Benutzt – Tatort 967 / Crimetime 264 // #Tatort #TatortKoeln #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #Benutzt #Tatort967

Titelfoto © WDR, Guido Engels

Dreiband-Billard mit Freddy und Max

An Weihnachten soll man sich nicht aufregen. Das haben sie berücksichtigt, als sie uns am 26.12.2015 diesen Tatort geschent haben Und man soll vertraute Gesichter um sich haben, zuverlässige Menschen, die nicht im Verdacht der überfallartigen Zerstörung von Erwartungen zu stehen. Die meisten Geschenke sind ja doch mehr oder weniger vorauszuahnen. Nur – benutzt sollten sie nicht sein.

Nach 61 Fällen mit Max und Freddy erwartet man nicht, dass im 62. das Tatort-Format neu erfunden wird, obwohl – waren da nicht vor einiger Zeit richtige Kracher, „Franziska“ und „Ohnmacht“? Und kamen die nicht auch zum Jahreswechsel, nämlich zum vorigen?

Dieses Mal ist wieder alles normal. Originalität ist nicht das Hauptmerkmal von „Benutzt“ und man fällt auch nicht in Ohnmacht wegen wegen der unerträglichen Spannung. Aber es gibt auch kaum Mätzchen und soziale Aspekte hat man auch nur nebenbei einfließen lassen, vielleicht sind es auch nur politische. Import, Export, Vergehen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetzt. Schon in den 1970ern handelten Tatorte von sowas. Nur war der Stil der Inszenierungen anders. Wie uns die vorliegende gefallen hat, beschreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Im Mordfall des Export- und Finanzberaters Lessnik stehen die Kommissare vor einem Rätsel. Eine Spur führt zum ehemaligen Geschäftspartner des Mordopfers. Doch genau dieser besagte Karsten Holler wurde bereits vor sechs Jahren offiziell für tot erklärt. Bei einer Motorradtour mit Lessnik durch die Sahara war Holler spurlos verschwunden. Lessnik und auch Hollers Frau Sarah standen damals unter Mordverdacht

Doch aus Mangel an Beweisen musste das Verfahren seinerzeit eingestellt werden. Nun stellt sich die Frage: Hatte Holler seinen Tod damals nur vorgetäuscht? Ballauf und Schenk jagen offenbar einen „Untoten“. Sie kennen weder Hollers neue Identität noch seinen Aufenthaltsort. Doch über eine Steuer-CD des Finanzamts Köln stoßen sie auf ein interessantes Nummern-Konto in der Schweiz. Lessnik und Holler waren damals an einem schmutzigen Geschäft beteiligt. 

Rezension

Das ist mal wieder ein sehr traditioneller Tatort geworden, kein emotionaler Sog, in dem Ermittler beinahe verschwinden, keine herzzereißenden Opfer-Täter, sondern nach langer Zeit wieder ein Film, der eine Anzahl unsympathischer Menschen zeigt, die sich mit illegalen Exporten in den Iran befassen. Das Atomprogramm!

Selbstverständlich ist auch der 967. Tatort mit einer modernen Bildsprache ausgestattet, aber auch mit einer auffallend ruhigen. Die Blickwinkel der Kamera sind konventionell, es gibt weder rasche und sprunghafte Schnitte noch farbtechnische Kunststücke, alles an diesem Film will sagen: Ich bin zwar von heute, aber ich stehe in der Tradition der Tatorte, in denen noch richtige Verbrecher richtige Verbrechen begangen haben. Ein wenig emotionaler geht es natürlich schon zu, als in der großen Zeit solcher Filme, die oft von einer heute schon wieder spannenden Nüchternheit waren.

