Viva Zapata! (USA 1952) #Filmfest 28 DGR

Filmfest 28 - Die große Rezension
2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

Wir müssen nicht springen, um den Filmreigen fortzuführen.

Ein Jahr weiterschlendern reicht aus und wir erreichen, von der Endstation Sehnsucht kommend, aus New Orleans, nun mexikanisches Territorium.

Zum Glück hatte noch niemand die Absicht, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu errichten, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts südlich des Rio Grande der Revolutionszustand herrschte und als Emiliano Zapata einer ihrer Protagonisten war.

Nachdem Marlon Brando und Elia Kazan den großen Erfolg mit „A Streetcar Named Desire“ (4 Oscars) gefeiert hatten, war es naheliegend, beim nächsten wichtigen Projekt wieder zusammenzuarbeiten. Also spielte Brando den Zapata und Elia Kazan führte Regie. Hinzu kam Anthony Quinn, der tatsächlich Halbmexikaner war und der Ansicht, er wäre der bessere Emiliano gewesen, musste sich aber, nachdem man die Rolle in einem Wette-Weitpinkeln austragen wollte, doch mit der Rolle als dessen Bruder zufriedengeben, und der hat einen unguten Einfluss auf den Lauf der Dinge. Sein Darsteller hielt sich schadlos, indem er den Oscar als bester Nebendarsteller gewann.

Handlung ( Wikipedia)

1909 verlangen Bauern und Landarbeiter vom mexikanischen Präsidenten Diaz die Rückgabe ihrer Ländereien. Die Bauern werden gewaltsam von den Feldern vertrieben. Emiliano Zapata flieht mit seinem Bruder Eufemio in die Berge. Dort erreicht ihn eine Botschaft, Madero wolle, zusammen mit Zapata und Pancho Villa, Diaz stürzen. Nach kurzer Zeit schon wird Zapata gefangen genommen. Bauern, Indios und Landarbeiter können ihn aber freipressen.

Schließlich dankt Diaz ab, nun kann Zapata seine geliebte Josefa heiraten. Doch Diaz‘ Nachfolger Madero ist schwach und auf General Huertas Hilfe angewiesen, der die Bauern erneut vertreiben will. Wieder entbrennt Widerstand, bei dem Zapata sogar seinen Freund Pablo erschießt, weil der Kontakt zum Präsidenten Madero aufgenommen hat, um zu vermitteln. Der Einfluss seines Gefährten Fernando wird stärker. Nachdem Madero gestürzt ist, zieht Zapata in Mexiko-Stadt ein. Als eine Abordnung Bauern sich über die Korruption seines Bruders in seiner Heimat beschwert, behandelt er diese so, wie er seinerzeit von Diaz behandelt worden war. Zapata ist von sich entsetzt und kehrt zu seinen Wurzeln zurück.

Er stoppt seinen Bruder, der sich von ihm abwendet. Zu Hause lehrt er den Bauern die Wichtigkeit, dass sie sich selber organisieren anstatt auf einen Retter zu hoffen. Er fällt 1919 einem hinterhältigen Attentat zum Opfer und wird zu einer Legende.

Legenden der Leidenschaft

1951 hatten Regisseur Elia Kazan und Jungstar Marlon Brando bei“A Streetcar Namend Desire“ („Endstation Sehnsucht“) erstmalig zusammengearbeitet und einen epochalen Film geschaffen. Das Werk gewann vier Oscars, einer davon ging an Marlon Brando für seine Darstellung des Stan Kowalski und weit über die 50er Jahre hinaus reichten die Einflüsse des Films.

Method Acting und die Verfilmung von Stücken bekannter Bühnenautoren begannen mit dem „Streetcar“ ihren Siegeszug in Hollywood und brachten unzweifelhaft eine neue Qualität in Filme, die mehr sein wollten als reine Unterhaltung. Elia Kazan erreichte mit „East of Eden“ („Jenseits von Eden„) im Jahr 1955 den Höhepunkt seines Schaffens, Marlon Brando wurde zu einem der größten Stars des 20. Jahrhunderts, der unter anderem dem Paten Don Vito Corleone im Jahr 1972 ein unverwechselbares Gesicht gab und dafür seinen zweiten Oscar als Hauptdarsteller gewann.

