Ihr Kinderlein kommet – Tatort 835 / Crimetime 319 // #Tatort #Köln #Leipzig #Ballauf #Keppler #Saalfeld #Schenk #Tatort835 #WDR #MDR

Crimetime 319 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Vier statt zwei an der Wurstbraterei

Dieses Mal kommt also Leipzig nach Köln, nachdem es gestern Abend umgekehrt war („Kinderland„). Das Interessante ist: Es funktioniert dieses Mal besser.

Das liegt sicher nicht daran, dass der Kölner Dom mehr Schauwert hat als der Leipziger Hauptbahnhof, sondern an der Anlage des Plots, an der Art des Zusammenspiels der drei Ermittler und der Ermittlerin und an der Dramaturgie – also wieder an der Anlage des Plots. Vielleicht haben die Leipziger ihren bisher besten Fall in Köln gelöst, aber wenn’s hilft, warum nicht? Mehr über diese Hilfe steht in der -> Rezension.

Handlung

In einem Wagen auf einem Kölner Schrottplatz werden Spuren der 15-jährigen, in Leipzig als vermisst gemeldeten Anna Römer sichergestellt. Für die Hauptkommissare Max Ballauf und Freddy Schenk liegt nahe: Es gibt einen Zusammenhang mit dem Mordfall Sarah Stellwag. Beide Mädchen waren in Leipzig verschwunden und in Köln wieder aufgetaucht.

Zur selben Zeit an unbekanntem Ort: Peter Bransky frisiert und schminkt Anna Römer – und zwar exakt nach dem Ebenbild der Mädchen-Fotos, die seinen Frisierspiegel zieren. Was hat er mit Anna vor? Und was ist mit den Mädchen auf den Fotos geschehen?

Als drei Mädchenleichen aus dem Rhein gefischt werden, erhärtet sich für die Ermittler der Verdacht, dass sie es mit einem Serientäter zu tun haben. Die Abstände, in denen er zuschlägt, werden immer kürzer. Maximal zwei bis drei Tage bleiben Ballauf und Schenk, um Anna Römer lebend zu finden. In dieser Situation erhalten sie Unterstützung von ihren Kollegen Saalfeld und Keppler aus Leipzig. Dort hatten die vier bereits im Fall der verschwundenen Mädchen gemeinsam ermittelt. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.  

Rezension

Klar, auch dieser Tatort hat eine Begründungsschwäche, was die Kommissare auf Reisen angeht, aber sie ist nicht so eklatant wie gestern und alles bewegt sich im Bereich des Dienstlichen. Besonders fix ist in Köln zudem ein SEK zusammengestellt, in der Zeit wäre in Berlin nicht mal ein Protokoll geschrieben. Und dann ist Freddy noch schneller, weil er instinktiv spürt, dass Eva gerettet werden muss. Aber der Mann wäre ja auch mit einem Schuss nicht zu töten. Überhaupt zieht das Tempo gegen Ende dermaßen an, da ist richtig was los, da merkt man, wie gut es ist, im Lauf der Zeit viele Ermittlungssynapsen gebildet zu haben, auch wenn sie in manchen Tatorten und auch zu Anfang des vorliegenden Falles überwiegend in Ruhestellung zu verharren scheinen.

Auch diese klaren psychologischen Ansagen, dieses zielsichere Profiling, das verschiedene mehr oder minder kundige Personen hier von sich geben, um dem Täter auf die Spur zu kommen, das kann man bestenfalls der dramaturgischen Verdichtung und Beschleunigung gutschreiben.

Doch dieser Howcatchem, den wir gestern schon als Grundanlage vermutet haben, ist kein schlechter, es wird sowohl für Kölner als auch für Leipziger Verhältnisse allerhand nachgedacht, ermittelt, interagiert und – am Ende begibt sich Eva Saalfeld in Gefahr und Freddy rettet sie. Das ist doch nett. Da bilden sich ganz neue Paarungen, als das übliche Ende an der Bude in Domnähe ansteht. Die beiden einsamen Wölfe Ballauf und Keppler kommen sich näher und die beiden knuffigen Sozialmenschen Freddy und Eva selbstverständlich auch.

