Vom Winde verweht (Gone with the Wind, USA 1939) #Filmfest 26 DKR

Filmfest 26 - Die kritische Revision
2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

Es ist nunmehr unvermeidlich, dass wir zu „GWTW“ kommen, wie „Vom Winde verweht“ in den USA abgekürzt wird, denn von „The Scarlet Pimpernel“ führte nur eine Spur weiter, die des Hauptdarstellers Leslie Howard, der dort eine sehr ambivalente Figur spielt, zumindest ihre charakterlichen Eigenschaften betreffend. In „GWTW“ ist das anders, da wird er dem zupackenden Rhett Butler (Clark Gable) gegenübergestellt und ist der eher passive Typ, der den Krieg nicht mag, während der andere ihn ausnutzt.

Über den Film ist so viel geschrieben worden, dass wir recht froh sind, dass er im Jahr 2016 in einem Sonder-Rezensionsformat besprochen worden, das nur etwa ein Jahr lang existierte. Bisher wurde die Rezension nicht veröffentlicht, feiert also nun, etwa zweieinhalb Jahre später, Premiere im „neuen“ Wahlberliner. Die Bewertung hat uns beim Nachlesen selbst überrascht, nachdem wir den Text so lange nach seiner Entstehung gelesen und für die Veröffentlichung überarbeitet haben, aber sie berücksichtigt den kaum übersehbaren Rassismus in diesem Werk, der auch heute noch von vielen Kritikern außen vor gelassen wird, wenn es darum geht, einen der zweifellos imposantesten Filme der Hollywoodgeschichte zu besprechen und ihn 80 Jahre nach seinem Erscheinen zu würdigen.

Übersicht (Zusammenfassung, Wikipedia)

Vom Winde verweht (OriginaltiteTom: Gone with the Wind) ist eine US-amerikanische Literaturverfilmung aus dem Jahr 1939 mit Vivien Leigh und Clark Gable in den Hauptrollen.

Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Roman von Margaret Mitchell, der 1936 veröffentlicht wurde und sich schon bald zu einem der erfolgreichsten Romane der amerikanischen Literaturgeschichte entwickelte. Der von David O. Selznick produzierte Film ist einer der bekanntesten Hollywoodfilme und gehört zu den großen Filmklassikern.

Mit fast vier Stunden Laufzeit war er seinerzeit der Film mit der längsten Spieldauer, außerdem mit rund vier Millionen US-Dollar der teuerste Film überhaupt. Vom American Film Institute wurde er auf Platz 4 der „größten US-Filme aller Zeiten“ gewählt. Er wurde seit seiner Uraufführung mehrfach wieder in die Kinos gebracht und ist mit einem inflationsbereinigten Einspielergebnis von rund 6,6 Milliarden US-Dollar (2014) das kommerziell erfolgreichste Werk der Filmgeschichte.

Der Film spielt während des Sezessionskrieges sowie der anschließenden Reconstruction-Ära. Die Hauptfigur ist die temperamentvolle Southern Belle Scarlett O’Hara (Vivien Leigh), die in eine stürmische Romanze mit Rhett Butler (Clark Gable) gerät. Obwohl sie Rhett heiratet, vergöttert sie dennoch weiterhin ihren Jugendfreund (Leslie Howard), der jedoch mit der gutmütigen Melanie Hamilton (Olivia de Havilland) verheiratet ist. Die Regie führte Victor Fleming; die Filmmusik stammt von Max Steiner.

Vom Winde verweht ging mit einer Rekordzahl von 13 Nominierungen in die Oscarverleihung 1940 und wurde mit acht Oscars sowie zwei Ehren-Oscars ausgezeichnet. Darunter war der Oscar als Beste Nebendarstellerin für Hattie McDaniel, mit der erstmals ein afro-amerikanischer Künstler gewann.

Ausführliche Beschreibung von Handlung und Hintergründen: Wikipedia

Rezension mit Anni und Tom

Scarlett und ihre Männer

ANNI: Wie oft hast du den Film gesehen? Ich heute zum zweiten Mal.

