Kindeswohl – Polizeiruf 110 Fall 376 / Crimetime 269 // #Polizeiruf110 #Kindeswohl #Bukow #Koenig #König #Rostock #NDR

Crimetime 269 - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Kommerzialisierung selbst des Kindesleids

Unsere erste Premieren-Rezension für einen Polizeiruf 110 führt uns in soziale Abgründe: Jugendliche, die „für niemanden mehr erreichbar sind“ und deren Wechselwelten zwischen Heimen und Pflegefamilien – und mittendrin Samuel, der Sohn von Alex Bukow. Und wir? Das steht in der -» Rezension.

Handlung

In Rostock wird der Leiter eines privaten Kinderheimträgers erschossen aufgefunden. Schnell gerät ein Heimkind in Verdacht. Keno ist jedoch verschwunden – und zusammen mit ihm offenbar auch Samuel, der Sohn von Kommissar Bukow.

War Samuel auch an der Tat beteiligt oder ist er eine Geisel von Keno? Der Rostocker Kripo-Chef Henning Röder überträgt Katrin König die Leitung der Ermittlungen. Die Spur der beiden Jugendlichen führt nach Polen.

Rezension / enthält Angaben zur Auflösung

Ja, was passiert jetzt eigentlich mit Sam? Weil er ein guter Kumpel ist macht er nämlich freiwillig mit, begeht selbst Delikte, ist sicher bereits strafmündig – auch wenn Keno der bei weitem aggressivere der beiden Jungs ist, der den Mann erschießt, der angeblich so gut mit all den mega-schwierigen Kids in der kleinen, privaten Trägereinrichtung klar kommt. Vielleicht reichen die Sozialstunden ja aus, um den eigentlich sensiblen und nachdenklichen wirkenden Bukow-Spross wieder aufs Gleis zu bringen. Auf welches Gleis, in dieser Welt der unzähligen Gleise, die ins Nirgendwo führen?

„Während bei Bukow die biografischen Details relativ stimmig von Folge zu Folge weiterentwickelt worden sind, geriet bei König die lineare Entwicklung ins Schlingern. Jetzt ist sie oft nur noch eine Randfigur, was angesichts der darstellerischen Präsenz der sensationellen Schauspielerin Anneke Kim Sarnau unangemessen ist, aber auch angesichts des Potenzials der Rolle“, schrieb Christian Buß in SPIEGEL online.

Ja, die Katrin König ist wirklich krass, ihre Darstellerin sicher eine der besten, die gegenwärtig im deutschen Fernsehen als Polizistinnen auftreten. Und sie hat in „Kindeswohl“ tolle Momente, die auch Femi-Punkte bringen, besonders natürlich im Auto, mitten in Polen, wo sie im Streit mit Buckow die Oberhand gewinnt und auch sonst wirkt sie taffer und sortierter als der männliche Kollege – der allerdings auch ein schweres Problem an der Backe hat: Sein Sohn wird manipuliert von einem Kind, das nie eine Chance hatte (Chance auf was? – siehe ein paar Sätze weiter vorne).

Um beurteilen zu können, wie welche Figur in 19 gemeinsamen Einsätzen von Buckow und König weiterentwickelt wurde, fehlt uns noch der Überblick, wir haben nach „Kindeswohl“ mal gerade 1,5 Filme mit ihnen gesehen – diesen und einen, der sich als Zweiteiler entpuppte, der zweite Teil kommt erst diese Woche wieder zur Ausstrahlung.

Abgesehen davon, dass Bukow einen Sohne hat und offenbar seine frühere Frau jetzt die Lebenspartnerin eines Kollegen ist, wissen wir über Buckow noch nicht viel, aber das ist schon eine Menge. Bei König, in der Tat, gibt es in „Kindeswohl“ gar keinen erkennbaren Background. Was uns am Team gestört hat, sind die „Nebenpolizisten“, die einander für unseren Geschmack zu ähnlich sehen und sich zu ähnlich verhalten – im erwähnten Zweiteiler „Wendemanöver“ werden sie dann Teil einer noch weniger übersichtlichen Crowd, weil zusätzlich das Magdeburger Team im Einsatz ist.

Ist ansonsten der Polizeiruf von  heute eine andere Welt als der Tatort von heute? Die deftige Sprache, das egalitär-dynamische Verhältnis der Ermittler zueinander sind gewöhnungsbedürftig. Ob das bei der Rostock-Schiene besonders ausgeprägt ist, werden wir in einigen Monaten besser beschreiben können, wenn wir besser Vergleiche zu Brandenburg und Sachsen-Anhalt ziehen können. Bei den Tatorten ist dieser sehr ruppige Ton vor allem durch die Dortmund-Schiene vertreten und wir haben schon einen Anfangsverdacht: Im Polizeiruf wird manches getestet, was im Tatort dann eingesetzt werden kann, wenn es dort gut ankommt. Der Polizeiruf ist in Sachen Zwischenmenschliches vielleicht eine Art Vorhut – und im Ganzen rauer. Das hat uns nicht so überrascht, dass das Edle, auch Elitäre, das manche Tatorte auszeichnet, hier vollkommen fehlt. Das Milieu, die Typen, alles an der sozialen Basis angesiedelt. Dadurch wirkt es verdammt realistisch.

