Fehlrechnung – Polizeiruf 110 Fall 25 / Crimetime 382 // #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Fehlrechnung #Minol #Tanke #Hübner #Arndt

Crimetime 382 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Die Schäden werden größer, die Anstrengungen zur Beseitigung ebenfalls

Mit „Fehlrechnung“ feierte der Polizeiruf sein erstes kleines Jubiläum. Das West-Pendant Tatort kam zu jenem Zeitpunkt, im Juli 1974, auf 42 Produktionen und war ein Jahr früher gestartet.

Eines verraten wir an dieser Stelle schon: Wer die damals erfoglreichen Kressin-Tatorte mag, der sollte auch an „Fehlrechnung“ einiges entdeckten, was Vergnügen bereitet. Nicht, dass man Oberleutnant Hübner mit dem Zollfahnder aus Köln vergleichen könnte, bewahre. Zu den weiblichen Ermittlern, die wir hier sehen, gab es damals im Westen keine Entsprechungen, die wären bei Kressin  ihrer körperlichen Integrität nicht sicher gewesen. Aber ein Hauch von Anrüchigkeit weht auch durch „Fehlrechnung“. Es ist der interessante Ton und ein Szenario, das einer näheren Betrachtung bedarf, was „Fehlrechnung“ zu einem besonderen Polizeiruf macht. Mehr darüber in der-> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Wenige Tage vor der Hochzeit wird Tankstellen-Schichtleiter Günter Gellner von seiner Verlobten Helga verlassen. Sie hält ihm vor, dass er sich entscheiden soll. In seiner Minol-Tankstelle kündigt er seinem Kollegen Erich Gottschalk an, dass er seine Brigade verlassen will. Andere Kollegen scheinen ihn unter Druck zu setzen und deuten an, er werde einen Ausstieg bereuen. Auf seiner Fahrt zu Helga kommt Günter mit überhöhter Geschwindigkeit von der Straße ab und verunglückt schwer. Er wird ins Krankenhaus eingeliefert.

Oberleutnant Jürgen Hübner und Leutnant Vera Arndt nehmen die Ermittlungen auf, zumal Untersuchungen an Günters Wagen ergeben, dass eine Entlüftungsschraube vorsätzlich gelockert wurde. Am dafür benutzten Maulschlüssel lassen sich Spuren eines Schweinslederhandschuhs mit Nahtriss feststellen. Tankstellenleiter Kerber wiederum sagt aus, er habe vor dem Unfall Tankwart König mit Günter an dessen Wagen gesehen. Beide hatten eine lautstarke Auseinandersetzung.

Mit Sabine Rohrberg erhält die Minol-Tankstelle eine neue Schichtleiterin. Schnell wird sie von Tankwart Friedrich Ramminger umgarnt. Er will in ihrem Namen eine Einstandsfeier in seinem kleinen Wochenendhäuschen geben. Das Häuschen entpuppt sich als luxuriöse Villa; als Gast erscheint neben Tankwart König auch Herr Hellwig, Fahrdienstleiter einer Großbaustelle. Ramminger weiht Sabine in den Hintergrund seines Reichtums ein: Einst habe ein Fahrer an ihrer Tankstelle die Zeche geprellt, woraufhin Günter den so entstandenen Fehlbetrag einfach auf andere Rechnungen umgelegt habe. Aus dieser Notsituation entwickelten die Angestellten ein florierendes Geschäft, bei dem vor allem König und Ramminger Hunderttausende Mark abzweigten. Auch Günter Gellner hatte sich so bald 20.000 Mark ergaunert, bekam jedoch ein schlechtes Gewissen, als er Helga das InterhotelHubertushof als ihr gemeinsames Flitterwochenhotel zeigte. Er beichtete ihr von den Diesel-Geschäften. Helga wiederum fand heraus, dass die Kipper ihrer eigenen Baustelle bei Kerbers Tankstelle aufgetankt wurden. Die Wagen konnten durch den weniger getankten aber voll bezahlten Kraftstoff weniger Touren als vorgesehen fahren, wodurch der gesamte Baufortschritt ins Stocken geriet. Helga wies an, die Tanktouren zu überprüfen, die über registrierte Tankkreditscheine laufen, und fuhr in den Urlaub. Zuvor trennte sie sich von Günter am Bahnhof, dem sie von der geplanten Überprüfung ihrer Kipper berichtete. Am nächsten Tag verunglückte ihr Verlobter.