Als anfangs Freddy Schenk (Dietmar Bär) dem Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) erklärt, wie das in Leipzig gelaufen ist und worum es überhaupt geht, da hatten wir plötzlich Angst, dass Ballauf dement geworden sein könnte. Man hört ja so viel davon. Wie kann es kommen, dass der sich an nichts mehr erinnern konnte, er war doch gestern auch dabei, hatte sogar den Vorschlag gemacht, nach Leipzig auszubüchsen und Kumpel Freddy, der ganz schön legalistisch geworden ist, auf seine älteren Tage, hatte nur mit Mühe zugestimmt.

Wir hätten uns in dem Fall, wenn man das mit der Erläuterung „was bisher geschah“ schon so hastig und wenig inspiriert machen muss, eher den guten, altmodischen Narrator gewünscht, als eine so blöde Einstiegszene.

Doch dann wurde es besser. Wir vergaßen unseren Groll darüber, dass Anna Römer (Lotte Flack) zu diesem Typ mit dem seltenen Alfa 164 ins Auto gestiegen war, obwohl sie schon in „Kinderland“ einiges durchgemacht hatte. Wir folgten der geballten Ermittlerkraft und den Spuren dieses seltsamen Fotografen Bransky (Anian Zöllner), der Frauen wie die immer gleiche Filmdiva herrichtet, um sie dann von seinem „Partner“, einem Schrottplatzarbeiter, umbringen zu lassen. Der Mann muss, als er noch kein fieser Kinderschänder war, beim Highschool-Abschlussball von einem Mädchen im roten Kleid verschmäht worden sein. So in etwa die holzschnittartige Motivation seiner Taten, die man vermuten muss, ein Therapeut erklärt den ermittelnden Kommissaren und uns das tatäschlich auch so.

Der Schrottplatzmitarbeiter hatte den Fotografen ausgerechnet bei einer Therapiesitzung kennen gelernt, bei der es darum ging, die Neigung zur Vergewaltigung minderjähriger Mädchen aus dem Schädel zu bekommen. Nicht nur, dass dies missglückt ist, nein, da haben sich auch noch zwei unselige Brüder im Geiste gefunden. Viel eineutiger kann ein Statement zur Therapierbarkeit von Sexualstraftätern nicht sein, auch wenn der eine ja die Behandlung abgebrochen hatte – dass das einfach so geht, wenn sie möglicherweise staatlich angeordnet ist, hat uns überdies gewundert. Aber man sollte wohl das Gefühl haben, es wäre auch anders nicht anders gekommen. Das ist im Grunde dieselbe Negativhaltung wie gestern gegenüber Sozialeinrichtungen wie „Kinderland“.

Vier Mädchenleichen am Rheinufer. Wir waren ehrlich schockiert, auch wenn man die Mädchen gottseidank nicht in ihren unterschiedlichen Verwesungszuständen gezeigt hat. Köln goes Wien, dachten wir spätestens, als dann auch der Schrottplatzmitarbeiter von seinem Partner im Affekt getötet wurde, da waren’s schon fünf Morde. Am Ende hatten wir echt Angst um Eva Saalfeld, die den Fotografen ja richtig provoziert hat – um Anna, die sich nebenan auf dem Bett befand, seltsamerweise weniger, obwohl doch klar ist, dass die Ermittlerin überleben muss, ein sechstes Opfer in diesem Film aber ein ganz böser Knalleffekt am Schluss wäre.

Der intellektuelle Urheber und des Mordes an Frauen ohne seinen Handlanger fürs Grobe dann glücklicherweise nicht fähige Täter wurde uns psychologisch mit überragender Treffsicherheit erklärt, über seine wirklichen Hintergründe erfahren wir vergleichsweise wenig. Dennoch war er sehr präsent und Thrill war ausreichend vorhanden. Auch der dramaturgische Aufbau in Form einer Zuspitzung zur Klimax hin war okay. Nicht ganz ruckfrei, nicht gnadenlos konsequent, aber wäre das so gewesen, hätte man auf die vielen kleinen Neckereien zwischen den Ermittlern verzichten müssen. Dafür hat man deren Privatleben ganz weggelassen und sich nur auf den Fall und die drei Kommissare und die Kommissarin, wie sie miteinander arbeiten und miteinander umgehen, konzentriert. Das hat dem Fall eindeutig gutgetan.