Das heute legendäre Team drehte im Jahr nach der Tennessee-Williams-Adaption einen ganz anderen Film, der sich an eine Figur heranwagte, die schon damals eine Legende war: Emiliano Zapata, neben Pancho Villa der Held der mexikanischen Revolution von 1910-1911. Sein Name lebt in Mexiko bis heute fort und steht für den Ruf nach Gerechtigkeit und den Schutz der Armen gegen die Gier der Reichen. Bauern und Arbeiter gegen Großgrundbesitzer und Großbürger. Entlang dieser traditionellen Scheidelinie der Klassen waren die Fronten der mexikanischen Revolution angelegt, die als sozialistisch einzuordnen ist, soweit es die Motive und die Personen von Emilio Zapata und Pancho Villa betrifft.

Aus dem Leben des einfachen Bauern, der mehr oder weniger in die Rolle des Revolutionsführers, des Generals und sogar des Präsidenten gedrängt wurde, macht Elia Kazan einen ungeheuer dichten und faszinierend reichen Film und, das haben Filmkritiker schon mehrfach beschrieben – eine klassische Tragödie vom Aufstieg und vom Fall des Titelhelden. Die hoch suggestiven, in der vom RBB gestern gezeigten Fassung qualitativ erstklassigen Schwarz-Weiß-Bilder und die Darstellungskunst von Marlon Brando und Anthony Quinn, der einen Oscar als bester Nebendarsteller für seine Rolle als Zapatas Bruder Emfirio erhielt, lassen „Viva Zapata!“ noch heute inspiriert und frisch wirken. Auf die Rollen werden wir in der Rezension gesondert eingehen.

Brando vs. Quinn

Nach der Legende von der Produktion des Films war Anthony Quinn überzeugt, der besser geeignete Schauspieler für die Figur des Revolutionsführers Zapata zu sein, musste sich aber mit der Rolle als dessen Bruder begnügen – wofür er immerhin seinen ersten Oscar erhielt (1956 gab es den zweiten Nebenrollen-Oscar als Paul Gauguin in „Lust for Life“ an der Seite von Kirk Douglas, der Vincent van Gogh porträtierte). Auch Brando wurde für einen Oscar nominiert – als Hauptdarsteller – und verlor in der Endausscheidung gegen Gary Cooper als Sheriff Will Kane in „High Noon“.

Quinn, mit irischer Mutter und mexikanischem Vater und in Mexiko geboren, wäre ohne Zweifel die echtere Besetzung gewesen, aber darum geht es oft im Film nicht, und es hätte alles auch anders kommen können: Wenn man die Hauptrolle nicht an den mit jungem Ruhm, aber noch nicht mit Etablierung gesegneten Brando gegeben hätte, sondern an Tyrone Power („Blood and Sand“), der ebenfalls im Gespräch war. Mit ihm in der Titelrolle hätte Emilio Zapata wohl einen ziemlich romantischen Einschlag bekommen, während Brando den Revolutionär zwar nach der neuen Mode der 1950er Jahre etwas over the top, aber auch mit großer innerer Spannkraft verkörperte. Wie er sich von einem einfachen Mann zu einem Herrscher entwickelt, dabei Ziele und Mitstreiter verrät, wie er schlussendlich noch einmal zu sich selbst findet und im Tod verklärt wird, das ist eine der besonderen Schauspielleistungen dieses an großen Schauspielleistungen reichen Jahrzehnts.

Während Bruder Eufemio (Quinn) sich weiter von der Revolution entfernt, seinen mühsamen Aufstieg im Schatten des Bruders mit einem guten Leben krönen will, woraufhin dieser ihn erschießt, steigt Emiliano wie ein Komet empor – eine schöne Parallele zu der Art, wie sich die beiden Schauspieler auf unterschiedliche Art in der ersten Liga von Hollywood etabliert hatten. Brando mit nur einem einzigen Film, Quinn musste unzählige kleinere Rollen in kleineren Filmen spielen, bis er in den 50ern einer der Großen wurde.