Ramminger wird von den Ermittlern befragt und Hellwig gegenübergestellt, gibt jedoch vor, ihn nicht zu kennen. Hellwig hatte Ramminger auf dessen Feier ein Tankkreditscheinheft zugesteckt, als Sabine Rohrberg dazukam. Hellwig wird über die von ihm auf seiner Baustelle ausgeschriebenen Tankkreditscheine befragt, kann jedoch zu ihnen in seinen Unterlagen keine Zuordnungen zu Lastwagen finden. Ramminger glaubt, Sabine habe bei der Polizei geredet, und stellt sie in ihrer Wohnung zur Rede. Er droht ihr, als plötzlich Jürgen Hübner und Vera Arndt erscheinen. Erneut werden Ramminger und Hellwig befragt und Ramminger will Sabine als intrigante Frau hinstellen, die nur wegen einer Affäre zu Tankstellenleiter Kerber die Stelle als Schichtleiterin erhalten habe. Da niemand sie ernst nehme, wolle sie sich so an den Mitarbeitern rächen. Erst jetzt präsentieren Hübner und Arndt Sabine Rohrberg als ihre Kollegin – Leutnant Sabine Rohrberg. Hellwig gibt nun zu, die Tankkreditscheine auf Fahrzeuge ausgestellt zu haben, die bereits außer Betrieb waren. König, der befragt wird, gibt zu, auf Anweisung Rammingers geplant zu haben, Günters Wagen zu manipulieren. Er sei jedoch von Günter am Wagen überrascht worden. Die Befragung Kerbers führt die Ermittler schließlich zum Erfolg: In Kerbers Kofferraum findet sich der Handschuh, dessen Abdruck am Maulschlüssel gefunden wurde. Kerber gibt zu, Günters Wagen manipuliert zu haben. Günter war am Abend vor dem Unfall in seiner Wohnung gewesen und hatte ihm von den Unterschlagungen berichtet. Günter ahnte nicht, dass Kerber schon lange davon wusste und mit einem regelmäßigen Bestechungsgeld am Reden gehindert wurde. Günters Ankündigung, sich der Polizei zu stellen, bedrohte nicht nur Kerbers Ruf, sondern auch seinen finanziellen Nebengewinn. Als er König an Günters Wagen sah, vollendete er die Manipulation, die König nicht geschafft hatte.

Rezension

„Fehlrechnung“ weist nur die mittlerweile für die ersten Polizeiruf-Jahre als üblich identifizierte Länge von 66 Minuten auf, aber diese sind vollgepackt mit einem Plot, der gleichermaßen sinnig wie reich an Fabulierlust ist und mit Darsteller_innen, denen man den Spaß am Dreh anmerkt. Leutnant Arndt wirkt etwas lockerer als in einigen anderen Filmen dieser Zeit, aber immer noch sehr strikt, Hübner etwas schärfer und das entspricht den Figuren auf der anderen Seite, mit denen man sich gut amüsieren kann, auch wenn das ein wenig unkorrekt klingt.

Es gibt zwei erhebliche Besonderheiten in den Film: Was tut man, wenn man konventionell nicht weiterkommt? Man setzt eine Polizistin undercover ein, die das Zeug hat, dem gesamten Tankestellenkollektiv den Kopf zu verdrehen und tatsächlich erzählt ihr der Angeber unter den Tankkreditheftbetrügern ihr viel zu viel. Woher diese Frau kommt, die als Schichtleiterin quasi vom Himmel fällt, ob man da nicht etwas vorsichtiger sein müsste? Nun ja. Schwamm drüber.

Das andere Spezifikum ist, dass hier nicht eine einzelne asoziale Person versucht, das System zu überlisten oder aus ihm auszuscheren um mehr als den ihr zustehenden Anteil an dem zusammenzuraffen, was der Sozialismus erwirtschaftet, sondern dass gleich eine ganze Brigade mitmacht und große Teile einer weiteren ebenfalls, sonst würde der – sic! – große Betrug ja nicht funktionieren.

Wer aus dieser Sache Zweifel an der allseitigen Akzeptanz der Planwirtschaft herauslesen will, kann das tun, obwohl der Film sehr geschickt aufgebaut ist, damit es nicht zu offensichtlich wird.