Im Thriller-Schema ist man schon dadurch unterwegs gewesen, dass man eine recht eindeutige Zeitvorgabe konstruiert hat: Der Täter braucht normalerweise zwischen Gefangennahme und Mord an den Mädchen etwa zehn Tage. Davon sind etwa nach der Hälte der Spielzeit sieben Tage verstrichen. Also nur noch 72 Stunden, vielleicht, mit einer gewissen Toleranz, sogar nur 48, ganz wie im richtigen Film. Auf diese Weise hat man den Fotografen als menschliche Zeitbombe inszeniert und das ist sehr geschickt gemacht. Wie schon in anderem Zusammenhang geschrieben, die Rückschlüsse, die verschiedene Personen hier beim Profiling ziehen, sind so scharf gedacht, dass die Denker schwer aufpassen müssen, dass sie sich nicht an ihrem eigenen Verstand schneiden und, weil der scharfe Verstand ja keine Alternativen zulässt, auch alternativlos dargestellt. Angesichts dessen, was sonst manchmal drehbuchmäßig aufgetischt wird, ist das insgesamt aber in Ordnung, weil sich tatsächlich alles dem Fall und der Entwicklung der Handlung unterordnet – nicht ohne Subtext, versteht sich.

Ein Thema – am Ende der Möglichkeiten? Etwas liegt uns auf der Seele. Wir ertappen uns nur sehr ungerne beim Voyeurismus, und „Ihr Kinderlein kommet“ ist einer der voyeuristischsten Tatorte, die wir bisher gesehen haben. Wie die Mädchen hier zu Objekten hergerichtet werden, das ist unangenehm und doch irgendwie faszinierend. Wir waren richtig gespannt darauf, wie Anna in dem roten Kleid ausschauen würde.

Ob so etwas geht? Wir müssen feststellen, dass man sich da, und das werden nicht alle Zuschauer erkannt haben, ganz fies in tief in uns angelegte Strukturen eingeschlichen hat. Auch deshalb  wirkt dieser Tatort so stimmig, weil man den Zuschauer zum Komplizen macht. Darauf muss er aber erstmal kommen. Da wird dieser Fotograf als besessen und alles andere als symathisch gezeigt, da spricht der deutsche Schrottarbeiter kanakisch, was beinahe komisch wirkt, da schaut man aber auch zu, wie der Fotograf versucht, das Mädchen perfekt in Szene zu setzen. Nicht nur, wer mit einer Friseurmeisterin oder Visagistin liiert ist, wird sich dem Vorgang der Metamorphose von einem einfachen Mädchen hin zu einem Objekt der Begierde und dessen Atmosphäre nicht vollkommen entziehen können und denkt für einen Moment nicht daran, dass dies alles für mehrere junge Frauen schon tödlich ausgegangen ist.

Wir hätten vermutlich in der Bewertung noch einen Tick höher gegriffen, als wir das nachher tun werden, wenn uns dieser Vorgang nicht doch noch als solcher präsent geworden wäre. Ein wenig wird die Szenerie dadurch gemildert, dass die Angst, die Anna hatte, jederzeit sichtbar bleibt und es keinen Moment so wirkt, als ob sie sich auf etwas einlassen wolle.

Wie werden Menschen mit den hier beschriebenen Neigungen auf etwas reagieren, das so ästhetisch bzw. ästhetisierend beschrieben wird? Kann so eine Darstellung sogar auslösend wirken, bei Typen, die ohnehin auf junge Mädchen scharf sind? Diese Art, einen Mädchenmörder bzw. den Anstifter eines solchen Täters zu zeigen, das hätte man sich aus wohlerwogenen Gründen vor ein paar Jahren noch nicht getraut. Natürlich gibt es Filme, die diesbezüglich noch mehr zeigen, aber das Tatortformat sollte gerade hier Grenzen wahren. Es ist mittlerweile wohl unstreitig, dass Gewalttaten bei entsprechend veranlagten Menschen auch durch Medienkonsum ausgelöst werden können.

Man kann das anders sehen, viel harmloser, aber wir haben uns entschlossen, diesen Aspekt nicht zu verschweigen. Wir meinen auch, es reicht jetzt mal, mit den vielen Morden an Mädchen und jungen Frauen in Tatorten. Natürlich, das Thema ist in den letzten Jahren durch eine nicht unerhebliche Anzahl an realen Fällen sehr in den Fokus gerückt, man es aber auch hier wieder anders ausdrücken: Es ist populär geworden.

Daran, wie man die Eltern des ersten Opfers des Fotografen-Schrottarbeiter-Teams gezeigt hat, merkt man auch, dass eine Grenze erreicht ist. Sie müssen Randfiguren bleiben, ihr Schicksal wird nur angerissen, vor allem, weil der Vater verdächtigt wurde und klar wird, dass die Kölner Krimistrategen Ballauf und Schenk seinerzeit falsch lagen – und das Verschwinden des Mädchens in der Folge nie aufgeklärt wurde.

