Reklamierte Rosen – Polizeiruf 110 Fall 37 / Crimetime 360 // #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Rosenkrieg #Rosen #Fuchs #Subras #Sachsen

Crimetime 360 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Blumen verwelken, alte Uhren wecken Begehrlichkeiten

Es wirkt nur auf den ersten Blick seltsam, dass Menschen, die so etwas Hübsches wie Schnitteblumen verkaufen, kapitalistischen Sammlertrieb entwickeln, wissen sie doch um die Vergänglichkeit, um das Verblühen der Dinge. Es könnte ja gerade so sein, dass sie sich, umgeben vom Werden und Welken, besonders nach etwas Beständigem sehnen, zumal sie nicht so richtig an die blühende junge Verkäuferin rankommen. Es gibt noch eine nette Kollegin, aber nie kriegt mal jemand genau das, was er will und daraus entstehen ganz viele Kriminalfälle. Mehr zum 37. Polizeiruf in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Karin Röder arbeitet als Verkäuferin in einem Bahnhofs-Blumengeschäft. Die geschiedene Frau hat einen kleinen Sohn namens Dieter und lebt in einer Beziehung zu Uhrmacher Sebastian Engel. Auch ihr Chef Herr Wels, ein Kunstliebhaber, verehrt sie. Eines Tages erscheint Karins Ex-Mann Golo Meßmer bei ihr. Er will sie zurückgewinnen, sie jedoch lässt ihn nur für eine Nacht bei sich wohnen. Schnell erkennt sie, dass der geltungssüchtige Golo nur über sie verfügen will, um Selbstbestätigung zu erhalten. Innerhalb kürzester Zeit hat er zudem eine lukrative Arbeit und versucht, Karin mit Geschenken für sich zu gewinnen. Sie jedoch lässt sich auf keine neue Beziehung ein.

Im Schlossmuseum in Altenstein wurde eingebrochen. Offensichtlich hat sich der Täter über Nacht einschließen lassen und dann eine Vitrine mit besonders wertvollen Gegenständen eingeschlagen. Es fehlen die Stadtchronik, eine wertvolle Kaminuhr und verschiedene Kändler-Porzellanfiguren. Der Gesamtschaden beläuft sich auf rund 174.000 Mark. Die Angestellten erinnern sich an einen Mann, der kurz vor dem Einbruch zwei Mal im Museum war, sich sehr für die Exponate interessierte und schließlich von jeder Exponat-Postkarte des Museums ein Exemplar kaufte. Einer Museumsmitarbeiterin hatte er sich als Uhrmacher vorgestellt. Da der Mann vom Museum aus telefonierte, können die Ermittler Oberleutnant Peter Fuchs und Wachtmeister Lutz Subras die Stadt eingrenzen, in der der Uhrmacher arbeitet. Schließlich finden sie in Sebastian den gesuchten Mann. Sie befragen ihn, wo er am Tattag war, und er berichtet, dass er das Altensteiner Museum besucht hat. Die Ermittler deuten auf den Einbruch hin, bei dem auch eine Kaminuhr gestohlen wurde. Als die Ermittler gehen, eilt Sebastian sofort nach Hause und untersucht eine Uhr – die gestohlene Kaminuhr, wie die ihn beschattenden Ermittler feststellen. Die Seriennummer wurde vom Gehäuse abgefeilt, kann jedoch wieder sichtbar gemacht werden. Sebastian gibt an, die Uhr am Vortag von einem Werner Hegenbarth für 600 Mark erworben zu haben. Hegenbarth hatte angegeben, dass die Uhr aus einem Nachlass stammt. Hegenbarth ist Lehrer und sagt bei der Befragung aus, seinen Ausweis bei einer Museumsführung mit einer seiner Klassen verloren zu haben. Auch bei einer Gegenüberstellung erkennt Sebastian den echten Hegenbarth nicht.

