Borowski und die einsamen Herzen – Tatort 707 / Crimetime 380 // #Tatort #Kiel #Borowski #Herzen #NDR #Tatort707 #707

Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Eine Doktorarbeit mit dem Thema Beziehungsanbahnung

Der Fall in einem Satz, ohne Auflösung: Zwei Männer werden ermordet und Borowski ermittelt in einem besonderen Milieu – dem der einsamen Herzen, die auf der Suche nach Liebe sind, kommt aber nicht recht voran und da hat Frieda Jung, seine Hauspsychologin, die Idee, ihn als V-Mann arbeiten zulassen, was zu mancher Instruktion, zu vielen Dates und zu Tagträumen des Kommissars führt.

Mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Zwei tote Männer in kurzer Folge – ermordet nach demselben Muster. Ohne Zweifel, Kommissar Borowski hat es mit einem Täter zu tun, der wieder zuschlagen wird. Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten bei den Opfern entdeckt Borowski, dass beide Männer Kontaktanzeigen aufgegeben hatten.

Frieda Jung bemerkt, dass Borowski vom Typus in das Opferschema passt. Darum begibt er sich als angeblicher Neusingle auf Partnersuche über die lokale Zeitung und trifft bindungswillige Damen, die sich auf sein Inserat gemeldet haben. Dabei wird er von Frieda Jung observiert und für den Kampf der Geschlechter gecoacht. Für Borowski eine ungewohnte Rolle. Er muss sich als einsamer und verständiger Mann ausgeben, auf der Suche nach Mrs. Right.

Schon bald lernt Borowski – undercover – die selbstbewusste Gundula kennen. Mit ihr dringt er bei seinen Streifzügen durch die Freizeitgruppen und 40-plus-Treffen in ein eng gewobenes Netz aus einsamen Herzen, unter denen sich auch der potenzielle Mörder befindet, und begibt sich damit selbst in große Gefahr.

Rezension – Plusminus

+        Team. Borowski und Jung sind bzw. waren ein wundervolles Duo. Auch wenn die neuesten Borowski-Tatorte dramaturgisch und plottechnisch die besten gelten und Jung weiblich korrekt durch Sarah Brandt ersetzt wurde, fehlt uns diese knisternde Chemie etwas. Der Mann träumt von der Liebe und die Frau wirkt irritiert, ist es aber nicht wirklich – sowas kann man mit der viel jüngeren Brandt nicht machen. Zwei Tatorte nach „Borowski und die einsamen Herze“, in „Borowski und die Sterne“, konnte man sehen, wie aus schönen Träumen Realität werden kann und in den folgenden Filmen wird diese Realität zwischen den Beteiligten stehen und sie irgendwann trennen, auch beruflich. Vergessen wollen wir auch nicht Thomas Schladitz, den Freund-Vorgesetzten von Borowski und genken Zainalov, dem in der Folge mit der klassischen Flugzeugtyp-Nummer schon ausgeschiedenen Assistenten.

+        Humor. Manchmal ein wenig sehr subtil, dann wieder deutlich sichtbar wird unser Paarungsverhalten auf die Schippe genommen, werden Projektionen gezeigt und die ewige Suche nach einem Glück und einer Form von Glück, die vielleicht gar nicht so erstrebenswert ist. Diejenigen sind am besten dran, die sich ins Hier und Jetzt fallen lassen können und einfach Spaß am Leben und dem Abenteuer haben. Borowski fühlt sich da sich besser ein, als man’s ihm zugetraut hätte, und schafft eine vermutlich zweistellige Zahl von Dates an einem einzigen Nachmittag im Café, ohne dass die Zeit erkennbar voranschreitet.

