Die fette Hoppe – Tatort 891 / Crimetime 289 // #Tatort #Weimar #TatortWeimar #Dorn #Lessing #MDR

Crimetime 289 - Titelfoto © ARD/MDR

Marder, Olm, Schweinswurst, Babybauch

Die Handlung in einem Satz, ohne Aufösung: Schiller und Goethe waren schon da, fehlt nur noch Lessing, und der kommt nun auch nach Weimar, um nach einer missverstandenen Polizeiübung mit der schon vor Ort befindlichen Kollegin Dorn den Mord an der Wurstkönigin Hoppe zu klären, wobei verdächtig sind a.) deren Sohn, b.) dessen Geliebte, c.) ein Kutscher und Stadtführer und d.) die Chefin des Gewerbeamtes.

Ohne Umschweife: Das Weihnachts-Special aus der ehemaligen europäischen Kulturhauptstadt hat uns besser gefallen als die neue, reguläre MDR-Schiene aus Erfurt. Zum einen ist es dort so kuschelig, jeder kennt jeden, und vor allem kennt Kira Dorn (Nora Tschirner) jeden, was die Ermittlungen insofern ungeheuer erleichtert, weil sämtliche persönlichen Zusammenhänge und Verhältnisse der möglicherweise am Mord beteiligten Person sich ihr sofort erschließen. Sollte man meinen. Aber auch sie erlebt noch Überraschungen, und das wiederum ist gut für einen Rätselkrimi nach klassischem Muster, über den es mehr zu lesen gibt in der -> Rezension.

Handlung

An seinem ersten Arbeitstag in Weimar wird Kriminalkommissar Lessing stürmischer begrüßt, als er es von dieser verträumten Kleinstadt erwartet hätte. Er gerät mitten in einen Großeinsatz der Polizei. Ein irrer Erpresser hat sich mit der schwangeren Kommissarin Kira Dorn im Rathaus verschanzt. Lessings neuer Chef Kurt Stich versucht durch Verhandlungen, das Leben von Kira zu retten. Ohne zu zögern, greift Lessing ein. Es gelingt ihm, den Geiselnehmer zu überwältigen. Doch ihm bleibt keine Zeit zum Luftholen und Eingewöhnen: Die Weimarer Wurstkönigin Brigitte Hoppe wird vermisst.

Ihre Fleischerei ist für die „Fette Hoppe“ berühmt, die beste Rostbratwurst Thüringens. Kira Dorn und Lessing finden Hinweise darauf, dass Frau Hoppe Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Verdächtige gibt es jede Menge, denn die Vermisste ist reich und stadtbekannt kaltherzig. Auch ihr Sohn Sigmar gerät ins Visier der Ermittler – und mit ihm seine heimliche Freundin Nadine Reuter, die mit Anfang 30 schon zweifache Witwe ist. Hat die Femme fatale Nadine ihren Geliebten aus Geldgier dazu gebracht, seine eigene Mutter zu töten? Frau Olm, die Leiterin des Ordnungsamtes, scheint ebenfalls eine undurchsichtige Rolle zu spielen. Oder ist der Pferdekutscher Caspar Bogdanski, der von Brigitte Hoppe in den Ruin getrieben wurde, der Täter?

Der Anruf eines Unbekannten bringt eine überraschende Wendung: Brigitte Hoppe wurde entführt. Als die Geldübergabe scheitert, kommen den Kommissaren Zweifel. Sie glauben immer mehr, dass Brigitte Hoppe ermordet wurde und der Täter Lösegeld für eine Leiche verlangt. 

Rezension

In begrenztem Umfeld kann man ausgreifende Krimis inszenieren. Das hat Konstanz als bisher kleinste Tatort-Stadt bewiesen (knapp 80.000 Einwohner). Beim neuen Zwergenmaß-Spitzenreiter Weimar (ca. 64.000 Einwohner) ist man aber einen anderen Weg gegangen und hat ohne größere Tiefe, dafür mit netten Dialogen und insgesamt erfrischendem Spiel einen vergnüglichen Krimi gemacht, der ein wenig britischen Humor hat und doch urdeutsch ist – neudeutsch allerdings, was sich vor allem am Spiel von Nora Tschirner mit ihrer in diesem Film etwas ruckigen Spreche festmacht, die im Moment State of the Art im deutschen Lustspiel ist, gerne begleitet von etlicher Mimik und im Tatort 891 sogar von einem dicken Bauch, der nicht dienstrealistisch, aber auch irgendwie kuschelig wirkt.

