Inferno – Tatort 1090 / Crimetime 278 // #Tatort #Faber #Bönisch #Dalay #Pawlak #Inferno #Tatort1090 #WDR

Crimetime 278 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Dortmund in Flammen?

Gestern Abend brannte Nôtre-Dame de Paris, am Abend zuvor lief ein Dortmund-Tatort, der die Beliebtheit des Teams Faber, Bönisch, Dalay, Pawlak in Flammen aufgehen lässt. Nein, so schlimm war es nicht, aber wir haben einen Tag zeitversetzt geschaut, gerade die Stimmung auf der Plattform Tatort-Fundus eruiert und sind auf die bisher schlechteste Bewertung für einen Faber-Fall getroffen. Dieser Mann wird nicht mit sich fertig, so viel steht fest. Das kann noch viele Jahre in der Form weitergehen. Kein Wunder, dass immer mal wieder ein Teammitglied ersetzt werden muss. Spielt Nora Dalay (Aylin Tezel) schon auf Abschied? Das und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Tatort Krankenhaus: Am frühen Morgen wird die Internistin Dr. Gisela Mohnheim leblos im Ruheraum der Notaufnahme entdeckt. Die Tote ist nicht vollständig bekleidet, ihr Kopf steckt in einer Plastiktüte. Selbstmord? Unwahrscheinlich, denn die Tür war von außen verschlossen. Doch keiner ihrer Kollegen auf der Station hat etwas gesehen.

Zeit für die Mordkommission hat hier ohnehin niemand. Die Abteilung ist notorisch unterbesetzt. Die Ärzte und das Pflegepersonal sind für die akuten Notfälle im Dauereinsatz. Chefarzt Dr. Dr. Andreas Norstädter stellt sich vor seine Leute: Er ist überzeugt, vom Klinikpersonal hat sicher niemand etwas mit dem Tod der Kollegin zu tun.

Rezension

ja, irgendwie schon. Sie verhält sich in den ersten Befragungsmomenten bereits dermaßen unsympathisch, dass wir anschließend froh waren, wenn sie nicht im Bild auftauchte. Wir haben nicht recherchiert, ob der Abschied von Aylin Tezel schon fix war, als „Inferno“ gedreht wurde, aber die Art, wie ihre Rollenfigur dieses Mal angelegt ist, könnte Rache der Autoren und Produzenten für deren Ausstiegswunsch sein. Andererseits wird ihr neuer Teampartner Pawlak von Rick Okon auch kaum empathischer gestaltet. Da kann man nur den verrückten Faber und die taffe Martina Bönisch hoffen, damit dieser Tatort auf Temperatur kommt. Dalay wird zwar später mit einer Tüten-Panikattacke gezeigt, aber in diesem Film muss halt jeder mal austicken – bis auf Pawlak, der wird noch geschont.

Wie ist das eigentlich, wenn der Klinik-Alltag den Polizei-Alltag so spiegelt, wie wir da hier sehen? Nur Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs oder darüber hinaus. Es ist nicht angängig, Fabers Verhalten danach zu bewerten, ob ein Ermittler auf diese Weise seinen Dienst versehen kann.  Natürlich nicht. Das wissen die Fans aber seit nunmehr 14 Filmen und haben es bisher nicht so negativ bewertet wie bei „Inferno“.

Vielleicht ist es aber a.) irgendwann genug oder b.) dieses Mal zu krass oder a.) und b.) treffen zusammen und der geplagte Zusehr stöhnt innerlich nur noch, angesichts der Überdosis – nein, nicht LSD oder Beruhigungsmittel, sondern Psychoterror in den Menschen und zwischen den Menschen. Wir könnten das sehr gut nachvollziehen und wundern uns beinahe, dass wir’s nicht so tragisch oder genervt aufgenommen haben. Es mag daran liegen, dass wir Jörg Hartmann immer wieder fasziniert zuschauen, wie er diesen Typ spielt. Schauspieler, die sich nicht schonen, entsprechen der heutigen, expressiven Art, Filmfiguren auftreten zu lassen.