Nicht nur das Verbrechen wird dargestellt, sondern eine Kausalkette wird gezeigt, die wir in der Form bisher in keinem Polizeiruf und auch selten in einem Tatort gesehen haben: Weil der Betrug der Tankler dazu führt, dass die Fahrer der Baustelle weniger fahren als geplant, wird der Bauschutt nicht rechtzeitig abgeräumt und der Bau kommt in Verzug. Die Dispatcherin, die mit einem Tankwart liiert war, riecht, nachdem er ihr einiges gebeichtet hat, den Braten als erste.

Die Schadenssumme dürft wohl für einige Zeit die höchste bleiben, die wir in einem Alt-Polizeiruf zu vermerken haben, denn nur eine Verschiebung, an der so viele beteiligt sind, konnte in der DDR zu einem Millionenschaden führen, nichts, was ein Einzeltäter zustande bringen könnte. Es sei denn, er raubt ein großes Museum aus. Die bisher höchsten Vermögensschäden entstanden, wenn wir das richtig im Kopf haben, denn auch durch Museumseinbrüche und lagen um 200.000 Mark. Private Millionenvermögen als Zielobjeke, würde auch einige Fragen aufwerfen.

Aber an der Minol-Tankstelle gibt es zumindest innerhalb einer Schicht niemanden, der nicht am Betrug mitarbeitet und da kann man schon mal eine Villa nebenbei bauen, wenn man die Summe so etwa durch Fünf teilt. Dass die Nachbarn nicht misstrauisch werden, wenn ein Tankwart sich ein auch nach westlichen Maßstäben recht modern wirkendes Haus hinstellt, lassen wir mal beiseite. Ohne den aus der Reihe tanzenden Genossen und Kollegen, der den Moralischen kriegt, hätte die Party noch lange weitergehen können. Und die Menschen hätten erst später in die neuen offiziellen Wohnhäuser einziehen können und die Stimmung in der Bevölkerung hätte sich mal wieder verschlechtert.

Aber da sind die cleveren Cops vor, die sich des ebenso einfachen wie witzigen Lockvogel-Mittels bedienen, um die harte Kollektivnuss final zu knacken. Was Gellner, derjenige, der ausschert, aussagt, nachdem er vernehmungsfähig ist, muss ja erst einmal bewiesen werden. Was uns immer wieder erstaunt ist, was die KT alles kann und wie man ihre Ergebnisse Eins zu Eins in praktische Überführungsarbeit umsetzen kann. Dieser Schraubenschlüssel, diese Handschuhe in jenem Kofferraum, diese Spuren von 2.) an 1.) – alles klar. In Tatorten ist meist Ende Gelände für die Spurensicherung, wenn ein Täter Handschuhe trug, selbst heute, im nun schon 30 Jahre währenden Zeitalter der DNA-Analyse, können sich Täter immer mal wieder spurenfrei machen. Aber bei nur 66 Minuten Spielzeit und einer so wendungsreichen Handlung kann man sich keinen Firlefanz und keine Unschärfen bei der Ermittlungsarbeit erlauben, das muss alles Ruckzuck gehen. Damit wird eine Präzision vermittelt, die dem Zuschauer maximales Vertrauen in die Arbeit des Staatsapparates geben soll und natürlich für Typen wie die Tankstellenarbeiter eine Warnung sein soll: Wir kriegen euch schon. Und wenn es dadurch ist, dass ihr irgendwann ein Leak habt.

Das gilt freilich für Fernsehkommissar_innen immer. Aber der Kollege Zufall kommt in Tatorten gerne zu Hilfe, wenn das Drehbuch klemmt. Außerdem ist das Geschichtsbewusstsein in der DDR größer: Seit „Die Drei von der Tankstelle“ (1930) weiß man, dass Menschen, die Benzin verkaufen, lockere Vögel sind, und bei Minol finden sich noch ein paar mehr davon ein. Es gibt keinen expliziten Hinweis darauf,  aber diese Tankstelle dürfte an einer Transitstrecke liegen, es sind einige Westautos zu bemerken. Das bedeutet auch, der Umsatz ist sehr hoch. Wenn man dem Film eine Vorwurf bei der visuellen Umsetzung machen kann, dann den, dass man das Flair der Autobahn so gar nicht eingefangen hat, der Film macht überwiegend einen recht raumengen, kammerspielartigen Eindruck.