Die Ermittler durchleuchten das Leben von Karin Röder und erfahren von ihrem Ex-Mann, der ihnen als kriminell bekannt ist. Sebastian erkennt Golo auf einem von Lutz Subras gezeigten Foto als Herrn Hegenbarth. Kurze Zeit später erhält Sebastian einen Anruf von Karin, die in Golos Koffer die gestohlene Stadtchronik gefunden hat. Sebastian informiert die Polizei, die Golo kurz nach Eintreffen in Karins Wohnung festnimmt. Es stellt sich heraus, dass Sebastian zwar nur die Kaminuhr von Golo gekauft hatte, jedoch den Verkauf der Kändler-Figuren an Kunstliebhaber Herrn Wels vermittelte. Dieser bezahlte 40.000 Mark für die Figuren, wobei Sebastian das Geld in einem Umschlag übergab. Golo beschuldigt Sebastian, ihn zum Raub gedrängt zu haben, da er von Sebastian mehrere Briefe mit Geld und Anweisungen zum Raub im Museum erhalten habe. Sebastian weiß von diesen Briefen jedoch nichts und Wels streitet ab, die Figuren gekauft zu haben.

Einen der Briefe hat Golo aufgehoben. Auf dem Umschlag kann durchgedrückte Schrift sichtbar gemacht werden. Im Text geht es um reklamierte Rosen. Es stellt sich heraus, dass Karin kurz vor der Tat eine falsche Rosenlieferung reklamieren lassen wollte. Ihr Chef Wels schrieb den entsprechenden Brief, wobei sich die Schrift auf den darunter liegenden Briefumschlag an Golo durchdrückte. Den Originalbrief händigt Karin den Ermittlern aus. Die Figuren können schließlich in einem Schließfach im Bahnhof sichergestellt werden – der Schlüssel fand sich an Wels’ Schlüsselbund, den Lutz Subras durch einen Trick von Wels erhielt. Wels wird wie vorher schon Golo festgenommen.

Rezension

Der Film ist mit 64 Minuten relativ kurz und auch recht kurzweilig. Anders als viele bisher gesehene Polizeirufe aus der DDR-Zeit spielt er nicht in und um Berlin, sondern in Sachsen. Wir konnten nicht aus den Bildern heraus erkennen, ob in Dresden oder Leipzig, eine der beiden Städte dürfte es aber sein. Ach ja, auch dies steht in der Wikipedia: „Reklamierte Rosen“ wurde vom 25. September bis 4. November 1975 in LeipzigHalle (Saale) und Quedlinburg gedreht. Die Szenen am Blumenladen entstanden im Hauptbahnhof Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz).

Damals standen also 40 Tage Drehzeit für 64 Minuten zur Verfügung, die Tatort-Crews und vermutlich auch die der heutigen Polizeirufe müssen heute mit 21 bis 23 Tagen für 88 Minuten auskommen. Kein Wunder, wenn manches etwas geschlampt wirkt, was man wiederum mit toller Bildoptik zu überdecken versucht. Für 1976 hat aber auch „Reklamierte Rosen“ eine ansprechende, sichere Farbfilmanmutung. Ebenso sicher ist man mittlerweile bei der Beherrschung einer mittelkomplizierten Kriminalhandlung, auch wenn es die eine oder andere eher psychologische als logische Klemme gibt: Wie der Blumenhändler Weis gleichzeitig den Uhrmacher und den Ex seiner Verkäuferin manipuliert hat, das ging uns etwas zu weit.

Für Verschwörungstheoretiker aber der perfekte Film. Die meisten Menschen sind nur Marionetten von Kapitalisten, wozu in der DDR eindeutig schon ein Mann zählte, der eine größere Blumenladenkette betrieb. Was will jemand mit den Einkünften aus  mehr als einem einzigen Geschäftslokal? Und gab es das wirklich, dass ein Privatunternehmer Mitte der 1970er so viel Freiraum hatte? Und waren die Geschäfte wirklich so gut bestückt, wie man es hier sieht? Und war vielleicht gerade diese Tatsache Ausdruck eines antirealsozialistischen Unternehmergeistes? Und was war mit den Reklamationen? Offenbar klappte es nicht so richtig, an der Schnittstelle zwischen Gärtnern und den Läden des Herrn Weis. Was in diesem Bereich könnte also auch Subtext sein?