Idealismus vs. Realität

Elia Kazan beschönigt nicht grundsätzlich die Zustände im vorrevolutionären Mexiko, wo eine kleine Gilde von Obristen und Großbürgern im Verein mit dem nördlichen Nachbarn USA das Land aufgeteilt hatte. Das war eine Epoche, in der die Armen immer ärmer wurden und die Bauern landlos. Den genannten Einfluss der USA sieht man im Film aber nicht, aus naheliegenden Gründen: Zum einen, weil 1952 der Antikommunismus der McCarthy-Ära gerade seinen Höhepunkt erreichte und Elia Kazan sicher nicht die Absicht hatte, wegen eines allzu linkslastigen und US-kritischen Films ins Visier zu geraten, zum anderen, weil die Skepsis gegenüber den Zielen der Revolution seiner Haltung entsprach. Kazan war keineswegs von sozialistischen Revolutionen überzeugt, das zeigt die Tendenz des Films recht klar auf.

John Steinbeck, der die Depressionszeit in „Grapes of Wrath“ verewigt hatte, kannte sich in sozialen Belangen aus und wusste sie mit hervorragenden Figuren zu verknüpfen – das tat er auch im Drehbuch für „Viva Zapata!“ und opferte dafür einiges an historischer Genauigkeit. Er ordnete sich aber Kazan unter, der den Idealismus der revolutionären Anfänge hinterfragte.

Natürlich hatte der Film ein deutliches Auge auf die Verhältnisse im kalten Krieg und schielte immer auch auf Russland bzw. die Sowjetunion – und die mexikanische Revolution ähnelt darin, wie sie in diesem Film abläuft und darin, welche Zustände sie hervorbringt und wie sich die prägenden Charaktere entwickeln, nicht von ungefähr dem Verlauf der russischen Revolutionen von 1905 und 1917 und dem, was danach kam, der grausamen Willkürherrschaft Stalins.

Die Kernaussage ist: Was idealistisch beginnt, wird korrumpiert und endet darin, dass die alten Herrscher durch neue ersetzt werden, die sich ähnlich verhalten wie die vorherigen, weil Macht nun einmal das Schlechte im Menschen hervorbringt (im Gegensatz zum Filme machen, also der Kunst). Es wird sich demnch immer eine Machtelite herausschälen, welche sich auf die Armee stützt und das Land ausbeutet, wenn Revolution der Hintergrund einer Veränderung ist.

Sinnbildlich wird das an den beiden Spiegelszenen, in denen Zapata als junger Mann dem damaligen Präsidenten Porfirio Diaz gegenübertritt und die Forderungen der Bauern vertritt. Diaz kreist den Namen des Mannes auf einer Liste ein, die ihm vorliegt und kennzeichnet ihn damit als Staatsfeind. Weniger als  zehn Jahre später stehen die Bauern vor Zapata, der nun Präsident ist, und fordern, dass die ihnen versprochene Gerechtigkeit umgehend eingelöst wird. Ein Mann namens Hernandez tritt dabei am stärksten auf – und Zapata kreist seinen Namen auf einer Liste ein. In dem Moment merkt er, wie er genau so geworden ist wie der von ihm verhasste Diaz – und zerreißt die Liste, geht mit den Leuten, mit Hernandez und den anderen, nach draußen und kämpft wieder gegen die Unterdrückung. Damit ist er aber ein Ausnahmefall und kann vor allem seiner Mitte nicht vom Stuhl der Macht aus, sondern nur als reaktivierter Frontkämpfer näherkommen.

