Das Haus am Ende der Straße – Tatort 937 / Crimetime 299 // #Tatort #HR #Frankfurt #Steier #Abschied #Tatort937 #Haus #Straße

Titelfoto © HR / Degeto, Bettina Müller

Du uns auch. Fehlen wirst. Steier.

In seinem Abschiedstatort ermittelt der Frankfurter Kommissar Frank Steier nicht, sondern spielt um sein Leben mit einem Ex-Kollegen, einer Ratte, einer Junkie und einem Bubi, dies alles in einem alten Haus in Frankfurt-Niederrad, das überraschenderweise nicht am Ende der Straße steht, in der es steht. Wie wir mit diesen 90 Minuten Abschied umgehen konnten, erklären wir in der -> Rezension.

Handlung

Bei einer Routinebefragung von Steier kommt es zur Katastrophe. Durch einen Querschläger wird ein kleines Mädchen tödlich verletzt. Vor Gericht wird der Täter allerdings freigesprochen, weil der Anwalt die Aussage von Kommissar Steier, der die Nacht vor dem Einsatz in einer Kneipe ordentlich gezecht hatte, in Frage stellt.

Steier ist außer sich und quittiert den Dienst, will „endlich wieder Held in seinem eigenen Film sein“. Er lädt seine Pistole und verfolgt Nico, der die tödlichen Schüsse abgegeben hat. Im letzten Moment kommt er zur Vernunft, findet aber heraus, dass Nico zusammen mit seinem Bruder Robin und dessen Junkie-Freundin Lisa einen Einbruch plant. Der endet in einem Desaster, der unerwartet zurückgekehrte Hausbesitzer wird getötet.

Ein Nachbar, Rolf Poller, hat alles beobachtet und gerät ins Fadenkreuz des Einbrecher-Trios, die den Zeugen beseitigen wollen. Bei dem Versuch, Poller zu retten, wird Steier von eben diesem in dessen Haus niedergeschlagen und zusammen mit Nico und der Freundin seines Bruders in den Keller gesperrt. Robin schließt er in dem ehemaligen Jugendzimmer seines Sohnes ein. Poller verfolgt einen perfiden Plan. Auch er will endlich wieder der Held in seinem eigenen Film sein. Nur folgt seine Version einem komplett anderen Drehbuch. 

Rezension

Seit wir uns von der Leine gelassen haben und den Zwang abgeschüttelt, jeden Erstling der Tatort-Reihe sofort danach zu kommentieren, ergeben sich seltsame Abfolgen. Meist brauchen wir ein paar Tage, bis wir Lust haben. Weil es mittlerweile zu viele Tatorte sind. Aber es gibt große Unterschiede. „Blutschuld“ haben wir letzte Woche zwei Tage nach Ausstrahlung kommentiert, „Château Mort“ aus der Vorwoche noch immer nicht angeschaut, aber „Das Haus am Ende der Straße“ hat uns dann wieder so interessiert, dass wir beinahe in „Echtzeit“ geschaut haben, nur um eine halbe Stunde versetzt – und entschlossen waren, sofort darüber zu schreiben. Der Unterschied ist, was man erwartet. Meist bestätigt sich der Riecher, den man nach über 300 Tatort-Rezensionen entwickelt hat.

„Das Haus am Ende der Straße“ ist eine Show, ein echter Thriller, ein Schauspielerfilm und – leider ist er psychologisch eben nicht so stimmig, wie es auf den ersten Blick scheint. Es gibt beim menschlichen Verhalten keine starre Norm, auch wenn’s schön wäre, eine solche als Orientierung zu haben, sondern eine Bandbreite, die wir als normal betrachten. Nur daran haben messen wir also das, was im Abschieds-Steier passiert.

Und da mischen sich sachliche Fragwürdigkeiten mit psychologischen. Zuallererst haben wir uns gewundert, nachdem wir gesehen haben, was die Grundlage für die Anfangs-Gerichtszene war. Wieso ist Nico Sauer (Maik Rogge sieht hier etwas aus wie der junge Jürgen Vogel) wegen Totschlags an dem Mädchen angeklagt worden, das er durch die Wand zwischen zwei Hochhauswohnungen erschossen hat? Er konnte doch nicht einmal ahnen, dass sie auf der anderen Seite war, als er an Steier vorbei auf die Wand schoss. Und Totschlag ist ein Vorsatzdelikt. Das ist einer der gröbsten juristischen Fehler, die wir in letzter Zeit in einem Tatort gesehen haben. Weiterhin müssen wir leider erwähnen, dass die Wand als solche komplett unrealistisch war. Trennwände in Wohnungen können aus Leichtbaumaterialien sein, aber doch nicht Wände zwischen Wohnungen, die sind aus Beton, in Häusern wie diesem. Und da geht eine Kugel nicht einfach so durch wie durch Papier, ohne auch nur abgelenkt  zu werden.

