Absturz – Tatort 758 / Crimetime 311 / #Tatort #MDR #Leipzig #Keppler #Saalfeld #Absturz #Sachsen

Crimetime 311 - Titelfoto © MDR, Junghans

Kein Absturz, nur das Ende

Nachdem nun der MDR beschlossen hat, dass Saalfeld und Keppler aufhören müssen, stehen die Begleit-Features für deren aktuelle Tatorte (in diesem Fall „Blutschuld„), die Rezensionen älterer Fälle, unter dem Motto: Lasst uns noch einmal zurückschauen. Häufig wird das nicht mehr vorkommen, denn wir haben bereits über fast alle Saalfeld-Keppler-Tatorte geschrieben.

Unsere Stimmung an jenem Tag war ablehnend, weil wir lieber einen richtig alten Tatort angeschaut hätten, aber dieser war nun einmal gerade gelaufen, aufgezeichnet und so weiter. Dazu ein ungewöhnlich stressiger Arbeitstag und das generelle Unbehagen angesichts einiger 2013er Erstausstrahlungen, die Fragen an die Zukunft der Serie aufwerfen.

Das überraschende Ergebnis – macht nichts. Im Gegenteil. Wenn man sich trotzdem auf den Tod eines kleinen Jungen einlassen kann und mit dem Vater leidet, dann bedeutet dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass die Rolle gut gespielt und eine emotionale Wahrhaftigkeit zu erkennen war. Und wie weiter? Es steht in der -> Rezension.

Leider besteht ein Tatort nicht nur aus den emotionalen Momenten. Schön, dass es sie hier gibt, wir fanden sie auch nur unwesentlich zu sehr ausgespielt. Das größte Verdienst der Story um den Vater des bei einer Flugschau getöteten Emil ist aber, dass man das Erstaunen über die ersten Minuten des Films vergisst.

Handlung, Besetzung, Stab

Hauptkommissarin Eva Saalfeld fährt ihren Neffen Lukas zum Flugplatz, auf dem eine Flugschau stattfinden soll. Während seine Klassenkameraden bereits auf einer Hüpfburg toben, kommen er und Eva auf dem Parkplatz an – und sehen Rauch vom Festplatz aufsteigen, der direkt neben der Startbahn liegt. Der Pilot Thomas Arendt ist beim Startversuch mit seiner Maschine in die Zuschauermenge gerast.

Manche haben sich retten können, einige sind verletzt, doch in der zerfetzten Hüpfburg liegt Emil, Lukas bester Freund. Emils Vater, Christian Peintner, steht fassungslos neben Eva, die Emil Erste Hilfe leistet und ihre Kollegen per Handy informiert. Als der Junge wenig später an den Folgen seiner Verletzungen stirbt, ist Eva überzeugt, dass es sich hier nicht um einen Unfall, sondern um fahrlässige Tötung handelt, und der Schuldige durch die Mordkommission ermittelt werden muss. Sie und Hauptkommissar Keppler verhören nacheinander den Piloten, den Chefmechaniker, den Verantwortlichen der Flugaufsicht und den Veranstalter der Flugschau, doch sie weisen alle Schuld von sich. Peintner sucht die Schuld vor allem beim Piloten.

Als dann Roland Conze, der Veranstalter der Flugschau, auf einer Leipziger Großbaustelle ermordet aufgefunden wird, müssen die Kommissare auch gegen Emils Vater ermitteln. Hat er Rache für den Tod seines Sohnes geübt, oder kam es bei dem Versuch, ihre Fehler zu vertuschen, zum Streit unter den Verantwortlichen? 

Rezension

Leider besteht ein Tatort nicht nur aus den emotionalen Momenten. Schön, dass es sie hier gibt, wir fanden sie auch nur unwesentlich zu sehr ausgespielt. Das größte Verdienst der Story um den Vater des bei einer Flugschau getöteten Emil ist aber, dass man das Erstaunen über die ersten Minuten des Films vergisst.

Disharmonisch ist ein treffendes Wort nicht nur für das Duo Saalfeld / Keppler. Dern Asymmetrie ist immerhin gewollt, man hat die beiden auf Konflikt qua gemeinsamer, vor allem seitens Kepplers nicht bewältigter Vergangenheit gebürstet und sie als Charaktere so unterschiedlich ausgestattet, dass andererseits wieder klar ist, warum die beiden jenseits aller mittlerweile bekannten Probleme wie Kindstod und Alkoholismus nicht so richtig zueinander finden können. Da kann man sich durchaus mal aufblasen, wie Keppler es nach Ansicht seiner Mitstreiterin tut. Irgendwie sind die beiden Leipziger Kripos echte Königskinder.

Eher clownesk als königlich ist leider die Anfangssequenz „Flugschau“ gestaltet. Alles wirkt so dilettantisch, dass der Betreiber des Events auf jeden Fall wegen außer Acht gelassener Sicherheitsvorschriften dran wäre, egal, welchen Anteil am Desaster der Pilot der Unglücksmaschine hat, die in die Zuschauer rast – wobei erstaunlicherweise nur ein einziges Kind (tödlich) verletzt wird.

Viel zu spät für einen klassischen Whodunit taucht ein echt verdächtiger Verdächtiger auf, der am Ende auch mit dem zweiten Mord, der sich auch sehr spät zuträgt, zu tun hat. Dazu wird das Flugschau-Milieu, das ja eine Art gehobenes Schaustellertum zu sein scheint, mit der Baubranche in Zusammenhang gebracht. Diese Koppelung gelingt nicht und alles wirkt bruchstückhaft.

