Aus der Tiefe der Zeit – Tatort 887 / Crimetime 270 // #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #Zeit #Tatort887 #AusderTiefederZeit #BR

Titelfoto © BR, Frédéric Batier

Der Untergang des Hauses Batic & Leitmayr?

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Im Hier und Jetzt, beim Bauen, bei der Gentrifizierung, bei den Protesten, schiebt sich scharf ein Keil der Vergangenheit ins Geschehen hinein und der geht zurück mindestens aufs Jahr 1947, eigentlich aber weiter bis zur Ustascha. So, das war das.

Genie und Wahnsinn lagen immer schon dicht beieinander, und bei diesem Tatort, so schien es, musste man sich binnen Minuten entscheiden, ob man den exaltierten Stil annimmt oder nicht. Ob man bereit ist, Dominik Grafs Inszenierungsstil und das Collagen-Drehbuch krass gut zu finden oder total bescheuert. Wie wir uns entschieden haben, steht in der -> Rezension.

Handlung

In München steigen die Mieten. Nicht nur im traditionellen Zuwandererviertel Westend stöhnen die Menschen unter den laufenden Baumaßnahmen der Schönheitsrenovierungen. Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr sucht hier vorübergehend Zuflucht – in seiner Wohnung gab es einen Wasserschaden.

Stolz residiert die einstige Zirkusprinzessin „Calamity Jane“, Magda Holzer, hochbetagt in ihrer Villa am Isarufer in München Pullach. Sie wird bedient von der Haushälterin Rosl und dem treuen Kroaten Ante.

Magdas als vermisst gemeldeter Sohn Florian wird nachts im Aushub einer Baugrube gefunden. Hat ihr wenig geliebter Sohn Peter Schuld an seinem Tod? Immerhin hatten beide Brüder ein Verhältnis mit der schönen Liz, die auch in der Pullacher Villa wohnt. Liz ist Eventmanagerin mit besten Kontakten zur Münchner Stadtverwaltung. Korruption ist in Liz‘ Augen ein Fremdwort.

Münchens Kriminalhauptkommissar Ivo Batic vermutet einen Raubmord, er ermittelt in der kriminellen Szene des Westend und erfährt von einem „Luder“ aus alten Zeiten. 

Rezension

Anfangs war es großartig, zugegeben, mit der Höchstkonzentration den manischen Bildern und dem komplexen Geschehen zu folgen, den Spuren, den Gesprächsfetzen, den hochstilisierten Figuren, den Darstellern, die viel zeigen können, vor allem, dass sie alle theaterreif spielen können, was wir zum Beispiel bei Meret Becker aber eh wussten.  Wir wussten ja auch aufgrund der Lektüre von Vorbesprechungen, dass dies kein Durchschnittsfilm sein würde. Dass die Münchener, die schon so viel Qualität produziert haben, mal wieder Richtung Experiment gehen. Das tun sie von Zeit zu  Zeit, weil sie’s sich leisten können, nicht aus der Not heraus, unbedingt auffallen zu müssen.

Seltsamerweise gab es dann aber eine Phase, in dem der Stil sich etwas beruhigt hat und genau da schlug die kognitive Falle zu. Unsere Aufmerksamkeit ließ nach, weil der Spannungsbogen mit einem Mal die Form einer Schüssel anzunehmen schien, man kann auch sagen, er hing schlaff durch, weil zu viel zu viel war und gleichzeitig die Dynamik der Inszenierung nachließ. Das hat uns beinahe aussteigen lassen und wie gut war’s doch heute wieder, dass wir die Rezensionsobjekte mittlerweile per Live-Aufzeichnung anschauen und auch mal anhalten und kurz zurückspulen können. Im Grunde hätte man diesen Film mindestens zweimal sehen müssen, um Tausende von Details darin zu würdigen. Aber ist das der Sinn der Sache, bei einem Tatort? Muss ja nicht, jeder kann etwas anderes entdecken und wenn man sich ein wenig damit beschäftigt hat, wie Wahrnehmung funktioniert, ist man besonders gespannt darauf, wie unterschiedlich die Bewertungen dieses Films bei den Tatort-Fans ausfallen wird.

Mit „Nie wieder frei sein“ halten die Münchener seit der Erstausstrahlung dieses Films die Spitze aller jemals gedrehten Tatorte in der Rangliste des Tatort-Fundus (mit kleineren Unterbrechungen, in denen z. B. „Gegen den Kopf„, der letzte Berliner Tatort, vorne war). Viele Teams versuchen, die qualitative Dominanz der Münchener zu brechen und wir freuen uns, dass sich ein Berliner Tatort so weit nach vorne gedrängt hat. Doch immer noch sind Batic und Leitmayr einsame Spitze – drei ihrer Tatorte rangieren in der oben genannten Liste nach wie vor unter den ersten zehn (außer „Nie wieder frei sein“ sind das „Der oide Depp“ und „Ein mörderisches Märchen„, die wir, wie alle bisher genannten Filme, für den Wahlberliner rezensiert haben). Der Stand dieser Bewertungen ist der 26.10.2013.

Der neue Tatort „Aus der Tiefe der Zeit“ wurde bereits vor seiner Ausstrahlung ausführlich besprochen (u. a. in  „SPIEGEL ONLINE“) und die Erwartungen, insbesondere an den Regisseur Dominik Graf, sind dementsprechend hoch. „Von der Entnafzifizierung zur Gentrifizierung schlägt der Tatort eine weite Brücke“ (SPon). Die Großstadthemen rund um Bauen und Wohnen interessieren uns immer ganz besonders und dementsprechend waren wir gespannt auf diesen Tatort-Abend. Nicht zuletzt sind dies ja auch Berliner Themen, die hier behandelt werden. Verlust von Identität, Originalität, Vielfalt aufgrund Baurausch. Kaufkraft kommt, die Steuereinnahmen steigen, das Leben geht auf ganz unterschiedliche Weise verloren.

