Zähl bis drei und bete (3:10 to Yuma, USA 1957) #Filmfest 22

Filmfest 21

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

Nach dem berühmten Krimi-Melodram „Gilda“ hätten wir auch in Richtung Rita Hayworth abiegen können, aber wir haben uns nicht für Gilda, sondern ür Glenn entschieden – für Glenn Ford, den männlichen Hauptdarsteller aus „Gilda“.

Ein Grund war sicher, dass wir bereits einige Kritiken zu Filmen geschrieben haben, in denen er auftritt und die auf Veröffentlichung warten. Wir kommen damit ins Westerngenre, erstmalig im Reigen des neuen Filmfests.

Obwohl Ford keiner der Darsteller war, die unweigerlich mit diesem uramerikanischen Genre in Verbindung gebracht werden, war er – der Mann in Hollywood, der in der Realität die Waffe am schnellsten ziehen konnte.

Im Schwarz-Weiß-Klassiker 3:10 to Yuma aus dem Jahr 1957 spielt er aber keinen aufrichtigen Siedler oder einen Schützen, der seiner Vergangenheit entkommen will, typische Rollen, auf die wir noch zurückkommen werden, sondern – einen Banditen. Sein Gegner ist Van Heflin, der ihn per Zug in ein Staatsgefängnis überstellen soll. Die beiden liefern sich ein Psycho-Duell, während sie auf den Zug warten, das stellenweise an die Situation in „Zwölf Uhr mittags“ erinnert – und gibt es einen dramaturgisch besseren Western als diesen?

Handlung (Wikipedia)

Die berüchtigte Gang um den bekannten Outlaw Ben Wade überfällt die Postkutsche nach Bisbee und erschießt dabei den Kutscher. Der Farmer Dale Evans wird mit seinen beiden Söhnen unfreiwilliger Augenzeuge, da die Bande beim Überfall seine Rinderherde aufscheucht.

Wade schickt seine Bande mit dem Diebesgut fort, um die Verfolger selber auf eine falsche Fährte zu locken, jedoch wird er von Evans erkannt und mit Hilfe des Marshalls in einem Saloon festgenommen. Wade bleibt gelassen, da er sicher ist, dass seine Bande ihn befreien würde. Da in Bisbee keine Möglichkeit besteht, den Gefangenen sicher einzusperren, bietet der in der Kutsche ausgeraubte Zuglinienbesitzer Mr. Butterfield Evans 200 Dollar, wenn dieser Wade nach Contention City bringen würde. Dort soll er mit dem Gesetzlosen um zehn nach drei in den Zug nach Yuma zur Verhandlung fahren. Aufgrund der anhaltenden Trockenheit und der damit verbundenen schlechten Ernte benötigt Evans das Geld dringend und willigt, ebenso wie der Trunkenbold Alex, ein.

Während der Reise nimmt die Bande die Verfolgung auf, Wade nutzt jede Gelegenheit, Evans davon zu überzeugen, ihn doch laufen zu lassen. Als sich Wades Bande in Contention City formiert, suchen alle Hilfssherrifs nacheinander das Weite. Als Alex die Sheriffs noch mal zur Umkehr überreden will, wird er von Wades Bande angeschossen und gehängt. Nur Evans bleibt als gesetzestreuer Bürger seiner Aufgabe treu. Diese Haltung verteidigt er auch genüber seiner in der Stadt aufgetauchten Frau.

Um kurz vor drei verlässt Evans schließlich mit seinem Gefangenen das Hotel, in dem sie sich aufgehalten hatten, und macht sich auf den gefährlichen Weg zur Bahnstation. Wades Bande versucht vergeblich, den Farmer aufzuhalten. Als die Bande ihn direkt am gerade losfahrenden Zug stellt, ändert sich Wades Meinung plötzlich. Der aufrechte und unbeirrbare Farmer hat ihn doch beeindruckt, somit rettet er Evans Leben, indem er zeitgleich mit dem Farmer auf den Zug springt.

Als der Zug an Evans wartender Frau vorbeifährt, setzt der rettende Regen ein.

Rezension 

Regisseur Delmer Daves hatte 1950 mit „Der gebrochene Pfeil“ einen der ersten Western gedreht, der den Native Americans eine freundliche Behandlung angedeihen ließen, und sieben Jahre später mit „3:10 to Yuma“, wie „Zähl bis drei und bete“ im Original heißt, hatte er sich vom 1952 erschienen „High Noon“ inspirieren lassen. Das fiel uns beim Zuschauen auf, der Kritiken-Check in der IMDb bestätigte diese Einschätzung. Wir bleiben einen Moment bei den Kritikern: Bosley Crowther, der dem Film in der NYT eine seiner eher wertvollen positiven Rezensionen widmete, meinte sinngemäß: „In „High Noon“ kommt die Bedrohung aus dem Gefängnis, in „3:10“ geht sie hinein.“ Sehr treffend, aber natürlich geht es um mehr.

