Deckname Kidon – Tatort 930 #Crimetime 265 #Tatort #Wien #Fellner #Eisner #ORF #Deckname #Kidon

Crimetime 625 - Titelfoto © ORF,  Petro Domenigg

Visier hoch!

In seinem 34. Fall ermittelt Oberstleutnant Moritz Eisner sich wieder sehr hoch – bis zum Iran-Embargo und in den Adel. Kann es angesichts dieser Übermacht, der sich ein Ermittler und eine Assistentin gegenübersehen, zu einer Auflösung kommen, oder geht es in Wien mal wieder aus  wie beim Hornberger Schießen? Es steht in der -> Rezension!

Handlung

Aus dem obersten Stock eines Wiener Nobelhotels stürzt ein Mann in die Tiefe. Der iranische Diplomat und Atomphysiker Dr. Bansari verübte allem Anschein nach Selbstmord. Warum aber kaufte er für denselben Abend noch teure Opernkarten? Moritz Eisner und seine Kollegin Bibi Fellner wollen der Frage nachgehen, doch sofort mischen sich die iranische Botschaft und das österreichische Außenministerium ein.

Der Fall unterliegt strengster Geheimhaltung – Laptop und Handy des Toten werden beschlagnahmt. Die beiden Ermittler sind angefressen, geben aber nicht auf. Das Überwachungsvideo des Hotels führt sie auf die Spur des zwielichtigen Lobbyisten Johannes Leopold Trachtenfels-Lissé. Dieser hat mit Dr. Bansari einen geheimen Deal eingefädelt.

Eisner und Fellner finden heraus, dass es um Ventile und Pumpen geht, die für Kernreaktoren benötigt werden. Eine Zugladung der hochwertigen Bauteile soll über Drittländer in den Iran verschickt werden. Für die beiden Ermittler beginnt ein Wettlauf mit der Zeit – und dem israelischen Geheimdienst Mossad.

In diesem „Tatort“ müssen Moritz Eisner und Bibi Fellner sich in einem Dickicht aus Mord, Korruption und Hochtechnologieschmuggel zurechtfinden. Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser sind als Austro-Ermittlerteam längst ein eingespieltes Team, sogar mit dem renommierten Adolf-Grimme-Preis wurden die beiden ausgezeichnet. Aber einen Güterzug in voller Fahrt mussten sie noch nicht zum Stehen bringen. Und mit „Kidon“ – einer Spezialeinheit des israelischen Nachrichtendienstes, die für Attentate zuständig ist – hatten sie es auch noch nicht zu tun. Neben Tanja Raunig, Hubert Kramar, Eva Billisich und Stefan Puntigam ist der Charakterkopf Udo Samel als mondäner Modeschöpfer und abgefeimter Lobbyist zu sehen (ARD-Zusatz-Werbetext).

Rezension

Es ist auffällig, dass der neueste Eisner-Fellner-Tatort gar nicht der neueste ist, sondern bereits 2013 abgedreht wurde. Gut, dass das Iran-Embargo für waffen- und atomfähige Technologien immer noch gilt, sonst hätte man den Film ohne Erstausstrahlung entsorgen können. Aber warum hat man gezögert?

Die Erklärung könnte sein, dass man erst einmal richtig aufdrehen wollte, bevor man diesen eher ruhigen und traditionelleren Film bringt. Vielleicht ging auch ein Sendeplatz verloren und wurde erst gestern wiedergefunden.Vielleicht hat auch der Graf, welcher das Realvorbild für den Trachtenberg-Lissé ist, sich mit seinen vielen Beziehungen dagegen ins Zeug gelegt, dass er im Film so schnöde vom Mossad umgebracht wird. Vor allem wird er in der Wirklichkeit einen gepanzerten Mercedes fahren, dem man nicht so einfach durch die Scheiben schießen kann. Wie auch immer, nachvollziehen können wir die Entscheidung des ORF, erst die Knaller zu zeigen.

Trotz des internationalen Szenarios ist der Film nämlich recht konventionell, nicht zu vergleichen mit den grandiosen Räuberpistolen à la „Kein Entkommen“, vor allem wirken Bibi und Moritz recht nüchtern in jedem Sinn und auch ernster als oftmals sonst. Allerdings ist sie immer voll im Geschehen, während sich der genervte Ausdruck, den er eh immer zeigt, dieses Mal ins Gequälte gesteigert hat. Kein Wunder, bei dieser Waffenungleichheit, die nach vielen Fällen, in denen es ebenjene Ungleichheit gab, langsam aufs Gemüt schlägt. Da könnte man depressiv werden und die gleichen Pillen nehmen wie der umgebrachte iranische Diplomat und Atomlobbyist.

Eines muss man dem ORF lassen: Neuerdings verkleistern sie zwar die Auto-Logos auf die gleiche lächerliche Weise wie viele ARD-Sender (wenn man wirklich etwas gegen Schleichwerbung tun wollte, müssten für die Filme Autos neu gestylt werden), aber sie nennen Staaten beim Namen. Diese Direktheit haben sie den Deutschen voraus, die immer im Ungefähren bleiben oder Staaten erfinden (wie zuletzt in „Der Wüstensohn“, dessen Beginn aufällige Parallelen zu dem Immunitätsgedöns in „Deckname Kidon“ aufweist, in beiden Filmen taucht ein aalglatter Diplomat auf, der die Dinge richten soll).