An der Oberfläche ist es meist eindeutiger, deshalb ist es ja die Oberfläche: Golo, der Ex der Floristin, ist ein typisches antisoziales Element, selbstbezogen, selbstverliebt. Er hat nicht verstanden, was seine Frau damit ausdrücken möchte, dass sie Blumen verkauft: Dass Blumen nur eine kurzfristige Freude sein können, man kann sie nicht anhäufen, wie etwa alte Uhren und sonstige Kunstgegenstände.

Die Summe, die beim Einbruchdiebstahl als Schaden zu Buche steht, beläuft sich interessanterweise auf eine ähnliche Höhe wie in „Heiße Münzen“ aus dem Vorjahr, der für uns bisher einer der am besten gemachten Polizeirufe der 1970er ist. Es wird nicht über Millionen fabuliert, damit die DDR-Bürger_innen sich gar nicht erst an große Summen gewöhnen. Der Staatsbesitz hat sich in bescheidenen Dimensionen zu bewegen, auch wenn der ideelle Wert unermesslich sein mag. Welche Einstellung man gegenüber alten Münzen oder Uhren & Figuren hatte, ist schwer festzustellen. Alles, was über den Nutzwert hinausgeht und einer vorsozialistischen, in dem Fall auch feudalen Epoche entstammt, müsste im Grunde abzulehnen sein.

Die Schönheit der Form, das edle Material, das handwerkliche Können, das Individuelle und Exzeptionelle, das aus jedem dieser Stücke spricht und was sie als museale Sammlung verwertbar macht, das ist im Grunde alles gegen die damals herrschende Produktionsphilosophie in der DDR gerichtet.

Wer andere sogar zu Einbrüchen bestimmt, wird eher festgenommen, weil er weiß, dass die Stücke gestohlen sind und sie kauft und es gibt offenbar keinen gutgläubigen Erwerb beim Uhrenmacher gibt. „Anstifter“ im technischen Sinn ist der Blumenhändler nach unserer Auffassung nicht. Jemand, der ganz versessen auf Stücke ist, welche eine ausbeuterische Vergangenheit repräsentieren, ist gleich in mehrfacher Hinsicht kein guter Bürger dieses Staates; seine Sammelleidenschaft für Blumenläden tritt erschwerend hinzu, war aber, falls es diese doch recht anspruchsvolle Form des Privatunternehmertums zu jener Zeit – noch – gab, nicht strafbar.

Andererseits: Hätte man sich einen so groben Schnitzer geleistet, was die Alltagserfahrung der Bürger_innen angeht und damit belegt, dass man offenbar die Parteilinie nicht ganz ernst nimmt?

Was gelungen wirkt, aber auch Fragen aufwirft, ist die Besetzung der Typen. Golo, der Ex mit dem seltsamen Namen, sieht aus wie ein Filou und ist einer, der Uhrenmacher ist etwas naiv, aber wird als gutaussehend bezeichnend, der Blumenhändler-Unternehmer  heißt nicht nur Weis, natürlich ohne scharfes „s“, sondern hat auch ein Gepräge, das man jüdischen Stereotypen zurechnen kann, wie sie wenige Jahrzehnte zuvor gepflegt wurden. Wenn das gewollt war, müsste der Film deshalb eine Abwertung erfahren, jedenfalls ist der Typ in einem DDR-Polizeiruf ungewöhnlich und auffällig. Vielleicht gehen wir hier auch zu weit, wie wir ja auch bisher  nicht tief genug in die Wirtschaftsgeschichte der DDR eingedrungen sind, um die private Blumenladen-Kette verifizieren zu können. Was wir aber schon gehört haben, ist, dass der Schnittblumenverkauf nicht gerade volkswirtschaftliche Priorität hatte und das würde auch dazu passen, dass das Schenken von Blumen eine Form von Höflichkeit oder symbolischer Zuwendung ist, die der Proletarisierung der Umgangsformen im östlichen Teil Deutschlands, der man heute noch nachspüren kann, entgegengestanden hätte. Wir müssen uns weitere weitere alte Polizeirufe anschauen, um ein detaillierteres, wiederkehrende Motive und Aussagen erschließendes und Subtext präziser beschreibendes Bild zu bekommen.

