Es ist böse – Tatort 836 / Crimetime 277 // #Tatort #Frankfurt #HR #Mey #Steier #DasBöse #esistböse #böse #Tatort836

Crimetime 277 - Titelfoto © HR, Johannes Krieg

Böse ist es und auch bedrückend

Dass die Handschrift, die der Hessische Rundfunk für sein neues Team gestaltet, anders ist als zuvor bei Sänger / Dellwo, das fiel nach zwei Folgen schon auf. Nach der dritten mit Steier / Mey kann man die Veränderung präzisieren.

Alles Ätherische ist verschwunden und eine harte, klare Linie mit reduzierten Dialogen und darin vielen Fachbegriffen wird sichtbar, eine Sprache die gleichermaßen Präzision wie Kälte ausdrückt. Die Bildsprache ist kompromisslos ungnädig mit der Stadt und den Menschen, alles wirkt sehr rau gestylt.

Niemand biedert sich dem Zuschauer an, dem männlichen wird wohl Steier  noch am nächsten kommen, in ihm findet er noch etwas wie einen Halt in einer verstörenden Welt voller Menschen mit Abgründen und starken, geheimen oder offen ausgelebten Obsessionen. Der Freund Friseur wirkt da geradezu wie eine Normalerscheinung. Und wie weiter? Bitte die -> Rezension lesen.

Handlung

Conny Mey und Frank Steier werden zu einem Tatort in die Frankfurter Innenstadt gerufen. Bei der Totenhandelt es sich um die Prostituierte Ramona Förster. Am Tatort erscheint auch der Polizei-Kollege Seidel, der eine neue Chance erhalten und Conny Mey und Frank Steier unterstützen soll.

Seidel erfährt von dem zwielichtigen Reporter Kurt Eggers, dass sich ein ganz ähnlicher Fall sechs Monate zuvor in Offenbach ereignet hat. Es könnte sich um einen Serientäter handeln. Steier warnt Conny, sich mit den Morden zu beschäftigen. Er hat Angst, dass sich Conny emotional zu sehr in den Fall verrennt.

Währenddessen ist die jedoch bereits dem Exmann von Ramona Förster, der zur Tatzeit bei ihr war, auf der Spur. Alles läuft auf ihn als Täter hinaus, da geschieht ein weiterer Mord an einer Prostituierten, doch Markus Förster scheint ein Alibi zu haben. Während sich Steier im Präsidium mit der Fallanalyse beschäftigt, beginnt für Conny Mey ein Wettlauf mit der Zeit, der zunehmend an ihren Nerven und ihrem Selbstverständnis als Polizistin zerrt. 

Rezension

Keine Gemütlichkeit, jeder Ansatz dazu wird absichtlich zerstört. Zum Beispiel dadurch, dass man die einsetzende Teamharmonie zwischen Mey und Steier opfert, indem man einen dritten Ermittler reinbringt. Der sorgt für ein Spannungsverhältnis, das über die Kabbeleien in anderen Teams hinausgeht und spiegelt eine Atmosphäre von Unsicherheit und den Zweifel an menschlicher Zuvervlässigkeit, der den Tatort „Es ist böse“ beherrscht.

Logisch gesehen gibt es mindestens einen Riss – warum wird Holger Ritter nicht observiert, nachdem der Dienststellenleiter entschieden hat, dass die Beweislage nicht ausreicht, um ihn festzuhalten? Das hätte einen vierten Mord verhindern und das Prozedere verkürzen können.

Wenn man so will, ist Hauptkommissar Steier (Joachim Król) der Dellwo der neuen Serie von Frankfurter Tatorten, entpuppt sich als ein Existenzialist wie sein Vorgänger – aber alles ist doch in eine andere Richtung geschoben. Seine Partnerin ist keine Elfe mehr, sondern eine Amazone, seine Welt ist nicht von nostaglischer Rockmusik geprägt, sondern von Büroräumen mit wenig Licht und viel Schatten, langen Fluchten in zweckmäßig quaderlastigen Gebäuden, sein Privatleben erst ein Geheimnis, dann ein recht reduziert wirkendes Modell, das ein wenig beliebig scheint. Besser so als gar keine Anbindung. Keine Chance für ihn und für die Amazone, die ihm am Ende klarmacht, das mit den Haaren geht gar nicht? Da sind wir keineswegs sicher.

Der Glanz der großen Stadt ist weg, auch wenn ihre in Deutschland einmalige Silhouette immer noch für Momente taugt, in denen nichts geschehen soll. War der Glanz auch in den Folgen des Vorgängerteams ein falscher, fielen auch Masken – so  gibt es diese mittlerweile gar nicht mehr.