Christian Ulmen als Lessing ist ebenfalls ganz knuffig, humorvoll, aber nicht abgedreht, wirkt etwas ruhiger als Tschirner, doch niemand dominiert den anderen – okay, optisch ist das Ganze nicht ausgeglichen, ein Bart ist kein Babybauch, auffällig und mit gut sichtbarem Nabel verborgen  unter einem lila Oberteil, schauspielerisch ist diese neue Ermittler-Kombination adäquat und überdies für heutige Tatortverhältnisse vergleichsweise symmetrisch angelegt. Überraschung: Die beiden sind ja tatsächlich ein Liebespaar – doch, so viel verraten wir hier schon. Das wird über 80 Minuten gut kaschiert, etwas zu gut vielleicht, um hinterher nicht ein wenig als Verarsche zu wirken, aber was ist solch Kleinigkeit angesichts teilweise desaströser Tatort-Premieren, die wir in 2013 schon kommentieren durften?

In der Vorschau haben wir geschrieben, dass wir uns schon deshalb eine Fortsetzung der Weimar-Story wünschen, weil wir für diesen Beitrag vergleichsweise viel recherchieren mussten, während wir über die etablierten Tatort-Teams beinahe von der Leber weg schreiben können, nach mittlerweile über 260 Tatort-Rezensionen für den Wahberliner.

Wir bleiben nach dem Anschauen von „Die fette Hoppe“ bei dieser Ansicht. Die Heldin, die es zwei Küken-Hasen-Filme lang an der Seite von Till Schweiger ausgehalten hat, gibt in diesem Tatort eine stellenweise etwas rundliche, aber trotzdem ansehnliche Figur ab. Wir plädieren also für die Weiterführung der Weimar-Schiene. Schon deshalb, weil sie zwar stellenweise etwas zu jugendlich angelegt ist, aber nicht ganz so infantil und zudem chauvinistisch wie neulich die Erfurt-Premiere („Kalter Engel„). Jetzt ist es dem MDR also doch im dritten Anlauf gelungen, ein Team zu präsentieren, das auf Anhieb nicht nur Potenzial erkennen lässt, sondern auch stimmig wirkt, sofern man generell diese sehr nassforschen Jungpolizisten für falllösungstauglich hält, die zuletzt in Scharen über alle möglichen traditionellen und neuen Tatort-Standorte hergefallen sind und sich in ihnen einnisten möchten.

Wenn man sich auf die Position stellt, dass man die Wirklichkeit eh mittlerweile bei Tatorten besser ausblenden sollte, um einfach Spaß zu haben, dann hat man die richtige Selbstjustierung für den unbeschwerten Genuss von „Die fette Hoppe“ gefunden – und dann kann man sich ganz auf die flotten Dialoge, die frischen Gesichter der Ermittler, die hinreichend akzentuierten Nebenrollenfiguren einlassen und muss sich nicht grämen, dass dieser Tatort nicht sehr thrillig und auch sonst nicht sehr spannend ist. Er ist ein Konstrukt, das darf man ihm offensichtlich auch anmerken, wo es doch ohnehin immer mehr in Mode kommt, dass Tatorte bewusst so baukastenartig rüberkommen dürfen, anstatt Lebensnähe zu suggerieren.