Wo man also nichts genaues weiß, darf man genau dies auch ansprechen, weil man damit zwar offenlegt, dass man nach ganz vielen Dingen sucht, manches erkennt, aber klarstellt, die Suche dauert an. Solange das so ist, können wir nicht auf dünner Vermutungsbasis einen Film schlechter schreiben als er sich nach gegenwärtigem Erkenntnisstand darstellt. Gelungen finden wir also die Figuren und wie die drei Männer, deren Schnittstelle (Gag!) die junge Blumenverkäuferin bildet, einander gegenübergestellt werden. Es kommt auch zur persönlichen Konfrontation und die ist recht spannungsreich.

Finale

Dem Film kommt ohnehin die Eigenschaft zugute, die fast alle damaligen Polizeirufe kennzeichnet: Das Verbrechen, das ohnehin meist kein Tötungsdelikt ist, geschieht erst im Verlauf, die Figuren haben bis dahin Zeit, sich zu  zeigen und man ist nicht auf die Perspektive der Ermittler angewiesen wie in den Tatorten. Dort wird diese Subjektivität oft so weit getrieben,  dass man andere Figuren nie untereinander und ohne die Polizisten sieht, weil dadurch ja ein Vorsprung des Zuschauers gegenüber dem Wissensstand seiner Ankerfiguren entstehen könnte. Manchmal ist das gewollt, meistens nicht. Das späte Eingreifen der Kriminaler wird in den alten Polizeirufen dadurch kompensiert, dass es es nur eine kleine Auswahl gibt. 1976 waren es nach unserem bisherigen Wissensstand nur vier (Fuchs, Hübner, Arndt, Subras), zwei davon sehen wir meistens, manchmal auch drei oder sogar alle.

Hier sind es, wie auch im erwähnten „Heiße Münzen“, Oberleutnant Fuchs und Polizeimeister Subras, die ermitteln. Leutnant Vera Arndt, die zu dem Zeitpunkt die meisten Einsätze von allen Ermittler_innen gesammelt hatte, ist nicht dabei. Dadurch fehlt dem Film auch ein flirrendes Element, das wir in mehrerer Hinsicht attraktiv finden. Subras wird hier zu nett dargestellt, um Irritationen zu erzeugen und Fuchs zu souverän. Wie er am Ende auf die Idee mit den Briefen und der Reklamation kommt, das ist steil, aber so sind Spürnasen eben und die Szene, wie die Schrift auf dem Kuvert oder Zettel sichtbar gemacht wird, erinnert daran, wie Roger O. Thornhill in „Der unsichtbare Dritte“ vom Normalbürger zum gewitzten Geheimagenten wurde, der professionelle Gegner am Ende übertrumpfen konnte. Solche Eigenschaften braucht es auch, damit Charaktere, die ansonsten sehr zurückgenommen wirken, Interesse erwecken. Über Fuchs haben wir nach ca. 10 Polizeirufen mit ihm noch nicht das kleinste private Detail erfahren. Anmerkung: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Rezension haben wir „Schwarze Ladung“, ebenfalls aus 1976, angeschaut. In dem Film hat er preisgegeben, dass er eine Tochter hat im Alter von vielleicht acht bis zehn Jahren hat. Jedenfalls kann man ihm nicht die kleinste Marotte nachtragen oder nachsagen. Gleiches gilt für die anderen drei damaligen Ermittler_innen. Ganz so hermetisch waren die Tatort-Kommissare auch in den Anfangszeiten nicht. In dem einen oder anderen Film zeigt Fuchs einen recht herzhaften Humor, das wollen wir nicht unterschlagen und das eine oder andere leicht philosophische Gespräch mit Arndt oder Subras zeigt zumnindest ansatzweise, dass jemand mit eigenständigen Gedanken im Anzug des perfekt funktionierenden Staatsbediensteten und vorbildlichen Staatsbürgers steckt.

Anmerkung zur Veröffentlichung ca. 4 Wochen nach der Erstellung des Textes: Wir haben nur wenig lektoriert, der Text ist im Grunde zu umständlich und prätentiös geschrieben, aber wir sind unter erblichem Druck bezüglich der Publikationsziele und behalten uns Änderungen vor.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Rudolf Böhm
Produktion Ralf Siebenhörl
Musik Peter Gotthardt
Kamera Walter Laaß
Schnitt Bert Schultz
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s