Blutspur – Tatort 222 / Crimetime 320 // #Tatort #Schimanski #Thanner #Blutspur #WDR #Duisburg #Tatort222

Crimetime 320 - Titelfoto © WDR, Primke

Vor Tschiller schon

„Wer glaubt, dass Till Schweiger den Tatort zu einer primitiven Ballerbude gemacht hat, soll sich mal diesen Schwachsinn ansehen. Nur Geballere und Gebrüll.“ So lautet ein Kommentar im Tatort-Fundus zu „Blutspur“. Es gibt allerdings einen Unterschied. Schweiger nimmt seine Figur Nick Tschiller erkennbar ernst, „Blutspur“ kann man hingegen nicht ernst nehmen. Dass der Film schon längere Zeit nicht mehr ausgestrahlt wurde, war uns deshalb bekannt, weil wir ihn in acht Jahren Arbeit mit der Reihe „Tatort“ nicht rezensiert haben, aber dass einige Kommentatoren in obigem Fanportal von „Giftschrankfolge“ sprechen – ist durchaus nachvollziehbar. Warum, das steht in der – > Rezension.

Handlung

Ein arabisches Killerkommando ermordet auf einem Schrottplatz in Duisburg zwei polnische Fernfahrer. Im gleichen Zuge soll offensichtlich der Expole Leczek, Schrottplatzbesitzer und Zuhälter, hingerichtet werden, doch der Anschlag mißlingt. Schimanski und Thanner, die beide Zeugen des Überfalls sind, können es nicht fassen: Das sieht aus wie Krieg. Dieser Eindruck verstärkt sich, als auf dem Boden des polnischen Lkws eine Blutlache entdeckt wird, die auf weitere Opfer schließen läßt.

Aber damit noch nicht genug – kurze Zeit später explodiert in einem Hotel ein Sprengsatz; wieder kommen zwei Männer ums Leben, einer von beiden scheint Leczek zu sein. Seine Freundin Ela ist verzweifelt und behauptet, über die Motive der Täter nichts zu wissen. Aber ohne es zu wollen führen sie und der doch wieder davongekommene – Leczek die beiden Kommissare auf die richtige Spur. Kaum zu glauben, daß es sich hier um ein Verbrechen mit „humanitärem“ Background handelt.

Rezension

Wir danken dem WDR trotzdem, dass er diesen alten Schinken ausgepackt und uns vorgesetzt hat. Ohne Zweifel ist „Blutstpur“ einer der schrecklichsten Tatorte, die wir bisher gesehen haben und das kommt daher, weil sich viele schlechte Eigenschaften zu einem  ziemlichen Desaster addieren. Schimanski ist fast immer am Überagieren, Thanner darf, Ausnahmen bestätigen die Regel, etwas ruhiger und auch genervt sein von dem Kollegen und allgemein, was sich in „Blutspur“ nicht etwa an dem vielen Blut festmacht, sondern am Schicksal seines neuen japanischen Pkws.

Mit ziemlicher Sicherheit haben die Macher beim WDR die Schimanski-Tatorte selbst als sehr progressiv empfunden. Dieses vollkommene Freidrehen aller Beteiligten war das genaue Gegenteil des zurückgenommenen Stils, mit dem der Tatort einmal gestartet war – und doch hatte der Westdeutsche Rundfunk eine Tradition im Brechen dieser Konvention, die es weiterzuführen und auszubauen galt. Mit Zollfahnder Kressin hatte man schon in den Anfangsjahren der Reihe eine Figur, die sich von allen anderen Ermittlern durch ihre coole Flapsigkeit abhob und von Kritikern gerne mal James Bond für Arme genannt wurde. Als Kressin dann durch den viel konservativeren Heinz Haferkamp ersetzt wurde, erreichte dieser hohe Beliebtheit, aber der WDR wollte wohl nach seinem Abgang wieder etwas vollkommen anderes. An Schimanski, weniger an Thanner, der als zügelnder Charakter mit Fliege einiges auszuhalten hatte, entzündeten sich die Gemüter, auch das Boulevardblatt, das vom Hamburger Kommissar Stoever gerne BLÖD-Zeitung genannt wird, mischte mit. Keiner von den Schimanski-Tatorten gilt heute als Meilenstein des Fernsehkrimis, aber für viele ist der Kommissar, der den Deutschen die wilde Pubertät zurükgeben wollte, die viele von ihnen nie hatten, eine Kultfigur und in seiner aktiven Zeit war er eine Projektionsfläche; einige wollten sein wie er, andere sahen in ihm alles, was sich an den Zeiten zum Schlechteren geändert hatte, viele erinnerten sich vielleicht zurück an jene Jahre vor dem neokonservativen Rollback der 1980er und verklärten dabei einiges.

Manche der Schimanski-Tatorte sind immer noch sehenswert, natürlich auch als Zeitdokumente, die Rückschlüsse auf die Mentalität in diesem unserem Lande zulassen, denn die Figur kam im Grunde einige Jahre zu spät, wurde aber trotzdem als provozierend empfunden. Mit ihm konnte man aber Szenen drehen, die bis dahin in der Reihe undenkbar waren, stark an amerikanische Vorbilder angelehnt und – hoffentlich – immer auch ironisch gemeint. Der Proll-Kommissar bliebt bis heute ein Unikum, auch wenn der WDR jetzt neue Grenzen auslotet, indem er den psychisch am meisten angeschlagenen Kommissar aller Zeiten munter Dienst tun und seinen Teammates auf den Zeiger gehen lässt. Auch in den Figuren Ballauf, wie er in Düsseldorf gezeigt wurde und später in Schenk, die zusammen die andauernde Köln-Ära begründeten, ist das eine oder andere Echo des Schimanski-Rollenprofils zu finden.