Zum Beispiel, indem ein Mieter sich erhängt, der seinen Lebensraum verliert. Indem alle, die protestieren, abgefilmt werden und für immer gebannt sind von der Observation durch nicht identifizierbare Lakaien des Großen Bruders. Alte Kulturen gehen unter, wie das Haus Holzer (von E. A. Poe entlehnt: „Der Untergang des Hauses Usher“). Es gibt keine Morde (außer im Jahr 1947), sondern nur Verstrickungen und die Imitation von Leben. Psychologie und Bauwirtschaft gehen eine unheilvolle Allianz ein. Unterdrückung, Lieblosigkeit, Abrissbirne, seelenloses bauliches Neuland, anonyme Beobachtung.

Dominik Graf ist ein Chronist der Städte und ihrer Wandlungen, aber hier packt er mehr hinein, als einem Tatort guttun kann, deswegen ist der Film ja auch im Wesentlichen kein Tatort und die Herren Batic und Leitmayr haben die wenig erfreuliche Aufgabe, so zu tun, als ob es doch einer wäre. Sie ermitteln aber sehr rudimentär, stattdessen müssen sie häufig als talking Heads arbeiten, um dem Zuschauer vorzumachen, es gebe eine Art Krimiplot zwischen der Bestandsaufnahme von Seelen- und Baugrubenlandschaften. Es ist aber offensichtlich, dass das Tatortformat dieses Mal besonders augenfällig benutzt wurde, um eine Botschaft zu transportieren. Das wohl beabsichtigt Schwierige ist, dass der Stil jedewde Identifikation ausschließen soll und dem Beobachter damit die Basis entzieht, die eine gemütliche Kumpanei mit Figuren und ihrem Schicksal erlauben würde. Der Zuschauer soll sich nicht diesen bayerischen Amigos annähern, die mal wieder eine Rolle spielen.

Der Film kommt nur nicht so vordergründig pädagogisch daher, wie das z. B. in  Köln oder bei den Nordkrimis häufig der Fall ist. Er setzt vielmehr auf die Wirkung, die er im Unterbewusstsein entfaltet. Die Zuschauer, die vom Stil verwirrt sind und meinen, sie könnten diesen Bildersturm schnell abhaken, sollen sich mal nicht täuschen: Das alles träufelt in unsere ohnehin von gefühlter Krise geschundenen Seelen ein. Den Zustand der zunehmenden Unübersichtlichkeit der Dinge, der Stimmen aus allen Richtungen, der bruchstückhaften Wahrnehmung einer aus dem Ruder laufenden Wirklichkeit und die Flucht aus ihr, die fängt nämlich „Aus der Tiefe der Zeit“ auf eine ganz suggestive Weise ein.

Finale

„Aus der Tiefe der Zeit“ war die erwartet schwere Kost. Nichts für solide Krimiliebhaber in statischer Wahrnehmungsposition. Eher geeignet für Typen, die jederzeit bereit sind, die Koffer zu packen. Vielleicht nicht, um wegen Gentrifizierung den Wohnort wechseln zu müssen, wie es in diesem Film vorkommt, aber doch, um auf eine Wanderung durch diese exaltierte Welt zu gehen, die in Wirklichkeit so traurig und schlussendlich suizidgeneigt ist wie Peter Holzer, der Juniorchef des – sic! – untergehenden Hauses Holzer. Die Bilder sind nicht Ausdruck eines Sinnenrausches, auch wenn man nicht leugnen kann, dass hier auch gespielt wird mit modernen Sehgewohnheiten, mit clipartigen Sequenzen, von denen  man dachte, sie seien schon wieder out. In der Form sind sie es aber nicht. Sie werden eingesetzt, um jedes Festhalten an Konventionen unmöglich zu machen.

Durchaus interessant, dass man die hoch kompakten Schnitte nicht verwendet hat, um eine verdichtete Stimmung zu erzeugen und die Ermittlungen dynamisch zu unterstützen – sondern, im Gegenteil, um einen Zustand der Irritation beim Zuseher zu erzeugen. Natürlich war das gewollt, der Regisseur ist ja kein Anfänger, der aus Übermut mit Stilelementen spielt wie ein kleines Kind, nämlich, ohne ein Ganzes, ein Konzept zu verfolgen. Sind wir der Meinung, dass es aufgeht? Nicht ganz. Ganz gewiss ein besonderer Tatort. Aber wir verlangen von einem Top-Film der Serie auch, dass er uns nahe kommt und nicht überwiegend als postmoderne Autoren-Dokumentation mit kleinen fiktionalen Einsprengseln daherkommt. Daher trotz großer Momente nur durchschnittliche

7/10. 

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Franz Leitmayr Udo Wachtveitl
Ivo Batic Miroslav Nemec
Liz Bernard Meret Becker
Magda Holzer Erni Mangold
Peter Holzer Martin Feifel
Ante Mladec Misel Maticevic
Rosl Susanna Kraus
Alex Kovacz Branko Samarovski
Hem Staufacher Maximilian Brückner
Pförtner Röckl Michael Schreiner
Angelina Winkler Victoria Sordo
Piet Jansen Jochen Strodthoff
Musik: Sven Rosenbach
Florian van Volxem
Kamera: Alexander Fischerkoesen
Buch: Bernd Schwamm
Regie: Dominik Graf

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