Dumm daran ist, dass man sich dabei nicht aufs Skurrile herausreden kann, denn die Leipziger arbeiten prinzipiell noch mit Ernst an ihren Krimis. Manchmal mit etwas zu viel Ernst und zu wenig Drehbuchkompetenz, wie in „Absturz“. Oder war diese dilettantisch organisierte Flugschau wieder ein Sub-Subtext, gemünzt auf den immer dilettantischer erscheinenden Zustand der Dinge in einem beinahe deindustrialisierten Landstrich? Oder gar der Dinge im Größten und Allgemeinen? So recht glauben wollen wir das nicht, wegen des Ernstes bei der Sache.

Dieses Mal ist es nicht Martin Wuttke als Andreas Keppler, der den Tatort trägt, wie in vielen anderen Leipzig-Fällen der aktuellen Generation. Dieses Mal wirkt er zeitweilig überreizt und gleichzeitig, als spiele er seine Rolle mit links herunter und vielleicht fand er’s gar nicht witzig, dass ihm eine Scheinrivalität mit einem Vater ins Buch geschrieben wurde, der gerade sein Kind verlor. Und wenn ein Schauspieler wie Wuttke nicht so recht an die Grenzen gehen will, dann müsste ein starker Regisseur ihn doch dazu bewegen.

Immerhin hat die Regie Matthias Brandt als Christian Peintner, den Vater des bei dem Flugunfall ums Leben gekommenen Jungen, zu einer ersatzweise tragenden Figur entwickeln können. Eine Betroffenheitsrolle par Excellence, aber, wie eingangs geschrieben, wir waren ergriffen, und dazu haben die fantastischen Gegenschnitte zwischen dem Kampf der Notärzte im Krankenwagen um das Leben des Jungen und der Blick in den Himmel durchs offene Schiebedach (unrealistisch, aber effektvoll) ihren Teil beigetragen. Der qualvolle Tod eines kleinen Menschen ist hier so gut dargestellt wie in kaum einem anderen Tatort, und diese emotionale Klebe hält.

Sie ist wichtig, weil die Spannung dezent ist und sich das Drehbuch im Verlauf in Aburditäten verliert – man denke nur an diese vom Bauleiter platzierte Sicherheitsweste im Auto des Architekten. Die ganze DNA-Nachweisserie ist so gestaltet, dass man merkt, den Entwicklern der Handlung kam es höchst ungelegen, dass es diese technischen Möglichkeiten leider heutzutage gibt und da schwindet dann auch der Ernst – nämlich beim logischen und soliden Umgang mit diesen Möglichkeiten.

Am Ende sind weder Verursachung im technischen Sinn noch moralische Schuld am Tod des kleinen Emil vollständig aufgeklärt, obwohl Eva Saalfeld doch so engagiert damit anfängt und Keppler sich ganz unmotiviert dagegen stellt. Man begnügt sich am Ende mit der raschen und handwerklich wenig übezeugenden Ermittlung des Todes am Flugschau-Leiter Conze.

Finale

Intensive Momente kann das Team von „Absturz“ gut, vor allem gegen Ende des ersten Drittels dominieren diese auch den Film. Die Inszenierung belegt stellenweise eine gute Schauspielerführung, auch wenn sie es durchgehen lässt, dass Martin Wuttke sein Können etwas zu sparsam einbringt. Das beeinflusst unsere Bewertung nicht unerheblich – wie wir konsequenterweise den Leipziger Tatorten auch mehr Anerkennung zukommen lassen als der durchschnittliche Tatort-Fan, wenn Wuttke in Hochform ist.

Handlungstechnisch und bezüglich der Recherche über das Wesen des Fliegerischen ist dieser Tatort dann doch beinahe ein Absturz. Alles wirkt unpräzise, wie schon der Titel. Denn das havarierte Flugzeug steigt gar nicht erst auf, sondern rast wegen Radaufhängungsbruch unsteuerbar in die Menge, die sich, bis auf einen kleinen Jungen, wundersamerweise in Sicherheit bringen kann. Vielleicht ist es ein wenig provokant, aber da kommt wieder die unterschiedliche Sozalisierung Deutscher in Ost und West raus – wer sich noch an die Rammstein-Katastrophe von 1988 erinnern kann, die zu einem mehrjährigen Generalverbot von Flugschauen in Westdeutschland geführt hat und vielleicht sogar einen persönlichen Bezug dazu hat, der findet das, was hier – offenbar auf einem Thüringer Flugplatz, nicht in Leipzig – geschieht, ein wenig albern und deplatziert.

6,5/10

 © 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Wolfgang Menzel [Kriminaltechniker] – Maxim Mehmet
Dr, Johannes Reichau [Rechtsmediziner] – Kai Schumann
Inge Saalfeld – Swetlana Schönfeld
Heinz Lienhard – Klaus Manchen
Carsten Schreiber – Axel Wandtke
Emil Peintner – Paul Zerbst
Justin Arendt – Gustav Reutter
Lukas Saalfeld – Joel Eisenblätter
Barbara Arendt – Anett Heilfort
Frank Lienhard – Antoine Monot Jr.
Christian Peintner – Matthias Brandt
Thomas Arendt [Pilot] – Jan Henrik Stahlberg
Katharina Conze – Judith Engel
Roland Conze – Bruno F. Apitz

Regie: Thorsten C. Fischer
Buch: Andre Georgi

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