Die niederen Instinkte der Menschen sind hingegen so offen und schonungslos dargelegt wie selten zuvor. Niemand gibt uns das Gefühl, alles wird gut, irgendwie und irgendwann. Nicht einmal Steier kann und soll das tun. Die Gewalt wird grell beleuchtet, immer wieder und in vielen Varianten. Die Morde und die häuslichen Schläge, die übertöteten Frauen, die toten Katzen, die inneren Tode von sexbesessenen oder von ihren Eltern zerstörten Männern, alles im Grunde ein einziges Panoptikum von Menschen, die sich selbst verloren haben. Das ist böse. Besonders die Männer kommen in diesem Tatort sehr schlecht weg und das wird viele Fans der Serie nicht freuen.

Dabei ist jederzeit klar, dass es sich hier zwar um die filmische Gestaltung einer offenbar realen Vorbild-Mordserie handelt, dass aber selbstverständlich die Charaktere stilisiert sind. Das gilt für die Kommissarin Conny Mey ebenso wie für den Ermittler Seidel, den Pressefuzzi Eggers, den Mörder Ritter. Würde Joachim Król seine dieses Mal hinter der von Nina Kunzendorf zurücktretende Rolle nicht mit großer Intensität und ohne viele Nuancen trotzdem mit Präsenz versehen, gäbe es keinen Fixpunkt mehr für das Bedürfnis nach Sicherheit und Verständnis in Polizeigestalt, sondern nur noch Furcht vor der unberechenbaren Abgründigkeit und den Trieben, von denen alle getrieben werden. Selbst, wenn sie ihren Verstand gebrauchen, hat das etwas Drängendes und Forderndes.

Hartnäckige Ermittlungsarbeit ist von gestern, auch wenn kurioserweise noch im ersten Drittel des Films ein Ermittlungsstand vor einer Polizeimannschaft – also fürs Publikum –  resümmiert wird wie bei einem Uralt-Krimi, weibliche Intuition à la Sänger ist auch von gestern. Der Whodunit wird zwischenzeitlich gekappt und jeder, nicht nur Conny Mey weiß, dieser Ritter von der traurigen Gestalt mit dem seltsam deformiert wirkenden Gesicht und den  dazu passenden Ohren, der muss es sein, nur der kann es sein. Es wirkt beinahe, als ob man jemanden zeigen wollte, dessen Physis durch eine miserable Erziehung bestimmt wurde, und das ist natürlich Unsinn.

Zwischendurch wird anhand einer Szene mit dem Journalisten Eggers und einem Verdächtigen, der sich aus dem Gefängnis abgesetzt hat, erläutert, dass das Böse unbeherrschbar, unbehandelbar und somit nur durch Selbstmord ausrottbar ist. Alternativ wäre die Todesstrafe denkbar, damit es nicht weiter in die Welt hinein wirken kann. Das wird nicht ausgesprochen; dass man in diese Richtung denkt, war vielleicht nicht einmal beabsichtigt, aber so trostlos, wie die Welt in diesem Tatort erscheint, käme es auf eine verlorene Seele mehr oder weniger nicht an, welche am Leben scheitert und dahinscheidet.

Dieser Tatort biedert sich so wenig an, hat so wenig, womit wir uns gerne identifizieren wollen, dass er bei den Fans polarisieren wird und die Macher hatten gewiss im Blick, dass er das tun wird und darauf verzichtet, etwas zu kreiren, das uns alle die Daumen hochheben lässt, weil wir wieder einen Wohlfühlabend mit einem Wohlfühlkrimi hatten.

Hier werden nicht ein paar böse Menschen gezeigt und werden die Guten konsequent dagegen gestellt, hier ist unterschwellige Aggression allüberall zu spüren und es gibt nur dann und wann ein kleines Lächeln von Conny Mey, das ihren Panzer durchdringt und sie in einigen Szenen mit Steier auftaut. Galt früher, dass niemand eine Insel ist, so sind hier alle mehr oder weniger ihre eigenen Inseln, müssen mit ihren Emotionen und Obsessionen weitgehend allein klarkommen. Das sind noch einmal andere Typen als die vielen Kommissarsingles, die aber trotzdem kompakt und gesettelt wirken, wie etwa die Münchener.

Mit dieser Entwendung jedweder Sicherheit ist der HR-Tatort wieder einmal Branchenführer und nimmt das Gefühl unserer Zeit auf, ohne auch nur ansatzweise auf die Risse in den Bildern, Rollen, Mustern und Systemen hinzuweisen, die wir vordergründig für ökonomisch und gesellschaftlich bedingt halten. „Es ist böse“ sticht durch oder überspringt diese Ebene und steigt ganz in die tiefsten Schichten ein, die sich jedem Kalkül entziehen. Raubmorde, Geldmitnahme? Dass man daran überhaupt denkt, ermittlerseitig! Nein, es ist klar, so simpel kann ein Motiv für eine grausam ausgeführte Tötungshandlung in diesem Fall nicht sein. So oberflächlich geht es nicht. Oberflächlich sind nur die Bedürfnisbefriedigungen, die Denunzierung von möglicherweise irgendwo, irgendwie vorhandenen Gefühlen läuft nebenher.

