Eine Handvoll Paradies – Tatort 869 / Crimetime 276 // #Tatort #Saarland #Stellbrink #Marx #Paradies #Tatort869 #Crimetime #EineHandvollParadies #SR

Titelfoto © SR, Manuela Meyer

In einem anderen Land, unter Wolkentürmen

Das Dunkle am Himmelszelt, wir wissen es jetzt, war die Androhung eines Gewitters. Und das Gewitter wird Hagelkörner werfen, so groß, dass Stellbrink um sein Leben bangen muss. So, wie alle anderen, die an „Eine Handvoll Paradies“ beteiligt sind. Es gibt im Saarland solche Hagelgewitter. Und ein altes Schwimmbad. Wenn man recherchiert, erfährt man, es wurde im ehemaligen Saarbrücker Stadtbad gefilmt und an vielen anderen Locations, bei denen das Wort „ehemalig“ sehr gut umschreibt, was gemeint ist. Natürlich war in diesem Tatort nicht alles Nostalgie, mehr dazu steht in der -> Rezension.

Handlung

An einer Landstraße wird die Leiche von Rüdiger Sutor, genannt Rüde, einem Mitglied der Rockergang „Dark Dogs“, gefunden. Doch schnell wird klar, Rüde ist nicht mit seiner Harley Davidson auf der Straße verunglückt. Es war Mord, Todesursache Genickbruch. Unmittelbar geraten die restlichen Gangmitglieder der „Dark Dogs“ ins Visier der Ermittlungen. Doch auch eine verfeindete Rockergang kommt in Betracht, da in der Nacht des Mordes das Klubhaus der „Dark Dogs“ von einem Unbekannten mit einer Uzi beschossen wurde.

Hauptkommissar Jens Stellbrink beißt bei seinen Ermittlungen auf Granit. Denn die Rocker sind gut organisiert und haben einen ausgezeichneten Anwalt. Ohnehin wird in den Rockerkreisen aus Prinzip nicht mit der Polizei kooperiert, denn das Milieu regelt seine Probleme unter sich. Es herrscht das ungeschriebene Gesetz der Omertà, der absoluten Verschwiegenheit. Das macht die Arbeit für Stellbrink keineswegs leichter. Da hilft es auch wenig, dass Stellbrinks Kollegin Lisa Marx mit einigen Insiderkenntnissen aufwarten kann. Stellbrinks lockere Art, in dieser Sache zu ermitteln, gefällt ihr gar nicht. Ihr ist bewusst, welche Gefahr von den Rockern ausgeht. Trotz allem finden ihre Warnungen bei Stellbrink kein Gehör, er gerät bei seinen Ermittlungen gefährlich nah an die Gang.

Dann mischt sich auch noch Staatsanwältin Nicole Dubois in die laufenden Ermittlungen ein. Denn die „Dark Dogs“ sind aufgrund ihrer kriminellen Machenschaften und ihrer Verwicklungen im Drogengeschäft schon seit Jahren im Fokus gezielter Beobachtungen. Dass Dubois ihm dazwischenfunkt, ist Stellbrink ein Dorn im Auge. Ihm bleibt keine andere Wahl: Er muss den Fall noch mal ganz neu aufrollen. 

Rezension

Selten war ein Tatort so stilisiert wie dieser. Spontan fällt uns nur „Das Dorf“ mit dem hessischen LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) als Vergleich ein, auch wenn die Stilmittel als solche dort anders gewählt waren und der Surrealismus noch ein Stück weiter vorangetrieben wurde.

Was viele Feuilletonisten und, soweit wir es im Moment überblicken, Tatort-Fans ebenfalls, nicht würdigen, ist die formale Geschlossenheit dieses Films. Das ist ihr gutes Recht, denn hinter allem soll ja ein Krimi stehen, und wenn man „Eine Handvoll Paradies“ seiner formalen Extravaganz entkleidet, bleibt ein höchst konventioneller Handlungsaufbau, der im Wesentlichen Talking Heads anstatt echte Ermittlungsarbeit präsentiert. Das ist zu wenig für einen Tatort. Das ist viel zu wenig für einen guten Tatort.

