Ein neues Leben – Tatort 848 #Crimetime 353 #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #Leben #neu

Crimetime 353 - Titelfoto © BR, Bernd Schuller

Ein Hauch von wildem, neuem Leben

Warum kommt die Rezension erst heute? Weil wir uns diesen Tatort zweimal anschauen mussten, um a.) durchzusteigen und b.) das richtige Feeling zu bekommen. Gestern fanden wir ihn witziger als heute, aber auch unverständlicher. Das kommt davon, wenn man sich nett ablenken lässt und nicht in der üblichen Fernsehklause schaut und in Neukölln.

Die Anfangszene haben wir jetzt entschlüsselt, wie sie aus dem chronologischen Zusammenhang gerissen wurde und wen sie mit Sicherheit zeigt. Wie gut, dass man auf die Pause-Taste drücken oder per Zeitlupe genau hingucken kann. So ein Blödsinn, aber was soll’s. Es wäre einfacher gewesen mit „Ein neues Leben“, wenn die Handlungselemente mehr von einander abgesetzt, an prägnanten Charakteren aufgehängt worden wären, aber so – so ist ein Krimi rausgekommen, der wieder zwei Münchener Top-Kommissare zeigt, mit einem trockenen, zurückgenommenen Humor und auf ihre Art voll sympathisch und voll urig. Eine Folge, die sich typischerweise auch im Trend der Zeit aufhält, wo die Plots immer mehr der Realität entfleuchen, aber das Ganze trotzdem spannend anzuschauen ist und keinen Verdruss erzeugt. Der Unterschied liegt bei Batic und Leitmayr. Die steuern sich und uns gekonnt durch 90 Minuten und durch ein Szenario, das wir anderen Teams nicht so einfach abnehmen würden. Und damit leiten wir über zur Handlungsbeschreibung und dahinter liegt die -> Rezension.

Handllung

In einem Waldstück wird eine verkohlte männliche Leiche gefunden. Die Hauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr gehen den wenigen verwertbaren Spuren nach und stoßen auf eine schillernde Crew, die in einem Restaurant den „Seller of the Month“ feierten: Winzige Filmschnipsel, gerettet auf einem verschmorten MP3player, zeugen davon. Zwei Frauen, Isabella und die jüngere Gehilfin Sandra, leiten eine Drückerkolonne, die sich zur Aufgabe gemacht hat, kanadische Robbenbabys vor dem Abschlachten zu bewahren – bei hohen Provisionen.

Längst haben Arbeitslosigkeit und Insolvenz auch Akademikerkreise und Handwerker erreicht. Sie treibt die Hoffnung an, mit schnell verdientem Geld wieder auf die Beine zu kommen. Wer angeheuert wird, wird auf Erfolg getrimmt. Ivo Batic lässt der gewaltsame Tod des Opfers keine Ruhe. Um Eingang in die hermetisch abgeschottete Kolonne zu finden, bewirbt er sich spontan als Türspendensammler. Er wird angenommen und agiert fortan als „verdeckter Ermittler“, wenn auch nicht ganz legal. Von nun an ist er für Leitmayr nicht mehr erreichbar, denn den sogenannten Tierschützern und Drückern wird der Kontakt zur Außenwelt in jedweder Hinsicht erschwert. Und das nicht grundlos, denn das richtige Geschäft handeln die zwei ungewöhnlichen Frauen jede für sich aus. So glauben sie …

Rezension

Hat uns dann doch Spaß gemacht, gestern Abend, heute war die Stimmung von Konzentration geprägt und dabei sind uns einige Logiklücken und Unglaubwürdigkeiten aufgefallen, wie sie von der immerhin guten, wenn auch etwas sprunghaften Dramaturgie und der recht gefälligen Inszenierung beim ersten Anschauen weitgehend kaschiert wurden.

Diese Robbenretter-Drückerkolonne von Isabella & Sandra (Nina Proll, Mina Tander) und die Methode mit den manipulierten EC-Kartenlesern ist gewiss so realistisch wie das diesjährige Ende der Eurokrise. So, die Spenden werden also nicht abgebucht. Aber dass möglicherweise kurz darauf viel größere Beträge von Konten verschwinden, da wird kein Zusammenhang hergestellt. Doch, bei den leidtragenden Banken, die den Kunden stillschweigend das Geld ersetzen, natürlich, ohne dass die Kunden Anzeige bei der Polizei erstatten. Da wir uns auf dem Gebiet leider etwas auskennen: So ein Schwachsinn. Die Wirklichkeit ist genau umgekehrt.

