Gier – Tatort 950 / Crimetime 271 // #Tatort #Wien #TatortWien #Eisner #Fellner #Gier #ORF #Tatort950

Titelfoto © ORF, Petro Domenigg

Kein Schutzanzug hilft gegen die Gier, die von innen kommt

Damit Oberstleutnant Moritz Eisner und Major Bibi Fellner überhaupt ins Ermitteln kommen, muss deren Vorgesetzter, der bewährte Ernstl, sie dieses Mal um einen Freundschaftsdienst bitten, denn die Verätzung in der Chemiefabrik kommt als Untersuchungsgegenstand normalerweise  zum Arbeitsschutz.

Aber wenn der Unfall auf Umständen beruht, die mit Gier zu tun haben? Der Weg zu dieser Erkenntnis hat einige Windungen, aber Eisner und Fellner liegen gut auf der Straße, auch wenn Fellners betagter Sportflitzer kaputt ist und die beiden mit den VW-Dienstwagen der neuesten Generation vorlieb nehmen müssen. Ob der Fall auch gut geworden ist, darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

Während sich in einer Chemiefabrik ein tragischer Unfall ereignet, erscheinen die beiden Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) leicht overdressed auf dem Geburtstagsfest ihres Vorgesetzten Ernst Rauter (Hubert Kramar). Die Stimmung ist gut, aber Rauter vermisst auf der Party sein Patenkind Roswita (Emily Cox). Deren Ehemann Helmut (Eugen Knecht) entschuldigt seine Frau, da diese noch zu arbeiten habe.

Dann aber stellt sich heraus, dass Roswita das Opfer des Chemieunfalls ist. Ein mangelhafter Schutzanzug konnte sie nicht vor der austretenden, hoch agressiven Flusssäure schützen. Schließlich erliegt die im zehnten Monat schwangere Frau ihrer Verletzung. Rauter ist tief erschüttert und bittet Eisner und Fellner, der Sache nachzugehen. Bald stellt sich heraus, dass die Schutzanzüge von einem Unternehmen geliefert werden, das zum Wendler-Konzern gehört. Offensichtlich entspricht ein größerer Teil der Anzüge nicht den erforderlichen Sicherheitsvorschriften.

Das Geschäft mit den Schutzanzügen leitet Sabrina Wendler (Maria Köstlinger), eine selbstbewusste, kühle Frau, die jede Verantwortung für den Unfall ablehnt. Ihr Mann Peter (Anian Zollner), Erbe der Wendler-Werke, befindet sich seit Jahren zur Sicherheitsverwahrung in der geschlossenen Psychiatrie. Er wurde für einen Mordversuch auf seine Ehefrau verurteilt und steht nun kurz vor seiner Entlassung. An seiner Stelle leitet bislang Dr. Viktor Perschawa (Michael Masula) das Unternehmen. Sabrina Wendler will den Konzern gerne so schnell wie möglich verkaufen, um mit Perschawa, der auch ihr Geliebter ist, auszuwandern. Der aber nimmt von diesem Gedanken zunehmend Abstand.

Inzwischen ist auch der junge Witwer Helmut Marder auf die Spur des Wendler-Konzerns gekommen. Er möchte die Verantwortlichen am Tod seiner Frau zur Rechenschaft ziehen, trifft zunächst aber nur auf die Sekretärin Elisabeth Schneider (Johanna Mertinz), ein Urgestein der Firma und der Familie Wendler treu ergeben. Kurz darauf wird Viktor Perschawa erschossen aufgefunden.

Für Eisner und Fellner beginnen nun die eigentlichen Ermittlungsarbeiten. Der international renommierte Regisseur Robert Dornhelm erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer Fabrikantenfamilie, vom Verlust der Werte in der neuen Wirtschaftswelt und trägt den archaischen Gefühlen von Rache und Vergeltung Rechnung. Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser laufen neben hochkarätigen Episodendarstellern wie Emily Cox und Anian Zollner zu Hochform auf. Dem Dickicht aus Schuld und Sühne begegnen sie mit kühlem Verstand. 

Rezension

„Gier“ ist der 36. Eisner-Tatort und der 12. für Bibi Fellner, die ihm seit „Vergeltung“ zur Seite steht. Ein Drittel der Eisner-Dienstzeit haben die beiden jetzt also zusammen absolviert – und selten ist ein Team so aufgewertet worden wie durch den  Zugang von Adele Neuhauser im Jahr 2010. Grundsätzlich ist Team besser, weil sich die Ermittler gegenseitig den Fall erläutern können – und damit auch dem Publikum. Besser vor allem, wenn die Handlung schnell und komplex gestaltet ist. Eisner konnte seine Fälle letztlich auch allein, ohne dass sie uninteressant waren, aber interessanterweise kommt man jetzt, nach einigen ziemlich außergewöhnlichen Filmen, wieder aufs Klassische.