Diese Szenen sind etwas sehr didaktisch und überdeutlich herausgearbeitet, aber sie transportieren die Botschaft deshalb in aller Klarheit. Nach Elia Kazan und auch seinem Drehbuchautor hingegen verhindert nur die echte Demokratie mit frei gewählten Volksvertretern, dass die Dinge sich immer wieder  zum Negativen wenden. Weil Macht legitimiert und von einem starken Volk, von freien Bürgern kontrolliert werden muss. Das Vorbild dafür, wie man den richtigen Weg geht und wie sich Wohlstand für alle in einem solchermaßen freien Land entwickeln kann, waren für Kazan unzweifelhaft die USA, die ihm alle Möglichkeiten gaben, mit seinem Beruf und seiner Berufung sehr erfolgreich zu sein. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man diesen Optimismus durchaus haben, ohne für naiv gehalten zu werden.

Aus heutiger Perspektive und auch aus der als Beobachter der damals aktuellen, späten Stalin-Zeit hat Kazan recht, wenn man den Realsozialismus hernimmt, den er in seinem Film ansprach, ohne ihn zu nennen oder sich auf ihn zu beziehen – und welcher sich ad absurdum geführt hat. Dass aber die Demokratie westlicher Prägung die endgültige Lösung ist, scheint heute nicht mehr so sicher wie in den 1950ern oder noch vor zwanzig Jahren, als die ehemals sozialistischen Länder sich transformierten und die Sowjetunion aufgelöst wurde. Dass eine vorgebliche Freiheit im Kapitalismus trügerisch sein kann, vor allem aus ökonomischer Sicht, ist eine Erkenntnis, die jenseits dessen liegt, was 1910 oder 1950 und in einem Film über eine Revolution dargestellt werden konnte.

Trotzdem hegen Kazan und Steinbeck unverkennbar Sympathie für Zapata als Charakter und dessen heroisch-simple Anschauung von der Gerechtigkeit. Er ist ein tragischer Held, der zugrunde geht, weil er sich – in diesem Fall mit einem Umweg über das Präsidentenamt – für die gerechte Sache entscheidet und mit ihr und an denen, die ihn verraten, zugrunde geht.

Die Konzentration auf die Charaktere

Interessant ist, dass die Charaktere von Emiliano Zapata und seines Bruders Eufemio von Brando und Quinn als sehr überzeugend dargestellt gelten, obwohl die Interaktion der beiden mit der Landbevölkerung, welche sie vertreten und zu der sie gehören, eher sparsam eingestreut ist, ebenso wie es recht wenige Kampfszenen gibt. Der innere Konflikt dominiert und beherrscht vor allem die Figur des Emiliano. Warum gerade er eine so hervorragende Rolle in der mexikanischen Revolution von 1911 spielt, wird hier nicht anhand seiner militärischen Erfolge deutlich, sondern anhand seines Charismas. Für Freunde von Filmen, die sich über militärische Erfolgsstrategien auslassen und für Menschen, die etwas darüber lernen wollen, ob die mexikanischen Revolutionäre eher offen oder eher nach Guerillataktik gegen die reguläre Armee der Diktatoren gekämpft haben, ist „Viva Zapata!“ nicht besonders ergiebig.

Die Resultate der Ereignisse stehen im Mittelpunkt, die Auswirkungen auf die handelnden Personen, nicht etwa die Fakten selbst. So wird zum Beispiel einige Zeit darauf verwendet darzustellen, wie Zapata sich erst sehr bemüht, seine Frau Josefa für sich zu gewinnen und wie er das auch schafft, begünstigt durch die Umstände seines Aufstieges – und am Ende hört er nicht auf ihre düsteren Vorahnungen, obwohl er sie vielleicht sogar teilt. Er geht seinen Weg, weil seine innere Disposition es ihm gebietet. In diesem Fall musste das Ereignis als solches in einer dramatischen Erschießungszene aus hunderten von Gewehren auf offenem Platz gezeigt werden, weil es symbolisch ist und mit dem Mythos der unbesiegbaren Auferstehung verknüpft wurde. Dafür steht das weiße Pferd, das er einst einem Jungen gegeben hatte und das er nach langer Zeit wiedertrifft – und dessen Fortleben den Mythos vom niemals besiegten Zapata, der in den hohen Bergen lebt, mitbegründet.

