Tote erben nicht – Polizeiruf 110 Fall 223 / Crimetime 266 / #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schmuecke #Schneider #Erbschaft #SachsenAnhalt

 Crimetime 266 - Titelfoto © MDR

Start in eine neue Ära

Nachdem wir heute morgen angekündigt haben, künftig auch den Filmen der Reihe „Polizeiruf 110“ unsere Aufmerksamkeit widmen zu wollen, fangen wir gleich auch gleich mit dem Film an, den wir gestern Abend angeschaut haben – „Tote erben nicht“ aus dem Jahr 2000. Es ist der 14. Fall des Duos Schmücke / Schneider, das mit 50 Fällen nach der Wende den Polizeiruf geradezu dominiert hat und von 1996 bis 2013 tätig war. Wir haben aber auch gelernt, dass nicht die Münchener Ivo Batic und Franz Leitmayr die meisten Fälle überhaupt gelöst haben. Wer bis heute die Krone der meisten Filme aller Tatorte und Polizeirufe trägt, verraten wir in der -» Rezension.

Handlung

Nach einem tödlichen Verkehrsunfall, dessen Hergang nicht ganz eindeutig ist, ermitteln die Kommissare Schmücke und Schneider. Guido Fürst war mit seinem Transporter einen Abhang hinuntergestürzt und offensichtlich schon vor dem Unfall tot. Der Mann lebte von Entrümpelungen, Haushaltsauflösungen und Kurierfahrten, die ihn bis Ungarn führten. Aufgrund gefundener Kfz-Teile, die auf Produktpiraterie schließen lassen, gerät der vorbestrafte Lindner ins Visier, für den Fürst zuletzt gefahren war.

Noch ganz am Anfang ihrer Ermittlungen werden die Kommissare von Waltraud Mengelmann aufgesucht, die behauptet, dass ihre Zwillingsschwester ermordet worden wäre. Obwohl sie laut Totenschein an einem Herzinfarkt starb, ist Waltraud felsenfest davon überzeugt, dass es Mord war und erwartet, dass sich die Polizei der Sache annimmt. Sie bezichtigt Ina Kowalski, die testamentarisch bedacht werden soll und die Pension ihrer Schwester führte. Da Waltraud Mengelmann spürt, dass die Polizei sie nicht ernst nimmt, nimmt die alte Dame die Sache selber in die Hand. Sie kauft sich eine Videokamera und eine leistungsstarke Wanze, damit sie die Untermieterin abhören kann.

Zufällig liegt die Pension der verstorbenen Ortrud Watzke genau gegenüber von Lindners Werkstatt. Schmücke mietet sich dort ein Zimmer, um Lindner rund um die Uhr überwachen zu können. Als Waltraud Mengelmann den Kommissar bemerkt, ist sie davon überzeugt, dass er ihretwegen ermittelt. Schmücke wird hellhörig, als er feststellt, dass auch Lindner im Testament bedacht wird. Er sollte das Grundstück erben, auf dem er seine Werkstatt hat. Watzke wollte ihr Testament zu Gunsten ihrer Schwester ändern, was durch den Todesfall nun nicht zustande kam. Nachdem Mengelmann bemerkt, dass sich Lindner im Visier des Kommissars befindet, überwacht auch sie ihn. Als sie bei ihren Aufnahmen mit anhört, dass Lindner im Streit seinen Lieferanten Guido Fürst erschlagen hat, erleidet sie vor Schreck einen Herzanfall. Da sich auch Schmücke und Schneider die Aufnahmen ansehen, nehmen sie Lindner fest.

Aufgrund von Waltraud Mengelmanns Anzeige wird ihre Schwester exhumiert und der Gerichtsmediziner stellte tatsächlich eine Substanz fest, die einen Herzinfarkt auslösen kann. Sie hat das Medikament regelmäßig eingenommen, aber jemand hat es gegen eins in höherer Dosierung ausgetauscht.