Wien goes Normaltatort, das hätte ebenfalls eine Überschrift für diesen Beitrag sein können. Daran muss man sich erst gewöhnen, denn seit es Bibi gibt, gab es meist spektakuläre Tatorte und viel Schmäh. Nicht, dass der Schmäh ganz weg wäre, aber er ist dieses Mal zurückgenommen, wie auch die Ermittler selbst. Das kommt daher, weil „Gier“ nun einmal ein ernstes Thema ist und der so betitelte Tatort sich selbst auch – im Wiener Vergleichsmaßstab – relativ ernst nimmt. Sicher ist da eine gewisse Ironie ganz hinten drin, sonst würde z. B. nicht „Der dritte Mann“ (die Szene mit der Katze, die ihren Besitzer wiedererkennt) zitiert, der größte Krimi, der je in Wien gedreht wurde. Vielleicht gibt es noch  mehr solcher Anspielungen, die weniger auffällig sind.

Diese Mischung aus Engagement und Souveränität, aus angefasst sein und sich durch Granteln distanzieren, die haben Bibi und Moritz nach wie vor drauf, aber man hat auf viele Standards verzichtet, weil sich halt in der Familie vom Chef so ein tragisches Unglück ereignet hat. Der dramatische Tod der jungen Frau im Chemiewerk wirft ab seinem Eintreten in etwa Minute 20 einen langen Schatten, und daraus noch einen Klamauktatort zu machen, das würden wohl nur die Münsteraner bringen. In Wien unterscheiden sie aber zwischen einem Todesfall, der einen persönlichen Eindruck hinterlässt und den stilisierten Schießorgien mit der OK, die vor ein paar Jahren den ORF-Tatorten ein ganz neues Image eingebracht haben.

Obwohl ihm auf den ersten Blick nichts Wesentliches fehlt, hat uns „Gier“ aber nicht so überzeugt. Die Tendenz zum Runterfahren der früheren Geschwindigkeit war ja schon im letzten Tatort „Grenzfall“ sehr eindeutig, aber diese Reisen in die Vergangenheit bringen Menschen, die an jüngerer Geschichte interessiert sind, immer einen Gewinn, und zu denen zählen wir uns schon ein wenig. In „Gier“ spielt lediglich die Geschichte des Hauses Wendler eine Rolle. Das hat auch was, weil durch die betagte Sekretärin, das betagte Bild an der Wand, das den Gründer zeigt, die tollen Altbaubüros, die natürlich dem hypermodernen Haus der jetzigen Mit-Chefin gegenübergestellt werden, weil durch alle Dekors ein Touch of Class reingebracht wird, den man in deutschen Tatorten selten sieht. Das war mal anders, aber die Settings, besonders diese Bauhaus-Epigonen-Häuser, die für die Gefühlskälte heutiger Menschen und ihrer ökonomisch determinierten Handlungsweisen stehen sollen, wirken sehr austauschbar.

Wir haben uns ein wenig Gedanken über den Hintergrund des Geschehens gemacht und finden die Botschaft des Films, die eindeutig sein soll, durchaus fraglich. Wir leben im Kapitalismus, und, dies vorausgesetzt, dürfen Firmen Gewinne erwirtschaften. Wir würden uns auch ein System wünschen, das die Gier weniger fördert, aber man kann Leute nicht grundsätzlich dafür an den Pranger stellen, dass sie sich systemkonform verhalten. Solange sie dabei eben nicht über Leichen gehen und keine illegalen Tatbestände zwecks Gewinnsteigerung schaffen, wie Frau Mag. Wendler das getan hat. Hätte sie nicht eine zu geringe Stoffqualität für Schutzanzüge umetikettieren lassen zur höchsten Schutzklasse und damit die Anzüge teurer verkaufen können, wäre der Unfall der jungen Arbeiterin nicht tödlich verlaufen. Ob das so realistisch ist, spielt eine untergeordnete Rolle, denn es gibt weitaus größere Dramen, die auf mangelnde Wartung etc. zwecks Kosteneinsparung zurückzuführen sind. Insofern ist Wendler bei ihrer Absicht, den Konzern zu retten, über das Ziel hinausgeschossen und hat mindestens bewusst fahrlässig gehandelt, sie musste Fälle wie den im Chemiewerk einkalkuliert bzw. in Kauf genommen haben.

Alles andere ist schwierig. An einer Stelle wird erwähnt, dass sie doch ihr eigenes Business macht, aber dieses scheint einen Traditionskonzern über Wasser zu halten, der durch die Projekt des in der forensischen Psychiatrie einsitzenden Juniorchefs, ihres Mannes, beinahe ruiniert worden wäre. Das bleibt unwidersprochen, niemand weist im Film nach, dass die Firma auch ohne Zutun der Frau hätte überleben können. Das rechtfertigt selbstverständlich nicht die illegale Verwendung von Material minderer Qualität. Dass sie die Situation ausgenutzt hat, in der ihr Mann sie misshandelt hat, weil es zu einer Auseinandersetzung über die Firmenführung kam, um ihn wegschließen zu lassen, ist hingegen nicht so unlogisch. Vor allem, weil er nicht in einem Gefängnis landen durfte, von wo aus er bei attestierter  Zurechnungsfähigkeit weiter in die Geschäfte eingreifen können.