+        Suche. Im Jahr 2008 hätte man durchaus das Internet als Anbahnungsplattform verwenden dürfen, doch die von Hand geschriebenen, optisch sehr unterschiedlichen Frauenbriefe haben einen nostalgischen Reiz und wirken so schön plakativ – eben durch ihre Varianz. Da es sich hier um etwas ältere Semester handelt, wirkt dies auch nicht schrullig, sondern verbindet einen gewissen Stil mit einer Ur-Verhaltensweise, die sich jeden Stil aneignen kann. Es wird gelogen, übertrieben, mit Finten gearbeitet. Manchmal auch mit Understatement, wenn Borowski, der Regattasegler, sich als Amateur ausgibt. Von dieser Bescheidenheit sollten sich Männer auf Partnersuche was abgucken. Ob es in der Realität zieht, ist eine andere Frage. Wir dachten auch darüber nach, ob Kiel groß genug ist für das muntere Treiben, das wir genießen dürfen. Aber es braucht keine Millionenstadt wie unsere Wahlheimat Berlin, damit man anonym seinen Pfaden folgen kann. Außerdem funktioniert es ja nicht so ganz, einige Damen kennen einander und können sich bestens über Borowski austauschen, den schlussendlich mehrgleisigen Date-Profi.

+        Flexibilität. Borowski kann beinahe jeden Stil und jede Art von Krimi. Von heiter bis ironisch über düster-nordisch bis romantisch und zurück auf der Thriller-Überholspur, mit deftiger Sozialkritik ohne erhobenem Zeigefinger. Auch super: Man kann mit dem Kieler Team fast alles machen, ohne dass es deplatziert wirkt. Und sie verarbeiten dort weit überdurchschnittliche Drehbücher zu manchmal berückend inszenierten Krimis, die alle diese Facetten zum Schillern bringen und bei denen sich die Regisseure auf Axel Milbergs Fähigkeit verlassen können, den Borowski immer erkennbar sein zu lassen und ihn doch mit Bandbreite auszustatten – und mit Entwicklungsfähigkeit.

o    Spannung. Ein Thriller ist dies nicht, sondern ein klassischer Whodunnit mit einem witzigen Finale, in das Borowski aufgrund seiner Rolle als V-Mann auf beinahe bedrohliche Weise involviert ist. Und der Akzent liegt auch in der Kategorie Rätselkrimi nicht auf dem Nervenkitzel, sondern auf charmanter Ironie beiden Geschlechtern gegenüber. Schön austariert, aber dramaturgisch flach gehalten und als Krimi nicht sehr logisch. Selbstverständlich hätte Borowski auch ohne seine Undercover-Tour zum Ziel kommen können, zum Beispiel mithilfe der Kriminaltechnik neuzeitlicher Prägung. Aber dann wär’s ja nicht so reizend geworden, also bleiben wir bezüglich des Plots neutral.

–        Vorhersehbarkeit. Leider der schwächste Punkt dieses Falles. Auch innerhalb des gegebenen Rahmens hätte man dafür sorgen können, dass die Täterperson nicht so rasch erkennbar wird. Wir gehören nicht zu den Leuten, die hinterher behaupten, immer alles von Anfang an gewusst zu haben, aber hier tippten wir sofort richtig. Wir wissen aber, es ist nicht so einfach. Entweder wird der Mörder oder die Mörderin doch sehr aus dem Hut gezaubert und bleibt als Charakter beinahe totenblass – oder er oder sie ist eben relativ ausfindig zu machen, mit dem Effekt, dass man sich als Zuschauer für schlauer hält als die Ermittler, die erst am Ende alles herausbekommen dürfen. Einer der Gründe, warum wir bei modernen Tatorten und der heutigen Realdominanz der Kriminaltechnik die Thriller-Plotanlage bevorzugen. Zum beinahe nostalgischen Stil von „Borowski und die einsamen Herzen“ passt der klassische Aufbau gut.

 Rezension II

Die Borowski-Krimis wirken oft so tiefgründig und voller Zeichen, dass man vergisst, man würde bei anderen Ermittlern vermutlich eine ähnliche Tiefgründigkeit gar nicht erkennen. Es liegt am Blick, am Handeln, an der Interaktion dieses Kommissars. Alles hat Bedeutung und jedes Wort und jede Geste kann man so herrlich interpretieren.