Denken wir mal zurück: Auch das verhaltene Spiel der frühen Tatort-Jahre hatte durchaus seinen Reiz und es war bei den meisten Ermittlern keineswegs so, dass sie keine Persönlichkeit erkennen ließen. Man konnte aus dem recht alltäglichen Verhalten der Kriminaler viel herauslesen und manches entdecken, was man von sich selbst kannte oder zu kennen glaubte. Bei Faber wünscht man sich hingegen nur, dass man niemals von solchen Dämonen geplagt wird wie er. Ein gewisses Unterspielen von einst steht dem heutigen Overacting gegenüber, es wird eben mächtig in die Kacke gehauen, wir halten das fest und nähern uns damit auch der Dortmunder Diktion an, insbesondere der von Faber. Am Schluss begeht er außerdem eine Körperverletzung per herbeigeführtem Autocrash, jetzt ist der Saab 900 kaputt. Falls er nächstes Mal wieder aufersteht, ist endgültig klar, dass der Dortmund-Krimi in der permanenten Gegenwart angesiedelt ist und Faber niemals Erlösung finden kann.

Die Handlung ist ein klassischer Whodunit fast nach Agatha-Christie-Muster. Wenn auch die Klinik nicht von der Welt abgeschnitten ist, so ist doch rasch klar, dass nur jemand, der dort arbeitet, sie umgebracht haben kann. Okay, mann lässt ihren Mann im Rennen um den besten Verdächtigen kurz mitlaufen, aber dann: geblitzt auf einer Dienstreise. Das passt zu ihm. Und raus. Dass hingegen Dr. Dr. ein ganz heißer Kandidat ist, war uns früh klar. Wir dachten schon, wir seien in Österreich, wo die Titelinflation dazu geführt hat, dass man mindestens zwei Doktoren braucht, um herauszustechen, aber wenn Faber anfängt, Akademiker-Bashing zu betreiben, wird’s kritisch für diejenige Person, welche Ziel des Bashings ist. Da hat auch die grimmige Volksseele was zum Frauen, mitten im Desaster.

In einer Sache hat man sich sogar in diesem Tatort, dessen Titel sich nicht sofort erschließt, bemüht, die Balance zu halten. Der Alltag einer Unfallklinik wird nicht verharmlost, aber auch nicht so übertrieben, dass man ihn für unglaubwürdig halten muss. Es ist eben eine Station für Notfälle. Ob das mehr belastet, als auf einer Krebsstation zu arbeiten, wollen wir nicht diskutieren, dazu fehlt uns auch die Erfahrung, aber die Menschen in einer solchen Klinik kann man nur bewundern. Dass dort ein Chefarzt tätig ist, der gar kein Arzt ist – selbst das kam in der Realität vor, zumindest approbierten Ärzten mit eigener Praxis. Warum sollte es in einer Klinik nicht denkbar sein, wo doch mittlerweile so viele Dokumente halbe oder ganze Fakes sind?

Diese Welt besteht aus schwankenden Planken, das vermittelt die Dortmund-Schiene immer sehr gut und man muss es aushalten können. Sollte man im Grunde dann besonders gut, wenn man selbst einen schönen Job, eine nette Familie, eine gewisse Sicherheit im eigenen Dasein aufgebaut hat. Komischerweise ist die Angst aber immer da: Wer nichts hat, hat Angst vor dem puren Leben, wer wenig hat, hat Angst, abgehängt zu werden, wer etwas mehr hat, hat Angst, es zu verlieren. Nur die Superreichen, die können sich ihrer Sache immer absolut gewiss sein, solange das System nicht ernsthaft hinterfragt wird, zum Beispiel so: Warum sind Klinikärzt_innen so unter Druck? Warum werden Kliniken nicht besser ausgestattet? Mag es daran liegen, dass die Superreichen nicht genug zum Bestand dieses Landes beitragen? Die Beamt_innen. Die haben auch die Sonnenseite für sich erobert, solange sie keine schweren Fehler machen. Man stelle sich vor, die vier Gestressten vom Polizeirevier hätten nicht wenigstens Jobs, die sie unter normalen Umständen nicht verlieren können. Fabers materielle Existenz würde von seinem seelischen Zustand abhängen.