Wenn man so will, zeigt sich die Fiktion heute sehr deutlich und das hat auch seinen Reiz. Dem Zuschauer wird gar nicht erst eingeredet, hier handele es sich um einen beinahe echten Kriminalfall, der zum Beispiel als Aufhänger für große Sozialthemen taugen könnte. Nein, davon ist man im Osten sowieso ziemlich frei, seit Ehrlicher und Kain abgetreten sind, die Atmosphäre der Polizeiruf 110-Serie hat sich auch ein wenig auf die Tatorte aus Sachsen oder Thüringen übertragen. Am meisten kommt die traditionelle Schule noch in Leipzig und in der Person Andreas Keppler (Martin Wuttke) durch, aber der gehört ja schon beinahe einer anderen Generation an als Nora Tschirner und Christian Ulmen. Jung darf unbekümmert sein und das wirkt hier überzeugender als bei anderen Baby-Ermittlern, die im noch laufenden Jahr erstmalig für die Flaggschiff-Serie der ARD tätig werden durften.

Ob es gut ist, die ohnehin mit steigendem  Zuschauerinteresse gesegnete Tatort-Reihe so radikal auf jung zu trimmen, wie es im Moment geschieht, wird sich zeigen, vielleicht ist dieser Eindruck auch subjektiv, denn die meisten Ermittler sind locker aus der Generation 40+ oder 50+, und werden dies auch nach Abschluss der anliegenden Jugendrevolution sein – in 2014 wird es voraussichtlich weniger neuen Jugendstil geben, da die meisten Teamplätze erst einmal wieder besetzt sind.

Über den Fall gibt es nicht so viel zu schreiben, letztlich handelt es sich um ein ganz konventionelles Beziehungsdrama und der Beweis ist erbracht, dass man so etwas immer neu variieren kann und damit auf vergleichsweise sicherem Boden steht. „Keine Experimente“ stimmt nicht ganz, wohl aber auf den Plot bezogen. Das neue Team wird vergleichsweise elegant und beiläufig eingeführt, sodass genug Raum für den Fall bleibt, was bei einer zunächst als einmalig, quasi als Weihnachts-Sonderedition apostrophierten Teamzusammensetzung sinnvoll und richtig ist.

Fazit

Nicht ohne Witz, nicht ohne Charme und am Ende nicht ohne Romantik, da ist etwas für alle dabei, die sich endlich wieder bei einem Tatort wohlfühlen und nicht mit psychischen Grenzgängern konfrontiert sehen möchten. Das Tempo des Films ist überschaubar, die Spannungskurve eher flach, aber es mangelt in einem flüssig umgesetzten Drehbuch nicht an Stellen, die gefallen können. Kratergroße Logiklöcher haben wir hingegen nicht entdeckt. Die Inszenierung wirkt sicher und lässt eine leichte, manchmal etwas verspielte Hand erkennen, die dem Team und dem Stoff auf jeden Fall besser eignet als wuchtiger Nonsens oder der gehobene Kalauer. Apropos Kalauer: Wir meinen, dass das Weimar-Team sich nicht zu dem aus Münster in Bezug setzen lässt, weder von der Anlage noch in Form einer vergleichenden Wertung.

Wo Thüringer Wurst gebraten wird, kann auch mal ein Marder in Rauch aufgehen, der einen Autoschaden hat und sich als Selbstmarder erweist. Das ist so krude, dass es wieder gut ist, und immerhin wird im Abspann erwähnt dass in dem Film keine Tiere zu Schaden kamen.

7/10 

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissarin Kira Dorn – Nora Tschirner
Kommissar Lessing – Christian Ulmen
Kommissar Kurt Stich – Thorsten Merten
Brigitte Hoppe – Elke Wieditz
Sigmar Hoppe – Stephan Grossmann
Nadine Reuter – Palina Rojinski
Caspar Bogdanski – Dominique Horwitz
Lotte Bogdanski – Klara Deutschmann
Karin Olm – Ramona Kunze-Libnow
Hans Bangen – Wolfgang Maria Bauer
Dr. Seelenbinder – Ute Wieckhorst
u.a.

Drehbuch – Murmel Clausen, Andreas Pflüger
Regie – Franziska Meletzky
Kamera – Philip Peschlow
Schnitt – Jürgen Winkelblech
Musik – Moritz Denis, Eike Hosenfeld, Tim Stanze

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s