TOM: Vier- oder fünfmal. Bis in die 1980er war „Vom Winde verweht“ nicht im deutschen Fernsehen (die Erstausstrahlung fand im ZDF am Abend des ersten Weihnachtsfeiertages 1984 statt), und es war ein Ereignis wie bei einer Kinopremiere, als er erstmalig gezeigt wurde. Mittlerweile haben sie ihn mit fantastischen Farben restauriert und es gibt sogar einige Sequenzen, in denen der Ton von Mono in einen künstlich wirkenden, aber doch effektvollen Raumklang wechselt. Einen kleinen Szenenausschnitt am Anfang, wo Scarlett an einem kleinen Fluss entlang auf ihren Vater zuläuft, haben sie, nach meiner Ansicht absichtlich, farblich nicht restauriert, um den Unterschied deutlich zu  machen. Das Bild wirkt an der Stelle auch viel weniger scharf. Ich hab den Film aber auch heute erstmals in HD gesehen.

ANNI: Und irgendwas fehlt noch. Diese anfänglichen Texttafeln, auf denen aufgezählt wird, was die Südstaaten haben oder was sie auszeichnet, die ganze schöne Kultur … da gab es doch mal eine weitere Seite, da stand groß drauf „… und SKLAVEN“. Diese Seite mit den großen Lettern sie jetzt einfach weggelassen. Wenn das nicht manipulativ ist. Denn damit wird quasi der Grund des Bürgerkrieges erstmal verschwiegen. In den Dialogen kommt er zunächst nicht sehr deutlich raus.

TOM: Weil er für die Weißen in den Südstaaten eine Selbstverständlichkeit war. Zum Rassismus kommen wir noch, ich muss aus Strukturgründen bei diesem Riesenfilm ein wenig nach Themen mit dir arbeiten. Meine Einstellung zu „Vom Winde verweht“ hat sich über die Jahre kaum verändert. Das belegt, dass dieses Werk sehr haltbar ist. Man kann natürlich auch eine dauerhaft negative Einstellung zu ihm haben, wegen der Rassenfrage – aber nicht nur.

ANNI: Nicht nur?

TOM: Was mir doch mittlerweile mehr auffällt ist, wie überladen „GWTW“ daherkommt. Im ersten Teil, auf Tara, gibt es noch einige heitere Szenen, dann dominiert der Krieg alles und alle Tragik resultiert aus dem Krieg. Nach dem Krieg strebt der Film von einem scheußlichen oder traurigen Ereignis auf eine Art und Weise zum nächsten, dass einem schwindelig wird oder man den Eindruck hat, in einem Trichter zu landen oder in einem Darkroom des Lebens. Vor allem, als kurz nacheinander und sozusagen miteinander verzahnt Bonnie und Melanie sterben, also irgendwann ist zu viel zu viel. Da ist der negativ-offene Schluss schon fast eine Erleichterung.

ANNI: Wo Clark Gable bzw. Rhett Buttler am Ende sagt: „Offen gesagt, ist mir das gleichgültig.“ Im Original heißt es „Frankly, my dear, I don’t give a damn.“, das ist aber viel deftiger und eines der berühmtesten Filmzitate überhaupt.

Der Unterschied ist auch wichtig, weil damals im US-Film eigentlich nicht geflucht werden durfte. Aber wann sollte man diese Regel übertreten, wenn nicht in diesem filmhistorischen Augenblick? Es stimmt schon, der Film wird komischerweise nach dem Krieg schwerer, schwermütiger als währenddessen. Und die Farben, die Dekors, alles immer mehr überladen, immer finsterer.  Vor allem jene Unglückstreppe im Haus der Buttlers in Atlanta, auf der Scarlett ihr zweites Kind verliert. Und in der Szene, als das passiert, ist es wohl Nacht, da sieht man nicht einmal mehr das farbige Fenster im Hintergrund, alles tritt aus dem Schwarz hervor und ist schon Schicksal, bevor es sich zuträgt. Du merkst schon, dass es nicht einfach war, das lange Buch so zusammenzufassen, dass nicht ein Höhepunkt sich an den anderen reihen musste. Aber es kam fantastisch gut beim Publikum an und heutige Filme sind ja auch oft so atemlos wie die letzten, sagen wir eineinhalb Stunden von „GWTW“.

