Miriam – Tatort 146 / Crimetime 383 / #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #Miriam #Tatort146

Crimetime 383 - Titelfoto © WDR

Schimanski hat einen lausigen Lauf

Es kommt dieses Mal nämlich nicht zu einer Affäre. Vielleicht hatte sich die junge Sunnyi Melles das auserbeten. Wer dem Horst erliegt, der hat kaum noch eine geheimnisvolle Aura. Und das wäre doch schade gewesen, denn sie stand damals am Beginn ihre Karriere. Thanner und Schimanski hingegen sind mittendrin. Sogar in einer WG-Beziehung. Teilweise ist das urkomisch. Was es sonst noch zu „Miriam“ zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Schimanski untersucht den Mord an Daddel Virks, einem kleinen Schnüffler, Gehilfe des Privatdetektivs Scholl, der einst ein Kollege von Thanner und Schimanski war. Wer hat Virks auf dem Gewissen? Die Leute, bei denen er Wettschulden hatte, der undurchsichtige Versicherer Klett mit seinen merkwürdigen Geschäften: Rückkauf von gestohlenem Gut, unter der Hand, unter Umgehung der Polizei, oder der Großindustrielle Schultheiß, oder dessen Tochter Miriam, die Scholl offensichtlich den Auftrag gegeben hat, gegen ihren Vater zu ermitteln? Und warum ist Scholl verschwunden, und wer bedroht Miriam Schultheiß?

Rezension

Damals wäre vieles noch zu verhindern gewesen. 1983. Wenn man die moralischen Zustände bei den Reichen, wie sie in „Miriam“ gezeigt werden, ernst genommen hätte. Aber kann man etwas ernst nehmen, das so übertrieben gezeigt wird? Mann lässt Haushälterin umbringen, um Ehefrau, die ihrerseits Liebhaber umgebracht hat, unter falschem Namen nach Köln zu schicken. Klar, nie ist was leicht. Sind Handlungen zu standardisiert, sind sie langweilig. Sind sie dermaßen konstruiert und unglaubwürdig wie hier, ist es auch nicht recht.

Außerdem hat dieser Film einen Hauch von French Connection. Ständig sitzen Cops in Autos und beobachten Typen in Autos und fahren auch mal hinterher und irgendwann kommt es sogar zu einem Schusswechsel. Haben wir schon erwähnt, dass wir es nicht geschafft haben, „French Connection“ in mindestens drei Versuchen zu Ende zu gucken, weil wir jedesmal eingeschlafen sind? So schlimm ist es mit Schimmi und Thanner und Miriam Schultheiß nicht, weil die Duisburg-Cops immer wieder für witzige Stellen sorgen. Durch deren Auffassung und Aufgabenbewältigung kommt niemand auf die Idee, Kriminalpolizist wäre Rocket Science und das hat ja auch etwas Beruhigendes. Und es geht nichts über Männerfreundschaften, die im Zusammenwohnen münden.

Mit einem Durchschnitt von 6,31 Punkten (Stand 11.07.2019) ist „Miriam“ gemäß Urteil der bewertenden Tatortfundus-Nutzer ein Film, der etwas unter dem Schimanski-Durchschnitt liegt (Rang 18 von 29) und mit Rang 611 von derzeit 1112 Filmen auch unterhalb des Gesamtdurchschnitts aller bisher gezeigten Tatorte. Vielfach kritisierte wird die „langweilige und wirre“ Handlung und weil wir das auch so sehen, zitieren wir es. Leider ist es ein Kennzeichen vieler Schimanski-Tatorte, dass man sich zu sehr auf das geniale Duo verlässt. Sie vermitteln andererseits ein Gefühl von Lebendigkeit, das für uns vor allem durch Thanner erzeugt wird, dessen Darsteller Eberhard Feik aus einem Polizisten einen echten Gemütsmenschen macht. Götz George hat sich gewiss viel darauf zugute gehalten, dass er Schimanski als echte Type rüberbringt und nicht theaterhaft spielt, aber diese unendlich häufigen abgebrochene Sätze, kurzen Laute, die improvisiert wirken, können in filmischer Verdichtung auch nerven, weil sie dann nicht mehr pointiert, sondern maniriert wirken. Ganz sicher hat sich gegenüber den Tatort-Anfängen ein lockereres Spiel durchgesetzt, das den Darstellenden, besonders den Ermittler*innen, mehr Raum gibt, aber Schimanski war seiner Zeit nicht nur voraus, sondern bleibt bis heute ein Sonderfall.

Wir machen mit ein paar Infos weiter, die wir auf einfachst denkbar Weise recherchiert haben:

  • Der Schultheiß-Darsteller Paul-Albert Krumm spielte im ersten Tatort: Taxi nach Leipzig den ersten Hauptverdächtigen der Fernsehreihe.
  • In diesem Tatort wurde der damals neue Ford Sierra suggestiv beworben: Er taucht auf einem Werbeplakat auf, und in späteren Szenen fährt Schimanski ihn selbst, um Miriam zu beschatten. Ein anderes Element ist Werbung der Biermarke König Pilsener, die aber bereits in den Vorgängern oft zu sehen ist.
  • Nach dem Erfolg von White Eagle für den Tatort Das Mädchen auf der Treppe lieferte Tangerine Dream den Instrumental-Song Daydream für diese Tatort-Folge. (Wikipedia)