Vorwort

Der Kommissar mit insgesamt 84 Fällen heißt Peter Fuchs und wurde gespielt von Peter Borgelt, dem „ostdeutschen Maigret“, gemäß Zitat aus der Wikipedia. Er war von 1971 bis 1991 dabei und hätte vielleicht noch weitergemacht, wenn ihn nicht seine Krebserkrankung daran gehindert hätte. Dass Fuchs in 20 Jahren auf mehr Filme kam als die Münchener in nun 28 Dienstjahren, in denen sie 80 Fälle gelöst haben, liegt daran, dass Fuchs in der Mehrzahl aller Polizeirufe mitgespielt hat, die zu DDR-Zeiten entstanden (80 von 140). So dominant sind dann Schmücke und Schwarz nicht gewesen,a aber 50 Fälle in 16 Jahren bedeuten ebenfalls eine sehr hohe Sendefrequenz (ca. 3,1 pro Jahr), von den noch aktiven Tatort-Teams liegen nur die Kölner Ballauf und Schenk höher (ca. 3,4 pro Jahr).

Schmücke und Schneider waren noch tätig, während wir bereits mit der Tatort-Anthologie begannen (2011, ihre Zeit endete 2013). Es war aber richtig, dass wir uns damals nur auf den Tatort konzentrierten, denn es gab zu der Zeit schon fast 800 Fälle (wir starteten mit 797 „Jagdzeit“), die angeschaut werden wollten und jetzt, wo wir die Polizeirufe hinzunehmen, haben wir von beiden Reihen zusammen immerhin über 700 Filme noch nicht gesehen und rezensiert.

Rezension

Wir haben uns entschlossen, anders als bei den Tatorten, bei den Polizeirufen auf die ausführlicheren Handlungsbeschreibungen in der Wikipedia zurückzugreifen – immer ohne die Passagen am Ende, welche die Auflösung enthalten. Wir haben selbstverständlcih nach einem einzigen gesehenen Polizeiruf noch kein Bild der Reihe, aber wir bekommen natürlich mit, dass die in ihr entstehenden Filme im Vergleich zu den mittlerweile oft sehr künstlerisch angehauchten Tatorten als bodenständiger gelten – und manche Fans und Kritiker bevorzugen genau dies.

„Tote erben nicht“ ist ein gutes Beispiel für diesen Stil, wenn er sich denn als kennzeichnend für die Reihe bewahrheitet. Er ist dem Vorabend-Krimi weit näher als die Tatorte und wir meinen sogar, ihnen näher als den Tatorten. Das kommt daher, weil es hier etwas gibt, was wir in den typischen Dorfkrimi-Schienen der ARD sehen und bei den Tatorten komplett entfällt: Die Figuren werden auf ziemlich humorige Weise durch knapp 90 Minuten Spielzeit geschickt. „Tote erben nicht“ ist ein bisschen launig, kann man auch sagen. Man kann keinem Verdächtigen und auch am Ende der Täterperson nicht richtig böse sein, man hat auch nicht das Gefühl, ein großes Drama sei geschehen. In den Tatorten gibt es zwar Humor zwischen den Ermittlern, aber Mord an sich ist eine ernste Sache, immer, sogar bis zu einem gewissen Grad in Münster. Es gibt zwar einzelne Episodenrollen, die auf skurril bösartig gebürstet sind, wozu sich Howcatchems besonders eignen, aber Anspruch, die Wucht, die sind doch deutlicher zu spüren als im ziemlich unprätentiösen „Tote erben nicht“.

Der ist als typischer Rätselkrimi ausgelegt, aber es konnte nach so vielen angeschauten Tatorten nicht ausbleiben, dass wir früh ahnten, wer die Täterperson beim Mord an der Schwester von Waltraud Mengelmann ist. Das Ausschlussverfahren ist meist die beste Methode, um bei solchen Whodunits voranzukommen – wer kommt nicht in Frage, weil es zu offensichtlich wäre oder wer als Täter_in eine zu unterambitionierte Lösung darstellen würde.