TOM: Ja, weil sie Handlung durch Action ersetzen, das ist was anderes. Ich kenne keinen Film, in dem es eine größere Anzahl von tödlichen Schicksalsschlägen gibt als in diesem. Von den wichtigen Figuren der Vorkriegszeit bleiben nur noch ganz wenige übrig. Scarlett, Rhett und Ashley. Dass Letzterer überlebt, ist geradezu eine Sensation. Man hat geschätzt, dass eine originalgetreue Verfilmung eine ganze Woche Spielzeith hätte, aber das ist ein typischer, etwas alberner Vergleich, wie die Amerikaner ihn mögen: Das träfe auf viele andere Romanverfilmungen ebenfalls zu, außerdem glaube ich, man kann dieses dicke Buch von Margaret Mitchell auch schneller lesen, wenn man den ganzen Tag nichts anderes tut.

ANNI: Und Mammy überlebt! Hattie McDaniel, die erste afroamerikanische Schauspielerin, die einen Oscar bekam. Natürlich für eine ziemlich typische Rolle der Zeit. Ich weiß, da kommen wir noch drauf. Und ein Wendepunkt war es sicher noch nicht, was die Figurierung von Afroamerikanern im Film angeht.

TOM: Lass uns ruhig über die Figuren reden. Als Mann finde ich Scarlett auf jeden Fall hoch interessant und – komischerweise würde ich sie nicht gegen Melanie tauschen wollen, dieses holde Gechöpf, das von Olivia de Havilland gespielt wird, die in ihren Filmen bei Warner Brothers nur Rollen als leading Lady hatte, meistens zusammen mit Errol Flynn, zu der Zeit.

ANNI: Klar ist ein so ausgeprägter Charakter wie Scarlett O’Hara interessant. Hollywoodfilme, und nicht nur die, zeigen oft allzu simple Charaktere, aber in diese Figur wird richtig tief eingestiegen, so tief es geht – was allerdings auch wieder nicht so schwer ist, denn sie ist ja ein eher oberflächlicher Typ. Und manipulativ und so selbstsüchtig, also, daraus eine tragfähige Hauptfigur zu machen, mit der sich Millionen von Frauen identifizieren und die Millionen von Männern fasziniert, das ist schon richtig, muss man erst einmal hinbekommen. Ich glaube, sie ist, ohne es zu wissen, auch eine Feministin, aber gefangen in den Konventionen ihrer Zeit, die ihr Handeln bestimmen. Sie kann nicht einfach ihr Ding machen, sondern muss Männer benutzen, um zu überleben und nie mehr arm zu sein – und muss scheitern.

TOM: Wir sind im Jahr 1939, als er Film herauskommt, da hat sie auf viele Frauen wohl wie eine Erlösung gewirkt. Endlich ein Weibsbild, das sich nimmt, was es kriegen kann und die Männer reihenweise ökonomisch in den Schatten stellt. Sogar aus Berechnung heiratet. Okay, das ist für die meisten wohl kein Vorbild, aber alles andere. Und eines darf man nie vergessen, auch bei anderen Aspekten des Films: Die wahnsinnige Symbolkraft. Diese ungewaschene Mohrrübe, das letzte – hm, Nahrungsmittel, das auf Tara noch zu kriegen war.

ANNI: Rohe Karotten sind ohnehin eine Sache für sich. Weiter.

