Hochzeitsnacht – Tatort 843 / Crimetime 381 // #Tatort #Bremen #RB #Hochzeitsnacht #Lürsen #Stedefreund #Tatort843

Crimetime 381 - Titelfoto © RB, Jörg Landsberg

Anders und doch

Einige Befürchtungen, die wir in der Vorschau aufgrund bisheriger Erfahrungen mit Inga Lürsen geäußert haben, sind nicht eingetroffen. Sabine Postel spielte ihre Figur heute angenehm unprätentiös, war immer präsent und verhielt sich in der Situation, die sie vom Drehbuch gesteckt wurde, so gut wie möglich. Andere, dort angesprochenen Störungen gab es allerdings wieder – einige Sätze waren so genuschelt und von anderen Geräuschen überlagert, dass wir Mühe mit dem Verstehen hatten.

Das Konzept, Thriller und Whodunnit miteinander zu verknüpfen, ist gewiss interessant, es kommt halt darauf an, wie man so etwas umsetzt. Beim Bremer Rundfunk sieht das auch dieses Mal so aus, dass ein wenig zu sehr auf den Putz gehauen wird, dass die Logik klemmt, um eben dies tun zu können. Dann und wann blitzt norddeutscher Humor durch, der die Frage aufkommen lässt, ob die Macher den Film möglicherweise nicht ernst genommen haben. Andererseits ist das nicht die Art, wie mit dem Team Lürsen / Stedefreund normalerweise operiert wird. Wie wir am Ende optiert haben, steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia, ohne letzten Absatz)

Inga Lürsen und Nils Stedefreund sind zu einer Hochzeitsfeier auf dem Land eingeladen. Zum Abend geht Stedefreund mit Paul Gassi. Ehe er sich versieht, läuft der Hund in den Wald, und er hat seine Mühe, ihn wiederzufinden. In der Zwischenzeit stürmen zwei bewaffnete und maskierte Männer in die feiernde Gesellschaft. Zunächst denken alle, dass die Braut nach alter Tradition entführt werden soll, aber schnell stellt sich heraus, dass die Männer es ernst meinen und sehr brutal vorgehen. Alle Gäste müssen sich auf den Boden legen und Schmuck, Geldbörsen und Handys abgeben. Lürsen ist entsetzt und überlegt, was sie tun kann. Schließlich ist sie Polizistin. So bietet sie den Geiselnehmern vermittelnd ihre Hilfe an, was diese auch nutzen. Als Schröder, der Vater des Bräutigams, aufsässig wird, sperren die Gangster ihn in einem Raum ein. Kurze Zeit später liegt er tot am Ende der Kellertreppe. Die Gangster leugnen, an seinem Tod schuld zu sein.

Einige der Hochzeitsgäste meinen, einen der Gangster zu kennen, und setzen ihm zu. Daraufhin nimmt er, Wolf Koschwitz, seine Maske ab und erklärt, er wolle den Mörder seiner Freundin Carola finden. Er ist sich sicher, dass jemand aus der Gesellschaft den Mord begangen hat, für den er verurteilt wurde und neun Jahre eingesperrt war. Um sich zu rehabilitieren und Klarheit über Carolas Tod zu bekommen, will er, dass der wahre Mörder sich nun meldet. Damit könnten dann alle Gäste gehen. Das Verhör gestaltet sich schwierig, da die gesamte Hochzeitsgesellschaft aus dem Dorf stammt und teilweise befreundet ist und zusammenhält. Möglicherweise hat jemand Schröder zum Schweigen gebracht, damit er den Mörder, den er wahrscheinlich kannte, nicht verrät.