Seine Filme mit Frieda Jung als kongenialer Psychologin sind ein Tanz auf dem Vulkan – der jederzeit ausbrechen kann, auch wenn der Krater mit einem ziemlich festen Propfen norddeutscher Zurckhaltung verschlossen ist. Eines Tages wird es vorbei sein mit der Contenance und dann wird Borowski nur noch Sterne sehen, versprochen.

Sein Fall mit den einsamen Herzen hätte sich dafür durchaus angeboten, geht es doch hier ums große Anbaggern, um Anziehung und Zurückweisung und den allfälligen Sündenfall Doch die Erfüllung aller Träume war nicht das Thema, zumindest nicht bei Borowski. Im Grunde bei keiner der Figuren.

Dating führt nicht zum Wunder der Liebe, sondern bestenfalls zu schnellem und möglicherweise befriedigendem Sex mit manchmal tödlichen Nachwirkungen. So suggeriert es dieser Krimi. Dem stimmen wir zu, bis auf die tödlichen Nachwirkungen, deren Eintreten unter anderem zur Folge hätte, dass es Rezensionen wie diese nicht mehr gäbe. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie besonders in großen Städten mit großer Anwahl an das Thema Partnersuche herangegangen wird, kann allerdings man froh sein, wenn es den Sex ohne irgendwelche bösen Folgen gibt, es müssen ja nicht sofort wirksame tödliche sein.

Der Reiz liegt in der Vielfalt und dass man sich einen gewünschten Partner wie aus dem Baukasten zusammensetzen kann und vielleicht, wenn man nur lange und konsequent genug sucht, findet man tatsächlich das passende Gegenüber. Ausdauer wird erforderlich sein. Die schräge Haltung, Männer und Frauen wie Katalogware zu behandeln und wegzuwerfen, wenn auch nur eine Kleinigkeit nicht den subjektiven Wahrnehmungen von was auch immer entspricht, wird in „Borowski und die einsamen Herzen“ aber eher angedeutet als ausgespielt. Da wiederum ist die Großstadt-Wirklichkeit wesentlich härter.

Für die satirische Aufbereitung unserer durch die Konsumhörigkeit bestimmte, übersteigerte Erwartungshaltung an einen möglichen Partner und die Suche nach in einer Person kombiniert beinahe unmöglichen Eigenschaften, verbunden mit einem Ego, das nichts weniger als die eigene, besonders wertvolle Einzigartigkeit zum Zentrum aller Überlegungen macht und dass man das Recht auf das Besondere hat, klingt zwar an, tritt aber hinter einer augenzwinkernd gestalteten Eifersuchtsgeschichte zurück.

Finale

Am Ende hat man vergnügliche 90 Minuten mit dem Kieler Kommissar und seiner Friedaund den Frauen und Männern auf der Jagd verlebt und darf den Wert dieser Lebenszeit nicht daran bemessen, dass es zu einschneidend neuen Erkenntnissen über die Geschlechter und ihre Verrücktheiten gekommen ist oder dass dies ein nervenzerfetzender Krimi hätte sein sollen. Dieser Tatort trägt in der offiziellen Zählfolge die Nummer 707, so lautete auch der Typ des ersten wirklich erfolgreichen Düsen-Passagierflugzeuges. Der nummerngleiche Tatort hebt nicht ab ins Universum der Superkrimis, aber wir gehen an Bord und auf eine amüsante Reise in die Wolke 7 nach dem heftigen Funken. Dann der ewig blaue Himmel und das große Nichts.

Für den Spaß und das schöne Spiel vergeben wir 7,5/10.

© 2019, 2014, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Klaus Borowski – Axel Milberg
Frieda Jung – Maren Eggert
Ernst Klee – Jan Peter Heyne
Anne Schilling – Astrid Meyerfeldt
Gundula Beck – Gabriela Maria Schmeide
Jan Petersen – Wolfram Koch
Roland Schladitz – Thomas Kügel
u.a.

Regie – Lars Jessen
Kamera – Marcus Kanter
Musik – Frank und Stefan Wulff, Hinrich Dageför
Buch – Thomas Schwank

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