Reaktionen auf die erste Ankündigung von „nk44“ heute Abend gibt einen Hinweis darauf, dass man ein bisschen mit der Sache vertraut ist. Zuerst hat „SyndiCat“, die anarchische Schwester, reagiert – und „Syndikat bleibt“ erst einmal gar nicht. Wir stützen uns aber im Wesentlichen auf das, was wir auf der Webseite selbst gesehen haben:

Allein das Impressum gibt so viele Hinweise darauf, dass etwas nicht stimmt, dass man als einigermaßen sortierte_r Journalist_in gut beraten ist, das Geschriebene mindestens in Frage zu stellen und nicht eher einen Sieg, schon gar keinen eigenen, persönlichen, zu publizieren, bis man eine vertrauenswürdige Reaktion von Pears Global selbst erhalten hat.

Die Warnfunktion war zudem Absicht, sonst hätte man die Schrullen nicht so gehäuft platziert. Doch nicht jede_r ist wohl bis zum Impressum vorgestoßen und auch damit haben die Macher wohl gerechnet. Nicht einmal die Postleitzahl der Adresse Kudamm 177 stimmt übrigens. Ein Hoch auf die vielen Siebener.

Und das Birnen-Logo! So süß in jedem Sinn des Wortes. Erinnern wir uns noch an das reizende Syndikat-Plakat „No Tears for Pears“? Bei dessen Anfertigung könnte die Idee zur Webseite entstanden sein.

Die William Pears Investorengruppe mit all ihren vernetzten Firmen hat natürlich nichts mit „Pear“, also mit Birne zu tun.

Es gibt Firmeninhaber, die mit ihrem Namen auf launige Weise spielen, gerade in Berlin ist sowas nicht untypisch und wir mögen es. Aber bei den erzkonservativen Immobilienleuten? Ein Immo-Mensch, der Pfeifer heißt, würde sich gewiss nicht nicht eine Triller- oder Wasserpfeife als Logo gönnen und Birnen sind seit Helmut Kohl als ernst gemeinte Chiffre ohnedies tabu.

Hat sich zwecks weiterer Forschungen jemand die Hauptseite von Pears in Großbritannien angeschaut und sich überlegt, ob das, was hier in Berlin gezeigt wird, irgendwie zur ziemlich mächtig und überdrüber wirkenden, von Schwarz und von Fotos von megalomanischen Projekten dominierten CI der Firma passt und ob dieser Global  Player ein Haus wie die Weisestraße 56 als „Premium“ bezeichnen würde, zart auf weiß?

Pears ist, wie alle im Moment, froh, in Berlin überhaupt irgendwas in die Hand zu bekommen, sonst würden sie sich andere „Premiumhäuser“ suchen als ein kleines, hochgradig unscheinbares Gebäude in einer Neuköllner Seitenstraße mit einer renitenten Erdgeschosskneipe und sonst nicht viel drum herum, was Premium wirkt. Akelius hat in der Ecke auch was, stimmt. Die sind ja stolz auf sich und schrauben ihr Schild an jedes Haus, das sie besitzen.

Es gab Momente, da waren wir nicht sicher, ob nicht noch mehr gefakt wurde.

Und seit wann, last but not least, kündigt eine solche Firma, die bisher auf Diskretion Wert gelegt hat, einen „Sinneswandel“ auf diese Weise, also auf einer so rudimentären Webseite an, anstatt sich mit den Beteiligten erst einmal intern in Verbindung zu setzen? Und nimmt diese Webseite dann auch noch offline und schaltet sie ohne wesentliche Änderung ein paar Tage später wieder frei? Haben wir schon den Ersten April? Nein, und Fasching ist vorbei. Gut.

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11. März 2019 – die Wunschwand des Syndikats – und von uns allen. Foto © Der Wahlberliner

Der Text weist weitere satirische Züge auf und vielleicht wollten die Syndikat-Aktivist_innen in ihrer verzweifelten Lage auch mal sehen, wie eitel und dumm manche Menschen sind oder eben nur anprangern, was alles man tun muss, um im Gespräch zu bleiben.

In einer Stadt, in der jeden Tag ein neuer Verdrängungsfall hochpoppt, muss man sich etwas einfallen lassen, um weiter wahrgenommen zu werden. Das Maximum an grimmigem Fun wäre gewesen, wenn die genannten Politiker_innen darauf angesprungen wären, aber das haben wir bis jetzt nicht wahrgenommen.

Unsere volle Sympathie haben die Besetzer vom Syndikat bei all diesen kreativen Ideen und eines ist schon klar: Hätte die Morgenpost nicht reagiert, hätten wir vermutlich nicht gegenreagiert.

Auch wir sind enttäuscht, wenn wir merken, dass sich in Wirklichkeit nichts zugunsten des Syndikats getan hat. Ein hintersinniger und guter weiterer Gedanke – genau diese Gefühle auszulösen, damit wir’s uns nicht so bequem machen und uns mit dem Schicksal der Kiezkneipe in der Weisestraße nicht einfach abfinden.

Wir haben uns gestern über die Politik in Neukölln unterhalten (steht oben schon) und wir waren uns einig, dass Jochen Biedermann als Baustadtrat, mein Gesprächspartner kennt ihn, im Unterschied zu mir, persönlich, eine engagierte und seriöse Arbeit macht. Im Fall „Pears Global vs. Syndikat“ kann der Bauchef des Bezirks zu vermitteln versuchen, nicht aber zugunsten der Kneipen-Gallier_innen mit rechtlichen Mitteln eingreifen, damit sie bleiben können, denn misslicherweise haben Gewerberäume keinen Milieuschutz.

Wir haben u. a. wegen des Syndikats gefordert, dass sich das so schnell wie möglich ändern muss und wir unterstützen auch die „Neue Berliner Linie“, die Zwangsräumungen verhindern soll. Deswegen spielt es überhaupt keine Rolle, anders als von der Morgenpost einfach mal übernommen, wann der Milieuschutz eingerichtet wurde oder wann oder ob aufgeteilt wurde. Für die Wohnungen im Haus Weisestraße 56 durchaus, nicht aber für das Syndikat.

Geht es also um Pears Global oder um weiche Birnen? Auch möglich, dass wir uns zum  zum Obst machen, wenn sich herausstellen sollte, dass diese Webseite tatsächlich echt ist und Pears einfach mal wartet, ob das Syndikat sie auch findet und dieses sich dann einfach mal freut, ohne Näheres zu wissen. Aber vielleicht wäre damit das Syndikat gerettet und das wäre es uns wert, dass wir daneben lagen und uns ziemlich entschuldigen müssen.

Gerade wegen dieser Geschichte heute unsere Solidarität mit dem Syndikat von Neukölln!

Hier zu unserem ersten Bericht über das Syndikat.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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