Crimetime 296 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD
Im Schloss und im Hotel veredelt sich der Polizeiruf
Regisseur Hans Joachim Hildebrandt hat in den Jahren 1972 bis 1988 nicht weniger als 20 Filme der Reihe Polizeiruf 110 inszeniert, unter anderem „Ein bisschen Alibi„, den wir bereits gesichtet und rezensiert haben. Doch der Unterschied zwischen dem drei Jahre früher entstandenen, in Schwarz-Weiß gedrehten Film und „Heiße Münze“ ist deutlich wahrnehmbar, nicht nur wegen des Umstiegs auf Farbe. Unter den Filmen der Reihe, die in den ersten Jahren entstanden, könnte „Heiße Münze“ eine Sonderstellung einnehmen. Warum wir das schon nach wenigen Kritiken zur Reihe und zu Produktionen aus jener Anfangszeit vermuten, darüber schreiben wir in der -> Rezension.
Komplette Handlung (Wikipedia)
Zwei Tage vor der Eröffnung einer Münzausstellung wird nachts in ein Schlossmuseum eingebrochen. Die wertvollsten Münzen werden gestohlen, der Schaden beläuft sich auf über 200.000 Mark. Unzureichende Sicherheitsvorkehrungen haben es den Dieben leicht gemacht.
Restaurator Romer, der als Nachtwache auf einem Rundgang ist, hat vom Einbruch nichts mitbekommen. Erst der mit ihm verfeindete Museumsdirektor Illinger, der plötzlich eintrifft, bemerkt den Einbruch und verständigt sofort die Polizei. Oberleutnant Peter Fuchs und Kriminalmeister Lutz Subras übernehmen die Ermittlungen. Für die Kriminalisten wird dieser Fall zum Wettlauf mit der Zeit, denn bis zur Eröffnung der Ausstellung müssen die gestohlenen Münzen wieder im Museum sein. Für den nächsten Morgen hatte Illinger eine Abnahme der Ausstellung anberaumt. Die Münzen legte Romer ohne Absprache bereits am Vorabend in die Schaukästen, obwohl sie im Tresor bleiben sollten. Misstrauen unter den Kollegen und Eifersüchteleien der Mitarbeiterinnen erschweren die Aufklärung. Der Verdacht liegt nahe, dass ein Mitarbeiter des Museums in den Fall verstrickt ist.
Bei der Abnahme erscheinen alle Mitarbeiter, außer Romers Tochter Sabine Fechner. Diese hat die Nacht mit Kunstkeramiker Hans-Joachim Geschke im Hotel Zernitz verbracht und kommt ahnungslos am Morgen zu spät zur Arbeit. Romer behauptet, er habe ihr nichts von der Abnahme erzählt und Sabine bestätigt, nichts davon gewusst zu haben.
Für die Ermittler sind zunächst Romer und auch Illinger tatverdächtig. Romer hatte die Münzen in die Schaukästen gelegt und angeblich den Einbruch nicht bemerkt, obwohl er nachts mehrere Kontrollgänge machte. Illinger wiederum ist selbst begeisterter Numismatiker und hat für die Nacht kein Alibi. Er gab vor, direkt von einer Dienstreise noch einmal nachts im Museum vorbeigeschaut zu haben, war jedoch in Wirklichkeit vorher zu Hause. Er sei schließlich nachts aus dem Bett aufgestanden, weil ihn eine vage Unruhe erfasst habe. Daher sei er noch einmal ins Museum gefahren.
Die Ermittler befragen auch Sabine Fechner und Hans-Joachim Geschke. Beide sagen aus, die Nacht gemeinsam verbracht zu haben. Der Barkeeper Hänschen bestätigt, dass beide gegen 22 Uhr die Bar verlassen haben und aufs Zimmer gegangen sind. Weitere Punkte helfen den Ermittlern nicht weiter: Hans-Joachim Geschke hat ein loses Verhältnis zu seiner Mitarbeiterin Grit Heßler, macht Geschäfte mit antiquarischen Möbeln mit Romer, der wiederum die Beziehung von Geschke zu seiner Tochter nicht gerne sieht.
