Sonntagsfrage Bund: Grüne stärkste Partei, SPD-Desaster? Jedenfalls will Andrea Nahles zurücktreten // #Sonntagsfrage #AfD #CDU #CSU #DIELINKE #SPD #Grüne #FDP #Sonstige #Bundestagswahl #Civey #AKK #Seehofer #AKK #Lindner #Nahles #europa2019 #europawahl #ltwby18 #ltwhe18 #ltwhe #CDU-Vorsitz #Ungleichland #Wagenknecht #Mietenwahnsinn #Stadtvonunten #Stadtgesellschaft

Umfrage & Ergebnis 62

Den Titel unseres letzten Umfrage-Beitrags hätten wir eigentlich stehen lassen können, denn auch dieses Mal haben wir wieder drei Monate für ein Update gebraucht. 

Und selbst dieser Beitrag ist nicht routinemäßig erstellt, sondern einem besonderen Ereignis geschuldet: Dieser Umfrage von Forsa, welche die Grünen erstmals vor der Union sieht. Das ist eine Sensation, denn nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik gab es bundesweite Wahlen oder Umfragen, in denen nicht die CDU/CSU oder die SPD vorne lagen und die andere der beiden politischen Kräfte auf Platz zwei. In Umfragen hat die SPD ihren zweiten Platz schon länger an die Grünen verloren, zuletzt aber auch bei der Europawahl. Doch sind die Grünen durch ihren Erfolg bei dieser Wahl so gewaltig angesprungen, dass sie Union toppen können – oder wollte Forsa einfach mal in die Grütze hauen, eben der Sensation wegen?

Für Berlin würden wir den festgestellten Beginn einer neuen Ära ohne Weiteres unterschreiben, aber Berlin ist nicht Deutschland. In vielen Regionen ist die Union immer noch sehr fest verwurzelt und es gibt eine Vielzahl von Menschen, deren Interessen sie tatsächlich vertritt. Das im ländlichen Raum, in den Vorstädten weit verbreitete Kleinbürgertum ist mental und bezüglich seiner Agenda der Union immer noch nah. Man rechnet ihr immer noch ein langfristiges Potenzial von ca. 35 Prozent zu. Die Grünen dürften ihre Stammwählerschaft  in den letzten Jahren und auch Monaten ausgedehnt haben – sie könnte jetzt zweistellig sein. Aber der Abstand zur Forsa-Umfrage ist gewaltig. Auch bei der SPD, der man 30 Prozent Stammwähler_innen-Potenzial zurechnet.

Irgendwoher mussten die 9 Prozent Plus ja kommen, die dazu führen sollen, dass die Grünen nun so stark sind. Okay, bei der CDU ein Minus von 2, die AfD gibt offenbar auch zwei Prozent an die Grünen ab, schau her – und DIE LINKE natürlich ein wenig. Aber die SPD mit einem Minus von 5 Prozent, was ja derzeit fast ein Drittel der vorherigen Säule darstellt? Es war doch eher die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, die zuletzt für negative Schlagzeilen gesorgt hat, wie insgesamt die Union auch das Rezo-Video viel wütender kommentiert hat als die SPD, die ebenfalls angesprochen wurde. Die Union hat damit bewiesen, dass sie keinen Zugriff mehr auf den Zeitgeist hat.

Nun ist seit heute klar, dass Andrea Nahles, die SPD-Vorsitzende, zurücktreten wird, auch von ihrem Amt als Fraktionschefin. Ganz offen geschrieben: Wir sind zwar wirklich keine Fans von ihr, aber wir wollen hoffen, dass nicht diese Umfrage dazu beigetragen hat. Ob diese Werte realistisch sind oder nicht, so sehr darf man sich nicht von einem einzelnen Wert, der keine realen Auswirkungen hat, beeinflussen lassen.

Was tun wir immer, wenn wir an Meinungsforschungsergebnissen zweifeln? Wir machen den Civey-Gegencheck – wir verwenden Civey aber ohnehin als Basis für die Ermittlung der politischen Stimmung in Deutschland und in Berlin mit der jeweiligen Sonntagsfrage. Ach ja, heute ist sogar Sonntag, also ziehen wir uns die aktuellsten Zahlen, was jederzeit möglich ist. Hier kann man bei Civey zur Sonntagsfrage seine Meinung abgeben. Dieses „Modul“ reagiert etwas langsamer auf Trends, dafür ist es durch einen sehr großen Pool an Teilnehmern abgesichert.

2019-06-02 Sonntagsfrage Bund Civey

Entweder korrigiert sich Civey  in den nächsten Tagen sehr stark, was ziemlich künstlich wirken würde – oder wir müssen festhalten, dass in Wirklichkeit lediglich der Zustand vom letzten Herbst wieder erreicht ist: Die GroKo liegt bei 43 Prozent Zustimmung oder Wahlabsicht, eine alternative Regierung 2RG ebenfalls, Jamaika kommt stabil auf 56 Prozent, wie schon bei unserer Auswertung vom 1. November 2018.