Das soziale Thema wird sowas von nicht vergessen, am Ende sogar ein Einspieler: 850 Kinder sind derzeit (hinzugedacht: als billige Arbeitskräfte) an osteuropäische Pflegefamilien vergeben. Aber es gibt ja auch bei uns reale Fälle, in denen Pflegefamilien ein Geschäftsmodell aus dem Aufnehmen von Kindern machen. Das Jugendamt zahlt, das Jugendamt weiß, das Jugendamt macht mit, auch wenn hier nicht explizit dargestellt wird, dass die Sachbearbeiter_innen vielleicht sogar die Hand aufhalten, für die Vermittlung von Kinder.

Welch ein Land, das so mit den Kindern umgeht, die am nötigsten Fürsorge und Ansprache brauchen. Keno beispielsweise. Seine Optik, sein Auftreten, alles passt und bei uns gab es während des Films einen interessanten Prozess. Warum das so ist, können wir uns gut denken, jedenfalls haben wir Schwierigkeiten, uns mit Crashkids zu identifizieren und Keno ist eines der krassesten Beispiele, die wir bisher gesehen haben. Die Verzweiflung der Außenwelt entspricht der Verzweiflung der Innenwelt. Das wird sehr gut rübergebracht, auch wenn der Film nicht das bieten kann, was Dokumentationen über Gettokids ermöglichen. Dort kann man sie über längere Zeit begleiten, ganz genau hinschauen, das geht in einem 90-Minuten-Krimi nicht, also muss man sich auf markante Eckpunkte eines kurzen und trostlosen Lebens konzentrieren.

Auch in dem Punkt fehlt uns noch der Vergleich, aber der Film ist nicht nur intensiv gespielt, sondern auch recht temporeich – und es wird gut variiert. Es gibt auch mal stille, elegische, traurige Szenen, nicht nur diesen Dampfkessel namens Polizeirevier, nicht nur Jungs außer Kontrolle. Die in Polen gefilmten Szenen wirken zwar klischeehaft, vorsichtig ausgedrückt, aber wie dort der – eben nicht – Halbbruder, sondern Freund aus Kinderhei-Tagen von Keno lebt, das ist so schrecklich, bar jeder Perspektive, ja jeder echten Kommunikationsmöglichkeit. Das Dasein eines Jugendlichen als Winterfeld, das im weiten, diesigen Nichts endet. Nicht einmal andere Kinder gibt es auf dem Hof, mit denen sich der Junge ein wenig anfreunden könnte. Sie hatten schon keine richtigen Familien, sie werden von Einrichtung zu Einrichtung geschubst – und Schluss.

Es wird nicht mehr ausgeführt, ob man den Pflegeeltern den Selbstmord des Zöglings abnimmt, ebenso, wie man nicht erfährt, was nun Sam zu erwarten hat. Immerhin ist sein Vater Cop und im Polizeiruf kann man, ohne mit der Wimper zu zucken, wohl auch darstellen, dass er dadurch privilegiert ist, weil sein Vater ihn aus der Scheiße haut, dank seiner Position. Im Tatort werden eher mal Beweismittel versteckt, wenn eine Täterperson deren Gefühl für politische Korrektheit triggert.

Dass Polizisten zwar mehr mittendrin sind als vor Jahrzehnten, diese Entwicklung kennen wir auch vom Tatort, aber die komplette Distanzlosigkeit, die zumindest in der Rostock-Schiene gezeigt wird, die gibt es dort immer noch selten. Das Leben, Job, der Fall, alles ein täglicher emotionaler Existenzkampf. Man arbeitet zusammen, man verlässt sich schon auch auf einander, aber der Anker, den die meisten Tatort-Teams noch bieten und das Revier als Hafen des Rechtsstaats, den Eindruck hat man hier gar nicht. Komischerweise ist das Ganze nicht verstörend oder deprimierend, sondern im Gegenteil: Es gibt kein wohliges Dahingleiten durch soziale Katastrophen, weil die Polizisten als Typen viel zu dicht dran sind und jederzeit mitgerissen werden können.