Während Peter Fuchs im Hotel Zernitz mögliche Wege aus dem Hotelzimmer ohne Kenntnis der Rezeptionisten untersucht, beschattet Lutz Subras das Haus von Romer. Hier trifft Illinger ein und Subras erhält von Fuchs den Auftrag, nur zu observieren. Dennoch betritt Subras nach langer Wartezeit die Werkstatt von Romer. In einem Kästchen findet er alte Münzen und wird kurze Zeit später von einem Unbekannten niedergeschlagen. Romer findet Subras und benachrichtigt die Polizei. Die Münzen im Kästchen hat er dort noch nie zuvor gesehen. Erst jetzt gesteht Sabine, dass ihr Vater ihr von der bevorstehenden Abnahme erzählt hatte. Möglicherweise habe sie im Hotel an der Bar davon berichtet, da sie sehr betrunken gewesen sei. Peter Fuchs weiß nun, wer der Täter ist: Hans-Joachim Geschke. Der Barkeeper hatte Geschke am Abend in den Kellerräumen des Hotels gesehen, durch die man nach außen gelangen kann. Sabine schlief ihren Rausch aus und bekam von der Abwesenheit Geschkes nichts mit. Peter Fuchs begibt sich zu Geschke, der die gestohlenen Münzen in einem Keramikgefäß versteckt hatte. Auch seine Mitarbeiterin Grit Heßler war hinter Geschkes Machenschaften gekommen und hat kurz vor der Ankunft der Ermittler das Gefäß zerschlagen. Geschke sammelt gerade die Münzen auf, als er von der Polizei verhaftet wird.
Rezension
Nicht nur der Titel des 31. .Polizeirufs wirkt irgendwie westlich. Auch der Stil ist es. Hans Joachim Hildebrandt hat hier einen wirklich famos modernen Polizeiruf gedreht. Die Farben sind satt, befördert natürlich durch die reichhaltigen, oftmals dunklen Dekors, nur die Gesichter wirken etwas blass, wie damals offenbar bei DDR-Farb-Fernsehfilmen (nicht mehr bei DEFA-Filmen) üblich. Auffällig spannungsgeladen ist die Kameraführung, es wird mit Handkamera gearbeitet, es gibt viele unterschiedliche Perspektiven zu bestaunen und schöne Wechsel zwischen Halbtotalen und Nahaufnahmen – so weit waren viele Tatorte damals noch nicht. Schon diese gute visuelle Ausstrahlung nebst den erwähnten Dekors lässt den Film hochwertig wirken. Selbstverständlich kommt ihm zugute, dass er in einem hochwertigen Hotel auf Rügen und in einem Schloss gedreht wurde, vor allem Letzteres lässt ihn zeitlos wirken.
Auch der Plot und die Dialoge sind überdurchschnittlich. Das kommt daher, weil man nicht alles glattgekämmt hat, sondern das Zwischenmenschliche konfliktreich gestaltet wurde. Selbst in Kollektiven wie dem der Museumsangestellten gibt es Kränkungen, Eifersucht, Frust und alles, was im Sozialismus eigentlich abgeschafft sein sollte. Sogar die Karriere spielt hier eine Rolle, aber die Rivalen sind beide nicht die Täter.
Wir finden das gut, obwohl eines auch diesem Film eignet, was wir nach wenigen Polizeiruf-Sichtungen aus den ersten Jahren leider als Spannungsbremse ausgemacht haben: Wo immer ein Typ auftaucht, der ein Individualist sein könnte, ist er garantiert auch der Täter. Eigentlich dürfte man dieses allzu simple Muster den Filmen nicht so durchgehen lassen und diese erkennbare Manipulation zugunsten des megamäßig angepassten Mainstreams à la Realsozialismus mit stärkerer Abwertung quittieren.