Was man klar sehen kann: Der Neue-Vorsitzende-Effekt, der die Union zwischenzeitlich doch mal wieder über 30 Prozent brachte, ist verpufft, die SPD-Erholung der ersten Monate des Jahres 2019 ebenfalls. Die Grünen sind wieder bei 20 Prozent, wie schon am 29.11.2018, der Trend läuft erneut zu ihren Gunsten, das passt zur allgemeinen Wahrnehmung des politischen Geschehens.

Die AfD fällt weiter leicht zurück, ebenso verliert DIE LINKE seit dem Herbst etwa 2 Prozent. Beides Entwicklungen, die wir als nachvollziehbar identifizieren. Bezüglich der LINKEN glauben wir sogar, dass 8,4 Prozent die Lage eher beschönigen – und wunderten uns schon vor der Europawahl, bei der sie abgestraft wurde (-1,9 Prozent, von 7,4 auf 5,5), dass sich durch Sahra Wagenknechts Absägung so wenig verändern sollte. Die Wahlen haben gezeigt, wie tief der Riss in der LINKEN tatsächlich ist.

Aber warum sollte die SPD plötzlich nur noch auf 12 Prozent kommen, wie Forsa es ausweist? Da war in den letzten Wochen kein Großereignis, das einen solchen Erdrutsch hätte auslösen können. Die furchtbaren 15 Prozent bei der Europawahl müssten unter Traditionsgenoss_innen jetzt eher einen – leichten – Gegeneffekt auslösen: Rettet unsere alte Tante SPD! Steht zusammen!

Wogegen wir uns stellen: Dass durch Manipulationen Politik gemacht wird. Gnadenstoß für eine angeschlagene Partei oder wenigstens für die Parteivorsitzende per Umfrage-Mobbing?

Wenn viele Befragte bei Forsa ihrer Enttäuschung über die SPD Ausdruck gegeben haben, müsste man etwas wie einen Korrektur-Algorithmus anwenden, damit nicht möglicherweise reale Konsequenzen aus momentanen Stimmungsausschlägen resultieren. Civey gewichtet ohnehin die einlaufenden Votings, weil dort bekannt ist, dass z. B. Anhänger kleinerer Parteien wie der AfD häufiger bei den Umfragen mitmachen als solche der Union. Diesen Unterschied zwischen „Rohdaten“ und „repräsentativen Daten“ gibt es bei den anderen Meinungsforschern in dieser stark korrigierenden Form nicht, weil diese behaupten, dass die für die Telefonbefragung Ausgewählten ohnehin repräsentativ sind und dass 1000 bis 2000 Personen vollkommen ausreichen, um diese Repräsentativität sicherzustellen. Zum Vergleich: In die aktuelle Civey-Wertung gehen 9,2 Millionen Stimmen ein.

Für uns ebenfalls eine Entwicklung, die keine größeren Fragen aufwirft: Dass die „Sonstigen“ zulegen. Das war bei der Europawahl schon ein wichtiger Trend und unter den „Sonstigen“ sticht vermutlich DIE PARTEI heraus, der im Moment viele traditionelle Wähler der LINKEn ihre Zuneigung schenken dürften.

Abschließend: Wir glauben nicht, dass die Grünen schon an der Union vorbeiziehen würden, wenn heute Bundestagswahl wäre, wenn sie das vorige Woche nicht geschafft haben, obwohl bei Europawahlen gerne mal etwas freier und experimenteller abgestimmt wird, etwas weiter von den Grundsatzüberzeugungen weg als bei einer Bundestagswahl, die von den meisten noch immer als wichtigster Urnengang erachtet wird – indiziert durch die höchste Beteiligungsquote aller allgemeinen Wahlen. Wir glauben auch nicht, dass die SPD bei einer Wahl heute bei 12 Prozent herauskämen. Stolze 15 sind das, was sie derzeit nach unserem Gefühl drauf  hat. Jetzt hat sich Willy Brandt doch im Grab umgedreht.

Jetzt hängen wir noch ein Update dran, weil Civey gerade in einer Sonderumfrage ermitteln will, ob die Menschen glauben, dass die Union bei der nächsten Bundestagswahl von den Grünen überholt werden könnte. Die nächste Wahl ist erst im Herbst 2021. Das aktuelle Ergebnis: Ja oder eher ja sagen 33,1 Prozent, nein oder eher nein 54,2 prozent, 12,7 Prozent sind unschlüssig. Zu diesen 12,7 Prozent haben wir uns auch gesellt, denn wer will heute schon wissen, was 2021 ist, die Dinge sind sehr in Bewegung. Das Ergebnis stärkt aber unsere Beobachtung. Die meisten der Abstimmenden werden bei dieser Sonderauswertung von ihrem aktuellen Stand der Erkenntnis ausgegangen sein und glauben eher nicht, dass die Grünen schon vorne sind.

Das ist übrigens eine sehr geschickte Art, Forsa zu kritisieren bzw. deren Ergebnisse zu hinterfragen, die Civey hier angeht, ohne die Konkurrenz direkt zu erwähnen.

TH

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