„Wir müssen verstehen, dass das kapitalistische System allen schadet.“ – Interview mit Judith Oeltze vom Gärtnerhof Wanderup / #Produzent #Konsument #Gärtnerhof #Solidarität #Ökologie #Transformation #Wanderup #Kollektiv #Lebensmittel #Kleinbauern

In vielen Beiträgen haben wir uns zuletzt kritisch mit dem Ist beschäftigt. Wir haben viel geschimpft über den Kapitalismus und dass er uns irgendwie alle nicht (mehr) zufriedenstellt, wie sehr wir die Demokratie in Gefahr sehen etc. Es ist höchste Zeit, endlich ein Beispiel für solidarisches Wirtschaften zu besprechen. „Wir müssen verstehen, dass das kapitalistische System allen schadet.“ – Interview mit Judith Oeltze vom Gärtnerhof Wanderup heißt der Artikel in „Transitioneer“.

Auch wenn der Titel eher auf traditionelle Systemkritik hindeutet – hier geht es um einen konkretes Gegenmodell, das tatsächlich umgesetzt wird. Ist der Gärtnerhof mit seinen genossenschaftlich organisierten „Prosument*innen“ die ländliche Entsprechung zu dem, was wir in der Stadt wollen – im Sinn von Rückkehr zum Gemeinwohl?

Es ist eine ganze Ecke weiter. So kleinteilig kann man das in der Stadt nicht angehen, es sei denn, man setzt selbstverwaltete Häuser damit gleich. Das kann man tun, wenn man Solidarität als Modell innerhalb einer räumlich durch ein Gebäude abgegrenzten Einheit ansieht. Aber sie beziehen meines Wissens nicht Außenstehende ein, die davon im konsumtiven Sinn etwas haben, weil sie nichts für andere produzieren. Außer ein wenig Ideologie, das sehen wir durchaus als Beitrag an. Davon wird man aber nicht satt und auch der emotionale Nährwert ist eher gering, wenn man nicht dazugehört.

Die Stadt tickt anders, weil sie sie nicht selbst versorgen kann. Aber selbstverständlich könnten wir Städter*innen Mitglieder einer solchen Kooperative werden, wie sie im Beitrag beschrieben wird.

Sehr interessant, wie das Modell funktioniert: Der Beitrag der Genoss*innen ist immer gleich, egal, wie viel sie geliefert bekommen. Solange keine Schlaubis dabei sind, die den Ertrag gerne steigern würden und auch bestimmt wissen, wie das geht oder welche, die bei Ernteausfällen nervös werden, weil sie plötzlich viel Geld zusätzlich ausgeben müssen, um konventionell einzukaufen, ist alles entspannt. Ich halte dieses mengenunabhängige Modell für nicht ganz einfach. Es sichert den Hof natürlich ab, es ist ein Abo, aber normalerweise ist ein Abo an eine feststehende Leistung gebunden. Hier jedoch: Ein Abo mit Risikozulage. Das erfordert sehr viel Vertrauen in andere Menschen und ihre Fähigkeiten und sogar in eine im Ganzen und überwiegend wohlgesonnene Natur.

Prinzipiell ist der Weg richtig, der ganze ökologische Part stimmt für meine Begriffe und weist in die Zukunft.

Aber kaufmännisch könnte es Probleme geben?

Zum Beispiel gibt es das angesprochene Problem, dass noch zu wenige „Gutverdiener“ in der Kooperative sind. Es ist immer das Gleiche, solange keine Privilegierten mitmachen, steht wirtschaftlich alles kippelig, wenn es sich selbst tragen soll. In der Stadt ist das ähnlich, wie wir gerade wieder an Kombimodellen sehen, wo Mieter*innen viele Ressourcen haben müssen, um Häuser von Investoren zu „befreien“, wenn es nicht der Staat für sie tut.

Es muss unbedingt so laufen: Selbstermächtigung geht nur mit viel selber machen. Solidarität ist nicht, andere für sich arbeiten zu lassen. Das zeigt auch das besprochene Gärtnerhof-Modell, denn die Mitglieder der Kooperative sind auch bereit, sich mit Ernteeinsätzen etc. einzubringen. Das hat allerdings etwas sehr Archaisches und geht in Richtung Subsistenzwirtschaft, wie sie in der Finanzkrise auch in Südeuropa stark zugenommen hat. Das war eine Krisenerscheinung.

Ein wirklich kooperatives System müsste zudem das gemeinsame Eigentum der Mitglieder der Kooperative am Land umfassen – und so weit wollen die Betreiber des Hofes in Wanderup wohl nicht gehen. Das Dilemma gemeinsames Risiko, aber kein gemeinsames Eigentum ist nicht trivial. Es ist eine Kernfrage solidarischen und gemeinwohlorientierten Wirtschaftens. Ob man dieses Miteigentum durch einen Vorkauf der Früchte, die aus den Produktionsmitteln erwachsen, substituieren kann, ist durchaus eine interessante Frage. Ich meine, da gibt Unterschiede.

