Todesstrafe – Tatort 700 #Crimetime 287 #Tatort #Leipzig #Saalfeld #Keppler #Todesstrafe #Tod #Strafe

Crimetime 287 - Titelfoto © MDR, Junghans

Vorwort 2019

Der Wahlberliner wird bald ein erstes Redesign nach seinem Neustart 2018 erfahren, dafür stellen wir heute nach einiger Zeit wieder Eine Rezension aus der Anfangszeit in Originaloptik  vor. Es passt wirklich gut. Das damals neue Leipzig-Team Eva Saalfeld und Andreas Keppler trug hohe Erwartungen mit sich, nachdem Ehrlicher und sein Kain abgelöst worden waren. Das kann man bereits daran sehen, dass die Neuen die Tatort-Jubiläumsnummer 700 für ihren ersten Film verwenden konnten. Es war auch der erste Fall der beiden, über den wir eine Kritik schrieben und unsere Nr. 12 der TatortAnthologie, die heute in die Rubrik „Crimetime“ integriert und deren Hauptbestandteil ist. Saalfeld und Keppler blieben immer umstritten, konnten sich nie in der Gunst des Publikums nach vorne spielen und 2014, nach sieben Jahren, war Schluss.

Der Sachsen-Tatort wechselte zurück nach Dresden, wo er kurz nach der Wende begonnen hatte und das Team Sieland, Gorniak, Schnabel übernahm. Sieland (Alwara Höfels) hat mittlerweile ebenfalls aufgehört, auf eigenen Wunsch, wie es heißt – wie es meistens heißt. Hinzugekommen ist die Weimar-Schiene, die ein echter Love-it-or-leave-it-Tatbestand ist. Wir lieben sie nicht, aber wir können auch nicht weg, weil wir seit nunmehr acht Jahren alle Tatort-Premieren rezensieren.

Ein Problem hat der MDR nicht gelöst bekommen, das schon bei vielen Ehrlicher-Fällen bestand, das mit dafür gesorgt hat, dass Saalfeld und Keppler keine Superstars der Reihe wurden. In Dresden gab es jetzt immerhin schon eine oder zwei Ausnahmen, in Weimar tritt es oft zu den nervigen Ermittlern hinzu: Die Drehbücher, die der MDR ankauft, sind regelmäßig zweite Klasse. Warum man ausgerechnet dort nicht mal eine Schippe drauflegt und einem der etablierten West-Sender ein Skript eines Top-Autors, einer Top-Autorin oder eines Top-Teams wegschnappt, wissen nur die Verantwortlichen. Klar, beim Tatort wird seit Jahren gespart bzw. die Budgets dürfen nicht mehr steigen, aber es Möglichkeiten, was wegzulassen, wo es nicht so auffällt wie beim Plot. Vielleicht ist es auch gar kein finanzielle Problem – falls alle Tatort-Drehbücher ähnlich vergütet werden, dann muss man eben feststellen, die haben da kein so gutes Händchen, beim Dreiländer-Funk, der Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt bedient.

Todesstrafe, Tatort 700 (29.04.2011, ARD)

  1. Inhalt

Gerade mit dem Zug in Leipzig angekommen, wird Hauptkommissar Andreas Keppler zum Tatort gerufen. Hier trifft er auf seine neue Kollegin Eva Saalfeld, mit der ihn mehr verbindet als die zukünftige gemeinsame Arbeit – sie waren einmal miteinander verheiratet. Die Ehe wurde geschieden, und jetzt sind beide vor dem Wiedersehen ein wenig nervös. Zeit für Privates bleibt ihnen aber nicht, denn sie müssen gemeinsam einen Mord aufklären.

Hans Freytag, Betreiber des Veranstaltungszentrums „Fabrik“, ist erstochen worden. Er restaurierte gerade mit einigen Jugendlichen ein Boot, an dessen Bug nun das Wort „Todesstrafe“ gesprüht wurde. Die Kommissare ermitteln, dass Freytags „Fabrik“ bereits mehrfach von Unbekannten mit dem Wort „Kinderschänder“ beschmiert worden war. Hintergrund könnte eine Strafanzeige seiner von ihm getrennt lebenden Frau Sibylle sein, die behauptet, dass Freytag ihre gemeinsame kleine Tochter missbraucht hat. Gegen Freytag herrschte Pogromstimmung im Stadtteil. Eine Zeugin hat zur Tatzeit einen Jugendlichen aus der „Fabrik“ laufen sehen.