Es ist eine patriarchalische und archaische Welt, in der sich das alles abspielt, dies wird einer der Gründe sein, warum Frauen den Film gemäß IMDb-Quorum nicht so gerne mögen wie Männer. Vielleicht, weil sie zu pragmatisch sind und als Gefährtinnen von Prinzipienreitern wie Emiliano Zapata nur die leidende Rolle einnehmen können. Von der großen Bewunderung, die solchen Führern, gerade wenn sie lateinamerikanischer Provenienz sind, seitens Frauen nicht selten zuteil wird (markante Beispiele jüngerer Geschichte sind Fidel Castro und Che Guevara), spürt man im Film relativ wenig.

Ein ungewöhnliches Ensemble und eine neue Ära in Hollywood

Auch die größte Ansammlung von Talenten garantiert nicht für einen Selbstläufer, doch dem Team Kazan, Steinbeck, Alex North (Musik), Brando und Quinn gelingt hier Außergewöhnliches, was die künstlerische Geschlossenheit des Filmes angeht. Er ist kein typischer Hollywoodfilm jener Jahre, in manchen Momenten erinnert er auch an die allerdings weniger anspruchsvollen mexikanischen Filme der Zeit mit Stars wie María FélixCantinflasDolores del RíoJorge Negrete und Pedro Infante.

Aber es gibt noch eine andere Verbindungslinie, die wir als stärker ansehen: 1951 hatte der berühmte surrealistische Künstler Luis Buñuel den Preis als bester Regisseur bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen und heute spricht man von diesen Jahren, in denen auch „Viva Zapata!“ entstand, als vom goldenen Zeitalter des mexikanischen Films, das Buñuel künstlerisch maßgeblich beeinflusste.

Die Bildgestaltung von „Viva Zapata!“, den man mittlerweile als Revolutionsklassiker bezeichnen muss, ist nicht surrealistisch im Buñuelschen Sinn, wenn man seine Frühswerke denkt. In seiner mexikanischen Phase hat er sich diesbezüglich selbst zurückgenommen, um den kommerziellen Erfolg seiner Arbeit nicht zu sehr zu gefährden – aber sie trägt deutlicher expressionistische Züge als viele Filme der bis dahin auf diesem Gebiet führenden Filme der schwarzen Serie, die in den USA gedreht wurden. Subjektive Kameraeinstellungen mit ungewöhnlichen Perspektiven und Aufnahmewinkel von Figuren, in denen gewaltige Sombreros eine wichtige Rolle spielen und große Bildausschnitte besetzen, die Dynamik der Massen- und Gruppenszenen, die gemäldeartig gestaltet sind, geben dem Film optischen Reiz. Hinzu tritt aktuell die Brillanz der Kontraste und der vielen Graustufen, die stabile Belichtung und die Abwesenheit von Kratzspuren, die auf eine restaurierte oder  zumindest digital überarbeitete Version der gezeigten Kopie schließen lässt.

Dieses hochwertige Schwarz-Weiß-Kino unterstützt den Eindruck, dass hier ein ambitioniertes Gesamtkunstwerk entstehen sollte. Hinreichend Lokalkolorit kommt nicht nur durch die Person von Anthony Quinn und den vielen Mexikanern in kleinen Rollen zustande, sondern auch durch die sparsam eingesetzte, aber schön zwischen klassischem Hollywood und mexikanischen Rhythmen angesiedelte Musik von Alex North, die ebenfalls für einen Oscar nominiert war. Selbst Marlon Brando hat viel fürs mexikanische Flair des Films getan, auch wenn nicht zu verbergen ist, dass einiges an seinem Aussehen zurechtmaskiert werden musste, um ihn wie den wirklichen Emiliano Zapata aussehen zu lassen.

