Ein Hochhaus für Kreuzberg und wie private Bauträger Innovation machen / #Mietenwahnsinn #wirbleibenalle #Xberg #baubaubau #Hochhaus #UTB #Selbstverwaltung #Genossenschaft

2018-11-11 Mieter,kämpft um diese Stadt + zusammen gegen MietenwahnsinnIm Grunde ist es so: Ohne ein paar neue Wohnungen kann der Mietenwahnsinn nicht gestoppt werden, denn nimmt die Bevölkerung Berlins weiter zu, nimmt die Wohnfläche pro Person weiter ab, nicht hier und da was Neues hinzukommt.

Vor allem in den Innenstadtbezirken, in die jeder will, wird es dann immer enger.

Da könnte ein neues Projekt in Kreuzberg genau richtig kommen. Wir haben heute vom WoHo Kreuzberg mit 20.000 m² Bruttogeschossfläche erstmalig gelesen, es ist ja auch ein Zukunftsprojekt, Baubeginn noch lange voraus. Aber ist es auch kiezkonform?

Zugegeben, das, was auf dem Ist-Zustand-Foto zu sehen ist, kann man nur mit Mühe als Kiezkultur bezeichnen, die unbedingt erhalten werden muss, weshalb ein Neubau grundstäzlich abzulehnen sein könnte, aber in Kreuzberg kann man nie wissen und der Anschein trügt zuweilen.  Und wo, wenn nicht in der Nähe des Potsdamer Platzes, soll mal ein Wohnhaus beherzt über die Berliner Traufhöhe hinauswachsen, wenn es schon Kreuzberg sein muss? Der Kampf um das höchste Gebäude im Bezirk, das alte Postbankhaus, ist noch sehr präsent.

Es soll „kein Wohnturm in „monostrukturierter Bauträgerbeliebigkeit“ werden, sondern ein Hochhaus, das den durchmischten Kreuzberger Kiez in der Vertikalen abbildet“, heißt es im Bericht der Immobilienzeitung, aus dem die Information stammt.

Auch wenn sich hier der Bauträger UTB mit Bauträgerlyrik von anderen Bauträgern abgrenzen möchte, die Idee, die Kreuzberger Kieze oder das, was nach der anhaltenden Gentrifizierung davon übrig ist, in einem und dann vielleicht in noch einem Turm vertikal unterzubringen, ist doch ganz reizvoll.

Unsere Wissens sind Kieze gerade durch ihre Erlaufbarkeit geprägt, das wissen sogar Touristen. Versetzen wir uns mal in deren Lage: Würden sie, statt lärmend durch um die Blocks zu ziehen, sich alle in den Aufzug drängen, von Etage zu Etage schweben und dann die irgendwie doch alle ziemlich gleich aussehenden Gänge erkunden?

Vielleicht könnte man die Gänge kiezig gestalten, mit bunt besprayten Wänden, unterschiedlichfarbigen Türen, ein paar Pflanzen, vielleicht sogar Cannabis aus kontrolliertem Anbau zum Selbstpflücken. Aber irgendwie ergibt sich für uns kein so richtig kieziges Bild. Wir wollen die Unterschiede zwischen einem gewachsenen, horizontalen Milieu und dem Turmbau zu Kreuzberg hier nicht zu sehr breittreten, das soll ein nicht zu langer Artikel werden. Vielleicht ist turm-vertikal aber nicht das neue kiez-horizontal. So ehrlich sollte man wenigstens sein.

Außerdem geben wir zu, dass wir mittlerweile den Begriff Coworking-Spaces nicht mehr hören oder lesen können. Diese Art von Wirtschaft ist so nachhaltig wie die Finanz- und Immobilienblase dieser Tage und so kiezkonform wie eine Horde von SUVs in der neugestalteten Bergmannstraße. Wir wissen noch nicht, was der Bezirk vom Kreuzberg WoHo hält, aber der Senat scheint ganz angetan davon:

„Ob das WoHo tatsächlich gebaut wird, hängt davon ab, ob der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einen entsprechenden B-Plan beschließt. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher weiß Bestgen schon mal auf seiner Seite, sie stellte das Projekt mit dem innovativen Ansatz auf der diesjährigen Mipim in Cannes vor. Momentan wird ein städtebauliches Gutachten für das Vorhaben erstellt.“

Dieser Mix soll tatsächlich alles beinhalten, was es in etwa in einer Großstadt an Nutzungs- und Eigentumsvarianten gibt:

Eigentumswohnungen, Sozialwohnungen, frei gepreiste Mietwohnungen, genossenschaftliche und Baugruppenprojekte, Wohnungen unterschiedlicher Preisklassen und Typen. Alle unter einem Dach. Vielleicht könnte man auch die Dachgenossenschaft der „13 Häuser“, die aktuell unter Verkaufsdruck stehen, gleich dort unterbringen, wenn es mit der horizontalen Variante, nämlich die Altbau-Fünfgeschosser den kaufwilligen Investoren zu entreißen, nicht klappen sollte.

Die Meldungen, die von der letzten MIPIM in Cannes kamen, sprachen nicht nur von tollen Innovationspreisen, mit denen sich die Immobilienwirtschaft selbst feiert, sondern auch von Häme darüber, dass die Politik die Städte nicht mehr im Griff hat und die Spekulanten und Mietpreistreiber jetzt freidrehen und noch besser verdrängen können als bisher.

Das hat sich bei uns eher festgesetzt als die Baukonzepte, die dort möglicherweise vorgestellt wurden. Die MIPIM ist ein Treffen der privaten Bauindustrie, keine neutrale Stelle, deren Juroren die architektonische Findigkeit nach Aspekten des Gemeinwohls bewerten. Daher sind wir grundsätzlich verhalten, wenn eine Präsentation bei dieser Veranstaltung als Beleg dafür herangezogen werden soll, ob eine Bauidee innovativ im Sinn der Sozialen Stadt ist.