Anzeige ist Pflicht und was dann geschieht, ist nicht ausgemacht, falls nicht ausermittelt werden kann (und wer kann in Berlin solche Bagatelldelikte wie unerlaubte Kartenverwendung mit ein paar läppischen tausend Euro Schaden schon ausermitteln?) Selbst wenn die Banken schuld daran sind, dass z. B. neue Karten entwendet werden, weil sie deren Zugang nicht einmal per Einschreiben einigermaßen absichern. Weil: Alles per Einschreiben kostet mehr als hier und da ein Klau auf dem Postweg. Der Ärger und der Schreck geprellter Kunden sind wieder mal zweitrangig, und das bei den hohen Gebühren gewisser Premiuminstitute.

Von einer schrägen Branche zur nächsten. Jaja, im Vertrieb gibt es eine überdurchschnittliche Dichte von Arschlöchern, wie in „Ein neues Leben“ gleich mehrere gezeigt werden, und auch von pathologischen Fällen wie Isabella. Das ist gar nicht an den langen, blonden Haaren herbeigezogen, dass so ein Charakter eine Vertriebsorganisation führt oder in einer solchen hoch angesiedelt ist, auch wenn realiter nicht so viel mit der Knarre mitten auf der Plaza rumgefuchtelt wird. Trotzdem gibt es Kritikpunkte. Zum einen, siehe oben, die  Glaubwürdigkeit der Robbenrettung per Türklinkenputzerei. Zum anderen in abgeschwächtem Maß das, was wir schon in der Rezension von „Glaube, Liebe, Tod“ zu beantstanden haten: Es ist in der Wirklichkeit nicht nur so, sondern so und so.

Sprich: Neben all der Manipulation und Unterdrückung muss auch noch etwas für die Seele da sein, sonst gehen normale Leute nicht in einen solchen Job. Das ist alles nur Fake, das für die Seele der untergeordneten Mitarbeiter, am Anfang spielt’s aber eine Rolle, und das sieht man beim Ivo eigentlich nicht. Nur Geld, nur Geld. Nein, nein, da ist noch mehr oder scheint zumindest so. Da ist eine Suggestion von Gemeinschaft und Spirit, der aus Vereinfachungsgründen in Tatorten weggelassen wird.

Und die meisten Leute, die an der Basis arbeiten, sind normal. Und nicht alle sind finanziell so angeschlagen oder unter Druck, wie es hier gezeigt wird. Selbst wenn, der Ledergürtel hat inzwischen im Management, wie auch in der Erziehung, ausgedient. Die wirkliche Unterdrückung ist subtiler, führt zu Selbstausbeutung und Mobbing, ohne dass Vorgesetzte sich aufführen müssen wie SS-Wachleute. Wir sind so viel und weit vorangeschritten.

Schon klar, in der Übertreibung liegt die Veranschaulichung, aber nachdem wir gerade einen Sekten-Stereotyp zu rezensieren hatten („Glaube, Liebe, Tod“), müssen wir uns gleich wieder mit einer Organisation befassen, die Elemente der Wirklichkeit zeigt, aber sie sowohl bezüglich der handelnden Personen als auch technisch und inhaltlich ins Absurde gedreht ist.

In gewisser Weise gilt das auch für die two Loves of Sandra, den sehr männlichen Arman (Navid Akhavan) und die sehr männlich wirkende Isabella, die also im lesbischen Verhältnis den nämlichen Part gibt. Sandra ist bisexuell und demgemäß zerrissen und getrieben, zumal sie auch noch eine dunkle Vergangenheit hat, wie natürlich auch Isabella sie vorweisen kann. Und natürlich auch Arman.

Dass hingegen dieser Tatort pornografische Züge zeigt, wie Kritiker vorab angedeutet haben, ist leicht übertrieben. Wer das behauptet, kennt die Folgen der 80er Jahre nicht, da war einiges mehr an Freizügigkeit geboten als heute

Doch welch ein Tryptichon. Drei Leute, die eindeutig ein neues Leben brauchen und die sich der Illusion hingeben, auf diesem sauren Nährboden des Verbrechens könnte ein langer, möglicherweise immerwährender Sonnenurlaub gedeihen oder eine wahre Romanze gedeihen. Nix da, der falsche Günther (und der echte Franz) werden schon dafür sorgen, dass damit Essig ist!

Es schimmert wieder ein Hauch Finanz- und Immobilienvertriebsbranche durch, so viele Vorbestrafte sind selten bei Betriebsfeiern anzutrefffen wie in diesem Milieu. Hier findet die kleine Sause beim Italiener „Da Matteo“ statt und setzt eine verhängnisvolle Kausalkette in Lauf.