So stoßen die Kommissare Saalfeld und Keppler auf Max Lornsen, der als letzter mit Freytag telefoniert hat. Allerdings war der junge Mann mit dem Opfer befreundet – welches Motiv für einen Mord sollte er haben? Das sieht beim Wirt Kurt Steinbrecher ganz anders aus: Er ist Vorsitzender eines Vereins, der öffentlich die „Todesstrafe für Kinderschänder“ fordert. Steinbrecher hat kein Alibi, und seine Fingerabdrücke befinden sich auf einer am Tatort gefundenen Spraydose. Als die Kommissare dann noch herausfinden, dass Sibylle Freytag und ihr Anwalt Klaus Arend schon seit längerem ein Paar sind, stellt sich ihnen die Frage nach dem eigentlichen Zweck der Missbrauchsanzeige…

Eva Saalfeld und Andreas Keppler ermitteln in einem Stadtviertel, in dem Hysterie und Selbstjustiz herrschen. In ihrem ersten Fall müssen sie ein Geflecht aus Stammtischparolen, zerrütteten Ehen und gescheiterten Träumen entwirren (Zusammenfassung aus dem Tatort-Fundus).

  1. Kurzkritik

Die Stunde Null nach dem Duo Ehrlicher / Kain und der Jubliäumstatort 700. Der Erwartungsdruck war nicht gering, den das neue Team Saalfeld und Wuttke zu bewältigen hatte. Und man hat etwas gewagt, in dem man zwei so gegensätzliche Typen geradezu aufeinander losgelassen hat. Der Kontrast wirkt aber und enthält Spannung, die freilich ausbaufähig ist.

Der Fall selbst ist eher langsam erzählt, besonders die Szenen, in denen Saalfeld und Wuttke allein mit ihren Erinnerungen sind, sie dann vor seinem Hotel hält, ihn durchs Fenster sieht und wieder davonfährt, sind ungewöhnlich zeitintensiv. Man erkennt, dass das Duo eingeführt werden soll, die Zeit hat man natürlich dann nicht mehr für die Darstellung des Kriminalfalles.

Man hat aber die Handlung einfach gehalten, so dass nichts Wesentliches fehlt und nur wenige kleine Unstimmigkeiten zu beobachten sind. Ob die Handlung auch überzeugt, ist eine andere Frage. Das Gesamtszenario ist stimmig, aber das Ende etwas zu melodramatisch geraten und wirkt aufgesetzt. Trotzdem kein schlechter Tatort-Einstieg für Saalfeld / Wuttke.

III.             Rezension

  1. Figuren / Ermittlerteam

In jedem Anfang liegt ein Zauber, spricht der Dichter, jeder Fall ist ein Einzelfall, sagt der Richter.

Die Vorurteile gegenüber Simone Thomalla, ob sie die Figur der Tatort-Kommissarin Eva Saalfeld stemmen kann, bestätigen sich in ihrem ersten Fall nicht. Ihre Mimik ist natürlich etwas begrenzt, dafür aber auch natürlich. Sie ist einfach so schmollmündig, und wenn man sich daran gewöhnt hat, kann man damit leben, dass es sicher in der Realität nur wenige Kommissarinnen gibt, die mit einem solchen Audruck durchs Ermittlerleben schreiten. Sie ist ein extrovertierter Typ, der sich seiner Reize  bewusst ist. Auch das im Tatort mal etwas anderes. Ein Kompliment darf in dem Zusammenhang auch sein: Sie wirkt jünger.

Im Film trifft sie den Anwalt einer Verdächtigen, der auf derselben Schule in Leipzig war wie sie. Simone Thomalla ist wirklich Leipzigerin und insofern eine authentische Besetzung. Und wer denkt, sie sei eventuell Schauspielamateurin und würde ihre prominente Stellung als ehemalige Lebensgefährtin des ehemaligen Schalke-Managers Rudi Assauer als Ticket für große Rollen benutzen – dem ist nicht so. Sie hat an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin studiert und das ist durchaus ein Qualitätsmerkmal.

Ganz anders Martin Wuttke als Andreas Keppler. Ein Original-Ruhrpottgewächs aus Gelsenkirchen, seine Theaterprägung erhielt er in Bochum, spielt heute  weitgehend in Berlin auf bekannten Bühnen. Der Gemütsmensch, richtiges Seelchen, unter der rauen Schale, eigentlich zu weich für Eva Saalfeld, den Eindruck hat man sofort. Er muss sich schützen und markiert deshalb ihr gegenüber den Brummigen. Dass er auch sonst nicht sehr freundlich ist, hat sicher zum Zerwürfnis der beiden in der lange zurückliegenden Ehe gesorgt. Die beiden sind nun einmal unterschiedliche Temperamente. Und: Dass sie in Wirklichkeit nur drei Lebensjahre auseinander sind, somit ein ganz konventionelles Ehepaar abgeben würden, hat uns verblüfft.