Nicht, weil Sozialismus falsch ist, aber weil seine reale Ausprägung gerade dadurch problematisch war, weil kreative und eigensinnige Menschen als charakterlich minderwertig eingestuft wurden, anstatt dass man sie so gut wie möglich eingebunden und ihre Vorzüge erkannt hätte. Aber wie auch, wenn der Eigenbrötler immer auch gleichzeitig kriminell ist, wie in diesem Fall Herr Geschke. Witzigerweise werden diese Typen aber, soweit wir es bisher beurteilen können, recht attraktiv dargestellt und von recht attraktiven Männern gespielt. Außerdem sind sie sehr manipulativ und können andere gut beeinflussen und sie sind modisch und lieben die schönen Dinge – und Frauen.
Ob man damit, dass man sie unterschwellig als Projektionsfläche für junge Menschen, die aus dem Einerlei ausbrechen möchten, angeboten hat, ob man die staatstragenden Vorgaben also absichtlich unterlaufen hat, können wir noch nicht beurteilen. Es gibt auch fiese, gewalttätige Outlaws, aber wir haben bis jetzt noch keine interessante Persönlichkeit gezeigt bekommen, die auf der guten Seite steht. Ein bisschen läuft es beim Museumsdirektor und Ausstellungsleiter Illinger darauf hinaus, weil er so schön über den ideellen Wert von alten Münzen philosophieren darf, das ist bereits mehr, als wir in anderen Polizeiruf-Filmen aus der Zeit gesehen haben.
Es ist schwierig, mit diesen von den Leitlinien der eigenen Sozialisierung abweichenden Vorstellungen umzugehen, zumal das genaue Gegenteil, die Privilegierung des Egoismus, die heute soziale Strukturen zerstört, auch nicht das Gelbe vom Ei darstellt. Vielleicht werden wir mal einen guten Mittelweg zwischen Solidarität und Selbstermächtigung, zwischen Denken für andere und fürs Ganze und Verwirklung der eigenen Wünsche und Träume erreichen, derzeit sieht es noch nicht so aus.
Allerdings ist der Unterschied zu beachten, dass viele Tatorte durchaus kritische Töne dem BRD-Zeitgeist gegenüber anschlagen und das immer noch tun, während eine ähnliche Haltung in den Polizeirufen gegenüber dem DDR-System hingegen nicht offiziell möglich war, sodass wir immer das Gefühl haben, es könnte oder müsste sogar subversiven Subtext geben, wie Künstler ihm unter der Ägide der Zensur eben häufig anlegen, weil ein allzu enges Korsett dem Kreativarbeiter prinzipiell nicht guttut. Ein Hinweis darauf könnte die Darstellung der Täter als die interessanteren Menschen sein. Auf heutigem Kenntnisstand halten wir es aber auch für möglich, dass diese Sichtweise überhaupt nicht gewünscht war und die Macher der Filme tatsächlich bloß das zeigen wollten, was am Ende immer als objektiver Tatbestand zu vermerken ist: Wie solche asozialen Elemente an ihrer Gier scheitern. Wir werden weiter sichten müssen, um zu einem klaren Bild zu gelangen.
Zu einem Todesfall kommt es nicht, aber die Beute in Höhe von 200.000 Mark Ost ist erheblich, zuletzt schrieben wir bereits bei 70.000 Mark von einer für Polizeiruf-Verhältnisse hohen Summe, als es um einen Kaufhausdiebstahl ging („Vorbestraft„). Allerdings handelt es sich in „Heiße Münzen“ nicht um Privatvermögen, sondern um Staatsbesitz. Wie der Geschke diese einmaligen Münzen hätte absetzen wollen, wird nicht erklärt, schade eigentlich, denn es deutet darauf hin, dass es doch Möglichkeiten gab, Wertgegenstände außer Landes zu hehlen und natürlich auch einen Schwarzmarkt.