Nach einigen Quellen hat er mehrere Wochen in einem mexikanischen Dorf zugebracht, um das Verhalten der Einwohner zu studieren, bevor der Film gedreht wurde. Es würde zu ihm und der neuen Generation von gelernten Schauspielern in Hollywood passen, die ihre Rollen ganzheitlich auffassten und denen es nicht mehr genügte, mehr oder weniger sich selbst in unterschiedlichen Verkleidungen und Settings zu spielen.

Die Actors Studio-Generation befasste sich demnach sehr intensiv mit den Figuren, die verkörpert werden sollten und in denen man unter Aufgabe des eigenen Wesens aufzugehen hatte. Brando war einer der Vorreiter und markantesten Vertreter dieser neuen Generation, zu der auch James Dean und Paul Newman zählten. Die Sorgfalt und Ernsthaftigkeit dokumentierte sich auch darin, dass Marlon Brando selten mehr als einen Film pro Jahr drehte und viele Rollen ausschlug, um sich auf wenige Angebote zu konzentrieren. Und welches Angebot konnte im Jahr 1952 größer sein, als noch einmal mit Elia Kazan zusammenzuarbeiten, nach dem bahnbrechenden Erfolg von „A Streetcar Namend Desire“, dazu mit dem Nobelpreisträger John Steinbeck und mit diesen beiden Größen sowie dem besten mexikanischen Schauspieler in Hollywood, Anthony Quinn? Dass der Stoff diesem kritischen Geist auf Anhieb zusagte, dürfte ebenfalls keine Frage sein.

Grundfragen und Symbole

Wie bleibt man sich treu, wenn man plötzlich Macht und Einfluss hat? Wie bewahrt man dennoch seine Ideale? Wie stellt man Leidenschaft dar, ohne opernhaft zu übertreiben, wie generiert man eine stille, unterschwellige Kraft, Beharrlichkeit, Ausdauer, wie überprüft man sich instinktiv, nicht intellekuell, in jeder Rolle, die man im Leben spielt? Keine Frage, dass „Viva Zapata!“ über seine Thematik hinausweist, weil ihm seine Macher so viel mitgeben konnten. Anstatt übertriebener Schauwerte zeigt er bei Zapata eine beeindruckende Unbeugsamkeit, die sich dennoch hinterfragt; bei seinen Gefährten hingegen jene selbstverständliche, geradezu existenzialistische Kampfbereitschaft, welche Menchen eigen ist, die nichts zu verlieren haben, weil  man ihnen alles genommen hat oder weil sie niemals etwas besaßen. Sie fürchten den Tod nach einem freudlosen Leben nicht und wagen alles für ein besseres Leben.

Großartig dargestellt ist der Zusammenschluss in der Szene, die mit dem „Gathering Forces“-Thema von Alex North in einem insgesamt für damalige Verhältnisse sparsamen, modern klingenden Score unterlegt ist: Der junge Zapata wird abgeführt von Polizisten des Regimes, aber aus der Umgebung kommen immer mehr Menschen zusammen, die sich diesem Zug anschließen, die Polizisten umringen und durch ihre bloße Präsenz bewirken, dass Zapata freikommt. Eine fürwahr mächtige, revolutionäre Szene. Wir wählen sie zur stärksten des Films, weil diese Dokumentaton menschlichen Willens uns heute noch näher ist als  zum Beispiel die ebenfalls starke Schluss-Symbolik des weißen Pferdes, das seinen Besitzer überlebt.

Kritikpunkte

Selbstverständlich wurde der Film für US-amerikanisches Publikum gedreht, zumindest in erster Linie. Für ein aufgewecktes Nachkriegspublikum, das sich sozialen Themen aus gesicherter Position zuzuwenden begann, weil es ihm selbst in der Regel gut ging, aber gleichwohl unter der Ägide der McCarthy-Antikommunismus-Hysterie, die wohl eher regierungsseitig ausgelöst worden war, als dass sie einer Grundstimmung in der Bevölkerung entsprochen hätte.