Ein Mitarbeiter klaut Daten, Sandra und Arman vertschüssen sich zum Quickie und Isabella bekommt’s mit. Das bringt Arman (der aus der Chronologie gerissene Anfang) eine Strangulationszene mit Krawatte im Autofenster eingeklemmt im Wald ein. So galoppieren die Ursprünge der Handlung und des kriminalistischen Eingreifens von Batic und Leitmayr in zwei Richtungen davon und sind gar nicht so leicht wieder einzufangen. Dank des ungenehmigten Undercover-Ivo und der nun wirklich nicht mehr neuen Plotvariante „Entführung eines Ermittlers“ (oder einer Ermittlerin) gelingt das am Ende aber einigermaßen thrillermäßig.

Trotzdem, so übel ist die Idee gar nicht, das, was man so als Tatort-Drehbuchschreiber für Methoden in klassischen Drückerbranchen hält, auf ein ethisch hochwertiges Gebiet wie den Tierschutz zu übertragen. Damit kann man zeigen, wie in unserem System selbst edelste Ansätze pervertiert werden können. Ein real existierendes Beispiel dafür ist die heutige Biobranche, inzwischen hoch kommerzialisiert, rationalisiert und äußerst profitversprechend; beinahe genauso mies gegenüber Tieren, den Landarbeitern in China, der globalen Energiebilanz und den gutgläubigen Konsumenten wie die konventionelle Lebensmittelwirtschaft – eine Perversion des einst hochherzigen Programms von der Zurück-zur-Naturkost. Doch dies nur am Rande. Vielleicht wird das demnächst auch in einem Tatort aufgegriffen. Ganz sicher sogar. Alles, was die Welt hervorbringt, wird in Tatorte mehr oder minder gekonnt hineinmodelliert.

Finale

Am Ende kommt noch was dabei heraus. Alle versuchen einander zu bescheißen, locken einander mit Versprechungen, wecken trügerische Hoffnungen. Sogar auf der Polizeidienststelle gibt’s einen Jungspund, der einen auf trotteliger Kumpel mit Franz macht, worauf hin dieser ihm was über Ivos ungenehmigten verdeckten Einsatz erzählt. Aber der lockige Kumpel ist in Wirklichkeit ein U-Boot, vom Vorgesetzten in die Untiefen der Ivo’schen und Franz’schen Ermittlerei geschickt. Das erinnert uns auch wieder an gewisse Gepflogenheiten in gewissen Branchen, und außerdem: Was nützt bei so viel Verrat noch die Unkündbarkeit?

Am Ende gehen Ivo und Franz nicht mit einem lockeren Spruch auf den Lippen in den Sonnenuntergang, sondern mit ernsten Mienen geradewegs aufs Revier. Da meint man beinahe, sie sind die Tatverdächtigen und werden vernommen. So schaut’s aber nicht nur aus. So ist es auch, denn der Onkel Wader (Friedhelm Rauschenbach) wird ihnen gehörig die Leviten lesen. Suspendiert werden sie nicht, das sagen wir aber voraus. Schließlich müssen sie im nächsten Tatort wieder ran.

Das ist denn auch das Tröstliche in einem Film, in dem untröstlich viel Vertrauen in die Tonne getreten wird – dass wir die beiden bald wiedersehen werden und verfolgen dürfen, wie sie miteinander durch dick und dünn gehen, ganz legal oder auch ein wenig jenseits der Dienstvorschriften. Ist das nicht schön? Es muss ja nicht wieder so kommen, dass der Ivo seine nicht vorhandene Frau, seine nicht kranke Mutter, seinen nicht ausgeübten Beruf als alternder Textilkaufmann und sowas alles ins Spiel bringt, um genauso gut andere zu leimen und damit Ziele zu erreichen … wie ein echter Vertriebsprofi.

Für den 62. Fall von Ivo & Franz, in dem sie Isabelle & Sandra zur Strecke bringen (okay, am Ende bringt eine die andere um, aber schuld ist ja doch der Ivo, der so gut manipulieren kann) geben wir 7,5/10.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner

Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Fechner – Maximilian Schafroth
Isabella – Nina Proll
Sandra – Mina Tander
Rupert Hoferer – Florian Karlheim
Vera – Anna Böger
Arman – Navid Akhavan
Anna Vollmer – Katharina Schubert
Frau Röper – Heide Ackermann
Matteo – Michael Morgenstern
Friedhelm Wader – Olaf Rauschenbach
Direktor Fellerer – Karl Knaup
Frau Madlinger – Cleo Maria Kretschmer
Jens – Jochen Stodthoff
Penner – Marius Borghoff

Regie – Elmar Fischer
Drehbuch – Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer

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