Folgen wir aber diesen Erkenntnissen, kommen wir zu dem Schluss, dass Nico hier noch gar keine Mörderpersönlichkeit zeigt, sondern nur ein mieser kleiner Einbrecher ist. Sonst hätte er Steier wirklich erschossen und den Wohnungseigentümer gleich mit, anstatt sich von ihm später für dessen Falschaussage erpressen zu lassen, er sei nicht der Täter gewesen. So dramatisch und gut gespielt der Film ist, er eiert in mehreren Bereichen von Beginn an. Die Irritation blieb uns aber nich in der Stärke erhalten, im weiteren Verlauf, wie wir sie hier wiedergeben. Letztlich ist eben Nico doch ein Mordmensch, was soll’s. Und so überführt ihn der Ex-Polizist, der eine letzte Einzelfallgerechtigkeit herstellen will, vor dem Austreten aus dem eigenen Film, in dem er ohnehin nie wieder der Held sein wird, nachdem sein Leben aus den Fugen geraten ist. Moralisch gesehen könnte man aber auch wieder über einige Punkte diskutieren, die sich im weiteren Verlauf ergeben, nicht nur juristisch.

Es ist alles schön gemacht, das Haus des Unbehausten, dem man anmerkt, dass dem Unbehausten das Haus schon egal ist, nebenan das schnieke Bauwerk des Aushäusigen, der offenbar die weibliche Beteiligte am Einbruch irgendwie gedemütigt hat, als sie sich ihm anbot, um an Geld für Drogen zu kommen. Gegensätze, Ähnlichkeiten, zum Beispiel zwischen dem Ex-Polizisten und dem am Ende Ex-Kommissar, Psychospiele, Bündnisse, Enttäuschungen, die Spreu trennt sich vom Weizen, der weiter im Wind des Lebens wachsen darf, während die Spreu im Gefängnis dahinvegetieren und verfaulen und in verfaultem Zustand ins Leben zurückkehren und sich unter den guten Weizen mischen und ihn mit ihrer Fäulnis anstecken wird. Okay. Es gibt keine Gerechtigkeit. Es gibt Momentaufnahmen. Grelles Blitzlicht, als der Verbrecher überführt wird. Es gibt dunkle, braune, gelbe Tönungen und weißes, schmerzliches Licht, das sich in die Köpfe brennt, die ihm ausgesetzt sind.

Auch während der langen Spielzeit in dem Haus des Ex-Polizisten siegt zeitweilig die Konstruktion über die psychologische Genauigkeit, aber Joachim Król und Armin Rode spielen sich die Bälle zwar nicht immer optimal zu, aber jeder für sich in seine Figur so hinein, dass diese Ungenauigkeiten geradezu absorbiert werden. Man muss sie sich anschauen, bevor sie absorbiert werden, sonst wird das nichts mehr, mit der kritischen Distanz, die gerade bei einem so auf Emotionen, besonders auf Ängste zielenden Film geboten ist. Die Manipulation ist überall, nicht nur auf Seiten von Herrn Poller, der versucht, seine ungebetenen Gäste gegeneinander auszuspielen. Ihre Macht ist auch mit denen, die versuchen uns zu verkaufen, dass Menschen sich wirklich so verhalten könnten, wie es insbesondere Herr Poller tut, während die anderen ja nur auf ihn reagieren.

Man muss dabei berücksichtigen, dass keiner der Charaktere eine Persönlichkeitsstörung aufzuweisen scheint, auch nicht ebenjener Herr Poller, der nur einfach nichts mehr zu verlieren hat und noch einmal an seinen Sohn denkt, als er eine allzu scharfe Trennung zwischen Robin und seinem bösen Bruder Nico herstellen möchte. Eine Trennung, die ihm helfen soll zu verstehen und zu bewältigen, was einst mit seinem eigenen Sohn und ihm geschah, für den er Robin stellvertretend retten und Nico stellvertretend bestrafen will. Das hätte noch etwas deutlicher herausgearbeitet werden können, zulasten einiger weniger genialer Ideen aus der Trickkiste des bärtigen Gerechten mit historischem Jagdgewehr.