Die Dialoge in dem Film unterstreichen, dass man hier nichts für die Ewigkeit stanzen wollte, gerade deshalb sind sie oft sehr nett, intuitiv, alltagsnäher als in den meisten Tatorten und manchmal dadurch überraschender, dass man dem, was die Figuren sagen, etwas mehr Lauf gibt. Andererseits ist der Handlungsverlauf so bescheiden einfach, dass wir Mühe haben, im selben Wertungsschema wie beim Tatort zu bleiben und nicht wegen der Handlung bei diesem Film trotz seines lockeren Charmes sehr niedrig zu greifen. Fälle, die von einer Seniorin geklärt werden, die sich mit Wanzen und Videokamera ausrüstet, sind albern. Wie es inszeniert wird, das kann man anschauen, aber es ist zu wenig für einen Tatort, würden wir nach über 600 Tatort-Rezensionen schreiben. Die Frage ist nun: Gilt das auch für die Polizeirufe? Wir wollen ja dieselben Bewertungsmaßstäbe anlegen wie bei den Tatorten. Schon klar, auch dort wird oft die Lösung durch Geständnis anstatt durch findige Ermittlung beschleunigt, aber die Aktionen der Frau Mengelmann nehmen ja auch noch viel Zeit in Anspruch. Sie hat einen Miss-Marple-Touch, ist Krimi-Fan und schrullig, etwas weniger liebenswürdig und weniger derb, als Margaret Rutherford die Agatha-Christie-Figur verkörpert hat. Der Film wird dadurch ziemlich langsam – aber redundant nur insoweit, als man darauf achtet, dass der Zuschauer gut mitkommt. Für Menschen im Alter von Frau Mengelmann oder noch höher dürfte „Tote erben nicht“ kognitiv kein Problem darstellen, da ticken viele Tatorte ganz anders.

Es gibt ein weiteres Merkmal, das „Tote erben nicht“ von den meisten Tatorten klar unterscheidet: Falls überhaupt Sozialkritik enthalten ist, dann sehr dezent, eher in der Form, dass Menschen individuelle Sehnsüchte haben, die zu hochgestochen wirken. Es wird hier kein Klassenkampf betrieben und gerade bei einem Film aus Ostdeutschland tut das auch mal gut. Vor allem, wenn man den Vergleich mit den Ehrlicher-Kain-Tatorten zieht, die zur selben Zeit entstanden und die sehr deutlich auf der Seelenklaviatur des geplagten früheren DDR-Bürgers spielen. Auch bei sehr humorvollen Tatorten aus dem Westen ist fast immer etwas mehr Schienbeintreten gegen die Reichen zu verspüren, auch und gerade in Münster, wo die besseren Kreise schon auch durch den Kakao gezogen werden – mal mehr, mal etwas weniger. Wir wissen aber schon, dass die Polizeirufe aus der DDR-Zeit eine deutliche gesellschaftspolitische Note hatten. Ob „Tote erben nicht“ unter den Nachwendefilme eine Ausnahme ist oder ob der weniger herausgestellte pädagogische Anspruch ein Merkmal der gesamten Reihe bis heute ist, darüber wird noch zu schreiben sein. Wenn die Filme etwas einfacher und weniger vielschichtig sind als viele Tatorte, wenn der visuelle Stil zudem so überwiegend unauffällig ist wie in „Tote erben nicht“ heißt das aber, dass die Rezensionen im Schnitt auch etwas kürzer werden. Gute Entscheidung daher, etwas mehr Raum für die Handlungsbeschreibung zu geben.

Finale

Eines aber lässt sich nach einem Polizeiruf schon feststellen: Schmücke und Schneider, dargestellt von Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler, sind sehr sympathische Typen, die man sich als Beamte der traditionellen Art gut vorstellen kann: Die Polizei kriegt zwar nicht alles raus, aber sie ist hilfreich und führt nichts Böses im Schilde. Schmücke kommt zumindest in diesem Film deutlich plastischer zum Vorschein und wir wagen schon die Prognose, dass das in den meisten der gemeinsamen Fälle so sein dürfte, weil Schwarz in seiner Art prägnanter wirkt. Aber es hat auch damit zu tun, dass sein Privatleben gezeigt wird, das auffällige Ähnlichkeiten mit dem von Bienzle und von Ehrlicher hat. Und wir haben nun raus, wo die Österreicher sich für die Wien-Tatorte, die mit Moritz Eisner in Jahr 2002 starteten, das Rauchen auf dem Dach des Polizeigebäudes abgeschaut haben.

6,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Kommissar Schmücke Jaecki Schwarz
Kommissar Schneider Wolfgang Winkler
Edith Reger Marita Böhme
Rosamunde Weigand Marie Gruber
Waltraud Mengelmann Rosemarie Fendel
Frau Fiedler Ursula Andermatt
Herr Kowalski Henning Peker
Herr Stahnke Michael Kind
Ina Kowalski Anne Ratte-Polle
Lindner Michael Lott
Regie: Jan Ruzicka
Buch: Peter Kahane
Kamera: Peter Badel
Musik: Franz Bartzsch

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