Die beschriebene Stellung, die Kazan gegenüber revolutionärer Haltung einnimmt, ist definiert, das macht sie ehrenwert. Sie ist aber auch ein wenig einseitig. Korrumpierung durch Macht oder Idealismus, der aus intelligenter Einfalt resultiert, kann man nicht gegenüberstellen, auch die Manipulation schlauer und getriebener Verräter, wie sie hier durch die Figur des intellektuellen Unruhestifters Fernando (John Wiseman) repräsentiert werden, der am Ende seinen langjährigen Gefährten Zapata in eine Falle lockt, sind keine automatischen Bestandteile einer Revolution und deren Weiterentwicklung. Ohne einschneidende Ereignisse entsteht meist kein Fortschritt, die evolutionäre Variante hat selten zu einem Aufbrechen der zementierten schlechten Verhältnisse geführt und der Realsozialismus in seinen negativen Ausformungen ist nicht zwangsläufiges Ergebnis revolutionärer Tätigkeit.

Die eher an den eigenen Interessen orientierte Politik der USA gegenüber Mexiko haben wir bereits erwähnt. Der langjährige Präsident Porfirio Diaz hatte Stabilität und ökonomischen Fortschritt auch damit erkauft, dass er den USA jenes Land öffnete, das sich zuvor aufgrund historischer Rivalität nicht sehr mit dem nördlichen Nachbarn anfreunden konnte – die Geschichte von Texas lässt grüßen. Eine zwiespältige Haltung der Länder zueinander existiert noch heute. Ein anderer Punkt ist, dass die katholische Kirche in Mexiko eine sehr konservative und großbürgerfreundliche Stellung einnahm und selbst große Ländereien besaß, mithin natürlicherweise auf der Seite der Besitzenden stand, und nicht etwa auf jener der zumeist tief gläubigen Bevölkerung, die sich entsprechend schwer tat, etwas gegen die klerikal abgesegneten Verhältnisse zu unternehmen. Eine Filmversion der linken 1970er Jahre hätte hier vielleicht mehr vom Ganzen gezeigt und die historischen Zusammenhänge stärker beleuchtet. Eine heutige denken wir uns lieber nicht; die Gefahr, dass ein wichtiger Teil amerikanischer Geschichte in Popcorn-Actionkino hineinbanalisiert würde, wäre sehr hoch.

Finale

„Viva Zapata!“ ist großes Schauspielerkino und dabei in etwa so genau, wie Hollywood historische Zusammenhänge in den frühen 50ern zeigen konnte. Man kann auch sagen, der Film zeigt das Maximum dessen, was damals und besonders innerhalb des Studiosystems möglich war und man muss dem vergleichsweise progressiven Studio 20th Century Fox unter seinem Leiter Darryl Zanuck dankbar sein, dass es den beteiligten Künstlern ein für die Verhältnisse der Zeit erhebliches Maß an Freiraum ließ. Wäre der Film bei Paramount oder MGM entstanden, hätten die Studiobosse vermutlich stärkeren Einfluss auf das Ergebnis genommen und dieses wäre konservativer ausgefallen. Es wäre, falls der Stoff überhaupt in die Hand genommen worden wäre, eher ein Historienschinken herausgekommen – gefühlt 20 Jahre älter als das, was wir hier rezensieren.

So aber ist „Viva Zapata!“ auch ein Stück Autorenkino, mit einer ganz starken Handschrift von Elia Kazan und seiner Schauspielerführung; der Kameraarbeit und des Drehbuchs von Steinbeck, der es verstand, aus der epischen Anlage seiner Romane herauszutreten und genau die Vereinfachung zu erzielen, derer es bedurfte, um den Film fürs damalige Publikum verständlich und akzeptabel zu machen. Der Film hat Kraft und Leidenschaft und ein beseeltes Team hat ihn zustande gebracht. Das ist etwas Bleibendes, das inspirierte Werke von anderen unterscheidet, unabhängig von den Verhältnissen, unter denen sie entstanden sind.