Finale

Das Kindeswohl ist ein Rechtsgut, nach heutigen Maßstäben umfassend zu schützen und vorrangig gegenüber anderen Gütern, die innerhalb von Familien und familiären Streitigkeiten eine Rolle spielen können. Wie kommen Kinder weg von der elterlichen Sorge in  Heime? Dazu muss in Deutschland immer noch relativ viel geschehen, muss das familiäre Umfeld desaströs sein. Und wenn sie dann vom Jugendamt doch in einer Einrichtung untergebracht werden?

Der Film zeigt gut nicht nur den überall um sich greifenden Kommerzialismus, sondern auch die verpeilte Art, die bei uns auch in sogenannten intakten Familien nicht selten zu beobachten ist: Kinder mit ihrer Individualität werden der eigenen Ideologie untergeordnet.

Der Leistungsideologie oder auch der pädagogischen Ideologie. Das sieht man im Heim, wo unterschiedliche Ansätze gezeigt werden, aber niemand mit seiner Methode Keno wirklich näherkommen kann. Der Chef ist zu sehr auf das Jungs-Ding abonniert und muss dafür sterben. Die Erzieherin ist so in ihrem eigenen gut sein gefangen, dass sie keinen Plan hat, was in Keno wirklich vorgeht und wozu er fähig ist.

Dabei ist er doch zu erreichen, für Sam zum Beispiel, auch wenn das Verhältnis zwischen den beiden alles andere als unproblematisch ist. Wir meinen, er wäre auch für die richtigen Erwachsenen zu erreichen. Benutzt werden, ausnutzen. Bindungen stehen in „Kindeswohl“ nie für sich selbst. Damit keine falschen Vorstellungen aufkommen. Die Mutter von Keno, die in der Psychiatrie lebt, hätte unmöglich dieses Kind erziehen können und ihre anderen auch nicht. Dass in diese Familie eingegriffen werden musste, ergab sich aus der psychischen Lage der Mutter.

Wie in vielen Tatorten heutiger Prägung ist der Kriminalfall eher ein Vehikel für die Darstellung der sozialen Verhältnisse, das kann man blöd finden und zumindest unter den Fans der Tatort-Reihe finden viele das auch blöd, aber der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ist in beiden Reihen der Gleiche: Es soll auf Missstände hingewiesen werden und nirgends sonst ist ein so großes Publikum zu erreichen wie am „letzten Lagerfeuer der deutschen Fernsehkultur“.  Die Polizruf-Filme haben im Schnitt etwas weniger Premierenzuschauer als die Tatorte, liegen aber klar vor allen anderen Formaten. Es gibt für die Polizeirufe aber keine Bewertungsplattform wie den „Tatort-Fundus“, deswegen müssen wir hier unsere Punkte vergeben, ohne uns irgendwo rückversichern zu können. Dann tun wir das einfach mal und geben für einen bedrückenden, dichten Film mit etwas Vorsicht, weil wir ihn in den Vergleich zu vielen Tatorten stellen, aber noch nicht innerhalb der Polizeiruf-Reihe einsortieren können

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

LKA-Analystin Katrin König – Anneke Kim Sarnau
Kriminalhauptkommissar Alexander „Sascha“ Bukow – Charly Hübner
Leiter der Mordkommission Henning Röder – Uwe Preuss
Kriminaloberkommissar Anton Pöschel – Andreas Guenther
Kriminaloberkommissar Volker Thiesler – Josef Heynert
Stig Virchow, Heimleitung „Heimathafen“ – Matthias Weidenhöfer
seine Ehefrau Karen Virchow, Geschäftsführerin des „Heimathafens“ – Anna Brüggemann
Ingeliese Poll vom Jugendamt Rostock– Ilona Schulz
Valli, Betreuerin im „Heimathafen“ – Christina Große
Maik, Betreuer im “Heimathafen“ – Kailas Mahadevan
Nadja Overding, Mutter von Keno – Bärbel Schwarz
Barbara Overding, Kenos Großmutter – Brigitte Böttrich
Keno Overding – Junis Marlon
Otto – Niklas Post
Cafémanagerin – Ulrike von Gawlowski
Kioskbesitzerin – Nadine Hahl
Ottos Pflegemutter – Maria Dabrowska
Ottos Pflegevater – Pawel Adamski
polnischer Polizist – Pawel Niczewski
Veit Bukow, Vater von Sascha Bukow – Klaus Manchen
Vivian Bukow, die Ex-Frau von Sascha – Fanny Staffa
Samuel „Sami“ Bukow, der Sohn der Bukows – Jack Owen Berglund
u.a.

Drehbuch – Christina Sothmann, Elke Schuch und Lars Jessen
Regie – Lars Jessen
Kamera – Kristian Leschner
Szenenbild – Sonja Stromer
Schnitt – Nikolai Hartmann
Ton – Thorsten Schroder
Musik – Jakob Ilja

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s