Tatort 1058 – Sonnenwende / Crimetime 310 // #Tatort #TatortSchwarzwald #SWR #Schwarzwald #Sonnenwende

Crimetime 310 / Titelfoto © SWR, Bennoît Linder

Alles Bio, von brauner Fäule befallen

Ein wirtschaftspolitisches Nachdenken in Zusammenhängen. Einerseits mag ich es nicht, wenn Biobauern verunglimpft werden, andererseits haben wir hier einen Fall gesehen, der nicht aus der guten Schwarzwaldluft gegriffen ist. Wobei ich nicht weiß, ob es tatsächlich solche Gruppen völkischer Landmänner und –frauen im Schwarzwald gibt. Als bei Sonnhilds Begräbnis angedeutet wird, dass Gesinnungsgleiche aus verschiedenen Teilen der Republik angereist sind, ist auffälligerweise niemand aus dem Osten dabei. Was sonst noch auffällig war, steht in der -> Rezension

Handlung

Familie Böttger betreibt einen Bauernhof im Schwarzwald, mit großem Einsatz, naturnah und bäuerlichen Traditionen verbunden. Als die älteste Tochter Sonnhild plötzlich stirbt, untersuchen Franziska Tobler und Friedemann Berg den Todesfall.

Friedemann kennt Volkmar Böttger schon seit der Schulzeit und ist beeindruckt davon, wie einsatzfreudig und prinzipienstark der Jugendfreund seine große Familie und den Hof managt. Weil die Gerichtsmedizinerin einen Verdacht auf falsche Diabetesbehandlung gegen den Arzt der Böttgers nicht bestätigt, ist Friedemann Berg erleichtert, dass die Familie in Ruhe trauern kann. Franziska Tobler allerdings hält die Aussagen des Arztes für Schutzbehauptungen, und hat auch noch weitere Anhaltspunkte, um die Ermittlungen am Laufen zu halten.

Das Verhalten von Torsten Schmidt zum Beispiel, Sonnhilds auf dem Hof lebendem Verlobten. Er und die jüngere Schwester Mechthild reagieren auffällig ausweichend auf Fragen nach Sonnhilds Leben und ihrer Krankheit. Überhaupt mutet Franziska das völlig auf den Hof und die Gemeinschaft konzentrierte Leben der Böttgers merkwürdig an. Friedemann dagegen stammt selbst von einem Schwarzwaldhof und kann den Einsatz für die kleinbäuerliche Landwirtschaft und die Inbrunst, mit der Volkmar Böttger davon redet, eher nachvollziehen. Zumal Volkmar ihn mit offenen Armen aufnimmt und die frühere Freundschaft wieder aufleben lassen will.

Als Franziska herausfindet, dass Torsten Schmidt einer Heimatschutzstaffel angehört, schaut jedoch auch Friedemann genauer hin und dabei entdecken die Kommissare nicht nur Ungereimtheiten bei den Aussagen über Sonnhilds letzte Monate und ihren Tod, sondern auch Einstellungen der Böttgers, die stark an Haltungen völkischer Siedler erinnern. Volkmars Einsatz für Torsten erscheint nun in einem ganz anderen Licht.  

Rezension

Ich vermute, um das Klischee von den braunen NBL nicht zu bedienen. Aber wer die halb entvölkerten Gegenden im weiteren Umland von Berlin, vor allem in Ostbrandenburg, kennt oder gar Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt, die in krassem Gegensatz zur brodelnden Hauptstadt stehen, der wird sich sofort denken: Hier könnte man sehr günstig Land erwerben, alte Gemäuer günstig sanieren und sich als Gruppe ansiedeln, sich eine Art kleinkollektiven, naturnahen Lebenstraum erfüllen. Ich hatte für mich selbst schon den Alters-Lebensplan angedacht, auf einen Biohof oder in dessen Nähe weiter draußen zu ziehen und dann würde es mich nicht stören, dass Berlin 60 oder 100 Kilometer entfernt liegt, weil ich nur ab und an mit dem Zug dorthin fahren würde.

Das ist jetzt der Bodenteil des wirtschaftspolitischen Nachdenkens, wie aber ökonomisch, die Bioprodukte betreffend? Natürlich ist es ein bisschen hintergründig, aber in dem Tatort habe ich auch wieder das Dilemma gespürt, dass hier Bio und Blut und Boden miteinander vereint werden. Ich finde diesen Zusammenhang äußerst unangenehm, aber es gibt leider auf höherer Ebene eine Art Spiegelung: Auch von linker Seite wird die Reorganisation der lokalen und regionalen Wirtschaft immer wieder ins Spiel gebracht, Sahra Wagenknecht zum Beispiel lässt dazu immer mal wieder etwas hören.

