Das Haus an der Bahn – Polizeiruf 110 Fall 5 / Crimetime 307 // #Polizeiruf110 #DFF #FernsehenderDDR #Crimetime #Bahn #Haus

Crimetime 307 - Titelfoto © Fernsehen der DDR

An welche westdeutsche Reihe erinnert der Film?

Es ist „Stahlnetz“, die berühmte Vorgänger-Reihe des Tatorts, sie lief von den späten 1950ern bis Ende der 1960er.

Gerade in diesem frühen Polizeiruf gibt es noch keine prägnante Titelmusik, da hat man kurz darauf nachgelegt, während „Stahlnetz“  gerade durch die epochale Vorspannmusik gekennzeichnet war die wiederum Miklos Roszàs Filmmusik zu „The Killers“ (1946) nachempfunden war.

Aber der nüchterne Stil ist durchaus dem der Stahlnetz-Reihe nah – allerdings etwas anders zentriert. Die frühen Polizeirufe waren allgemein aus wechselnden Perspektiven gefilmt, während schon „Stahlnetz“, ähnlich später dem „Tatort“ auf die Sicht der Polizei zentriert war. Wie wir diese Ähnlichkeit und alles übrige bewerten, darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Nach einer Feier im Klubhaus drängt der angetrunkene Rolle die junge Lu dazu, sich von ihm auf dem Moped nach Hause fahren zu lassen. Widerstrebend stimmt sie zu, zumal sie so ihre Bekannte Doris nicht begleiten kann, die nun mit dem Fahrrad allein nach Hause fährt. Rolle jedoch schlägt mit Lu einen anderen Weg ein und hält unweit einer Abzweigstelle der Bahn. Er bedrängt sie in einem leerstehenden Haus an den Gleisen und reagiert wütend, als sie ihn beißt. Er geht. Wenig später hört Lu Schritte in einer Etage unter ihr. Als ein Zug das Haus passiert, hört man ihren Schrei.

Lus Leiche wird am nächsten Morgen gefunden und Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt nehmen die Ermittlungen auf. Über Nacht hat es geregnet und geschneit und Spuren sind kaum zu finden. Nur der Reifenabdruck von Rolles Moped kann gesichert werden. Rolle jedoch bestreitet die Tat und sagt aus, er habe nach dem Streit mit Lu abseits des Hauses auf sie gewartet. Als sie nicht aus dem Haus gekommen sei, sei er weggefahren. Alles deutet darauf hin, dass Lu von einem Zug erfasst wurde und an den Verletzungen starb. Lus Tod wird ihrem Vater, dem Bahnhofsvorsteher Steger gemeldet, der emotionslos reagiert. Er verdächtigt Bernhard Schramm, der an der Abzweigstelle als Schrankenwärter arbeitet. Einst war er unter Steger am Stellwerk beschäftigt, fiel bei ihm jedoch in Ungnade. Nicht nur klatschte man im Dorf über eine mögliche Beziehung des verheirateten Schramm zu Lu. Schramm war Steger zudem aufgrund seiner Neuerervorschläge, die zur Rationalisierung der Betriebsprozesse beitragen könnten und die Steger als Spinnereien abtat, ein Dorn im Auge. Die Strafversetzung an die Schranke, die Steger mit Unzuverlässigkeiten und Alkoholisierung nach einer Geburtstagsfeier begründete, waren in Wirklichkeit persönlicher Natur. Weitere Probleme in Stegers Wirkungskreis sind regelmäßige Expressgutdiebstähle. Auch in der Zeit um Lus Tod wurde erneut eine Kiste Spirituosen gestohlen.

Schramm kommt zunächst aufgrund einer Aussage des Schrankenwärters Paul Umbreit als Täter infrage. Umbreit war in den letzten Tagen wegen seiner Galle meist unpässlich und nur teilweise arbeitsfähig. Der alte Sasse sah ihn in der Tatnacht kurz vor Doris die Abzweigstelle passieren, während Schramm an der weiter entfernten Schranke zuerst Doris sprach, die ihrerseits Umbreit nicht gesehen hatte. Über die Rekonstruktion der Fahrtzeiten der die Strecke passierenden Züge kann Schramm entlastet werden. Er war zur Tatzeit mit dem Signalgeben für die Züge beschäftigt. Als die Ermittler Schramm erneut aufsuchen wollen, naht gerade ein Zug und Schramm will die Schranke herunterlassen. Der Seilzug klemmt jedoch, sodass die Schranke nicht geschlossen werden kann. Energisch hält Schramm das Auto der Ermittler sowie den nahenden Zug an, um eine Katastrophe zu verhindern. Als Vera Arndt die Schranke herunterlässt, schließt sie sich jedoch problemlos. Der informierte Bahnhofsvorsteher Steger sieht sich in seiner negativen Meinung über Schramm bestätigt und entlässt ihn fristlos. Schramm packt seine Sachen, findet in seiner Tasche jedoch noch den Schlüssel zur Lampenkammer des Weichenstellerhauses, die er kurz zuvor mit Paul Umbreit aufgesucht hatte und deren Schlüssel Umbreit am liebsten behalten wollte. Schramm begibt sich zur Lampenkammer und findet dort die gestohlene Kiste mit Spirituosen. Als plötzlich Peter Fuchs hinter ihm steht, gibt er zu, Lu umgebracht zu haben. Er berichtet den Ermittlern, dass Lu ihm vor drei Wochen bereits berichtet hatte, dass das Weichenstellerhaus als Umschlagplatz für die gestohlenen Expressgüter dient. Er habe ihr jedoch nicht geglaubt, zumal sich das vermeintliche Versteck einer Kiste als leer entpuppte.