TOM: Also, natürlich war es für die Leute im Süden der USA hoch emotional, wie sie da jemanden sehen, der nach den Verwüstungen des Krieges aus dem Nichts und mit all seiner an die große Plantagenscholle gebundenen, urwüchsigen Kraft schwört, nie wieder arm sein zu wollen. Das ist außerdem uramerikanisch wie nichts anderes. Darum geht es, um Patriotismus und Geld. Gott, der hier von Scarlett als  Zeuge ihres Schwurs angerufen wird, spielt eine wenig reflektierte Rolle. Außerdem war 1939 die Great Depression etwa zu Ende, in der so viele Leute Hab und Gut verloren hatten und von vielen Farmen und Existenzen aller Art nur ein staubiges Nichts übrig blieb. Auch diese noch recht junge Erfahrung wird durch die Feldszene wachgerufen, die den zweiten Akt beschließt. Das ist fantastisch gemacht und mich haut’s jedes Mal weg, wenn ich sehe, wie Scarlett da kniet, die kleine Faust ballt und nur noch Wille ist. Klar ist es mega-pathetisch, aber ich glaube, jeder, der mal einen schweren, besonders einen ökonomisch schweren Schlag erhalten hat und wieder irgendwie hochkam oder hochkommen will, der findet sich in diesem Moment wieder Die Macht ikonischer Bilder ist kaum zu überschätzen. Aus solchen Bildern werden Mythen geformt. Wir haben dazu aus guten Gründen ein distanzierteres Verhältnis, aber warum sollten die Amerikaner sich nicht in jeder Krise wieder auf solche Eigenschaften und Fähigkeiten und auf ihre kollektive Erinnerung an frühere Krisen, wie sie in „GWTW“ gezeigt werden, berufen?

ANNI: Eigentlich ist Scarlett eine Neoliberale, ein homo oeconomicus. Es ist faszinierend, wie sie eine solche Egoistin zu einem Idol gemacht haben. Aber wir hatten es schon angedeutet: Eine Frau, die sich in einer Männerwelt durchsetzen will, muss handeln wie ein Mann. Nicht in allen Berufen, natürlich, aber ganz sicher, wenn sie ein unternehmerisches Imperium aufbauen will.

TOM: Gerade, weil sie kein Engel ist, sondern sehr erklärbar und nachvollziehbar handelt. Man muss das nicht billigen, was sie tut, um sie cool zu finden.

ANNI: Man kann das ja tun und trotzdem hinterfragen, welche Handlungsmuster zum Erfolg führen. Wenn du aber im realen Leben eine Frau treffen würdest, die so ist, würdest du der auch so hinterher laufen wie alle in diesem Film? Dass ein im Grunde etwas zynischer und sehr klarsichtiger Typ wie Rhett Buttler sich so auf sie kapriziert, ist ja nicht gerade ein Intelligenzzeugnis für ihn.

TOM: Trotzdem passen die beiden viel besser zuseinander als Scarlett und Ashley, dem sie übrigens nachrennt, nicht umgekehrt. Der Film erinnert mich an ein Lied, in dem es um eine Art Kreisel geht, in dem immer eine Person eine andere liebt, die aber wiederum eine andere liebt. Eine emotional sehr unbefriedigende Situation, die sich auch in „GWTW“ nie auflöst, denn seltsamerweise ist doch die Beziehung zwischen der supersanften Melanie und Ashley auch kein Vorbild.

ANNI: Das würde ich so nicht sagen. Sie ist sogar ein Ideal, aber es wird hinterlistigerweise als eher langweilig dargestellt. Die Szene nach Melanies Tod, in der Scarlett plötzlich merkt, dass sie Rhett doch liebt, fand ich verschoben. Unecht. Da wirkt sie plötzlich und erstmalig unecht. Außerdem kommt es rüber, als ob sie von Ashley ablässt, weil sie keine Konkurrentin mehr hat. Dadurch wird er uninteressant für diesen obsessiven Fratz, der so egozentrisch ist, sie strebte bisher nach etwas, was ihr verobten war. Selbst nach heutigen Maßstäben muss man das so sehen. Sie ist eins von den Wesen, die rücksichtslos in anderer Leute Beziehung eindringen und nur zerstörende Wirkung entfalten. Daraus entsteht nichts Neues und Schönes, sondern nur Leid für alle.