Finale

Das „Inferno“ wütet also inwendig. Vor allem in Faber. Zum Glück brennt nicht die Klinik, das wäre gestern für uns doch ein Feuer zu viel gewesen. Aber kommt dieser Mann irgendwie vorwärts? Von dem alten Foto, das er zerreißt, wird er hoffentlich noch das Negativ haben. Und beim nächsten Mal wenigstens nicht wieder jemanden um Rat ersuchen, von dem er weiß, dass dieser kein Arzt ist. Schein und Sein: Der Mann, der in Wirklichkeit keine Doktortitel besitzt, ist doch ein hervorragender Seelenkundler, oder? Wenn die Welt bloß nicht so kompliziert wäre.

Hin und wieder lässt der Film sich etwas Zeit, da dachte man wohl am Ende nochmal richtig aufdrehen bzw. Faber aufdrehen lassen, aber uns hat die für heutige Verhältnisse eher langsame Gangart nicht gestört. Wir arbeiten uns gerade in die Polizeiruf-Reihe ein und einen Schwachpunkt haben wir dort ausgemacht: Das durchgängig hohe Handlungs- und Sprechtempo lässt keine ausgefeilten Charakterzeichnungen zu oder / und es gibt eigentlich keinen Rhythmus, alles ist im fünften Gang durchgefilmt. Aber wir stehen eben erst am Anfang, bei der Betrachtung der Parallel-Reihe, da können sich Beurteilungen noch wesentlich verschieben. Wir verschieben die Beurteilung für „Inferno“, vom eingangs beschriebenen Inferno der Fundus-Bewertungen ausgehend deutlich nach oben und kommen heraus bei

7,5/10.

Aus der Vorschau

Gerade haben wir während der Rezension eines alten Polizeirufs namens „Ein bisschen Alibi“ darüber nachgedacht, wie anders heutige Ermittler_innen gezeigt werden und Faber als einen genannt, der sich mit der Last der Vergangenheit herumschlägt, da lesen wir, dass diese Vergangenheit in seinem 14. Fall „Inferno“ offensichtlich wieder eine Rolle spielen wird. Zuletzt war das ja kaum noch der Fall, der Eindruck drängte sich bereits auf, man würde diese alte Sache, den Tod seiner Familie, still und heimlich begraben, weil man sich damit in eine erzählerische Sackgasse hineingefahren hat.

Das Dortmund-Team zählt mittlerweile zu den Stars, ist sehr beliebt, trotz oder wegen Psycho-Faber. Der Verschleiß ist allerdings hoch, denn wir haben nun erfahren, dass neben Kossik (Stefan Konarske) auch Nora Dalay (Aylin Tezel) nach dem 17. Fall aufhören wird. Damit die Arithmetik weiter stimmt, wird sie sicherlich eine Nachfolgerin bekommen. Der Fall „Inferno“ spielt in einer Klinik und die Zahl der Verdächtigen scheint so groß zu sein wie der Personalbestand. Abzüglich einer Internistin, welche gewaltsam von der Nabelschnur des Lebens getrennt wurde.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Peter Faber Jörg Hartmann
Martina Bönisch Anna Schudt
Nora Dalay Aylin Tezel
Jan Pawlak Rick Okon
Greta Leitner Sybille J. Schedwill
Andreas Norstädter Alex Brendemühl
Lexi Wolter Lisa Jopt
Dr. Andrea Müller-Seibel Doris Schretzmayer
Paul Mohnheim Karsten Mielke
Jens Mohnheim Malik Blumenthal
Peter Norén Niklas Kohrt
Musik: Dürbeck und Domen
Kamera: Robert Berghoff
Buch: Markus Busch
Regie: Richard Huber

 

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