Über die Fahrtzeiten von Doris und Umbreit auf ihren Fahrrädern wird deutlich, dass Umbreit in der Nacht zwischen Abzweigstelle und Schranke über 15 Minuten lang verschwunden war. In der Zeit konnte die hinter ihm fahrende Doris ihn überholen und eher mit Schramm an der Schranke sprechen, der dort einem vorbeifahrenden Zug Signale geben musste. Die Kriminalisten begeben sich zu Umbreits Haus und erwischen ihn, wie er gerade Kisten gestohlenen Expressguts im Garten vergraben will. Er gibt schließlich zu, Lu ermordet zu haben. Sie war im leerstehenden Bahnhofshaus, wo Rolle sie bedrängt hatte, auf ihn gestoßen, als er gerade gestohlene Ware wegbringen wollte. Sie beschimpfte ihn und Umbreit stieß sie vor den gerade vorbeifahrenden Zug. Als er Angst haben musste, dass Schramm sein Versteck in der Lampenkammer findet, manipulierte er die Schranke, um eine Entlassung Schramms zu provozieren. Umbreit wird festgenommen und Schramm rehabilitiert. Auch Steger muss seine schlechte Meinung über Schramm relativieren, dessen Hartnäckigkeit erst zur Festnahme von Lus Mörder führte.

Rezension

Frühe Polizeiruf-Produktionen beinhalteten oftmals keinen Mord – dieser schon. Und er passiert auch recht früh. Aber nicht so früh, dass wir das Opfer nicht mehr kennenlernen und sein Ableben schade finden können. Die Hübschen sterben früh. Manchmal jedenfalls. Und nicht immer ist es ein Sexualverbrechen, das zum Tod einer jungen Frau führt. Und der Mörder ist mal nicht der lose Vogel mit der bunten Krawatte und dem Motorrad.

Das sagt alles: Dieser Film ist ideologisch bei weitem nicht so durchwirkt wie viele andere von den Vorwende-Polizeirufen, die wir bereits gesehen haben.

Bis auf ein paar übliche Sprachbesonderheiten ist dieses Werk sehr neutral gehalten. Klar, die knatternden Zweitaktmotoren der Wartburgs und Trabants und dünnblechern klingende Türen werden für immer Zeugen dafür sein, dass DDR-Nostalgiker auf dünnem Eis gehen und manchmal dünnes Blech oder auch Pappe reden.

Doch das Milieu der Bahnwärter ist ein berufliches und persönliches Umfeld, ein kleines Kollektiv, das aber vor allem menschliche Emotionen, keine gesellschaftspolitischen Botschaften hervorbringt. Natürlich, da ist der Mann, der sich mit KVP beschäftigt. Uns ist leider das Wort für die Verbesserungsarbeit des tüftelnden Kollektivmmitglieds Schramm entfallen – Neuerungsvorschlag? Gab es auch ein Bewertungssystem, in dem Neuerer mit guten Ideen honoriert wurden? Ganz sicher, aber das Bahnermilieu wirkt konservativ, auch wenn das einstige Handstellwerk ausrangiert wurde.

Die Typen, die Verfehlungen, die eher dezente Spielweise, das bedächtige Agieren und manches interessante Detail wie die Decken, mit denen die Fenster im Bahnwärterhaus im unteren Bereich zugehängt sind – vermutlich, weil’s durch die alten Rahmen durchzieht -, formen sich zu einem Gesamtbild, in dem die  Uniformen der Beamten, falls es in der DDR den Berufsbeamtenstatus gab, geradezu hervorstechen. Und wenn es zieht, dann richtig, denn es ist kalt.