Während die Hochzeitsgesellschaft unter Druck gesetzt wird und zunehmend panischer wird, ist Stedefreund immer noch auf der Suche nach Paul. Dabei rutscht er in einen Graben, wobei er zunächst mit seiner guten Anzughose hängenbleibt, bevor sie ihm ganz in das Gewässer entgleitet. Frierend und mit nackten Beinen jagt er weiter hinter Paul her. Zurück am Wagen, stellt er genervt fest, dass die Autoschlüssel in der Hose sind. Auf den zweiten Blick erst bemerkt er, dass mit der feiernden Gesellschaft etwas nicht stimmt. Ein Blick durch einen Spalt der mit Rollos geschlossenen Fenster macht ihm klar, dass es da jemand ernst meint. Er versucht per Handy Hilfe zu holen, hat aber kein Netz. Daraufhin sucht er nach dem nächsten Gehöft, um von dort aus zu telefonieren. Da er in der Unterhose vor der Hausbesitzerin steht, fällt es ihm schwer, sie zu überzeugen, dass er ein Polizist ist und Hilfe holen will. Doch als sie bemerkt, dass ihre Telefonleitung gestört ist, sind ihre Zweifel ausgeräumt. Mit einer Hose versorgt, rennt Stedefreund bis zur Straße, hält einen Wagen an und kann so endlich die Polizei alarmieren. Mit Hilfe von Scharfschützen belagert die Polizei die Gaststätte und eröffnet das Feuer. Die Täter fordern daraufhin Lösegeld, um Zeit zu gewinnen. Simon, dem nur an Beute gelegen ist, flüchtet heimlich durch einen unterirdischen Gang, wo ihn Stedefreund abfängt und außer Gefecht setzt. Wolf hingegen will weiterhin den wahren Täter überführen.

Das wilde Gebaren und Geschrei eines der Männer täuscht nicht darüber hinweg, dass die Geiselnehmer nicht auf Beute aus sind. Immer wieder versucht er, etwas über einen lange zurückliegenden Mord an einer jungen Frau aus dem Dorf zu erfahren. Dann wird im Tatort „Hochzeitsnacht“ einer der Gäste tot aufgefunden, der Vater des Bräutigams. Die maskierten Gangster können es nicht gewesen sein, das wird schnell klar. Also muss der Täter sich unter den Geladenen befinden.

Rezension

Die beiden bisherigen Bremer Tatorte, die wir für den Wahlberliner besprochen haben und für die Florian Baxmeyer als Regisseur verantwortlich war („Schlafende Hunde“ und „Der illegale Tod“) haben uns inhaltlich nicht voll überzeugt. Leider müssen wir diese Eindrücke auch für die vorliegende Folge fortschreiben. Das Spiel der Emotionen und die Charade um den Mörder der längst verblichenen Carola wirkt konstruiert, zeitweise over the top und das Szenario „Euer Leben in unserer Gewalt“, das quasi von Anfang bis Ende die Handlung bestimmt, ist schlicht zu lang geraten. Das führt zwangsläufig zu fragwürdigen Gewaltritualen, damit die Spannung erhalten bleibt. Dass es auch zu Sprachelementen führt, die an Simplizität nicht zu überbieten sind („Rache, keine Gerechtigkeit“), überrascht indes negativ. Gerade eine solche Konstellation wie hier, so technisch und sachlich unglaubwürdig sie auch sein mag, bietet grundsätzlich die Gelegenheit, durch gute Dialoge etwas Individuelles entstehen zu lassen – diese Chance wurde in „Hochzeitsnacht“ weitgehend vertan.

Man soll nicht opportunistisch sein, wenn man sieht, dass eine Folge von der führenden Community (Tatort-Fundus, Rangliste) radikal mit dem Daumen nach unten von der Erstausstrahlung nach Hause geschickt wird. Andererseits hatten wir heute beim Schauen besonders angenehme Begleitung und dadurch ein etwas anderes Feeling, waren vielleicht etwas weniger kritisch und genau eingestellt als bei den bisherigen Rezensionen, die wir mit voller Absicht nach dem Anschauen „in Klausur“ erstellt hatten. Diese Fremdeinflüsse gleichen sich wohl aus und wir sind beruhigt, unsere eigene Wahrnehmung betreffend.