Dass es dabei zu einigen Vergröberungen kam, dass wirtschaftliche Zusammenhänge und Interessen nicht beleuchtet werden, kann man aus heutiger Sicht daher nur verhalten kritisieren kritisieren – dagegen  steht ohnehin die Verdichtung, die Präsenz vieler Details und Schauspieler in dem Film, die Nähe zu dem Land, um das es geht – und dies fasziniert noch immer. Das Schicksal der Menschen, die zunächst nur friedlich protestieren und sich dann erheben gegen den Raub an ihrem Land, bewegt. Überdies ist „Viva Zapata!“ eine interessante, modernere Ergänzung zu dem später gedrehten und weitaus bekannteren „The Glory Seven“, in denen erst ein paar verwegene Gringos daherkommen müssen, um die mexikanische Dorfbevölkerung aus der Lethargie zu reißen. Dort werden die Verhältnisse der Unterdrückung durch Gangster, die nicht ohne Billigung der regulären Armee zustande kommen konnten, komplett von den politischen Hintergründen abstrahiert, mithin auf eine Räuberbande reduziert, die sich regelmäßig aus den Vorräten der Dorfgemeinschaft bedient und nur noch symbolisch für diejenigen steht, welche die Schwachen und Beladenen in Knechtschaft halten.

Wir mochten „Viva Zapata!“ – vielleicht auch deshalb, weil hier wenig Revolutionsromantik à la „Wem die Stunde schlägt“ zu sehen ist, weil hier nicht ein amerikanischer Held Hemingwayscher Prägung den anderen sagt, wo es langgeht und trotz der Aussage, dass Revolution nicht nach vorne weisen kann, sondern ein ewiger Kreislauf, ein Wechselspiel von Macht und Ohnmacht mit Akteuren ist, die im Verlauf ihres Lebens von einer dieser Rollen in die andere wechseln und dafür nicht selten einen unnatürlichen Tod finden. In diesem Zusammenhang muss man dem Film jenseits der bereits erwähnten weltpolitischen Usmstände noch etwas zugute halten: Dass im bewegten Lateinamerika in den frühen 50ern wirklich nicht abzusehen war, wo die Reise hingehen würde und welchen Fortschritt die höchst instabilen Machtverhältnisse für die Bevölkerung erbringen sollten, besonders im Vergleich zu denseit dem Zweiten Weltkrieg ungeheuer prosperierenden USA. Die Revolution auf Kuba in 1958/59 nimmt der Film geradezu vorweg und auch das, was danach geschah.

Die Balance zwischen der Sympathie für die sozialen Belange der Mexikaner und der Ablehnung von Systemen, die nicht demokratisch legitimiert sind, die eigene Weltanschauung, die ist in „Viva Zapata!“ auf eine Weise ausgestaltet worden, die man würdigen  muss, auch wenn man sie selbst nicht in allen Punkten teit. Es ist leicht, im Jahr 2011 zu referieren, dass die Dinge sich auch in den Demokratien nicht mehr vorwärts bewegen und das Erreichte wackelt. Schließlich, und das gilt in 2011 genauso wie in 1952, sollte man jedoch nicht vergessen, dass auch die USA revolutionär entstanden sind, nicht etwa durch friedliches Bohren dicker Bretter: Durch die Auflehnung gegenüber den britischen Kolonialherren, die sich selbst wiederum als älteste bestehende Demokratie der Welt sehen.

Ein kleiner Bonus am Rande ist für uns, dass man in der Stadt, aus der wir kommen und von der aus wir über Umwege nach Berlin gewandert sind, ein bekanntes mexikanisches Restaurant „Viva Zapata!“ genannt hat. Wie viele der Besucher wohl den historischen Hintergrund des Namens kennen? Man soll sich nicht täuschen, diese Provinzstadt hat nicht fern der Ausgehmeile, in der das Restaurant liegt, ein Viertel mit starker linker und linksalternativer Tradition und dort wird auch heute noch wissen, wer Zapata war.

86/100

© 2020 , 2017, 2013 (Entwurf 2011) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Elia Kazan
Drehbuch John Steinbeck
Produktion Darryl F. Zanuck
Musik Alex North
Kamera Joseph MacDonald
Schnitt Barbara McLean
Besetzung

 

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