Es ist schneematschig, weshalb die Spurensuche auch nicht funktioniert und man vor allem anhand der Rekonstruktion von Zeitabläufen zu ermitteln versucht, wer wohl die junge Frau umgebracht haben könnte. Würde aber nichts nützen, weil kein Beweis, aber da ist die Sache mit dem gestohlenen Gut und als der Täter damit erwischt wird, gesteht er zum Glück auch die Tötung von Lu. Die keine Absicht war, selbstverständlich, doch die Züge fahren auch sehr dicht an dem Gebäude vorbei, an dessen Ecke sie wohl gestanden haben.

Es ist ein Winterfilm. Die Atmosphäre fanden wir so dicht, dass wir einen Rücksturz hatten: Wir rochen diese feuchtkalte Welt wieder, in der wir als Kinder umherzogen, wo es mal kurz Schnee hatte, aber meist so war, wie in diesem Film: Selten blieb mal richtig was liegen und nach was roch dieser Schneematsch eigentlich und die Erde, die mal bisschen angefroren war, aber meist nicht tief und schnell wieder auftaute? Wir könnten jetzt einen Vergleich erfinden, wie Romanautoren das tun, aber keiner würde es genau treffen. Es gab auch das eine oder andere geheimnisvolle alte Gebäude – und es gab die Bahn. In einer anderen Form, wir hatten Bahnbeamte in der Familie.

Dadurch, dass man sich auf wenige, vergleichsweise enge Schauplätze konzentriert hat und ansonsten nur im kahlen Wald gefilmt wurde, steigert sich das Dichte, Kompakte, aber die Kälte, die wir gespürt hatten, die hat noch einen anderen Grund. Die Figuren.

Bei Oberleutnant Fuchs ist noch wenig von der Jovialität und einem leichten Hang zum Flachs mit jungen Kollegen zu spüren, die er etwa im zuvor rezensierten Film „Heiße Münzen“ aus 1975 zeigt und die Ausstrahlung von Leutnant Arndt ist in diesem Film ebenfalls fischig. Ganz zu schweigen von den Episodenfiguren, die einander entweder nicht besonders gut leiden mögen oder einen zwar kollegialen, aber auch sehr sachlichen Umgang miteinander pflegen.

Uns hat’s gefallen, weil dadurch kaum Platz für falsche Töne war und nicht jeder Krimi muss humorvoll sein. Niemand hatte bei den frühen Polizeiruf-Filmen die Absicht, Witzchen über das Verbrechen zu machen. Die Handlung kam uns einigermaßen sauber konstruiert vor, innerhalb von nur 67 Minuten Spielzeit haben sie es geschafft, die Spannung durch eine recht komplexe Zeitkonstruktion aufrechtzuerhalten. Dummerweise haben wir nicht ganz verstanden, was Oberleutnant Fuchs da an die Tafel gemalt hat, obwohl es doch genau dafür gedacht ist, nämlich das Publikum zu instruieren.

Vermutlich kam das daher, dass dieser Zeitablauf zuvor zwar immer wieder in Teilen erwähnt, aber nicht sehr einprägsam dargestellt wurde. Es können aber auch Gründe in der Kognition des Betrachters zu finden sein.

Finale

Wir empfehlen diesen ganz klassisch gestrickten Fall mit Tötungsdelikt, weil er auf eine recht beiläufige Art eine Welt entstehen lässt, die ein wenig bedrückt, ein wenig atemlos macht. Die hübsche Lu ist nun einmal tot, da hilft es nichts, dass ihr Vater sich nach zähestem Ringen am Ende dazu bequemt, den Schramm nicht mehr zu  mobben.

Der kleine, unauffällige Kollege war’s, der hatte Schulden. Nun müssen wir allerdings doch wieder lästern. Gab es ausgerechnet in der DDR, wo man kein Eigentum an teuren Dingen erwerben konnte, jemanden, bei dem nicht Schulden als Motiv eine Rolle spielen? Die bisher gesehenen Polizeiruf-Folgen kommen nicht ohne dieses Motiv aus. Womit hatte dieser kleine Bahnwärter sich bloß so in die Scheiße geritten? Dafür gibt es nicht den Ansatz einer Erklärung. Um die große DDR-Schuldenfalle zu erklären, wird bestenfalls mal was von Spielsucht oder dergleichen gemunkelt, hier aber hebt dieses Männlein die Stimme und proklamiert geradezu das Motiv: Nicht nur ein Monatsgehalt oder so! Daher fing er an, Waren aus den Güterzügen zu klauen. Wie so jemand die Logistik aufbaut, um derlei zu verhökern – keine Ahnung.

Im Moment ist es leicht, solche persönlichen Rückblenden bei uns auszulösen, wie „Das Haus an der Bahn“ es getan hat, aber auch dadurch waren wir immer dicht am Geschehen.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gerhard Respondek
Drehbuch Fred Unger
Produktion Rainer Crahé
Uta Rabenalt
Musik Wolfgang Pietsch
Kamera Otto Hanisch
Schnitt Silvia Hebel
Besetzung

 

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