Wenn man schon einmal aus bzw. auf einem Auto filmt, dann sieht man links auch noch ein Kabel mitlaufen und dreimal klingelt der Postmann. Dem Gellner passieren zwei Fast-Unfälle, bevor er dann wirklich abhebt und sich im Feld überschlägt. Die Kamera allerdings ist recht beweglich. Das fällt ohnehin auf: Dass sie mit den Figuren mitgeht, kommt in frühen Polizeirufen häufiger vor als in Tatorten jener Zeit, in denen es kaum Steadycam-Szenen gibt. In einem Tatort wäre z. B. die Bahnhofszene vermutlich vom Bahnsteig aus gefilmt worden, hier werden einige Sekunden aus dem fahrenden Zug heraus gezeigt, aus der Perspektive des Abreisenden – und man merkt, dass einige Statist_innen es lustig finden, den Lieben so viel nachzuwinken. Eigentliche eine wunderschöne Geste, die man, wie andere schöne Gesten, heute kaum noch sieht. Der Film weist aber nicht nur hinsichtlich der unseligen Minol-Brigade  ein paar Pointen und Stilisierungen auf.

Wir müssen nochmal auf die Westautos zurückkommen. Niemand fährt in der DDR einen Mercedes. Der Volksfeind ist eher der Volkswagen, der es hin und wieder über die Grenze schafft, also nübermacht. Wir sehen also den Fahrdienstleiter Hellwig, verkörpert vom wunderbaren Herbert Köfer, aus einem roten VW 1500 aussteigen und wissen schon, dass er in einer krummen Sache drinhängen muss. Ungelogen, in den frühen Polizeirufen gab es keinen Nutzer eines westdeutschen Fabrikats, der keinen Dreck am Stecken hatte. Jüngst hatten wir sogar einen Film gesehen, da schaute nur ab und zu ein Teil des Hecks eines VW Käfers ins Bild und wir wussten gleich, wo dieses Auto geparkt ist, müssen zweifelhafte Subjekte zugange sein. Okay, in dem Fall gab es keinen Zusammenhang, in der Pointierung liegt aber die Veranschaulichung. Bei der ersten Abweichung von diesem Schema werden wir ebenjene Abweichung gebührend hervorheben. Dass das Auto des dezenten Herrn dann noch leuchtend orangerot lackiert ist – sehr schalkhaft und auch interessant, aber der  gut ins Stil-Panorama gängiger DDR-Fahrzeuge passende VW T3 wurde ja bis 1973 gebaut und war auch in einer solchen Farbe erhältlich.

Finale

Noch eine Ausnahme. Wir können uns nicht erinnern, dass ein ABV, ein Abschnittsbevollmächtigter, damals etwas wie die polizeiliche Grundeinheit, ins Spiel kommt. Das sieht man auch sehr selten. Aber dafür gibt es ja die kecke Frau Rohrberg, die Mata Hari der Minolöl-Ausgabestelle.

„Fehlrechnung“ ist nicht frei von Fehlern und Schwächen, aber sehr unterhaltsam und auf eine so brave Weise erklärt er, was passieren kann, wenn einige Rädchen im System anfangen, ihr eigenes Ding ins Rollen zu bringen, dass man rätselt, ob da nicht doch einiges an Ironie drinsteckt. Falls es je wieder einen Sozialismus gibt, dann muss er unbedingt berücksichtigen, dass man Menschen  – nun ja, man wird sehen, was die künstlichen Intelligenzen uns dann an individuellem Verhalten noch zubilligen. Vermutlich werden sie kein allzu großes Risiko eingehen.

Vermutlich wird es auch wieder keine endgültige Lösung für den Hauptwiderspruch und alle Nebenwidersprüche geben, aber das ist dann nicht mehr unser Bier. Wer keine Moral und demnach auch keine falsche Moral hat, der wird auch keine Einnahmen für Kraftstoffe abzuzweigen. Weil es keine Kraftstoffe im heutigen Sinn mehr geben wird. In ein paar Jahren wird „Fehlrechnung“ also auch ein technikhistorischer Film sein. Man riecht geradezu, wie ungesund die Arbeit an dieser Tankstelle gewesen sein muss, wenn sie reihenweise die – sic! – von wackeren Pompiers beschädigt hat. Ach nein, Pompiste ist der richtige Ausdruck. Alles Pumpe, wa?

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Kurt Jung-Alsen
Drehbuch Kurt Jung-Alsen
Rudolf Böhm
Produktion Hans-Jörg Gläser
Musik Helmut Nier
Kamera Rolf Sohre
Schnitt Renate Földesi
Besetzung

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