TOM: Da siehst du, wie gut man über die Figur diskutieren kann. Ja, alles wahr, aber ich glaube, die etwas romantischeren und eitleren unter den Männern stellen sich vor, diese Frau am Ende doch zu zähmen. Rhett Buttler scheitert damit und verliert eigentlich alles. Aber es gibt ja noch einen weiteren Tag.

ANNI: Ich finde es gar keine so glückliche Wahl, diesen Satz „Verschieben wir’s auf morgen“ als Schlusssatz zu verwenden. Aber gut, ich verstehe schon die Wiederholung dieses Scarlett-Leitmotivs.  : Sogar Ashley bringt sie in die Bredouille, diesen sanften, wunderbaren Mann, der sogar seine Sklaven freilassen wollte, wäre der blöde Krieg nicht dazwischen gekommen … ja, ich weiß, später dazu. Gerade die etwas tiefer veranlagten Männer, haben manchmal auch etwas Masochistisches und dieser Film kommt ihnen entgegen. Das passt auch wunderbar dazu, dass ihr euch freut, wenn Krieg ist. So blöd kann man doch nicht sein. So naiv.

TOM: Ich freue mich nicht, wenn Krieg ist. Der Bürgerkrieg war eine Materialschlacht, die so niemand vorhergesehen hatte, schon gar nicht im Süden. Kein Abenteuer für Kavaliere, das kommt anfangs  deutlich zum Ausdruck. Ich glaube, eines kann man „GWTW“ nicht vorwerfen: dass er den Krieg verharmlost. Die Gründe für den Krieg sind eine andere Sache, aber dazu …

ANNI: Was ist es, mit solchen Frauen wie Scarlett?

TOM: Sie ist schön, das darfst du auch nicht außer Acht lassen. Auf eine sehr eigenwillige Weise, die damals im US-Kino noch ungewöhnlich war. Sie nimmt schon die dunklen Heldinnen und Femmes fatales der schwarzen Serie vorweg, die in den 1940ern das US-Kino bevölkerten. Und was für prächtige Mannsbilder sich von diesen Frauen ihr Schicksal kaputt machen ließen. Ich meine, es sind Filme, ja? Und die Filme sind von Männern gemacht worden. Klar ist da so ein Wunsch nach einer Art von Erlösung von der Rolle als immer dominierendes Geschlecht zu sehen, aber diese Erlösung wurde uns zuteil. 

ANNI: Dann dürfte es im heutigen Film keine düsteren Frauentypen mehr geben. Ist das so? Ja, ihr seid mittlerweile durch den Feminismus geradezu pulverisiert. Ich heule gleich, aber nur bis zum equal Pay Day, danach bin ich wieder sauer.

TOM: Der Film sagt eine Menge über das Verhältnis von Männern und Frauen aus. Aber auch, dass Frauen wie Melanie eher geheiratet werden und Männer wie Ashley ebenfalls. Das entspricht eindeutig der Wirklichkeit. Der Mainstream ist deshalb Mainstream, weil viele sich bemühen, da reinzupassen.

ANNI: Sie ist natürlich ein Kind ihrer Zeit, das ist doch gut erfühlt, wie wir festgehalten haben. Okay. Jetzt aber zum großen Ganzen, oder?

Der Film und seine Rezeption

ANNI: Also, von „Birth of a Nation“ abgesehen hab ich nie einen rassistischeren Film gesehen. Also keinen, der heute noch so hoch im Kurs steht, jedenfalls. Mittlerweile haben wir ja auch ein paar Werke angeschaut, die eigentlich harmlos sind, Komödien aus der Stummfilmzeit beispielsweise, über diem Wahlberliner sicher noch etwas erscheinen wird, aber auch dort gibt es Blackfacing und andere No-Gos.