Was uns auch verblüfft hat: Dass der Niederschlag eines Ermittlungsbeamten zu beobachten ist. Uns ist gerade kein Tatort aus den ersten Jahren erinnerlich, in dem ein solches Missgeschick vorkommt, die gewollten physischen Konfrontationen, in die sich Zollfahnder Kressin begeben hat, lassen wir außen vor. Heute ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass Ermittler_innen im Einsatz lädiert werden. So gesehen, ist „Heiße Münzen“ geradezu visionär. Leider sieht man auch schon etwas, was bis heute Probleme bereitet: Nicht einmal dadurch, dass man einen Cop umbringt, ändert sich wesentlich etwas, denn die Ermittlungen werden von anderen weitergeführt. Außerdem tritt hinzu, dass nach dem Mord an einem Kollegen die Motivation der anderen, den Täter zu fassen, nicht schwächer wird.
Eine weitere Tatort-ähnliche Konstruktion kommt vor allem Fuchs und Subras, den beiden Polizisten, zugute. Weil der Einbruchdiebstahl sich schon ereignet hat, bevor die Handlung einsetzt und innerhalb von fünf Minuten an die Polizei gemeldet wird, kommen die Ermittler sehr früh ins Spiel und können sich damit dem Zuschauer nahebringen. Das tun Fuchs und Subras, die hier außerordentlich sympatisch und auch ziemlich fähig wirken, wenn man davon absieht, dass Subras sich im Keller eins überziehen lässt. Zahlt halt immer noch Lehrgeld, der „Junge“. Das gute Ende hat er für sich. Während Fuchs ihn ein wenig näher kennenlernen möchte, indem er mit ihm auf ein Bier geht, bestellt Subras drei Gläser. Die echte Liebe setzt sich eben durch, auch wenn sie durch Subras‘ Einsatz in Sachen heiße Münzen erst einmal vertröstet werden musste. Dass die Ermittler mit etwas Privatem das letzte Wort haben und damit den Fall für die Zuschauer sanft auslaufen lassen, ist ja heute auch sehr häufig zu sehen.
Ermittlungen sind im Vor-DNA-Abgleich-Zeitalter immer eine Ecke schwieriger, auch wenn die Auswahl an Verdächtigen zumeist durch bestimmte Umstände stark eingeschränkt wird. In „Vorbestraft“ war es die Kenntnis über den Aufbewahrungsort eines Aufzugschlüssels, hier ist es die Tatsache, dass jemand gewusst haben muss, dass eine Art Ausstellungsprobe angesetzt ist. Davon hat Geschke Wind bekommen, weil er mit einer Angestellten des Museums liiert ist. Um ein Alibi zu haben, setzt er sie außer Gefecht, sie merkt nicht, dass er mal weg ist. Diese demnach uralte Methode ist zuletzt im Tatort „Das Nest“ exzessiv genutzt worden.
Finale
„Heiße Münze“ ist ein ungewöhnlich guter, überwiegend sauber konstruierter, gut ins Bild gesetzter und mit einigen interessanten Wendungen, Verwicklungen und Menschen ausgestatteter Film, der mit den Tatorten aus jener Zeit gut mithalten kann. Bisher der beste Polizeiruf aus den 1970ern für uns. Als wir 2011 mit der Rezension von Tatorten begannen, hatten wir ja doch einige Filme der Reihe schon zuvor gesehen, auch ältere, aber beim Polizeiruf ist das anders, da müssen wir uns wirklich vortasten. Selbst wenn die Plots mal nicht so doll sind und wir uns über die enge Ideologie manchmal ärgern, ist für Spannung gesorgt. Hier aber kommt alles aus dem Film selbst und – etwas Humor gibt es auch schon zu beobachten, er rührt ausschließlich aus kleinen, gezielt gesetzten Momenten zwischen Fuchs und Subras her. Vielleicht war es eine gute Idee, die beiden ohne die Kollegin Arndt ermitteln zu lassen, die etatmäßig mit Fuchs unterwegs war und nach dem, was wir bisher gesehen haben, immer ganz ernst und sachlich bleibt.
8/10
© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie | Hans Joachim Hildebrandt |
| Drehbuch | Hans Joachim Hildebrandt Dieter Frenzel |
| Produktion | Heinz Wennemann |
| Musik | Ciril Cibulka |
| Kamera | Walter Laaß |
| Schnitt | Bert Schultz |
| Besetzung | |
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