Gesondert muss man die Konstellation betrachten. Zwei frühere Eheleute zusammenzuspannen, die erkennbar noch Gefühle füreinander haben, ist wirklich etwas Neues. Da haben die Macher sich eine Hintertür offen gelassen. Hätte es gar nicht funktioniert, wäre es absolut glaubwürdig gewesen, mindestens einen der beiden wieder abzuziehen und den anderen mit neuem Partner weitermachen zu lassen, weil: geht nicht, keine Zusammenarbeit möglich. Das war nicht dumm, ein Drahtseilakt zu wagen, aber mit Netz. Der Realitätsgrad dieses dienstlichen Wiedersehens ist gering, es sei denn, man geht von dem Hintergrund aus, dass beide unbewusst dieses Wiedersehen wollten, Schicksal, das sich erfüllt.

Wenn man‘ so sieht, braucht nicht dargelegt werden, dass kein Kommissar den Dienst bei einer Stelle antreten muss, auf der das Arbeitsklima in der hier gezeigten Art belastet sein könnte. Zudem sitzen die beiden in einem Büro, einander direkt gegenüber. Wir wollen hier mal einen Sprung in die Wirklichkeit wagen, wie wir sie kennen – das geht meist schief, bei solcher Vorgeschichte.

Diese Strömungen sind, jenseits des Realitätsgrades, gut nutzbar, um ein dynamisches Verhältnis zu zeigen. Alle Entwicklungen sind möglich. Wir treten kurz aus 700 heraus: Da man den weiteren Verlauf des Verhältnisses bis 2010 kennt, muss man sagen, die Dynamik hat man eingefroren, damit die Spannung bleibt. Das ist nach drei Jahren ein Problem. Ein ungeklärtes Verhältnis, das fortdauert, um nicht zu sagen, anhaltend schwelt. Das ist noch weniger glaubhaft als der Start auf dieser Basis.

Dass die Ermittlerarbeit unter den Umständen etwas leidet, ist unschwer auszumachen. Keppler ist dermaßen eigensinnig, das würde in der Wirklichkeit wohl disziplinarische Konsequenzen zeitigen, aber natürlich hat Eva Saalfeld für ihn Verständnis, entschuldigt sein Verhalten gegenüber Kollegen damit, dass er ein guter Mann ist.

Und das stellt er auch unter Beweis. Geht ins Detail und hat gleichzeitig eine sehr gute Intuition. Manchmal geht er unvermutet hoch, wie eben mancher an sich introvertierte Mensch es tut. Szene Saalfeld / Keppler im Büro:

Saalfeld: „Was tust du da?“

Keppler: „Ich denke nach.“

Saalfeld: „Ja – richtig. Das muss ja auch jemand tun.“

Ironisch gemeint, weil er sie nicht teilhaben lässt, charakterisiert aber gut die Akzente der beiden. Saalfeld hat ihre Stärken bei den Menschen. Kein Problem, auf jedermann zuzugehen, bleibt weitgehend neutral, und wenn sie laute wird, dann wirkt es dennoch kontrolliert. Im Gegensatz zu Keppler, der schon mal austickt und sich gekränkt fühlt, wenn ein Verdächtiger ihm zu arrogant kommt. Letzteres wirkt ein wenig überzogen, auch da stellen wir uns reale Ermittlungsarbeit anders vor. Aber die beiden sind hier als Persönlichkeiten sehr scharf voneinander abgegrenzt und das ist sicher gut, um sie dem Zuschauer einprägsam rüberzubringen. Das Konzept ist der Kontrast von etwa gleichstarken Persönlichkeiten. Keppler / Wuttke hat hier von der schauspielerischen Präsenz her gesehen ein leichtes Übergewicht, aber wir finden es nicht so dramatisch wie viele andere Kritiker.

  1. Sonstige Figuren

 In 700 wirken alle anderen Figuren blass, weil man Saalfeld / Keppler so viel Raum gegeben hat. Am besten kommt noch der junge Max Lornsen zum Tragen, für den das Opfer der Hetzjagd ein Ersatzvater war, dem er sich anvertrauen konnte, weil sein eigener Vater durch Missbrauch traumatisiert und daher emotional unzugänglich ist.