TOM: Kleiner Einwurf. Bei den 250 besten Filmen der IMDb steht er gerade nur noch auf 155, das hat sicher vor allem mit seiner Rassendarstellung zu tun. (Nachtrag zur Veröffentlichung: Jetzt auf Platz 165, aber das ist ein vergleichweise moderater Abstieg.) Sogar ein paar deutsche Filme wie „M“ rangieren höher. Die amerikanischen Filmfans haben durchaus darüber reflektiert, dass da einiges nicht stimmt. Aber: Ich hab mir mal den „demographic breakdown“ der 208.000 Nutzerwertungen in der IMDb angeschaut. Ein klarer Frauenfilm. Ein weiterer Beleg natürlich dafür, wie gerne Frauen so wären wie Scarlett. Und gerade die Gruppe, die ich gerne mal als „Empathie-Referenzgruppe“ bezeichne, die Frauen über 45, bewerten ihn am allerhöchsten, während bei Männern mit zunehmendem Alter die Begeisterung etwas nachlässt.

ANNI: Dann sind wir also rassistischer und das umso mehr, je älter wir werden, je erfahrener und reflektierter? Das ist Unsinn, die Unterschiede, die in der Tat auffällig sind (Frauen geben im Schnitt 8,5/10, Männer 8/10) leiten aber zu einer wichtigen Erkenntnis: Solch ein Film wird auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen. Die objektive, sachliche Ebene ist, dass vieles gezeigt wird, was man heute so nicht mehr filmen könnte oder dürfte, aber emotional liegt manches quer dazu: Ältere Männer haben vielleicht nicht mehr so den Zugang zur Figur Rhett Butler, weil die meisten gemerkt haben, dass sie nicht so sind, während Scarlett noch mehr zum Sehnsuchtsobjekt wird. Frauen resignieren vielleicht auch nicht so.

TOM: Vielleicht müsste man da noch eine oder zwei Stufen tiefer gehen, aber das schaffen wir in dieser Besprechung wohl nicht.

ANNI: Dann zum Allgemeinen: Während das AFI zum Beispiel „Birth of a Nation“ trotz seiner epochalen Bedeutung für die Entwicklung des Kinos aus ihrer Top 100 rausgeschmissen hat (Version 2007, 1996 war er noch drin), haben sie „GWTW“ lediglich von Platz 4 auf Platz 6 zurückgesetzt. Verstehst du nun auch, was ich meine? Wo ist da die Konsequenz? Ob man den Ku-Klux-Klan offen zeigt, wie in „Birth“, oder verdeckt, wie in „GWTW“, rechtfertigt, ist doch wohl wurscht. Und diese Lüge vom schönen alten Süden, in dem die Sklaven es so gut hatten, bis auf ein paar unglückliche Exemplare, die sadistischen Ausnahme-Grundbesitzern gehörten, lächerlich. Unverschämt. Und guck, wie die Leute im Süden der USA heute noch drauf sind. 150 Jahre nach der Sklavenbefreiung. (Nachtrag zur Veröffentlichung: Und wie der Trumpismus den strukturellen Rassismus beflügelt.) Diese Menschen fühlen sich nach wie vor im Recht, das ist das Problem.

Und dies sicher nicht, weil die von Gerald O’Hara so liebevoll beschützten und gepflegten Sklaven auf Tara so treu und fürsorglich sind wie Mammy? Das ist so diskriminierend, dafür sind kaum Worte zu finden. Und dann diese Prissy-Figur. Ich koche jedes Mal hoch, wenn ich dieses Musterexemplar einer verblödeten, vertrödelten und verlogenen Schwarzen sehe, die natürlich zu Recht von Scarlett geschlagen wird. Schlimmer geht’s nicht. Und die befreiten Sklaven erst, die dann einen auf dicke Hose machen, zusammen mit den räuberischen und unkultivierten Nordstaatlern. Die mit ihnen zusammen plündern, brandschatzen, hinter weißen Frauen her sind … okay, Letzteres wird nicht offen gezeigt. Aber was ist das für eine Weltanschauung?

TOM: Die Kritiker, die da heute noch drüber weggehen, sind alles alte, weiße Männer. Nicht, aber egal.