Stimmt, neben einer Zigaretten-Werbetafel (!) gab es auch eine für König-Pilsner, die Heraushebung des Ford Sierra als eines Produkts, das im Sendegebiet des zuständigen WDR entstand, ist sehr auffällig – allerdings dürfte der Wagen heute auch bei Regen keinerlei Spuren zeigen, wie man daran sieht, dass die Autohersteller ihre Wagen heute nur noch unter der Bedingung zur Verfügung stellen, dass sie wie gerade ausgeliefert aussehen. Auch der damals noch aktuelle Ford Granada wird übrigens intensiv eingesetzt, aber, ebenso wie der neue Sierra, nicht so werbewirksam ins Bild gerückt wie die heutigen Produkte deutscher und manchmal auch anderer Hersteller, deren Logos dann aber manchmal abgeklebt werden, ohne dass irgendjemand Zweifel daran hat, von wem das Produkt kommt. Brave new World. Witzigerweise wird das nach Sender unterschiedlich gehandhabt.

Aber der Filmstil ist ja auch wesentlich ausgefeilter, böswillig könnte man sagen, eklektizistischer geworden. Die Farbgebung, das Grobkörnige, die überwiegend dunklen Umgebung – natürlich bei „Miriam“ auch den vielen Nachtaufnahmen geschuldet – die unprätentiöse Kameraführung, die sich höchstens einen sanften Horizontalschwenk im Büro der beiden Ermittler erlaubt – die Sehgewohnheiten waren damals andere. Oder man manipulierte die Zuschauer*innen nicht so mit visueller Pracht wie heute. Bei den Schimanski-Tatorten fällt die leicht dreckige Wirkung der Bilder besonders auf, aber das passt natürlich auch zum Ruhrgebiet und zu ihm selbst, seiner Ausdrucksweise und seiner Art, Ermittlungen zu führen. Sofern wir nichts verpasst haben: Er hat in Miriam aber nicht ein einziges Mal „Scheiße gesagt. Fast schon enttäuschend.

Finale

„Miriam“ lebt von der faszinierenden Sunnyi Melles als Titelfigur, die auch sich auch deswegen wohltuend von anderen Frauencharakteren in Schimanski-Filmen abhebt, weil sie ihm widerstehen kann, es nicht einmal zu einer Berührung kommt. Vielleicht war das 1983 für die Fans des Ruhrpott-Cops enttäuschend, aber auch damals polarisierte er und warum sollte das heute anders sein, wo sich insbesondere das Frauenbild gewandelt hat oder gewandelt haben sollte. So gesehen, ist „Miriam“ moderner als viele andere Filme der Duisburg-Schiene, wo der Typ, der in den 1980ern die 1970er spiegelte, ganz schön zwischen Chauvi und rührselig schwankt, anstatt eine konsequente Rebellenfigur im Polizeidienst zu sein. Der viel konservativere Thanner ist anderen gegenüber viel respektvoller und in mancher Hinsicht zeitloser als sein Kollege.

Handlungsseitig ist „Miriam“ alles andere als überzeugend – weder wird der Hintergrund von Miriams Familie gut und stimmig ausgeleuchtet, sondern wirkt verknappt und klischeehaft, weil Schimmi und Thanner so viel Zeit fürs Sitzen in Autos verbrauchen. Entlarvend ist das allerdings auch: Es ist wurscht, ob man sich in einem Ford oder einem Opel langweilt. Dagegen hilft nur, mal den festlich gedeckten Tisch zu kippen, damit Schimanskis Wohnung wieder aussieht wie vor Thanners Einzug.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Immer diese Lücken

Wir können uns ziemlich gut daran erinnern. Szenen, in denen Schimanski und Thanner miteinander in einer Wohnung herummurksen, die einem von beiden gehört. Der Besitzer ist Schimanski. Aber im Archiv gibt es keine Rezension zu „Miriam“. Hatten wir den Film aufgezeichnet, versucht anzuschauen und abgebrochen, überspielt oder ist er noch auf einem von den alten Datenträgern unterschiedlicher Art, die zu sichten wir keine Zeit haben, weil der aktuelle Media Receiver auch immer voll ist? Wir können uns also an eine Szene erinnern, die zu diesem Film bzw. dem, was in den Handlungsbeschreibungen zu diesem Film steht, wie er anfängt, perfekt passt, aber z. B. nicht an einen Schimanski-Tatort mit Sunnyi Melles. Wir nehmen also an, es handelt sich insgesamt doch für uns um eine Premiere und werden morgen aufzeichnen. In den Tagen darauf werden wir eine Rezension schreiben und diese wird alsbald hier erscheinen und Sie, liebe Leser*innen werden, wenn Sie diese Kritik gelesen haben, Bescheid wissen über „Miriam“. Machen wir das so und jetzt hier kein langes Federlesens?

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Schimanski – Götz George
Hauptkommissar Thanner – Eberhard Feik
Miriam – Sunnyl Melles
Dr. Born – Christoph Hofrichter
Schultheiß – Paul-Albert Krumm
Frau Jakobs – Ruth Niehaus
Scholl – Will Danin
Klett – Pit Krüger
Hänschen – Chiem van Houweninge

Drehbuch – Thomas Wittenburg, Horst Vocks, Peter Adam
Regie – Peter Adam
Kamera – Axel Block
Musik – Tangerine Dream

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s