Julia Richter (hier ist sie die Frau des Ermordeten, Sibylle Freytag), hat viele sehr gute Rollen gespielt, aber über eine optische Präsenz, die vor allem durch den intensiven Blick aus den großen Augen generiert wird, kommt sie dieses Mal wenig hinaus.

Vor allem die Figur Lutz Lornsen (Oliver Breite), des geradezu tragischen Mörders des vermeintlichen Kinderschänders Hans Freytag, hätte mehr der Pflege bedurft. So bleibt ein Verdacht. Bis kurz vor Ende fehlt nämlich ein überzeugendes Motiv dafür, dass ein solcher Mensch einen anderen umbringt. Das Motiv findet Wuttke überraschend in einer alten Akte, die das Kindheitstrauma des Lornsen erklärt. Das wirkt, als habe man das Drehbuch schon fertig gehabt, aber, genau wie Wuttke, gemerkt, das ist zu schwach, und dann diese biografische Belastung als Motivverstärkung hergenommen. Überzeugend wirkt das nicht.

  1. Thema / Handlung

Auch der Leipziger Tatort hat sich den Sozialdramen verschrieben, hier ist es Kindesmissbrauch. Interessant daran, dass man sich auf die Seite der möglichen Täter stellt und die Hetze gegen einen Menschen, in dem man einen Kinderschänder vermutet, in den Mittelpunkt stellt. Das ist eine Perspektive, aus der man die Lage der Dinge betrachten kann und sie ist mutig, weil die meisten Zuschauer, vor allem jene, die Kinder haben, wohl eher auf der Seite des Vereins stehen dürften, der den zweifelhaften Mann mit zweifelhaften Mitteln aus der Stadt vertreiben will und den Mord provoziert.

Ohne diese Hetze hätte wohl auch der Postbote Lornsen, der Angst um seinen Sohn Lars hat, sich nicht zu einem Tötungsdelikt hinreißen lassen. Und immerhin, es gibt von dem Jungen Fotos bei Freytag, die durchaus grenzwertig sind. Es bleibt offen und dem Zuschauer überlassen, ob er sie als so sexuell determiniert findet, dass sie einen Straftatbestand erfüllen könnten. Seltsam ist es schon, dass jemand, der Jugendlichen einen Anziehungspunkt und ein Ziel gibt (hier ist es die gemeinsame Restauration eines Segelbootes), sie in freizügigen Posen fotografiert, wenn es auch keine Akte und eher „künstlerische“ Aufnahmen sind.

Es bleibt also Raum zum Nachdenken, insofern ist das Grundthema, im Gegensatz zu den Figuren, die es tragen sollen, für uns durchaus nicht verschenkt, wie der eine oder andere Kritiker angemerkt (und damit vielleicht die Figurenzeichnung gemeint) hat.

Dass die Handlung nicht sehr rasant angelegt ist, ergibt sich aus dem bisher Geschriebenen. Viel Inneres aus dem Ermittlerteam, dazu ein Keppler, der sich Extras leistet, die ihn zwar als Mensch sehr gut zeigen, aber auch den Fluss der Erzählung hemmen. Das alles bewirkt, dass hier kein Kracher entstanden ist. Das Nachdenkliche, das Prinzip Keppler, dominiert letztlich doch den Fall, indem es den Rhythmus der Handlung mehr bestimmt als Saalfelds forsche Art.

  1. Fazit / Bewertung

Der erste Leipzig-Tatort der Nach-Ehrlicher-Ära zeigt gute Ansätze. Das Ermittlerteam hat Potenzial, man darf es aber nicht zu sehr auf Kontrast bürsten und das Verhältnis nicht ewig in der Schwebe halten. Beides hat auch in anderen Tatort-Städten schon zu Unglaubwürdigkeiten geführt. Die Dynamik, die in der besonderen Konstellation liegt, sollte man nach mehreren Jahren endlich nutzen – und sich gleichzeitig mehr auf die, wenn’s geht, etwas reibungslosere Ermittlungs-Zusammenarbeit konzentrieren, damit man prägnante Fälle mit hervorstechenden Figuren entwickeln kann.

Dass dies im ersten „neuen“ Leipzig-Tatort etwas zu kurz kam, ist noch okay, weil die Absicht der Macher, dass wir uns erst einmal an Saalfeld / Keppler gewöhnen sollen, zu würdigen ist. Man hätte auch anders vorgehen können, aber das haben sich die Macher dann doch nicht getraut, wenn sie schon dem Publikum ein Gespann präsentieren, das der Erklärung bedarf.

Kein herausragender Tatort, aber ein interessanter Neubeginn: 7,0/10 

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