Es geht darum, dass ein eher zweifelnder, zudem in Nöten befindlicher Mann sich gegen einen bekannten Banditen stellt, obwohl er im Verlauf der Handlung immer mehr allein gelassen wird. Ganz so gewaltig, dramatisch, gnadenlos mit der immer wieder eingeblendeten Uhr rhythmisiert wie Fred Zinnemanns Meisterwerk ist „3:10 to Yuma“ nicht: Einen gewissen Sinn für Ironie zeigt er jedoch, der dem Vorbildfilm  abgeht.

Dort gibt es nicht einmal einen komischen Sidekick, wie in den meisten, auch den ernsteren Western, wohl aber in „3:10“ in Form des alkoholisierten Alex, der leider im Verlauf der Handlung sein Leben lassen muss. Das ist bereits ironisch, denn es ist normalerweise nicht die Funktion der Sidekicks, fürs Tragödienhafte zu sorgen. Vor allem aber das Ende fanden wir herrlich. Nachdem Dan Evans dem Banditen Wade das Leben gerettet hat, als der Bruder des ermordeten Postkutschenfahrers ihn im Hotelzimmer umbringen wollte, revanchiert sich Wade, indem er mit Evans auf den Zug springt, anstatt sich am Bahnsteig fallen zu lassen, damit seine Spießgesellen den tapferen Kleinrancher umbringen können. Im Zug spielt sagt Wade dann zu Evans, er bleibt anderen nicht gerne etwas schuldig, aber es ist ganz offensichtlich, dass er auch persönlich einen Zugang zu einem hartnäckigen Bewacher gefunden hat. Außerdem merkt Wade an, aus dem Gefängnis Yuma sei er schon einmal geflohen. Daraufhin konstatiert Evans, in Yuma sei sein Auftrag zu Ende.

Eine für damalige Westernverhältnisse ungewöhnliche Pattsituation als Schlusspunkt, kein Showdown mit eindeutiger moralischer Botschaft. Wohl auch das Maximale, was man unter den Bedingungen des Hays Code, der die Belohnung des Verbrechens verbot, bringen konnte. Denn immerhin ist es möglich, dass Wade dieses Mal nicht fliehen kann und seine gerechte Strafe bekommt. Wie auch immer die aussieht, denn einmal hat er in Nothilfe geschossen, ansonsten ist er ein Räuberhauptmann, der mehrmals versucht, Eskalationen mit mehr Blutzoll zu verhindern. Das ist recht subtil gemacht, der Film meistert eine bemerkenswerte Gratwanderung und öffnet ein Stück weit die Tür für differenziertere Darstellungen von Gut und Böse, wie sein Regisseur einige Jahre vorher eine differenziertere Darstellung des Verhältnisses zwischen Indianern und Weißen auf die Leinwand brachte.

Auch wenn der Film viel Dialog enthält, der sich im Hotelzimmer zwischen Wade und Evans abspielt und in dem Wade immer wieder versucht, Evans schwach zu machen, ihn mit einigem Risiko sogar provoziert, indem er ihn als Versager hinstellt, der seiner Frau kein angenehmes Leben bieten kann, erhält diese Anlage, die dem Western nicht wesenseigen ist, die Spannung.

Erstens gibt es immer wieder Aktionsmomente, wenn sich draußen oder im Zimmer etwas tut, zweitens ist der Dialog der beiden Kontrahenten interessant und typischer Ausdruck des psychologisierenden Westerns, der in den 1950ern in Mode gekommen war. Ein kleines, aber glaubhaftes Psychoduell. Van Heflin spielt den vom Schicksal der von Armut durch ein Naturereignis – eine große Dürre – gebeutelten Farmer großartig. Wir haben in einem Moment, in dem wir uns etwas zum Essen aus dem Kühlschrank geholt haben, sein Gesicht im Standbild festgehalten und es bei Rückkehr aufs Sofa genau betrachtet: So viel Angst und Terror, Schwitzen und aufgerissene Augen und dann doch diese Festigkeit.

Das ist wahrer Mut. Warum auch immer diesen gefährlichen Job macht – genau erfährt man es nicht. Vielleicht, um seine Söhne nicht zu enttäuschen, vor seiner Frau nicht als Feigling zu gelten, nachdem er sich von Wade und seiner Bande am Ort des Postkutschenraubes hat sein Vieh vertreiben lassen. Das finale Aufbegehren eines kleinen, aber guten Mannes gegen das Schicksal, und, ja, als er dem Sieg nahe ist, regnet es. Endlich. Erstens die  zweihundert Dollar, die der Besitzer des Goldes auf die Verbringung von Wade nach Yuma ausgesetzt hatte, zweitens das Überleben seiner Rinder, vor allem aber die Bewunderung seiner Frau, die auf ihn erfrischt wie ein  Sommerregen – nachdem es in diesem Film bisher so staubig war.