Als Freddy, Max, Tobias und Sabine zum Billard spielen gehen, dankt man sich zunächst: erwischt! Auch dieser Tatort gleitet ab ins gemütliche Private, das bei Max und Freddy ja normalerweise gleich in der Dienststelle angesiedelt ist. Und es gibt auch keine Reibereien, weil Tobias und Sabine ja eigentlich was anderes vorhatten. Nebenbei: Ein Outing! Ganz locker und die Frau, die sicher etwas enttäuscht ist, reagiert sehr taff und absolut politisch korrekt. Aber dafür steht Köln ja auch. Aber diese Billardgeschichte ist gar nichts Privates, denn genau bei diesem Spiel kommt Freddy die Lösung des Falles in den Sinn. Demgemäß ist schon die Eingangsszene, als Freddy, Max und Tobias beim Spiel unterbrochen werden wegen Leichenfund am Rhein, eine geschickte Einführung des Dreibanden-Motivs. Wer jetzt eine leichte Ironie hinter unserem Staunen über so viel Rafinesse vermutet, liegt nicht falsch, aber es ist wirklich nur ein ganz leichte.

Wir schätzen es, dass wir einmal bei einem Tatort nicht mindestens innerlich oder gar in der Rezension politisch Stellung beziehen müssen. Dass illegaler Technologieexport für Atomprgrogramme böse ist, darüber wird es wohl keine Kontroversen geben, auch nicht darüber, dass man Leuten keinen Deal anbieten sollte, die damit Millionen verdienen, nur, um sie gesprächig in einem Mordfall zu machen. Die Billardszene, verbunden mit Freddys Gedankenblitz ist ein wenig sehr kinomäßig, dramaturgisch okay, aber auch nicht sehr wahrscheinlich. Vor allem, weil Freddy normalerweise kein Typ ist, der solche plötzlichen Eingebungen hat. Okay, warum nicht ausnahmsweise. Und warum sollte er beim Billard abschalten und nicht gerade in dieser entspannten Atmosphäre schneller denken?

Von den alten Filmen aus der Anfangszeit des Tatort-Formats könnte man sich allerdings doch einiges abschauen.  Zum Beispiel, wie ein Plot so gestaltet wird, dass der ganze Kram mit dem Export nicht so verhuscht daherinformiert wird, sondern seine Logik dadurch beweisen kann, dass er szenischer daherkommt und der Zuschauer nachvollziehen kann, was damals passier ist und den jetzigen Fall ausgelöst hat. Das bekommt „Benutzt“ leider nicht hin, sodass die Vergangenheit wieder einmal nicht überprüft werden kann. Die vielen Akten, Ermittlungen, Beteiligten sind so angelegt, dass Fred und Max eben doch zwischendurch für den Zuschauer wieder alles ordnen müssen.

Einen Typ, der irgendwo bei einem Motorradtrip verloren ging und eben doch nicht tot war, den gab es in Münster auch schon mal, wenn wir uns nicht komplett irren. Und so viele Nummernkonten in der Schweiz, wie im Tatort schon welche vorkamen, da müssen sie langsam anbauen, die armen Eidgenossen.

Fazit

Bei diesem Fall haben wir Mühe, die Mindestanzahl an Wörtern zu erreichen, die eine Rezension für die Tatort-Anthologie normalerweise beinhaltet. Der Fall gibt, so wie wir hier gerade sitzen, nicht genug her.

Sollen wir also noch ein wenig über Max und Freddy und die beiden Jungen im Team nachdenken? Wie es weitergehen könnte, bei der Kölner Mordkommission? Oder machen wir mal eine Ausnahme und bleiben kürzer? Doch, ja.

 7/10 

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klaus J. Behrendt (Max Ballauf), Dietmar Bär (Freddy Schenk), Winnie Böwe (Kathrin Brandt), Dorka Gryllus (Sarah Holler), Thomas Dannemann (Christian Winter), Xenia Snagowski (Agnes Winter), Patrick Abozen (Tobias Reisser), Alexandra von Schwerin (Schleiche), Tabea Tarbiat (Sekretärin von Winter), Anna von Haebler (Sabine Trapp), Christian Seichter (Karsten Holler), Jonas Baeck (Angestellter Autovermietung), Lucrezia Phantazia (Rezeptionistin), Marco Klammer (Älterer Polizist), Matthias Komm (Uwe Gläsgen), Gerrit Jansen (von Karstdorff)

Regie: Dagmar Seume
Drehbuch: Jens Maria Merz

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