So miserabel, wie er gegenwärtig aufgefasst wird (Stand am 16.09., 23:48 Uhr = Rang 826 von 843 bisher gesendeten Tatorten) ist „Hochzeitsnacht“ nicht, obwohl wir mal einige Dinge festhalten wollen. Eine Handlung oder ein Plot müssen nicht deshalb gut sein, weil sie „anders“ sind oder etwas enthalten, das es bisher so nicht gab. Manche Dinge gab es auch deshalb noch nicht, weil sie zu absurd erschienen sind. Das Absurde in immer neue Dimensionen zu treiben, eignet den Bremer Tatorten und dem Team Lürsen / Stedefreund aber nicht besonders gut und für uns ist Glaubwürdigkeit durchaus noch ein Wert und eine wichtige Messgröße bei einem Fernsehkrimi. Oder sind wir jetzt ungerecht oder gar rachsüchtig? Letzeres sicher nicht, so sehr haben wir die heutigen 90 Minuten nicht als vertane Zeit angesehen. Und Gerechtigkeit ist immer relativ. Was wir den Münsteranern ohne Probleme zubilligen, nämlich, dass die Personen genauso unwahrscheinlich sind wie manche Handlungselemente in ihren Tatorten, damit tun wir uns bei den Bremern schwer.

Wir meinen aber: zu Recht. Denn Lürsen / Stedefreund sind nun einmal anders platziert worden, als sie vor 15 Jahren (Lürsen) gestartet sind. Da war in Tatorten wie „Schatten“ ein anderer Anspruch dokumentiert, ein anderes Konzept verkündet worden – an dem sich die heutigen Folgen selbstverständlich messen lassen müssen. Schließlich sind wir wieder ein wenig weiter und in einem Umfeld von teilweise modernen, effektvollen und doch stimmigen Tatortfolgen fällt ein Abwärtstrend besonders auf. Man kann sich aber genau dieses Eindrucks nicht erwehren – dass handwerklich präzises Arbeiten beim BR nicht mehr angesagt ist und die Figuren Lürsen, in „Hochzeitsnacht“ aber besonders der Kollege Stedefreund, einer Form von Klamauk ausgesetzt werden, die zwar etwas Skurriles hat, aber im Teil-Gegensatz zu dem, was sich in Münster abspielt, nicht aus dem Job und seinen Situationen und / oder den Ermittlertypen und ihrem reichhaltigen Umfeld heraus generiert wird.

Man kann mal ohne Hose durch die Flachbewässerungslandschaft irren, aber schon, wie diese verloren geht, das wirkt zu konstruiert. Man kann einem Hund nachlaufen, bis früh und spät vorbei ist, aber die Sache mit dem Nicht-Netz, dafür aber Bluetooth, die haben wir nicht wirklich verstanden. Wir dachten immer, ohne Netzempfang ist auch der Einsatz von Letzterem nicht möglich. Netz aber gibt es bei guten Providern (nicht bei demjenigen, den wir für unser Firmenhandy verwenden müssen, weil’s so vorgegeben ist) mittlerweile fast überall und wenn mal nicht, dann sind die Löcher nicht kilometergroß, wie es in „Hochzeitsnacht“ suggeriert wird. Das ist eines der No-Go-Elemente, die uns innerlich aufstöhnen ließen. Es gibt viele andere: Die dilettantische SEK-Steuerung, die fragwürdigen Zuständigkeiten, das Verhalten der Kleingangster, die sich zwischen der Abzocke einer Hochzeitsgesellschaft und dem Ergründen eines Altmordes verlieren, um die wichtigsten oder die, die uns ohne mühevolle Gedächtnisarbeit einfallen zu nennen.

Dass eine Handlung wie diejenige von „Hochzeitsnacht“ neuartig wirkt, liegt für uns also schlicht daran, dass man sich ein solches Ding bisher nicht getraut hat, und das meinen wir nicht positiv. Von der psychologischen Stimmigkeit der Gangsterfiguren braucht man deshalb gar nicht zu reden, die kann es aufgrund der mehr als fragwürdigen Verfahrensweisen der beiden miteinander und der rabulistischen Interaktion mit den Hochzeitsgästen gar nicht geben. Dann lieber ein Plot, der ein Déjavu auslöst, aber den Eindruck vermittelt, dass er gut gemacht und innerhalb eines bestehenden Schemas vielleicht neu gedacht ist.