Die berühmte Berliner Mischung bei Neubauprojekten abzubilden, das wird nicht in der Form funktionieren, dass es bestehende Kieze ersetzen kann, es wird etwas Neues kommen, da hilft keine nette Rhetorik übers hoch und breit.

Entweder man akzeptiert, dass hier etwas entsteht, von dem niemand wissen kann, wie es sich entwickelt und welche sozialen Gruppen letztlich dominieren werden oder man sagt, es passt eh nicht in die Gegend und in unser Konzept von Stadt. Wenn es in einem Haus teure Mietwohnungen und Eigentumswohnungen gibt, ist eine Aufwertungstendenz die Regel, denn diejenigen mit der höheren Finanzkraft bestimmen das Bild einer solchen Anlage – zumindest in den begehrten Innenstadtbezirken und die Objekte tendieren dazu, vermehrt Menschen anzuziehen, die entsprechend gepolstert sind.

Was uns auch interessieren würde: Wie soll ein Haus wie dieses interessengerecht bewirtschaftet werden? Wem gehören die Mietwohnungen, wer bewohnt die Eigentumswohnungen, wie kann vermieden werden, dass einzelne Projekte und Mieter_innen von größeren Einflussgruppen majorisiert werden? Und welche Art von Gewerbe wird in den unteren Geschossen einziehen? Das ist ja in Kreuzberg auch immer ein heikler Punkt. Und was ist mit der ökologischen Seite, die bei größeren Berliner Projekten kaum berücksichtigt wird – wenn man von der Einhaltung der heute üblichen energetischen Baustandards absieht.

Kompliziert klingt das Haus auf jeden Fall, aber ob am Ende nicht eine Mogelpackung dabei herauskommt, wenn ein privater Bauträger alles managt? Wir müssen immer im Kopf behalten, dass vor allem günstige Wohnungen gebraucht werden, wenn man schon in einen gewachsenen Bezirk hinein hoch baut, mit einem Haus, das sicher ein Ausstrahlung auf die umliegenden Straßen haben wird. Und es muss immer ein Gewinn für den Bauträger abfallen.

Die UTB haben wir uns ein wenig angeschaut und sind darauf gestoßen, dass sie nicht nur in unserem Bezirk ansässig ist, sondern mit der Alten Mälzerei ein Projekt steuert, das von der Bezirkspolitik sehr gelobt wird – als gelungene Kooperation mit einem privaten Bauträger. Auch wenn die Baustadträte von Kreuzberg und Schöneberg dieselbe Parteifarbe tragen, ist unser Bezirk deutlich konservativer, nicht nur wegen seiner Südlagen mit viel CDU- und AfD-Wählerschaft, sondern auch mietenpolitisch.

Wenn man sich die UTB und ihre Projekte im Ganzen anschaut, stößt man auf etwas, was uns derzeit auch bezüglich der „Dachgenossenschaft für die 13 Häuser“ beschäftigt: Wo immer der partizipative Ansatz hervorgehoben wird, ist deutlich spürbar, dass er für den gehobenen Mittelstand gedacht ist. Also für diejenigen, die sich im Ernstfall auch eigene Wohnungen kaufen könnten, denn der Eigenkapitaleinsatz unterscheidet sich nicht wesentlich – auf die meisten, die sich in Selbstverwaltungsprojekte einbringen, trifft das eindeutig zu, meist sind auch Mitglieder mit Bauberufen darunter, die sich fachlich engagieren können.

Viele UTB-Projekte sind aber auch ganz klassische Eigentumshäuser und entweder gehobene Neubauten in welchem Umfeld auch immer – und man findet Objekte, bei denen man sich gut vorstellen kann, wie sie so geworden sind, wie sie sich heute zeigen – durch simple Sanierung und Gentrifizierung.

Bei Spitzenbauträgern privater Natur ist vor allem das Wording viel moderner geworden, aber eine Tatsache bleibt: Die Mehrheit der Berliner_innen kann in diesen Objekten nicht wohnen und sie sind zumindest in Teilen ein Ausdruck der Fehlsteuerung im hiesigen Bauwesen. Natürlich sind alle Genossenschaften eine Form von Selbstverwaltung – aber der beste Weg, vom Mieter zum Teilnehmer zu werden, ist für eine_n Normalberliner_in immer noch, sich bei einer der großen Wohnungsgenossenschaften für 500 bis 2500 Euro einen Anteil zu erwerben und zu warten, bis eine passende Wohnung frei wird. Man hat als einzelner Gnosse, einzelne Genossin nicht so viel mitzureden wie in einer jungen, an einem Einzelhausprojekt orientierten Wohnungsgenossenschaft mit wenigen Mitgliedern, man wird vertreten, wie in jeder größeren Organisation. Aber die basisdemokratischen Wohnformen gewähren in der Regel wenigen solventen und sozial gut aufgestellten Personen die Möglichkeit, ihre Träume verwirklichen können. Man sucht einander, man findet sich innerhalb einer gewissen Milieuähnlichkeit, man kann finanzieren, man kriegt auch etwas Fördergeld. Aber man zählt zu einer privilegierten Minderheit.

Nicht anders stellt sich für uns bei gegenwärtigem Kenntnisstand das WoHo Kreuzberg dar. Aber das Grundstück scheint bereits an die UTB verkauft zu sein, es lässt sich also keine Revision in Richtung Bauen für die Mehrheit erzielen. Wir werden sehen, was das städtebauliche Gutachten erbringen wird, das derzeit für das Haus erstellt wird.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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