Neben dem Staub wirkt auch die schöne Schwarz-Weiß-Fotografie sehr atmosphärisch, hat etwas von den Klassikern wie „High Noon“ und vom Film noir, spart sich aber jede Spielerei. DIe Kamera wechselt manchmal die Höhe, damit der Kran nicht umsonst in der Gegend steht und lässt ein spannungsgeladenes Verhältnis zwischen Menschen und Land entstehen, indem sich der Blickwinkel immer mehr verengt und gleichzeitig die Personen kleiner macht, indem sie von oben gefilmt werden; sie weiß zu jeder Zeit, was sie einfangen will. Selbst im Hotelzimmer ist die Einstellung immer so gewählt, dass Vorwärtsgang und Rückzug, Aktion und Reaktion, Bedrohung und Widerstand gut visualisiert werden. Manchmal wirkt das Bild flach, dann wieder wird eine dreidimensionale Wirkung bevorzugt, vor allem in den wenigen Momenten, in denen aus dem Halbdunkel heraus ins Gegenlicht gefilmt wird. Vielleicht hätte weniger Bewegung noch kontrastreicher gewirkt, aber an der Lebendigkeit dieser langen Sequenz mit dem Rededuell zwischen zwei willensstarken Typen gibt es nichts auszusetzen.

Wenn wir schreiben, Van Heflin macht sein Ding ausgezeichnet, müssen wir natürlich auch einige Worte über seinen Widerpart verlieren, der von Glenn Ford gegeben wird. Im Grunde hat dieser Mann ein zu sympathisches Gesicht, um einen wirklich bösartigen Westernschurken zu geben, weshalb er üblicherweise auf der anderen Seite steht; sei es als Schafzüchter („In Colorado ist der Teufel los“, 1958), als geläuterter Revolvermann („Die erste Kugel trifft“, 1956) oder als Abenteurer bei der Landverteilung von Oklahoma („Cimarron“, 1960).

Er wirkte glaubwürdig als Lehrer in der Großstadt („Saat der Gewalt“, 1955) und als Opfer von Gilda, aber man wusste, warum man ihn hier in einer schwarzen Rolle besetzte. Eben, weil sie nicht ganz so schwarz ist. Zu den Tricks dieses Films, die nachher im erwähnten Ende kulminieren, gehört nämlich auch, dass der Zuschauer seine Identifikationsmöglichkeiten in der Regel aufteilen wird. Sehr klar, dass ein Mann wie dieser Farmer Mitleid auslöst und man sich nicht wünscht, dass Wade ihm davonläuft oder ihn gar umbringt, schon wegen der dann mittellosen Familie von Evans.

Aber die Sympathie, die man mit Wade aufbaut, weil er für einen Bandenchef doch recht umgänglich wirkt und außerdem jede Frau mindestens im Herzen anrührt und weil er einmal eine wirklich kurze Liebesaffäre innerhalb von wenigen Minuten zustandebringt und diese listige Freundlichkeit nicht geeignet ist, um den Zuschauer gegen ihn aufzubringen – diese Sympathie darf nicht zerstört werden, und deshalb endet alles so, dass Wade eventuell davonkommen kann, sich das hübsche Salonmädchen schnappen wird und – ja, was eigentlich?

Egal, es wird schon Spaß machen. Dass die beiden nach der Kussszene, direkt in der nächsten Einstellung, aus einem Nebenraum kommen, ist ein Anzeichen dafür, dass der Production Code doch ganz langsam Risse bekommt. Jeder Zuschauer kann sich denken, was dort passiert ist, zumal, wenn wir uns richtig erinnern, Wade noch seinen Gürtel anlegen muss, als er den Raum verlässt.

Finale

„3:10 to Yuma“ basiert plotseitig auf der Idee, dass man sehr schlau vorgehen muss, wenn man diesen Wade zum Zug bringen will, ohne dass ihn seine Bande zwischenzeitlich befreit, und dafür machen beide Seiten, die Gangster und diejenigen, die Wade gefangen haben, einige Verrenkungen, die vielleicht nicht logisch sind, aber auf jeden Fall funktioniert der Film auch auf Handlungsebene.

Wer auf die glorreiche Idee kam, den deutschen Verleihtitel zu erfinden, obwohl kein einziges Mal jemand versucht, den Lauf der Dinge mit einem Gebet zu beeinflussen, wissen wir nicht, außerdem hat, wenn unsere Erinnerung uns nicht trügt, nie jemand bis drei gezählt, auch nicht während der vielleicht schwächsten Sequenz des Films, in der Wade und Evans Spießrutenlaufen zum Zug machen. Warum diese Szene die schwächste ist? Weil die vielen Leute von Wade, die in der Gegend postiert waren, bei weiter andauerndem Realismus des bis dahin so authentisch wirkenden Films Evans unbedingt hätten treffen müssen.

 80/100

© 2020 (Entwurf 2015) Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Delmer Daves
Drehbuch Elmore Leonard (Buchvorlage)
Halsted Welles (Adaption)
Produktion David Heilwell
Musik George Duning
Kamera Charles Lawton jr.
Schnitt Al Clark
Besetzung

 

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