Schade finden wir das, was wir zur Handlung schreiben mussten, besonders deshalb, weil uns Inga Lürsen dieses Mal ihr sonst oftmals prätentiöses Auftreten weitgehend erspart. Dass sie dadurch nicht so hervortritt, liegt auf der Hand, hat uns aber nicht gestört, denn sie greift hinreichend ins Geschehen ein, um es mitbestimmen zu können. Dass sie in der Kühlkammer landet, war nicht notwendig und hätte sie den Täter nicht anschließend noch auf eine wirklich einfältige Weise nach dem Grund dafür gefragt und hätte dieser nicht wenig überzeugend geantwortet, wär’s nicht so aufgefallen.

Finale

Settings, die in eher abgelegenen Dörfern lagen, führten schon zu großen, wundervollen Tatorten, die Konzentration auf wenige, aber oft sehr einprägsame Typen, spezieller Landeierhumor mit bei, hat uns schon vergnügliche Momente beschert – Großstadtcops auf dem Platten haben etwas Reizvolles. Doch bis auf den mit einem Sprachfehler behafteten Dorfbewohner Oswald gibt es diese Charaktere in „Hochzeitsnacht“ nicht. Es wird zwar erwähntermaßen mit Drogen gedealt und mit der Tatsache, dass auf den Dörfern nichts geheim bleibt, doch die Leute, welche die Dorfgemeinschaft bilden, bleiben überwiegend blass, weil sie mit ebensolchen Dialogen ausgestattet werden. Wenn man schon Typen zeigt, die eine ganze Hochzeitsgesellschaft kidnappen und die Telefonleitungen mitkappen, dann müssen diese durchgeknallt sein und so schräg, dass sie gewiss nicht auf die Idee kommen, Motive von Rache oder Gerechtigkeit mit materiellen Interessen zu vermengen.

Mag schon sein, dass Wolf Koschwitz (Denis Moschitto) seinen Co Simon (Ferris Reimann) nur benutzt hat, seine wahren Ziele verbarg, um das Ding nicht allein durchziehen zu müssen – doch wird das konfliktmäßig ausgearbeitet und führt zu dramatischen Entscheidungszenen zwischen den beiden? Wir meinen, nein. Eher wirken die schwarz gekleideten Kidnapper häufig planlos und ähneln damit den schwarz gekleideten SEK-Einsatzkräften, die wild umherballern, auf Anweisung eines Leiters, der überflüssigerweise ebenfalls etwas aus der Vergangenheit mit sich schleppt, genau wie Wolf. In dem Fall ist es ein nicht geregeltes, dienstliches Ding mit Lürsen bzw. Stedefreund, das nicht näher spezifiziert wird und damit eine der vielen Unschärfen in „Hochzeitsnacht“ bildet.

Es ist beim RB-Tatort wie gegenwärtig bei Werder Bremen: Für Topplatzierungen reicht es nicht.

6,0/10

© 2019, 2012 Der Wahblerliner, Thomas Hocke

Inga Lürsen, Hauptkommissarin – Sabine Postel
Stedefreund, Hauptkommissar – Oliver Mommsen
Wolf Koschwitz – Denis Moschitto
Simon Sascha – “Ferris” Reimann
Rieke – Julie Engelbrecht
Oma – Barbara Nüsse
Andreas Biebermann – Arved Birnbaum
Oswald – Michael Witte
Rainer – Timo Jacobs
Nico – Henning Nöhren
Hans Strache – Tobias Langhoff
Petra Strache – Pamela Knaack
Frau Brinkmann – Marion Breckwoldt
Herr Brinkmann – Oliver Breite
Herr Schröder – Ulrich Bähnk
u.a.

Regie – Florian Baxmeyer
Buch – Jochen Greve
Kamera – Marcus Kanter
Musik – Stefan Hansen

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