Langsam müssen die Österreicher aufpassen, dass die Masche mit den Großszenarien, die von zwei Polizisten nicht gelöst werden können, sich nicht totläuft. Denn warum müssen sie das denn alles lösen, die armen Normalbeamten? Auch wenn sie bei der Bundespolizei sind, angesichts der Brisanz des Falles würden die Nachrichtendienste eingeschaltet, und an denen kommt bekanntlich, auch das wissen wir aus vielen Tatorten, kein Kriminaler vorbei.

Das dezente Spiel und viele Fragwürdigkeiten im Detail lassen „Deckname Kidon“ nicht in die Spitzenriege der Tatorte aufsteigen. Nicht nur, dass Taxis die Farbe wechseln und vor Ekel grün werden, wenn sich jemand auf ihnen blutig ablegt, dass den Smartphones mal, weil sie eben smart sind, viel zu viel zugetraut wird, der Fall wird auch mit diesen Handlungselementen entscheidend vorangetrieben.

Eines glauben wir allerdings: Dass es in Österreich in etwa so zugeht, wie im Fall gezeigt. Wir kennen uns dort ja ein wenig aus, und was man an Nachrichten und Skandalen auch hierzulande mitkriegt, zeigt: Es ist nicht alles schlimmer, vor allem die Menschen nicht, aber dadurch, dass sich in Wien die Macht und damit der Klüngel der Macht ballen, während Deutschland, Relikt der Bonner Republik und der Teilung, eher dezentral ist, ergibt es sich südlich / südöstlich der Grenze von selbst, dass alle wichtigen Leute einander kennen. Hinzu kommt, dass die Österreicher diskreter sind, wie etwa der Graf Trachtenberg. Das ist kein Schmäh, wie ja im Ganzen der Schmäh beim 930. Tatort nicht so ausgeprägt ist wie in einigen anderen Wien-Tatorten. Die Bayern können richtig gut Amigos spielen ja auch viel besser als die Norddeutschen, und weil ihr Erfolg teilweise darauf fußt, werden sie von der Waterkant aus argewöhnisch beobachtet. Besonders der FC Bayern ist das Opfer dieser Abneigung. Die Berliner sind sowieso anders: Sie meinen sie wären sehr offen, in Wirklichkeit haben sie einen Entäußerungsdefekt, gepaart mit höchst subjektiver Selbstwahrnehmung, und die leise Effizienz der Bayern oder Österreicher ist ihnen vollkommen fremd.

Auch der wirtschaftliche Erfolg Österreichs ist gewiss in Teilen dem Zusammenhalt der Wichtigen geschuldet. Es gibt nicht diese rigide staatliche Beherrschungsdoktrin wie in Frankreich, aber die „AG Austria“ funktioniert, davon sind gehen wir aus. Insofern sind die Szenarien aus Wien, die sich mit der Wirtschaft befassen, Ausdruck dessen, was dort vor sich geht und woran sich die Leute, vor allem die einfachen und die Journalisten, die nicht Teil dieses Geflechtes sind, gedanklich abarbeiten. Aber umso schöner, dass der ORF Ethnien recht derb darstellen darf, den Iran so, wie er ist, den Mossad als Rächer für die Gerechtigkeit auftreten lassen kann, damit Bibi und Moritz nicht der Dauerfrust über ihre Machtolosigkeit zu sehr überkommt. Die Schlusssene mag moralisch fragwürdig und professionell von allen Beteiligten ein Gegenstand schlechter Performance sein, aber uns hat sie gefallen, weil es einmal einen der arroganten Großkopferten getroffen hat.

Fazit

Ist das schön, mit Bibi und Moritz 90 Minuten zu verleben, auch wenn der Fall mal ein wenig hakt und nicht so knackig inszeniert ist, wie es zuletzt Standard zu werden schien. Sie sind eben, da hat die ARD im von uns übernommenen kommentierenden (kursiven) Textteil recht, ein eingespieltes Team. Mehr als das. Sie haben das Schauspieler-Gen, das die Wiener im deutschsprachigen Raum beinahe schon dominant wirken lässt, qualitativ und auch bezüglich ihrer Anzahl im Vergleich zur  Bevölkerungsrelation. Es wirkt alles so natürlich und der Humor hat mehr als eine Spielart, die Variabilität ist deutlich höher als bei vielen deutschen Tatort-Schauspielern. Von denen abgesehen, die als Promi-Tatortler gelten und nicht erst durch die Reihe bekannt wurden (u. a. Tukur, Król, Liefers).

Insofern ist auch dieser Tatort im Rahmen unseres momentan so geringen Zeitbudegets, das wir für den Wahlberliner aufbringen können, nicht ein veschenter Anteil dieses Budgets gewesen. Wir müssen es leider schreiben: Es macht einen Unterschied, ob ein Team erwachsen wirkt und einen Tatort auch über schwächere Stellen hinwegtragen kann. Moritz und Bibi können auch Plotprobleme, wie es sie in „Deckname Kidon“ durchaus gibt, gut überspielen.

7/10  

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Kriminalassistent Tobias Reisser – Patrick Abozen
Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Lessnik – Jens Babiak
Schleiche – Alexandra von Schwerin
Sabine Trapp – Anna von Haebler
Anwalt Karsdorff – Gerrit Jansen
Johannes Schmitz – Jonas Baeck
Uwe Glesken – Matthias Komm
Christian Winter – Thomas Dannemann
Frau Brandt – Winnie Böwe
Agnes Winter – Xenia Snagowski
Sarah Holler – Dorka Gryllus
Rezeptionistin – Lucrezia Phantazia
u.a.

Drehbuch – Jens Maria Merz
Regie – Dagmar Seume
Kamera – Gunnar Fuß
Schnitt – Oliver Grothoff

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