ANNI: Und das Ekelhafteste: Die schwarzen Schauspieler durften an der Premiere des Films in Atlanta, Georgia nicht teilnehmen, wegen der Rassentrennung. Ich glaub, jetzt heule ich wirklich gleich, nicht wegen des Schicksals von irgendwem in diesem Film. Stell dir vor, eine Bald-Oscarträgerin, die nicht einmal den Film gucken darf, in dem sie die einzige kompetente Figur darstellt, außer Melanie natürlich, aber viel realistischer als diese – das alles in diesem … Süden, in dem heute noch Schwarze einfach so umgebracht werden, unbewaffnete Menschen und in dem rassistische Polizeigewalt an der Tagesordnung ist. Wir haben schon „Mississippi Burning“ und „In the Heat oft he Night“ besprochen, und hat sich da bis heute so viel geändert? (Anmerkung: Die Rezensionen wurden im „neuen“ Wahlberliner noch nicht veröffentlicht).

TOM: In der Filmlandschaft schon, wie gerade die von dir genannten Beispiel belegen, „In the Heat“ ist ja auch ein Meilenstein gewesen. Ich kann dem nicht viel entgegensetzen, die Frage ist nur, ob man es als einziges Bewertungskriterium für ein solches filmisches Monument heranziehen darf, zumal, wenn man zuvor so engagiert über die wichtigsten Figuren diskutiert hat.

ANNI: Aber es ist doch ganz eminent wichtig in diesem Film, das Verhältnis zwischen Weißen und Afroamerikanern, es ist geradezu konstitutiv, bestimmend, von Scarlett abgesehen, von Rhett abgesehen, die natürlich auch in einer modernen Umgebung denkbar wären. Diese ewige Lüge vom schönen alten Süden, dieser Hochkultur, die in Wirklichkeit ein dekadenter Feudalismus war, eine Nachbildung des Absolutismus in Europa, aufgebaut auf der unbezahlten, äußerst harten und zehrenden Arbeit von Unfreien. Wenn die Nordstaatler hier noch so sehr als unzivilisiert dargestellt waren, es war gut, dass sie den Süden in die Knie gezwungen haben. 

TOM: Jetzt bist du im Film angekommen, vor allem in Sachen Pathos.

ANNI: Kalt lässt mich „GWTW“ nicht, und niemand behauptet, dass er schlecht gemacht ist. Du hast ihn aber überladen genannt, und ich nenne ihn übelst rassistisch. Kann dabei eine gute Note herauskommen?

TOM: Bei mir schon. So, ich hab meine Punkte aufgeschrieben.

ANNI: Ich gebe 5/10. Mir ist klar, dass er herausragend gefilmt ist, über die Production Values brauchen wir hier nicht zu streiten, und natürlich sind die Rollen fantastisch gespielt, das Beste was es damals gab. Aber er protegiert überwiegend Negatives.

TOM: Gut, dass ich geahnt habe, dass sowas von dir kommt. Deshalb hab ich 9/10 gegeben. Damit kommen wir wenigstens bei 7 raus.

ANNI: Irgendwann kriegst du Ärger mit mir, wegen deiner taktischen Bewertungen. Du hattest den Film unter anderem als überladen bezeichnet. Du siehst doch gar keine 9/10!

TOM: Doch, sehe ich. Nicht, weil ich rassistisch wäre, das wirst du mir ja wohl abnehmen, sondern wegen seiner Stellung als bester Film im vielleicht besten Jahr des alten Hollywood. In gewisser Weise ist er ein seitdem nicht mehr erreichter Gipfel. Sorry, dass ich das eben so dargestellt hab, als hätte ich die 9/0 nur gegeben, um dein erwartetes schlechtes Votum auszugleichen, das war blöd.

ANNI: Ich insistiere jetzt nicht, welche Art von Gipfel ich da vor allem sehe. Und blöd ist es in der Tat.  Taschentuch!

70/100

© 2019 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Victor Fleming,
George Cukor (ungenannt),
Sam Wood (ungenannt)
Drehbuch Sidney Howard,
Ben Hecht
Produktion David O. Selznick für Selznick International im Verleih von MGM
Musik Max Steiner
Kamera Ernest Haller,
Ray Rennahan
Schnitt Hal C. Kern,
James E. Newcom
Besetzung

 

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