Es bleibt unwiderlegt, dass Peter die Firma mit seinen Projeken ruiniert hätte, deshalb ist seine Kooperation mit der langjährigen Sekretärin eigenartig morbid, nicht nur letal für den jetzigen Geschäftsführer. Im Grunde stellen sich zwei Menschen gegen die Zeit und gegen die Logik und nehmen dafür die bessere Ethik für sich in Anspruch. Es dürfen jedoch Zweifel an der moralischen Überlegenheit dieser Disposition angemeldet werden, die vermutlich Hunderte von Arbeitsplätzen gekostet hätte, hätte sie sich unbegrenzt geschäftlich ausleben dürfen. Wohlverstanden, es geht nur um legales geschäftliches Handeln, nicht um Manipulationen an der Produktqualität.

Wir hatten schon das Glück, wenn auch nicht lebenslang, in Traditionsfirmen zu arbeiten und kennen uns gerade in dem Zusammenhang auch in Österreich ein wenig aus, finden die Idee einer lebenslangen Arbeitstreue fantastisch, aber selbst in dem kurzen Zeitfenster, durch das wir schauen durften, gab es Veränderungen und ständige Überprüfung der ökonomischen Parameter, damit aus Weltmarktführern keine Schlusslichter werden. Das ist auch eine Verantwortung gegenüber den Arbeitnehmern, so zu handeln und sich nicht auf spinnerte Projekte zu stürzen, die vielleicht dem Zuschauer emotional gut kommen („Faire Herstellungskette“), aber die nicht ad hoc installiert werden können, sondern langwierige Prozesse sind. Zumindest dann, wenn die Kunden bisher nicht bereit waren, für die ethische Besserstellung von Produkten entsprechend mehr zu zahlen.

Das System ist nicht nachhaltig und fair, deswegen ist es schwierig, einzelnen Personen einen Vorwurf zu machen, die (als Magister der Ökonomie z. B., wie Frau Wendler) gelernt haben, das System zu verstehen und nach dessen Maßstäben richtig zu handeln.

Fazit

Das war allerdings eine allgemeine Betrachtung, die über den Fall hinausreicht, denn die Versuchung, die Dinge ein wenig zu vereinfachen, ist beinahe unwiderstehlich, und ihr verfallen Drehbuchautoren regelmäßig. Da „Gier“ aber eine Charaktereigenschaft als zentrales Motiv im Titel führt, muss diese ja hier besonders ausgeprägt sein. Ist sie aber nicht, das hätte man alles viel drastischer darstellen können. Es ist moralisch nur vordergründig eindeutig verwerflich, weil es letztlich zu zahm geraten ist, das wendlersche Schalten und Walten.

Die Figuren sind nicht schlecht gespielt, selbstverständlich gilt das auch für die Ermittler, und es gab während des Anschauens von „Gier“ viel Zeit, über die Notwendigkeiten im System und darüber hinausgehende, persönliche Weiterungen nachzudenken. Der Beginn mit dem Unfall und der schöne Schluss mit dem echten Verbrechen des Peter Wendler sind sehr gut geworden, ansonsten ist der Tatort eher konservativ, nicht nur in der Handlung, sondern auch visuell. Abgesehen von den Splitscreens, die, im Gegensatz zu „Drei“, den wir kürzlich gesehen und rezensiert haben, keinen Sinn aufweisen, denn in „Gier“ wird nur dieselbe Szene in verschiedenen Einstellungen gefilmt, nicht eine das Aufnahmevermögen fordernde Kakophonie von Szenen und damit von Lebenselementen der Hauptpersonen hergestellt, wie im erwähnten Kinofilm.

Man könnte natürlich darüber nachdenken, ob dieser Splitscreen, der interessanterweise vor allem der Figur Peter Wendler zugeordnet wird, auch ein Sinnbild für dessen zerrissenes Inneres ist, dafür, dass die Wahrnehmung der Person sehr vom Blickwinkel bestimmt wird, aber das haben wir hiermit getan und schließen die Rezension.

 7/10

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Mit Harald Krassnitzer (Moritz Eisner), Adele Neuhauser (Bibi Fellner), Hubert Kramar (Ernst Rauter), Emily Cox (Roswita Mader), Eugen Knecht (Helmut Mader), Maria Köstlinger (Magister Sabrina Wendler), Anian Zollner (Peter Wendler), Johanna Mertinz (Elisabeth Schneider), Michael Masula (Dr. Viktor Perschawa), Thomas Nash (Gupta Kumar), Stefan Puntigam (Stefan Slavik), Susanne Gschwendtner (Dr. Kathrin Bach), Maria Urban (Mutter Rauter), Anton Figl (Arbeitsinspektor), Thomas Reisinger (Dr. Fiala), Gerald Votava (Magister Paul Mitteregger)

Regie: Robert DornhelmDrehbuch: Verena KurthMusik: Tommy SchobelKamera: Erwin Lanzensberger / Schnitt: Ingrid Koller / Produzent: Markus Pauser, Erich Schindlecker

 

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