Doch was sehen wir? Das, was wir jedesmal sehen. Erschütterte Eltern im Schnelldurchlauf, und wir haben doch das Gefühl, dass in dieser beinahe brutalen Kürze das, was in Wirklichkeit in den Angehörigen vorgeht, nicht näherungsweise rübergebracht wird. Bei allen Filmen, in denen Kinder sterben müssen, selbst bei den besten unter ihnen, fehlt uns die ernsthafte Beschäftigung mit den Zurückgebliebenen. Die kann in einem Tatort auch gar nicht stattfinden, deshalb meinen wir, das Format sollte wieder verstärkt auf Morde setzen, die vielleicht nicht so erschütternd sind, dafür aber auch nicht so mit unseren verschiedenen Gefühlen spielen und die Dimension des Leides nicht erfassen können. Viel mehr zu erzählen gibt es nicht mehr, was diese Art von Gewalttaten betrifft.

Finale

Die Gefahr der Tatort-Inflation, die wir gestern schon angesprochen hatten, greifen wir noch einmal auf. Wir freuen uns auf die neuen Tatorte, keine Frage, sonst würden wir nicht sogar darüber schreiben. Wir sind ja keine Masochisten. Aber zwei pro Woche sind wirklich über der Grenze – falls das zur Regel werden sollte. Da hilft auch nicht der Verweis darauf, dass der Euro auch immer stärker inflationär wird, ebenso die Wahlen in Bundesländern und die Politiker-Rücktritte, alles eben.

Demnächst wird noch ein Dortmund-Tatort hinzukommen. Klar, die Dortmunder werden sich freuen, ist ja auch eine große und sicher nicht uninteressante Ruhrgebiets-Stadt. Aber der heute federführende WDR mit seinen zwei Linien Köln und Münster muss ja auch diesen Tatort noch stemmen. Wird dafür die Frequenz in Köln um wenigstens eine Ausgabe pro Jahr heruntergefahren oder kommt alles noch additional? Im Osten gibt’s auch noch ein paar Städte, die vielleicht tatortfähig sind. In Thüringen sind politikseitig Bestrebungen zu vermelden, dem Bundesland auch endlich – zu Werbezwecken – einen eigenen Tatort zu verpassen, vielleicht in Erfurt oder Jena angesiedelt. Dafür wäre dann wiederum der MDR zuständig, der schon Mühe  hat, das viel größere Leipzig interessant rüberzubringen und seine aktuellen Ermittlerfiguren bundesweit zu etablieren.

Wenn sich die gegenwärtige Tendenz fortsetzt, werden die Sonntagstermine für alle neuen Polizeiruf  110-Folgen und für alle neuen Tatorte nicht mehr ausreichen. Was dann? Den Montag oder gar den Samstagabend auch noch für Erstausstrahlungen nehmen? Uns gruselt nun noch mehr als vor der zu  häufigen Darstellung von obsessiven Vorgängen in Bezug auf Frauen als Opfer vor der Daily-Tatort-Soap. Pro domo: Wir haben schließlich auch noch viele Wiederholungen zu rezensieren.

Trotzdem ist „Ihr Kinderlein kommet“ kein schlechter Tatort. Leider gibt es Abzüge für diese wunderschön manipulativen und suggestiven Gewaltästhetisierungen und präventiv für eine weitere Verkürzung der Frequenz bei der Produktion neuer Tatortfolgen. Natürlich, die Verführung ist da – sowohl, Menschen mit fragwürdigen Bildern zu faszinieren und dadurch hohe Einschaltquoten zu erzielen als auch die hohen Einschaltquoten der Tatorte immer häufiger erzielen zu wollen.

Das Konzept mit den vier Ermittlern wird sich wohl kaum durchsetzen, aber nach zwei Leipzig-Köln-Folgen meinen wir, man kann das man mal machen. Vor allem das neue Dreamteam Ballauf / Keppler hat uns heute Abend überzeugt, die beiden Mimosen entwickeln zusammen eine echt kauzige Art, aufeinander und auf die übrige Welt zu reagieren.

7,5/10

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Kommentar

2019-05-22 Tatort 835 Ihr Kinderlein kommet - Kommentar

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