Ist die internationale Arbeitsteilung heutiger Prägung nicht sowieso imperialistisch und damit asymmetrisch und lässt der Klimawandel sie noch zu?

Das stimmt alles. „Ein gutes Leben“, von dem die Menschen vom Gärtnerhof träumen, ist ein anstrengendes Leben. Es erfordert, vom Konsumierenden zum Mitwirkenden zu werden. Wir werden dafür viele Eigenschaften reaktivieren müssen, die uns konsequent wegerzogen wurden: Auf andere schauen, alle mitnehmen, nicht in den Ruhezustand gehen, wenn wir ein persönliches Ziel erreicht haben, sondern andere teilhaben lassen und helfen, wenn es schwierig wird. Davon sind wir in der Stadt zum Beispiel noch sehr weit entfernt, das sehe ich auch deutlich, wenn ich mich in der Mieter*innenszene umschaue. Das gibt es auch viele ärgerliche Verhaltensweisen. Weil das Land die Wurzel von allem ist, sogar die Wurzel der Graswurzelbewegungen, kann man hier solidarische Modelle leichter umsetzen, die den Vorteil einer gewissen Übersichtlichkeit haben. Und das Land liegt nah.

Also Verzicht auf das teure Herumtransportieren von Waren von überall nach überall?

Die angesprochene internationale Arbeitsteilung heutiger Prägung wird zwangsläufig zurückgehen, wenn solidarisch und nachhaltig gewirtschaftet wird.

Aber ist das ein Nachteil oder gar ein Beleg für mangelnde Weltoffenheit?

Im Gegenteil, es ist die Anerkennung der Tatsache, dass jeder Mensch in seinem eigenen Recht steht und nicht von anderen ausgebeutet werden darf. So gesehen, gibt es auch keine Entwicklungsländer. Keine Länder, sie sich zu dieser hybriden Wirtschaftsweise hin entwickeln müssen, wie wir sie in Europa erfunden haben und seitdem weltweit erfolgreich, aber ökologisch auf eine fundamental bedenkliche Weise verkaufen. Und wir verkaufen sie nicht nur, wir setzen sie auch mit viel politischem Druck durch. Wenn es von der herrschenden Klasse für sinnvoll erachtet wird, auch mit Waffengewalt. Solidarische Wirtschaftsmodelle benötigen solche katastrophalen Methoden nicht.

Konsumverzicht ist aber Teil des Programms, anders geht es nicht.

Es gibt ein qualitatives Wachstum durch hochwertige, langlebige Industrieprodukte, deren Herstellung ressourcenschonender ist als die Unmengen von Tand, die mittlerweile in die Welt geschleudert werden, es wird aber auch zu Rücktritten kommen: Zum Rücktritt vom Auto für jeden Einzelnen beispielsweise. Das ist auf dem Land schwieriger, aber es gibt viele Verbesserungsmöglichkeiten gegenüber dem jetzigen Zustand.

Eine harte Einsicht steht aber auch den meisten noch bevor, die sich für die Öko-Avantgarde halten und denken, sie sind fein raus, weil sie in der Stadt wohnen und Fahrrad fahren: Alles, was wir elektronisch tun, verbraucht Ressourcen. Auch das Schreiben dieses Artikels ist nicht CO²-neutral. Es ist nicht so schlimm wie ein Urlaubsflug in die Karibik, aber summarisch, wenn man das jeden Tag tut, geht dabei viel Energie drauf und die wird nun einmal bisher nicht ohne Emissionen hergestellt. Der Rohstoffverbrauch für die Geräteproduktion ist das andere Thema. Es ist mit ihnen wie mit den Lebensmitteln: Die Kosten dafür, wenn sie hochwertig und einigermaßen umweltschonend sein sollen, würden das Doppelte dessen betragen, was derzeit gängig ist. Es gibt keinen Klimaschutz aus der Portokasse, lautet der Titel eines Beitrags, den wir kürzlich hier besprochen haben.

Aber der solidarische Gärtnerhof ist ein Modul für eine künftige Wirtschaftsweise.

Sonst würden wir es hier nicht als „raus aus der Kritik, rein in die Umsetzung“ besprechen. Es ist mutig und hat viel Charme, es erfordert von allen Beteiligten aber auch eine sehr stabile Konstitution in jeder Hinsicht.