Wenn man genau hinschaut, tun die Hessen das, worüber man sich immer wieder wundert und wofür man sie bewundert: Sie machen die radikalsten Tatorte (dazu gehören auch die Experimente mit Felix Murot, wie etwa „Das Dorf“, auch wenn diese auf eine andere Art Grenzen ausloten als die Frankfurter Linie es tut).

Das Tempo des Films ist nicht sehr hoch, das Böse dominiert über die Spannung, zudem sind einige eher zufällige Momente und Begegnungen notwendig, damit der Fall gelöst wird, einige Fakten werden nicht erklärt, aber das gezeichnete Bild wird deshalb nicht etwa unvollständig, wie in Tatorten, in denen es neben den kriminalistischen Aspekten keine so stringente Komposition gibt wie hier.

Fazit

Psychologisch wird in „Es ist böse“ nicht mit dem Florett, sondern mit dem Säbel gefochten, manchmal auch mit der dicken Kanone geschossen; dabei geht der eine oder andere Stich ins Leere und mancher Schuss wirbelt unverhältnismäßig viel Staub auf – so etwa dieses Verhör des sichtlich für die Prostituiertenmorde infrage kommenden Ritter mit nicht weniger als drei Ermittlern, die ihn im Grunde dingfest machen und doch wieder nicht zu einem veritablen Geständnis bringen. Da hat uns neulich die satirisch angehauchte Tour der Münchener in „Unsterblich schön“ besser gefallen – wenn man schon intensive Verhörszenen vergleicht.

Das Konzept der neuen Frankfurter Tatorte stimmt, ebenso die Ermittlerfiguren. Wir haben mehrfach geschrieben, dass sie für uns zu denjenigen mit dem größten Entwicklungspotenzial gehören und bleiben nach „Es ist böse“ bei dieser Ansicht. Es wird aber keine lauschige, kuschelige Zweisamkeit geben, denn eine emotionale Ankerung des Zuschauers würde bedeuten, dass die Vagheit über allen Dingen verschwindet und damit die gefühlte Kälte, die man gewiss nicht zufällig beim Anschauen aller drei bisherigen Steier / Mey-Tatorte verspürt hat.

Wenn man diesen Stil nicht mag, darf man die Frankfurt-Tatorte nicht anschauen, wir machen’s so, dass wir künftig eine Decke mit aufs Sofa nehmen werden und weiterhin interessiert bleiben. Das liegt zum einen daran, dass wir sehen möchten, wo die Reise mit den Frankfurt-Cops hingeht und weil wir die Schauspieler mögen, die hier am Werk sind – besonders Joachim Król, der es sich leisten kann, seine Figur Frank Steier so zurückhaltend zu spielen, dass sie richtiggehend echt und als einzige im Film nicht überzeichnet wirkt.

Trotz einiger Fragen, die offen bleiben und einiger schwacher Plot-Momente ist „Es ist böse“ für uns ein Tatort knapp über dem aktuellen Durchschnitt, wir erwarten aber noch mehr von Frank Steier und Conny Mey. Wir warten jetzt auf einen der großen Würfe, wie sie dem HR mit dem Team Sänger / Dellwo mehrfach gelungen sind.

Gut möglich aber, dass die Macher darauf sogar verzichten, das anzurühren, was die großen Schauwerte bietet, wie etwa den namensähnlichen „Weil sie böse sind“, welcher von der Tatortgemeinde hoch eingeschätzt wird. Gut möglich, dass man gar nicht gehypt werden will, sondern eine Kontroversen erzeugende Linie verfolgt, und dies mit ziemlicher Konsequenz.

Gegenwärtig steht der vollen Würdigung dieser Konsequenz noch der Eindruck gegenüber, die Geschichte ist nicht etwa auserzählt, sondern noch nicht ausgespielt. Es wirkt, als hielte man besonders bei der Figur Steier bewusst eine Reserve zurück, um es dann irgendwann richtig krachen zu lassen. Der erstmalige Blick in Steiers Privatleben ist schon beinahe ein Kracher, aber dann doch wieder zaghaft. Wir sehen eine leichte Steigerung gegenüber „Der Tote im Nachtzug“ und warten auf den ultimativen Frankfurt-Krimi der neuen Serie.

7,5/10.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Frank Steier – Joachim Król
Hauptkommissarin Conny Mey – Nina Kunzendorf
Erik Seidel – Peter Kurth
Chef – Gerd Wameling
Markus Förster – Uwe Bohm
Rita – Lisa Wagner
Holger „MOG“ – Marc Bischoff
Kurt Eggers – Martin Kiefer
Zahmia – Jale Arikan
Christian Rusnak – David Scheller
Dr. Lotz – Stephanie Eidt

Drehbuch – Lars Kraume
Regie – Stefan Kornatz
Kamera – Armin Alker
Musik – Stefan Will, Marco Dreckkötter

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