Wenn „Blutspur“ lediglich noch einen Tick überdrehter und unlogischer wäre als andere Duisburg-Tatorte, würden wir nicht auf die Bewertung zusteuern, die wir am Ende unter diesen Text setzen werden. Dass er auch krawalliger ist als wohl alle anderen in jener Zeit, kann man ihm fast gar nicht anlasten, weil man das auch für visionär halten könnte, schließtlich wurde in den letzten Jahren die durchschnittliche Zahl von Todesfällen pro Tatort beständig nach oben geschraubt, man kann höchstens darüber streiten, ob die sinnlose Ballerei in „Blutspur“ nicht doch eine Unterklasse für sich darstellt. Im Ganzen hätte das immer noch für eine 5/10 gereicht. Wenig in Relation zu den Punkten, die wir üblicherweise vergeben, aber noch nicht am unteren Ende der bisherigen WB-Skala.

Es gibt aber ein Problem, das weitere Abzüge bringt und das ist das Sujet, dessen man sich hier meinte annehmen zu müssen. Die damaligen Programmverantwortlichen mussten ganz hübsch sauer auf alles, was aus dem Nahen Osten kommt, gewesen sein, wenn sie ein Drehbuch freigegeben haben, das einen bestimmten Teil des Nahostkonflikts nicht etwa analysiert oder berührt, sondern exploitiert. Nicht nur, dass es kompletter Blödsinn ist, dass um Blutkonserven eine solche Terroraktivität mitten in Deutschland entsteht, es wird auch noch behauptet, es gehe hier zu wie in Beirut. Wer solche Sätze in Drehbücher schreibt, der gehört ins Zentrum von Beirut geschickt und dort als unbewaffneter zivilist dem Häuserkampf und dem Bombenterror ausgesetzt – bezogen auf die Zustände vor 30 Jahren, als der Film entstand.

Außerdem wird so getan, als kämpften dort irgendwelche unaussprechlichen Ararberstämme gegeneinander. In der Tat war die Lage oft unübersichtich und die Folgen der dortigen Auseinandersetzungen spüren wir heute durchaus, es sind nicht die Friedfertigsten und Gesetzestreuesten, die teilweise aus dem Libanon nach Deutschland kamen und sich hier wieder eine neue Sonderwelt aufgebaut haben, aber die wirkliche Frontlinie kann man so nicht simplizifizieren, der Bürgerkrieg, dessen Dauer von 1975 bis 1990 angegeben wird, ist auch ein Religionskrieg und eine Geschichte von Interventionen anderer Staaten gewesen, die eigene Interessen verfolgten, wie z. B. die PLO auszuschalten.

Fazit

Die Prostitution fehlt auch hier wieder nicht und irgendwie ist der Schlagabtausch zwischen Schimanski und Zuhälter Freddie sehenswert, weil er improvisiert wirkt, die Sprache ist so ungefiltert, das ist ganz anders als wenn heute gezielte verbale Provokationen gesetzt werden, die wesentlich theaterhafter wirken. Nachdem wir uns nochmal ein wenig mit dem politischen Hintergrund befasst haben, der hier im Grunde lächerlich gemacht wird, gehen wir nicht ganz so tief wie vorgesehen, aber es bleibt dabei, dass dieser Film zu Recht nicht mehr häufig gezeigt wird. Weil das Leben nie nur so oder nur anders ist, sind wir aber froh, das schrieben wir oben bereits, dass sie es doch mal getan haben, denn wie sollten wir die Tatort-Anthologie – so hießt beim „ersten“ Wahlberliner die heutige Beitragsrubrik „Crimetime“ vervollständigen, wenn nicht auch mal solche Filme wieder gezeigt werden. Das gilt auch für die echten Giftschrank-Folgen. Man muss zu seiner Vergangenheit stehen. Nur Mut! Außerdem sind wir überhaupt nicht eingeschlafen, wir wollten unbedingt sehen, was als Nächstes aufgetischt wird.

4/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Wenn man die Handlungsbeschreibung dieses 30 Jahre alten Films liest, der morgen Abend (18.05.2019) in einem ziemlich Aufwasch nach einem aktuellen Dortmund-Krimi und zwischen zwei zeitgenössischen Hamburg-Tatorten gesendet wird, denkt man fast, man sie im Hier und Jetzt. Wir haben noch den einen oder anderen Schimanski offen, „Blutspur“ gehört dazu, daher keine Rezension zum vorab lesen, sondern nur diese knapp gehaltene Vorschau. Warum der WDR diese Produktion, anders als etwa „Duisburg-Ruhrort“ und ähnliche prägende Werke, schon lange nicht mehr gesendet hat, könnte sich aus der Rangliste des Tatort-Fundus erschließen: „Blutspur“ gilt den dort versammelten und Noten vergebenden Fans als zweitschlechtester Film mit dem Dusiburger Pöbelkommissar. Nur „Doppelspiel“ liegt noch schlechter und beide weisen einen ziemlich großen Punkte-Abstand zur Nr. 27 der Rangliste auf. Auf dem Foto kann man schon erkennen, dass es mal wieder ziemlich zur Sache geht. Vielleicht ist Handlungslogik heute nichts mehr, aber Krawall ist nicht alles.

TH

Regie Werner Masten
Drehbuch Peter Steinbach
Produktion Wolfgang Hesse
Musik Leszek Zadlo,
Fritz Brause
Kamera Wolfgang Simon
Schnitt Michael Breining
Besetzung

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