Ist „Eine Handvoll Paradies“ denn wenigstens eine Satire? Aufs Rockermilieu? In der Tat, so kann man’s sehen. Man kann auf der Metaebene aber auch der Meinung sein, das gesamte Format wird durch den Kakao gezogen. Eine Art Abgesang auf den klassischen deutschen Polizeifilm, weil nichts mehr realistisch oder auch nur real scheint. Weil vom Kommissar über die Staatsanwältin bis zu den Jungs auf den schweren Maschinen alles zu einer humorigen Variante von Dystopie zu gerinnen scheint, in der es keine normalen Menschen und Gefühle mehr gibt. Bis auf die Szenen zwischen Stellbrink und der Thai-Transvestitin Taya. Wir hatten aber gleich und ohne auf die Unterscheidung südostasiatischer Nationalitäten spezialisiert zu sein, den Eindruck, dass sie keine Thailänderin ist, sondern – so liest sich auch der Name der Darstellerin – Koreanerin. Da waren einige Momente, die zeigen, dass die Inszenierung von fähigen Menschen stammt. Wir könnten auch anders, wenn das Konzept ein anderes wäre, scheinen diese kurzen, lyrischen Einsprengsel sagen zu wollen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sieht es so aus, als würden die Tatort-Fans auf „Tatort-Fundus“ diesen Film zum zweitschlechtesten aller  Zeiten machen, nur ein alter Roiter-Tatort aus Berlin, ausgerechnet, ist derzeit noch weiter zurück. Den haben wir leider nicht gesehen und er wurde nach seiner Premiere auch nur einmal wiederholt. Leider ein halbes Jahr, bevor wir begannen, für den Wahlberliner über Tatorte zu schreiben. Schade, denn ein Vergleich von Desastern kann erhellend sein. Ah, jetzt ist „Eine Handvoll Paradies“ gerade auf den drittletzten Platz vorgerückt, aber bis zum viertletzten ist eine gewaltige Spanne von 0,2 Punkten zu überbrücken. Ob Stellbrink das heute noch schafft?

Offensichtlich rumort es in der Tatort-Gemeinde, sonst wäre dieser Extrem-Verriss nicht denkbar und man würde mit etwas mehr Humor an das neue Saarland-Produkt herangehen. Es ist doch ganz offensichtlich und irgendwie auch beherzt, dass man hier nichts Ernstes machen wollte und selbst die Satire wieder gebrochen daherkommt. Der Film ist sicher nicht überragend und als Tatort unterdurchschnittlich, aber er ist nicht so miserabel, wie er hier gemacht wird. Aber – es rumort. Das hat gewiss auch etwas damit zu tun, dass dieses Jahr schon einige Flops auf den Markt kamen und die Leute langsam Angst bekommen, dass der Tatort sich selbst und sein Publikum nicht mehr ernst nimmt. Ein Film, der dies ganz bewusst und ziemlich frech tut, kommt in dieser Stimmung gar nicht gut.

Wir wollen uns nicht zu der Aussage versteigen, dass man hier ein Meisterwerk verkennt, das eines Tages Kult sein wird, nein, das nicht. Aber irgendwie ist Stellbrink knuffig und seine Kollegin Marx in ihrer monolithischen Spiel- und Ausdrucksweise nicht schlechter als etwa Eva Saalfeld in Person von Simone Thomalla. Unterschiedliche Typen, aber schauspielerisch etwa ein Niveau. Ja, ja, eine weitere Wunde, denn das Leipzig-Team hat es ja auch nicht leicht und kann froh sein, dass solche grandios abgewerteten Teams wie Hamburg / Tschiller / Schweiger und Saarbrücken / Stellbrink alles relativieren.