Einerseits wirkt das ganz natürlich und – eben der Erde zugewandt, weil das Gute so nah liegt, nicht ewig transportiert und umständlich verpackt werden muss. Aber es ist auch eine Art Autarkie-Philosophie, die sich davon abwendet, dass weite Teile der Welt sich mit internationaler Arbeitsteilung einen gewissen, bescheidenen Wohlstand erarbeitet haben, sodass die Weltorganisationen heute behaupten können, es habe (zumindest relativ zur Gesamt-Weltbevölkerung) noch nie so wenige arme Menschen gegeben. Wir wissen alle, zu welchem enormen ökologischen Preis dieser bescheidene Wohlstand erwirtschaftet wurde und wird, aber die Werkbänke der Welt, auch den Ackerbau betreffend, die haben eben auch Chancen eröffnet. Da hängt noch viel mehr dran, das kann ich hier nicht ausführen, weil Wirtschaftspolitik gerade auf dieser Ebene sehr komplex ist und viele sehr schwierig zu beantwortende Fragen aufwirft.

Aber Ideen, die bis zu einer Re-Industrialisierung Deutschlands reichen, selbstredend ökologisch verträglicher als das Wirtschaften in alter Zeit, haben auch einen nationalistischen Unterton oder man kann ihn, so, wie die Blut-und Boden-Biobauern es tun, wunderbar einpflegen, das ist alles andere als unlogisch und es gibt wirklich solche Gruppen, die auch wirklich vom Verfassungsschutz beobachtet werden, ob mit oder ohne V-Leute, ist dabei nicht so wichtig. Denkbar wäre es immerhin, dass jemand wie Torsten Schmidt in solch einer Gruppe aktiv ist und sich dabei persönlich verstrickt – wie auch nicht, wenn das Leben dort nur mit starker Anbindung möglich ist. Das gesamte V-Leute-System steht nach Aussage im Film auf der Kippe und auch da haben wir wieder ein Dilemma: Dass V-Leute aus dem Ruder laufen oder sogar als Provokateure eingesetzt werden, ist keine Chimäre – aber wie ohne diese V-Leute Einblick in bestimmte, als hermetisch geltende Gruppierungen bekommen?

Bei dem Szenario hätte ja mörderische Spannung eher gestört? Das war einer der ruhigsten Tatorte der letzten Monate, der beinahe auf jede Effekthascherei verzichtet hat und ich fand ihn eben wegen des oben beschriebenen Themenkreises spannend, aber nicht so sehr wegen der Handlung selbst. Ich denke, das Drehbuch wollte nicht in erster Linie als Rätselkrimi gelten – zu klar und unkompliziert – sondern die Stimmung einfangen im notabene dunklen Schwarzwald und uns wieder einmal auf etwas Politisches aufmerksam machen, das noch nicht so sehr in aller Munde ist. Und ich habe die Beklemmung gespürt, die entstehen kann, wenn man in einer solchen Gemeinschaft aufwachsen muss, wie wir sie hier sehen.

Die Kinder, die von klein auf indoktriniert und von anderen ferngehalten werden und sich zu Sonderlingen entwickeln müssen, taten mir leid, wie das bei mir immer der Fall ist, wenn Kinder für die spinnerten Ideen von Erwachsenen herhalten müssen. Davon gibt es ja viele ganz unterschiedliche, die alle nichts zum besseren Leben der Menschen miteinander beitragen. Insofern ist der Sonnenhof auch ein Symbol für alle Orte, an denen Sektierer sich ihre eigene Welt basteln wollen. Es gibt nicht wirklich Sonne auf dem Sonnenhof, der Name für diesen finsteren Ort wirkt schon ironisch.

Wie haben die Figuren funktioniert? Die Episodenrollen fand ich gut gespielt, man spürt dieses getrieben und verführt sein und dann diese  Namen. Einige davon sind mir aus dem Realleben bekannt (Sonnhild nicht), aber dass der Stammvater Volkmar heißt – naja. Offensichtlich ist die Gesinnung doch schon über mehrere Generationen hinweg tradiert und von nichts kommt nichts.