Auch die hat uns ein wenig zweifeln lassen. Ist dieses olle Teil wenigstens ein Vorderlader gewesen? Kann man dies Monstrum so bedienen, dass man nicht aus der Nähe von einer ganzen Kohorte von Gefangenen überwunden werden kann, ohne dass man auch nur einen gezielten Schuss daraus abgeben konnte? Wer eine moderne, mehrschüssige Handfeuerwaffe hat, ist klar im Vorteil. Aber es sieht eindrucksvoller aus, mit so einem Donnerbolzen wie ein strafender Gott als Beinahe-Schattenriss in der Stür zu stehen, als mit einer schnöden Walter oder deren Nachfolgerin, über die wir einige witzige Details erfahren haben.

Die Inszenierung hingegen lässt nichts zu wünschen übrig und hat den hohen Standard, den man von den HR-Krimis seit der Ära Dellwo-Sänger gewöhnt ist, die Figuren sind besser ausgeformt als in den meisten modernen Tatorten – wobei es sich wieder einmal erweist, dass der Howcatchem oder ein Thriller wie „Das Haus am Ende der Straße“ besser geeignet sind als ein Whodunit, um Typen über den Alltagsmenschen hinaus zu etwas Besonderem zu modellieren.

Finale

Wir hätten gerne zum Steier-Abschied zu einer ganz hohen Bewertung gegriffen, weil wir Joachin Król und Nina Kunzendorf als seine ursprüngliche Partnerin vom Beginn ihrer Tätigkeit an, die etwa mit dem Beginn unserer Arbeit an der TatortAnthologie des Wahlberliners zusammenfiel, als ein besonders vielversprechendes Team angesehen haben, und wir sind mit Król enttäuscht gewesen, als Kunzendorf geschmissen hat. Wenn man den Krimi von heute Abend sieht, ahnt man, welch eine Chance vertan wurde, wenn Steier alleine schon so gut ist. Man hätte eben die Conny Mey-Rolle etwas verändern müssen. Aber beim HR hat wohl noch der Sender das Sagen, nicht die Schauspieler, wie es beim NDR zunehmend und nicht zum Besten der Qualität der Fall ist. Und wer das Sagen hat, kann sich durchsetzen. Vielleicht gab es im Hintergrund aber noch ganz andere Strömungen und Gründe für das vorzeitige Aus des Traumduos Steier / Mey, das sicher nie ein Traumpaar geworden wäre, aber ein ebenso interessantes, wie es zuvor Sänger und Dellwo waren.

Wir kommen jetzt inklusive des Steier-Abschiedsbonus, den wir unprofessionell hier reinpacken, auf 8/10. Es wird also nichts mit dem zweiten HR-Tatort hintereinander, der 9 Punkte oder mehr erhält. Die bisher höchste Punktzahl von 9,5 aber, die wir bisher nur einmal vergeben haben, die leuchtet dann doch den Großtaten des Senders aus Frankfurt und Wiesbaden – für „Im Schmerz geboren“ und für einen Kommissar und seinen Darsteller, der schauspielerisch in einer Liga mit Joachi Król spielt.*

Es ist aus mit Steier und am Ende steht ein Lächeln. Wir warten auf die Nachfolgerin Margitta Broich, Wolfram Koch.

8/10

*Anmerkung 2019: Im Rahmen einer zweiten Rezension haben wir „Reifezeugnis“ als bisher einzigen Tatort auf 10/10 gehoben.

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Frank Steier Joachim Król
Rolf Poller Armin Rohde
Nico Sauer Maik Rogge
Robin Sauer Vincent Krüger
Lisa Janina Schauer
Seidel Peter Kurth
Titus Schwarzenbacher Axel Wandtke
Stefan Zittner „Zitze“ Wolfgang Michael
Memo Cem-Ali Gültekin
Richterin Susanne Schäfer
Staatsanwalt Wilfried Hochholdinger
Anwalt Strahmke Matthias Scheuring
Matthias Langenbrock Steffen Münster
Mutter Smetek Franziska Junge
Richter Jörg Zick
Regie: Sebastian Marka
Buch: Erol Yesilkaya und Michael Proehl
Kamera: Armin Alker
Musik: Thomas Mehlhorn

 

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