Außerdem muss man die darstellerischen Leistungen unter der Prämisse sehen, dass sie so gewollt waren. Es ist wohl eindeutig, dass Striesow mehr kann, als hier eine Comicfigur zu spielen und es ist anzunehmen, dass dies auch für die übrige Besetzung gilt. Schon im Neusaarbrücker Erstling „Melinda“ war deutlich erkennbar, dass hier überzeichnete und eindimensionale Figuren gewünscht waren und nicht deshalb so wirken, wie sie wirken, weil hier Laienschauspieler am Werk sind. Es ist ein ganz schön rotziges Ding, das hier als Tatort präsentiert wird, wenn man genau hinschaut. Es hat etwas Verwegenes, eine bombastische Filmsprache mit einer beinahe abstrakten Figurenzeichnung und Handlungsführung zu kombinieren. Alles ist ins Extreme gezogen. Das Formale, die Settings, die Typen und der Handlungsverlauf.

Nein, bei allem Verständnis für die Enttäuschung der Tatort-Fans, zu denen wir uns auch zählen, das ist gewiss nicht der drittschlechteste Tatort aller bisherigen Zeiten. Es ist nicht einmal der schlechteste des bisher enttäuschenden Jahres 2013. Wenn es angeht, dass in Hamburg sämtliche Macho-Klischess bedient werden und ein grottenschlechter Film von diesen geradezu geklammert wird, dann muss es auch möglich sein, mit einem Typ wie Stellbrink und anderen Charakteren in „Eine Handvoll Paradies“ genau das Gegenteil zu tun – nämlich die Welt der harten Männer auf die Schippe zu nehmen. Wir hatten in der Vorschau geäußert, dass die Kritik sich unter anderem am unrealistischen Rockermilieu gestört hat. Nach dem Tatort fragen wir uns, ob den Leuten wirklich komplett entgangen ist, dass eine echte Auseinandersetzung mit der Welt der Hells Angels, Bandidos und anderer Gruppen nicht einmal angedacht war. Dass die Rituale solcher Männerbünde nur ein Aufhänger sind, um diese Welt durch den Kakao zu ziehen. Fast jede Geste, jeder Blick von Figuren aus dem Milieu, jedes Handlungselement ist auf eine ziemlich urige Art gegen den Strich gebürstet.

Klar, so kann  keine Spannung aufkommen und man wünscht sich gewiss nicht, dass dieser Tatort ein Role Model für künftige Filme der Serie sein soll, aber dass der Humor auf einer Ebene liegt, die nicht jeder erfasst, das müssen sich alle ins Stammbuch schreiben lassen, die sich zu sehr über die offensichtliche und beabsichtigte Schräglage des Films aufregen.

Wir votieren gegen den Trend – nicht etwa überdurchschnittlich gemäß unserem Schema, aber höher als bei „Melinda“. Vor allem aus einem Grund, den wir bisher gar nicht besprochen haben. „Eine Handvoll Paradies“ leistet sich nicht den groben Schnitzer, ein hochernstes Thema zu missbrauchen (in „Melinda“ war es die Ausbeutung von minderjährigen Migranten als Bodypacker-Drogenkuriere), sondern bleibt auf de sicheren Seite, indem er ein wenig am Mythos der Zweiradbanden knabbert. Daher

6,5/10.

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Jens Stellbrink gespielt von Devid Striesow
Hauptkommissarin Lisa Marx gespielt von Elisabeth Brück
Staastsanwältin Nicole Dubois gespielt von Sandra Steinbach
Horst Jordan [Spurensicherung] gespielt von Hartmut Volle
Taya gespielt von Young-Shin Kim
Frank van Lieshaut [MUTTI] gespielt von Thomas Kautenburger
Rüdiger Sutor [Rüde] gespielt von Claude-Oliver Rudolph
Tim Rowert gespielt von Tim Olrik Stöneberg
Ingo Rogner gespielt von Thom Nowotny
Winne gespielt von Heiner Take
Paul Weber gespielt von Markus Kloster
Sabine Weber gespielt von Saskia Petzold
Klaus Cepulla gespielt von Michael Bornhütter
Anwalt Johannson gespielt von Rainer Furch
Ärztin gespielt von Nina Schopka
Miriam Cepulla gespielt von Christina Beyerhaus

Musik: Frank Nimsgern
Kamera: Wolf Siegelmann
Buch: Felice Götze
Regie: Hannu Salonen

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