Wesentlich mehr Zugang als beim ersten Schwarzwald-Tatort „Goldbach“ habe ich zu den beiden Ermittlerpersonen gefunden. Friedemann, der Einheimische, kann sich nicht so leicht dem Zugriff seiner guten unguten Hofnachbarn entwinden, aber einen großen inneren Konflikt trägt er wohl doch nicht aus, zu klar steht er auf der Seite des Gesetzes, als es darauf ankommt. Aber die Entdeckung war für mich Eva Löbau als Franziska Tobler. Beim ersten Mal fand ich sie wirklich zu unscheinbar, aber dieses Mal spielt sie diese Kommissarin auf eine Art, die ich im deutschen Fernsehen bisher nicht gesehen habe – nicht durch ihre enorme Präsenz sozusagen von oben, wie die bisherigen Tatort-Kommissarinnen, sondern eher aus der Perspektive von jemandem, der eben wegen seiner Unscheinbarkeit kämpfen muss und dabei eine eigene Art von Attraktivität durch Intensität gewinnt.

Sie kommt auch je nach Kamera-Einstellung optisch sehr unterschiedlich rüber, so etwas fasziniert mich immer, weil ich davon ausgehe, es ist Absicht, zumindest, wenn man bei Michael Haneke studiert hat, wie Regisseur Umut Dağ. Ich denke, dann kann man den Kameramann so anweisen, dass ein sehr interessantes und variantenreiches Bild entsteht. Von allen bisherigen Tatort-Ermittlerinnen erinnert Tobler am meisten an Klara Blum, deren Nachfolgerin sie tatsächlich ist – aber bei der wusste jeder, sie gehörte zu den Fassbinder-Frauen und bei ihr hatte das Ruhige auch etwas sehr Sicheres und Wissendes, während Tobler mehr mit Selbstvergewisserung zugange ist. Für mich steht sie jetzt in der beachtlichen Tradition des SWR / SWF beim Entwickeln von am Tatort ermittelnden Frauen. Und man hat sich nach meiner Meinung gerade dadurch etwas getraut, dass man mal einen geradezu hyperrealistischen Typ zeigt. Ich hoffe, das Publikum wird sie akzeptieren – das Potenzial der Figur und ihrer Darstellerin muss aber von einer kundigen Regie genutzt werden, der Auftritt allein macht es nicht.

Finale

Ich freue mich auf den nächsten Schwarzwald-Krimi, weil ich die beiden Ermittler als eine Bereicherung empfinde und man es offenbar geschafft hat, die ruhige, für persönliche Dramen gut geeignete Bodensee-Gegend erst einmal zu ersetzen. Erst einmal. Denn es sollte nicht so laufen, dass nun wirklich jeder Fall sich tief im Wald abspielt, denn der Wald selbst, dem fehlt die pittoreske Varianz von Konstanz und Umgebung und es könnte schnell eintönig werden, wenn man immer ins Unterholz muss, um die Abgründe menschlicher Vorstellungen zu erläutern – aber mindestens um den Schwarzwald herum gibt es ja auch Städte und ich meine, beim nächsten Mal sollte man sich eine davon aussuchen, um aus der Abgeschiedenheit ein wenig rauszukommen.

Für eine ganz hohe Bewertung fehlt dem Film dann wohl doch das Besondere, das, was lange nachwirkt, aber Nachdenken über anzuregen ist ja auch ein wichtiger Auftrag der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, und dem ist der SWR hier nachgekommen. Charaktere wie die der Familie Böttger müssen in einem solchen Fall immer etwas plakativ und einseitig dargestellt werden, weil eben noch ein Mordfall gelöst werden muss, der Spielzeit beansprucht, aber im Rahmen des Möglichen hat man hier gute Aufklärungsarbeit geleistet.

8/10

© 2019, 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke   

Hauptkommissar Friedemann „Frieda“ Berg – Hans-Jochen Wagner
Hauptkommissarin Franziska Tobler – Eva Löbau
Kommissariatsleiterin Cornelia Harms – Steffi Kühnert
Hofbesitzer Volkmar Böttger – Nicki von Tempelhoff
Ehefrau Almut Böttger – Alexandra Schalaudek
Tochter Sonnhild Böttger – Gro Swantje Kohlhof
Tochter Mechthild Böttger – Janina Fautz
Torsten Schmidt, Sonnhilds Verlobter – David Zimmerschied
Dr. Otfrid Ruhnke – Rainer Steffen
Dr. Andrea Brunner – Christina Große
Harald Schaffel vom Staatsschutz – Jörg Witte
Lehrerin Eisele – Ursula Renneke
u.a.

Drehbuch – Patrick Brunken
Regie – Umut Dağ
Kamera – Stefan Sommer
Schnitt – Saskia Metten
Szenenbild – Klaus-Peter Platten
Ton – Lutz Pape
Musik – Iva Zabkar

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