Vielleicht kriegen wir alle eine solche Konstitution, wenn wir anfangen, tatsächlich solidarisch zu denken und zu handeln. Da hat man ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Nicht diese Großkotzigkeit, die einige, auch aus der Zivilgesellschaft, bei uns an den Tag legen, sondern ein Wissen um das, was man kann, wenn man befreit ist vom Joch, Ausbeutungsobjekt des Kapitalismus zu sein. Das setzt ungeahnte Kräfte frei. Selbstständige, die sich nicht als Systemopfer sehen, belegen das übrigens jeden Tag, auch wenn ihre Idee nicht Solidarität ist, sondern Eigennutz. Aber sie fühlen sich freier als Lohnabhängige und nehmen dafür gerne ein höheres Risiko in Kauf.

Eigentlich handelt es sich um ein Startup wie andere auch?

In vieler Hinsicht. Aber es ist ein Pionier-Startup, wie man sie in der Ökonomie 4.0 kaum findet. Es wird auch endlich mal etwas hergestellt und nicht nur Geld damit gemacht, wie man die Distributionswege noch asymmetrischer und ausbeuterischer gestalten kann – was dann auch noch von der Wirtshaftsförderung unterstützt wird. Und wenn es sich dann selbst trägt, sind die Gewinne natürlich privat.

Der Gärtnerhof widerspricht dem EU-Subventionssystem.

Alles, was nachhaltig ist, widerspricht dem, was die EU macht. Wenn man das begriffen hat, wird man endlich Abstand von der sehr durchsichtigen Erzählung gewinnen können, eine weltoffene, zugewandte Sichtweise anderen gegenüber sei mit einer affirmativen Haltung gegenüber der neoliberal ausgerichteten EU gleichzusetzen. Und vor allem kommt man dann nicht in das Dilemma, dass pro-europäisch oft gegen andere Teile der Welt gerichtet ist. Und das ist so, weil die EU alles andere als eine solidarische Politik gegenüber ärmeren Regionen macht, sondern nach wie vor kolonialistisch denkt.

Auch mit dem Agrarsubventionssystem?

Teile der Agrarsubventionen dienen dazu, Länder außerhalb der EU als Märkte zu erschließen und deren eigene, regionale und kleinbäuerliche Strukturen zu zerstören – parallel zur und korrespondierend mit der Förderung industrieller Agrarstrukturen innerhalb der EU zulasten kleinerer, ökologischer ausgerichteter Höfe. Siehe oben, internationale Arbeitsteilung: Wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, hat auch von der EU-Agrarpolitik nicht viel (innerhalb Europas) oder gar nichts oder wird noch zusätzlich seiner traditionellen Lebensgrundlagen beraubt (außerhalb).

Dann ist doch die EU-Subventionsfreiheit des Gärtnerhofs Wanderup einer seiner größten Vorzüge.

Das nenne ich eine Ideologie, über die man wirklich diskutieren kann. Solidarität muss für mich aber den Charakter von Freiwilligkeit haben. Es gibt auch einen anderen Faktor, um den wir nicht herumkommen werden, wenn es um die Rettung der Erde geht, nämlich Verbote, die ausgesprochen werden, weil viele Menschen viele wichtige Dinge nicht von selbst einsehen – aber das läuft auf einer anderen Ebene. Ein solidarisches Wirtschaften hat auch die Aufgabe, die Alternative als erstrebenswert zu zeigen. Wer weiß, wie viel dann doch auf freiwilliger Basis geht.

Das Kleinteilige der hier besprochenen Wirtschaftsweise ist ebenfalls ganz wichtig. Die Tendenz zum immer Größeren oder Gigantischen, auch bei den wirtschaftlichen, staatlichen und überstaatlichen Organisationseinheiten, ist falsch, weil dadurch lediglich eine ungesunde Machtballung entsteht, aber kein einziges besseres Produkt – und friedlicher wird die Politik dadurch auch nicht. Ein solcher Hof hingegen ist nicht eine Wiederbelebung der Steinzeit, nur, weil ein einziges Feld nicht bis zum Horizont reicht. Das technische, biologische und soziale Wissen unserer Zeit geht nicht verloren, sondern kann in ein Wirtschafts- und Lebensmodell einfließen, das darauf ausgerichtet ist, das Große im Kleinen wertzuschätzen und angemessene Effizienz bei großer Vielfalt gewährleisten.

Was haben wir noch gelernt? Dass Transformation studiert werden kann. Schade, dass man davon in der Wirtschaftsrealität noch so wenig sieht.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

EBA 47

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams und vor allem jenseits unserer aktuellen Zentralthemen lesen, über die wir selbst schreiben – das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

Wir empfehlen. in der Regel kommentieren wir die Empfehlungen kurz oder versuchen, die darin geäußerten Gedanken weiterzuführen. Unsere bisherigen Empfehlungsbeiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“. Ab dem 42. Empfehlungsbeitrag haben wir eine erste Gliederung vorgenommen und stellen die Artikel „Dossier USA“ besonders heraus, eine weitere Aufteilung erfolgt ab EBA 45 mit dem Thema Kinder, Bildung, Erziehung.

Dossier Kinder, Bildung, Erziehung

Dossier USA

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